Bolivien: 1. Rundbrief von Jonas Brenner

4. November 2008 von jonas.brenner

Liebe Freunde, Unterstützer und sonstige Interessierte,

die letzten Wochen in Deutschland waren dank euch allen noch einmal schön und intensiv, vielen Dank, dass ihr so zahlreich auf meinen Abschiedsfeiern erschienen seid und mich so gut mit Glücksbringern, guten Wünschen und Andenken an die Heimat ausgestattet habt.
Nach monatelanger Vorbereitung und ebenso langer Vorfreude auf dieses Jahr brachten mich meine Eltern und mein Bruder Lukas gemeinsam zum Frankfurter Flughafen. Um 22:40 Uhr konnte ich mit 10 anderen Freiwilligen, trotz Luftthansastreik – am Vorabend ist unser Flug ausgefallen – pünktlich den Flieger besteigen und in mein Freiwilligenjahr starten.
Um meinen Rundbrief etwas lesefreundlicher zu gestalten, habe ich ihn in verschiedene Unterpunkte unterteilt. So könnt ihr schauen was euch interessiert und den Rest einfach übergehen. Ich wünsche euch viel Spaß beim lesen!

Ankunft in Santa Cruz
Nach über 24 Stunden Reisezeit kamen wir gegen 19 Uhr Ortszeit in Santa Cruz an und hatten für bolivianische Verhältnisse unser Gepäck sehr schnell wieder (im Vorjahr durften manche bis zu 3 Wochen warten). Auch die Passkontrolle sollte kein Problem werden und wurde nach wenigen Minuten erfolgreich passiert. Da es schon spät war und unser Flug eine Stunde Verspätung hatte hoffte ich darauf, dass wir von irgendwem abgeholt werden, vielleicht ein Fahrer, der ein kleines Sofia-Schild hochhält. Ich hatte keine große Lust meinen Rucksack noch viel länger zu tragen und unser Hotel auf eigene Faust zu suchen, zumal keiner von uns wusste wo es ist.
Als wir im Ankunftsbereich des Flughafens ankommen bin ich überrascht und überwältigt: mindestens 30 Bolivianer bereiten uns mit Fahnen, Plakaten und Spruchbändern einen grandiosen Empfang. Nach einer ausgiebigen Begrüßung werden wir in unser Hotel gebracht, essen und schlafen. Am nächsten Abend (meinem vorerst letzten in Santa Cruz) wurde in einem Gottesdienst eine Begegnungsreise verabschiedet und wir gleichzeitig durch den einzigen Kardinal Boliviens begrüßt. Bei der anschließenden Fiesta bekamen wir neben gutem Essen auch noch viel Tanz und Musik geboten. Wir dürfen uns glücklich schätzen, der erste Sofia-Jahrgang zu sein, der so herzlich empfangen wurde.

La Paz – die Stadt
Die Stadt La Paz liegt in einem wunderschönen Talkessel, umgeben von 6000er Bergen, auf einer Höhe von 3200-3800 Metern über n.N. Schätzungsweise leben 900.000 Menschen in La Paz, dies ist schwer genau zu sagen, da La Paz fast übergangslos in das ca. 4000 Meter hohe El Alto übergeht. El Alto, erst seit ungefähr 20 Jahren eine eigene Stadt, zählt mittlerweile 1,2 Millionen Einwohner. Demnach wohnen mit ungefähr 2 Millionen Einwohnern fast ein Viertel aller Bolivianer in La Paz und Umgebung. Da es in La Paz entweder bergauf oder bergab geht, hat man die meiste Zeit einen schönen Ausblick auf das im Tal gelegene Zentrum. Je höher man sich befindet, desto imposanter. Logischerweise bietet die Abfahrt von El Alto, wenn man langsam über den Talkessel schaut, den schönsten und grandiosesten Ausblick. Anders als in anderen Großstädten, wo reiche Leute sich in schönen Hügeln in der Umgebung ansiedeln, wohnen die Reichen in La Paz im Zentrum. Je höher man gelangt, desto ärmlicher werden die Lebensverhältnisse, oft sogar ohne Wasser- und Stromanschluss. La Paz ist im Zentrum von einer großen Verkehrsachse durchzogen, um die sich größtenteils das Leben abspielt. Hier finden sich zahlreiche Plätze, Kirchen, Märkte und Bars. Das touristische Zentrum befindet sich mit vielen Geschäften und Ständen rund um die Iglesia San Francisco. In der Nähe befindet sich ebenfalls die beliebte Plaza Murillo, wo sich die Kathedrale, das Parlament und der Regierungspalast von Evo Morales befindet. Auch wenn La Paz nicht die Hauptstadt Boliviens ist, gilt La Paz als höchster Regierungssitz der Welt.
Ganz charakteristisch für La Paz sind auch die unzähligen, total überfüllten Mini- und Microbusse und ihre “Vocatores”. Bushaltestellen gibt es hier keine, was Busfahren um einiges spannender als in Deutschland macht, meiner Meinung auch wesentlich angenehmer, da die Bushaltestellen da sind, wo man sie haben möchte. Das ist in La Paz sehr praktisch, da auf dieser Höhe jede unnötige Anstrengung vermeiden möchte.

Klima – Akklimatisierung
Als ich am Flughafen in El Alto ankam, hatte ich die ersten 10 Minuten meine Probleme. Die Luft ist extrem dünn. Ein viel geringerer Sauerstoffanteil macht das Atmen schwer, mein Herz schlägt schnell. Meinen Rucksack anzuziehen bereitet mir große Mühe, jeder Schritt ist einer zu viel… Gott sei Dank hat sich bei mir dieses Erschlagenheitsgefühl nach kurzer Zeit eingestellt und ich konnte mich einigermaßen bewegen, war aber dennoch froh, als ich im Taxi Richtung La Paz saß. Andere hatten weniger Glück und hatten mit Kopfweh und Übelkeit zu kämpfen. Dies sind Anzeichen der Höhenkrankheit, denen jedoch mit Kokatee und viel Schlaf entgegengewirkt werden kann. Gerade am Anfang ist es wichtig, nicht viel zu laufen, sich nicht zu überanstrengen, sondern viel mit Taxi oder Bus zu fahren. Auch jetzt noch, nach nunmehr einem Monat, habe ich, wenn ich einen steilen Berg zu schnell hoch gehe, zum Teil heftige Atembeschwerden. Mir macht vor allem die dünne und daher trockene Luft zu schaffen. Meine Nase ist ständig ausgetrocknet, beim Naseputzen blutet sie des öfteren leicht. Dies ist für mich vor allem nachts ein Problem: die ersten 2 Wochen habe ich nicht durchgeschlafen, da ich nachts viel trinken musste. Bis auf diese kleine Unannehmlichkeit, eine kurze Erkältung und eine Nacht auf dem Klo (die ich selber verschuldet habe, da ich unbedingt einen riesigen Fruchtsalat auf der Straße essen musste) habe ich den Monat hier physisch sehr gut überstanden. Ich hatte weder Probleme mit der Höhe noch ernsthafte Magenprobleme. Wirklich gewöhnungsbedürftig ist das Wetter in La Paz. Tagsüber, sobald die Sonne scheint, ist es Tshirt-warm und man kommt vor allem bergauf schnell ins Schwitzen. Ist man aber im Schatten, die Sonne von Wolken verdeckt, oder wird es abends dunkel, sollte man sich schleunigst Pulli und Winterjacke überziehen, da es dann nur noch wenige Grad über Null hat. Diese extrem hohen Temperaturunterschiede nötigen einen schon morgens dazu, nachzudenken was man tagsüber für Klamotten braucht.

Gastfamilie
Das Haus meiner Gastfamilie befindet sich im Stadtteil Sopocachi, sehr nah am Zentrum. Zu Fuß brauche ich in die Innenstadt maximal 10 Minuten, zurück jedoch 20, da ich steil bergauf gehen muss. Die Lage ist optimal, ich kann jederzeit alles zu Fuß erreichen, ohne auf Busse oder Taxis angewiesen zu sein, was spät nachts nicht sehr einfach ist.
Meine Gastfamilie besteht aus vier “ständigen” Mitgliedern bei denen ich auch wohne und zahlreichen weiteren Mitgliedern, die oft zum Essen kommen.
Ich wohne zusammen mit der 63 jährigen Ester, der 19 jährigen Raquel, der 15 jährigen Marianna und der fast 2 jährigen Sofia. Ester ist die Oma von Raquel und Marianna (Ester hat 4 Kinder und insgesamt 17 Enkel) und die Uroma von Sofia, die Raquels Tochter ist. Ester ist sehr liebenswürdig, wie eine eigene Oma, ständig gut gelaunt und am lächeln und sie schafft es einfach, mir jeden Wunsch von den Lippen abzulesen. Sei es ob ich Hunger, Durst oder ein anderes Anliegen habe. Ich werde gefragt, bevor ich die Möglichkeit habe, mir selber etwas zu nehmen. Mit Raquel und Marianna, die auch sehr nett sind, habe ich eher weniger zu tun, da sie noch zur Schule/Uni gehen und nachmittags meistens arbeiten.
Ich habe hier alle Freiheiten, bekomme immer gutes Essen und bin Dank einem eigenen Haustürschlüssel, was nur wenige von uns haben, völlig unabhängig. Auch wenn ich spät Nachts heimkomme werde ich, sofern noch jemand wach ist, mit einem freundlichen “Buenas noches” begrüßt. Jeden Sonntag gibt es bei uns im Haus ein gemeinsames Essen, bei dem dann viele andere Familienmitglieder kommen. Meistens sind wir dann 10-25 Personen. Es gefällt mir sehr, dass hier die Familie eine derart große Bedeutung hat, dass jeder herzlich mit dem anderen umgeht und man, anders als ich in Deutschland, die Familie mindestens einmal die Woche sieht.
Besonders mag ich Felipe und Bernardo, die ich kurz vorstellen möchte: Felipe, ungefähr mitte Zwanzig, auch Enkel von Ester, hat mir während des Monats viel geholfen und gezeigt. Er hat z.B. mit mir ein billiges Handy erstanden, ohne dass ich übers Ohr gehauen wurde. Außerdem hat er mir viel von der Stadt, dem Nachtleben und Discotheken gezeigt und vieles erklärt. Bernardo ist der Vater von Raquel und Marianna und sehr sehr nett. Er hat sich mir direkt als Gastvater angenommen, viel mit mir geredet (auf Spanisch, Italienisch und Englisch) und ist sehr an Deutschland interessiert. Von meinen Heimatfotos und einem Trierbilderbuch war er richtig begeistert.
Direkt am ersten Wochenende hat er mir eine private Stadtrundfahrt in seinem Auto ermöglicht und mir die schönsten Plätze und Sehenswürdigkeiten in La Paz gezeigt. Dafü war ich besonders dankbar, da ich dadurch sehr früh einen Überblick über die Stadt bekommen habe und mich quasi nie mit einem Stadtplan durch die Straßen quälen musste.
Zum Schluss möchte ich noch kurz auf eine Sache in meiner Gastfamilie eingehen, die mir so überhaupt nicht gefällt und mit der fast 2 Jahre alten Sofia zu tun hat. Ich denke, dass Raquel, da sie noch sehr jung ist und selber noch zur Uni geht und arbeitet, mit ihrer Mutterrolle überfordert ist. Sofia ist einerseits ein total süßes, kleines Mädchen, andererseits aber total verhätschelt, sodass sie direkt brüllt, wenn sie etwas nicht bekommt. Anstelle mit der kleinen nach draußen zu gehen oder zu spielen (wer soll das auch tun, Ester ist trotz ihrer enormen Vitalität nicht mehr die jüngste), läuft fast den ganzen Tag der Fernseher. Das Programm würde ich mit unserem RTL2 vergleichen, es laufen rund um die Uhr schlechte Telenovelas und Zeichentrick, politische Propaganda, viel Werbung und kaum Nachrichten. Der Fernseher stört mich besonders beim Essen. So ist es nicht verwunderlich, dass die kleine Sofia, bevor sie überhaupt sprechen kann, zur Werbung tanzt und sie mitsummt und -singt. Jede Werbung wird hier, noch extremer als in Deutschland, durch einen nervtötenden, aber ohrwurmverdächtigen Song unterstützt. Ein weiterer bedenklicher Erziehungsaspekt ist, dass Sofia in ihrem jungen Alter fast nur Fanta und sogar Cola trinkt.
Wohl wissend, dass ich an dieser Erziehung nichts ändern kann, versuch ich trotzdem Sofia immer wenn ich zu Hause bin, zum malen oder spielen zu animieren, was mir teilweise auch gut gelingt. Mittlerweile ist sie nicht mehr so schüchtern wie am Anfang, sondern kommt, wenn ich da bin, in mein Zimmer gelaufen und spielt mit meinem kleinen VW Bus oder anderen Dingen, die ich dann abends gerne im Haus verteilt wieder einsammel, weil ich weiß, dass sie in dieser Zeit kein Fernsehen geguckt hat.

Erfahrungen
Da es mir unmöglich ist, euch an all meinen Erfahrungen teilhaben zu lassen, möchte ich euch jetzt in einer Art Blitzlicht ein paar Eindrücke die mich bewegt haben, positiver und negativer Art, mitteilen:

*ein toller Geburtstag von Ester mit mehr als 30 Familienmitgliedern*traumhafter Sonnenuntergang in Copacabana*zwei Kinder winken mir aus einem Auto zu und lachen mich an, ich winke zurück*Bernardo zeigt mir die Stadt*Sprachbarriere:ich weiß nicht wie ich mich ausdrücken kann, habe Angst, dass Menschen die ich mag, mich falsch verstehen*mein Bett ist zu kurz, die Dusche kalt*ein Hund wühlt im Müll*vermummte Schuhputzer wollen meine Schuhe putzen*Marktfrauen rufen und wollen mich zum Kauf überreden*ich verbringe eine schreckliche Nacht auf dem Klo*mein Handy wird mir im Bus gestohlen, ich bin sauer, enttäuscht, ärger mich über meine Fahrlässigkeit, ab jetzt bin ich vorsichtiger*ein Bankautomat schluckt meine Kreditkarte, ich muss sie sperren*tolle Nachmittage mit Freunden in der Stadt*vielfältiges, interessantes, leckeres und gewöhnungsbedürftiges Essen*eine Frau wickelt ihr Kind auf der Straße, das Baby zittert trotz vieler Decken*Männer in Anzügen lassen sich zeitunglesend die Schuhe putzen*ein Mann schenkt mir in “Not” einen Boliviano*der Himmel ist täglich wolkenlos blau*ich höre oft das Knallen von Dynamit*Freude über Wasser “con gas”*der traumhafte Titicacasee*wir schenken zwei Mädchen Kekse, sie uns ein Lachen*

Schluss
Zum Schluss möchte ich euch allen nochmals für eure bärenstarke Unterstützung danken. Ich freue mich jedes Mal enorm was von euch zu hören und hoffe auch weiterhin, dass ich auch in Moxos noch gut erreichbar bin. Wenn mein Handy in Moxos noch funktioniert, freue ich mich besonders über Anrufe. Am Freitag werde ich La Paz via Flugzeug verlassen, um dann in meinem Projekt einen neuen Abschnitt zu beginnen.

Ich hoffe euch geht es allen gut, viele Grüße an die Heimat,

Euer Jonas

Schlagworte: , ,

Kommentieren ist momentan nicht möglich.