Rundbrief 2. Kerstin Becker
17. November 2008 von kerstin.beckerColline de la Rencontre – EMMAÜS
„Vertraut diesen Träumen,
denn in ihnen verbirgt sich das Tor der Unendlichkeit“
(Khalil Gibran, Der Prophet)
Hallo ihr Lieben
Es ist jetzt schon über 2 Monate her, dass ich mich von Deutschland auf den Weg ins ferne Afrika gemacht habe. So langsam hat sich hier für mich der Alltag eingespielt. Unser gemeinsames Leben auf dem Colline hat seinen Rhythmus gefunden und auch ich fühle mich immer mehr hier Zuhause. Wenn wir sonntags zur Messe fahren entdecke ich schon einige bekannte Gesichter, die mich nach dem Gottesdienst grüßen und es entstehen kleine Gespräche unter Bekannten. Auch dank meiner immer besser werdenden Französischkenntnisse. Es ist nur eine kleine Geste, aber daran merke ich, dass ich so langsam zur Gemeinschaft hier dazu gehöre und nicht mehr nur als neue Besucherin zuschaue. Und trotzdem gibt es immer wieder so viele neue Dinge, die ich hier erlebe, dass ich sie gar nicht alle beschreiben kann. Die klimatischen Gegebenheiten, die Esskultur, die Sprache, das tägliche Leben in und mit der Natur, der Arbeits- und Lebensrhythmus, die Infrastruktur und technische Versorgung, das Leben in einer christlichen Gemeinde, die Art zu Feiern und noch viele andere Dinge lassen mich immer wieder deutlich spüren, dass ich hier in einer anderen Welt bin, die in keiner Weise zu vergleichen ist mit dem Leben in Deutschland. Ich weiß nicht mit welchen Worten ich dieses Gefühl am besten beschreiben könnte und es ist sicher auch schwer, es als Außenstehender zu verstehen. Also habe ich euch hier einfach mal ein paar kleine Geschichten zusammen gestellt, die vielleicht einen kleinen Eindruck von dem geben können, was mich hier täglich umgibt und erwartet.
Unterwegs mit Sichel und Sense
Die Regenzeit ist nun so langsam zu Ende. Im letzten Monat hat es nur noch einmal geregnet. Bis April nächsten Jahres wird es nun kein Regen mehr geben. Eine lange trockene Zeit, auch für die Tiere unserer Farm. Wir müssen nun schauen, dass wir genug Heu für sie haben.
Also ziehe ich mit 4 Jungs los, jeder eine Sichel in der Hand und 2 Schubkarren dabei. Wir laufen durch Mais-, Hirse- und Baumwollfelder bis wir nach ca. einer viertel Stunde an dem Feld mit dem gesuchten Gras ankommen. Nun kann es also los gehen. Le Frére hat mir vorher gezeigt, wie man mit einer Sense Gras schneidet. So stehe nun damit auf dem Feld, die Sonne brennt auf meiner Haut und ich fühle mich so ein bisschen wie ein Bauer vor 50 Jahren. Es ist eine wirklich anstrengende Arbeit! Nach ca. eineinhalb Stunden sammeln wir das geschnittene Gras ein, binden es zusammen und laden es auf die beiden Schubkarren. Es ist unglaublich, wie hoch man eine Schubkarre beladen kann. So machen wir uns also wieder auf den Rückweg, mitten durch Mais-, Hirse- und Baumwollfelder…
Benjamin, ein Kateschist, ist gestorben
Nach der Sonntagsmesse in Tionkuy erfahren wir, dass ein Kateschist am vorigen Tag gestorben ist. (Kateschisten sind hier sowas wie „Hilfspriester“, die die Seelsorgearbeit in den Dörfern übernehmen). Herbert kannte ihn, also fahre ich mit ihm und Silvana zu seinem Haus um „zu grüßen“. Wir kommen in den Hof des Hauses. Unter einem großen Baum liegt eine Bambusmatte auf dem Boden, darauf der Leichnam des Kateschist, nur mit einem dünnen Leinentuch bedeckt. Direkt neben ihm sitzt eine alte Frau, eingefallenes Gesicht mit vielen Falten, sehr dünn und bunt gekleidet – die Mutter des Verstorbenen. Mit ihren knochigen Händen verhüllt sie ihr Gesicht. Drum herum sitzen ca. 20 andere Frauen, sie schluchzen teilweise. Wir drehen eine Runde und reichen jeder die Hand, um unser Mitleid auszudrücken. Alle paar Minuten kommen 2-3 Frauen dazu, sie bekunden ihre Ankunft mit lautem Schluchzen und heulendem Geschrei. Die Mutter des Toten stimmt jedesmal lautstark mit ein. Nach kurzer Zeit verstummt das Geschrei und es ist wieder still. Wir beten ein „Notre Père“ und 3 „Je vous salue Marie“ und verabschieden uns wieder…
Bitburger Fußballschule am Colline
Jeden Mittwoch mache ich von 16.30-18.00 Uhr einen „Cour de Sport“ mit unseren Jungs. Das ich einfach so mit ihnen Fußball spiele (und das auch noch sehr gut, wie mir später gesagt wurde) hat sie am Anfang ein wenig gewundert, aber es ging schnell richtig zur Sache. Es ist einfach unglaublich, was es hier heißt „Fußball zu spielen“. Ungefähr 100m von meiner Hütte entfernt ist unser „Sportplatz“, ein kleines freies Feld, ohne viel Gebüsch, nur harter Steinboden und Staub. Dagegen ist jeder noch so trockene Hartplatz im Sommer bei uns ein „Traumrasen“. Es werden 2 Steine als Torpfosten hingelegt und los geht’s, bei mindestens 30 Grad Hitze und die meisten spielen barfuß. Jeder Versuch mit ein wenig Technik oder Taktik zu spielen scheitert, weil es einfach unmöglich ist den Ball auf diesem Feld zu kontrollieren. Also heißt es fest gegen den Ball treten und so schnell wie möglich hinterher. Ich war eigentlich immer eine gute Sprinterin, aber gegen unsere Jungs hier hab ich keine Chance. Trotzdem macht es echt Spaß und danach bin ich immer fix und fertig. Ich kann nur hoffen, dass ich mir diesen Rumpelfußball nicht zu sehr angewöhne.
Die letzten Male habe ich für sie einen kleinen Parcours aufgebaut. Slalom und ein paar technische Übungen, um ein wenige Gefühl für den Ball zu bekommen. Es war der reinste Spaß zuzusehen, wie sie über den Platz gestolpert sind, jeder wollte natürlich der Schnellste sein…
Pythagoras im afrikanischen Busch
Jeder kennt ihn und in der Schule werden dutzenden Aufgaben dazu gerechnet: Der Satz des Pythagoras! Nun stehe ich in der Nähe vom Colline zwischen kleinen Bäumen, Sträuchern und hohem Gras. Hier entstehen die Felder für die Bewässerungsanlage (Irrigation). Das gesamte Feld soll abgesteckt und zueinander parallel verlaufende Wasserkanäle ausgehoben werden. Außerdem wird ein Wasserbecken mit einem quadratischen Grundriss angelegt. Dafür benötigt man natürlich einen rechten Winkel. Benjamin markiert das Quadrat mit einem Seil nach Augenmaß. Herbert schüttelt jedoch nur den Kopf und nimmt das Seil. Er spannt eine Hypotenuse von 5m und zeichnet auf dem Boden zwei Amplituden à 3 und 4 Meter nach dem Prinzip des Pythagoras. Ihr Schnittpunkt bildet einen rechten Winkel. Während er diesen mit Stöcken fixiert bemerkt er kritisch: „Jahrelang studiert man in Europa alle möglichen Theorien auf dem Papier, aber in der Praxis könnt ihr nichts damit anfangen…“ Ein Einwand an dem sicherlich was dran ist. Oder hättet ihr, die Abiturienten und Lehrer unter uns, gewusst wie das mit dem rechten Winkel funktioniert?
Ich habe auf jeden Fall erst jetzt gemerkt, wofür diese Formel überhaupt gut ist, außer für irgendwelche schönen geometrischen Figuren im Matheunterricht zu zeichnen…
Zu Besuch in Nouna
Es ist Sonntag und nach der Messe wollen wir eine Familie in Nouna besuchen. Mit Silvana und Herbert vorne im Pickup und Guillaume, Benjamin und ich hinten auf der Ladefläche schaukeln wir ungefähr eine Stunde übers „Wellblech“ (das sind Sandpisten, bei denen man wirklich denkt man fährt über Wellblechdächer), bis wir Nouna erreichen. Dort werden wir von strahlenden Gesichtern herzlich empfangen. Es ist ein kleines aber sehr schönes Haus, mit kleiner Terrasse und Innenhof. Ich habe nicht ganz verstanden, wer dort alles wohnt, auf jeden Fall waren mind. 15 Personen versammelt, von Oma, Großtante, Geschwister bis Nichte. Es werden 2 Hühner auf dem Markt gekauft und mit Reis und Soße zubereitet. Dazu gibt es natürlich warmes Dolo (Hirsebier). Nouna soll der Dolo-Ort schlechthin sein, so wir für uns das Bitburger . Später helfen Benjamin und ich zwei alten Frauen beim Mais pellen. Der ganze Hof liegt voll Maiskolben und sie saßen schon den ganzen Tag daran. Eine wirklich eintönige Arbeit. Zuerst haben die zwei Frauen gelacht, als wir ihnen helfen wollten, aber sie haben sich natürlich über die Unterstützung der Tubabu (Weißen) gefreut.
Für die Rückfahrt wird die Ladefläche des Pickups mit Metallformen für ein Wasserbecken beladen. Silvana bekam spontan noch 3 Hühner geschenkt, die sie nur mit einem Seil zusammengebunden mit nach vorne auf den Sitz nimmt. Guillaume und ich suchen uns einen halbwegs komfortablen Platz zwischen den Metallbecken und so schaukeln wir wieder über eine Stunde durch kleine Dörfer und am Mouhoun (Volta) vorbei. Als wir am Colline ankommen ist es schon dunkel und so geht ein weiterer Tag zu Ende.
Auch vor mir machte sie keinen Halt – die Malaria
Seit Anfang letzter Woche habe ich mich schwach gefühlt, ich war den ganzen Tag über müde und k.o., obwohl ich nicht viel gemacht habe. Es war demotivierend hier so tatenlos rumzuhängen. Herbert meinte, es sei das Klima, es ging vielen so im Oktober, damit müsse man sich hier einfach abfinden und eben langsam machen.
In der Nacht von Donnerstag auf Freitag bekam ich dann jedoch Fieber. Ich schwitze und friere gleichzeitig, schlafe kaum. Freitags morgens beschließen Herbert und ich dann doch zum Arzt zu fahren, auch er wollte einen Bluttest machen lassen. Dort wurde mir Blutdruck gemessen, nur um die 70 zu 90! Fieber hatte ich zu diesem Zeitpunkt nicht, was sich mittags jedoch stark änderte.
Ich trete ins Labor, für den Bluttest. Ein kleiner ca. 4m² großer, verputzter Raum, etwas dunkel. Auf dem Metalltisch vor mir liegen und stehen dutzende schmierige Plastik- und Glasflaschen mit irgendwelchen Flüssigkeiten und verschiedene kleine Gerätschaften. Darunter ein uraltes Mikroskop und ein Zentrifugier-gerät, welches durch ein Fahrradkette und einem kleinen Pedal angetrieben wird. Die 5 Reagenzgläser hängen frei an einem Metallgerüst und sind auch aus Metall, welches teilweise dunkle Verfärbungen hat. Bei uns ist so ein Modell sicher nur noch in Museen zu sehen…
Mir wird also am Mittelfinger ein Tropfen Blut abgenommen und direkt auf einer Glasplatte fürs Mikroskop präpariert. Ein paar Stunden später bekommen wir dann die Nachricht, dass beide Test (auch der von Herbert) positiv ausgefallen sind.
Auf dem Rückweg besorgen wir ein Medikament gegen Fieber und machen Halt bei den „Weißen Vätern“ in Tionkuy. Ich fühle mich jetzt jedoch immer schwächer und habe zudem noch starke Kopf- und Nackenschmerzen. Da es gerade Mittag ist bleiben wir noch zum Essen. Das Essen in Tionkuy ist eigentlich immer sehr gut und vielseitiger als bei uns auf dem Colline. Trotzdem bekomme ich nicht viel runter. Sogar der selbst gemachte Joghurt zum Nachtisch (es war der erste Joghurt den ich seit meiner Ankunft hier gesehen habe) konnte mich nicht wirklich aufmuntern, obwohl er wirklich sehr lecker war. Bevor wir weiter fahren, besorgt Herbert noch Tabletten für meinen Blutdruck und fragt ob ich mich nicht hier hinlegen will. Ich antworte, dass ich lieber nach Hause wollte. Die Frage wo „Zu Hause“ ist blieb unausgesprochen. Ein Gedanke, der mir am Wochenende immer wieder durch den Kopf gegangen ist…
Am Colline angekommen falle ich sofort ins Bett. Mein Kopf glüht, ich fange unendlich an zu schwitzen, sodass nach ca. 1 Stunde meine Tshirt und Betttuch total nass sind. Gleichzeitig ist mir kalt. So verbringe ich das ganze Wochenende im Bett und döse so vor mich hin. Die paar Meter zum Klo oder zur Küche stellen für mich eine große Anstrengung dar, gegessen habe ich fast nichts, eben nur ein Haufen Tabletten geschluckt. Mir gingen viele Dinge durch den Kopf, viele Fragen und Zweifel und auch immer wieder der Gedanke an Zuhause.
Jetzt nach ein paar Tagen geht es mir wieder besser. Das Fieber ist so gut wie weg und auch die Kopfschmerzen lassen nach. Mit der Behandlung bin ich zwar jetzt theoretisch fertig, aber ich fühle mich immer noch schwach auf den Beinen und mir fehlt noch die Kraft für größere Vorhaben.
So habe ich die Zeit genutzt meinen Rundbrief zu Ende zu schreiben. Ich hatte ihn schon vor 2 Wochen angefangen, mir fehlte aber noch der richtige Schluss. Naja, den habe ich dann jetzt auch gefunden, obwohl ich ihn mir eigentlich etwas „schöner“ vorgestellt hatte. Aber ich denke es ist trotzdem gut so, das Leben hier ist eben nicht nur „schön“. Neben den vielen interessanten Geschichten die ich erzählen kann, gibt es auch immer wieder solche Momente, in den ich mich frage, ob das wirklich „mein Traum von Afrika“ ist. Oder war auch mein Bild von Afrika zu sehr von den vielen Medienbildern voller Abenteuer und Romantik geprägt? Werde ich wirklich in das Leben hier eintauchen können oder ewiger Zuschauer bleiben? Ist es vielleicht die europäische Prägung, die es mir manchmal schwer macht meine Augen und mein Herz für die Dinge hier zu öffnen? Wie dem auch sei, hier habe ich nun die Chance mein eigenes Bild zu entwerfen und möchte es euch zeigen. Im Laufe meines Kunstunterrichtes habe ich zum Ende hin immer mehr die expressionistische Malweise schätzen gelernt. Auf diese Weise will ich auch für euch mein Bild von Afrika in den Rundbriefen malen: ausdrucksstark, kraftvoll, intensiv aber ohne „zu dick aufzutragen“…
Eine gute Freundin hat mir auf einer Grußkarte folgenden Spruch mit auf den Weg gegeben, mit dem ich nun auch enden möchte:
„ Im Leben absolut zufrieden zu sein,
wäre tatenlose Ruhe und Stillstand der Triebfedern
oder Abstumpfung der Empfindungen und der damit verknüpften Tätigkeit.“
(Immanuel Kant)
Mit vielen herzlichen Grüßen aus Burkina Faso
und bis wir uns wiedersehen…
Kerstin
Schlagworte: Becker, Burkina Faso, Kerstin