Indien, 2. Rundbrief, Aline Reichert

21. November 2008 von aline.reichert

Ich bin dann mal weg… Teil II

Die indischen Charts dudeln vor sich hin, die neusten Storries über die tamilischen Superstars werden diskutiert und dabei frühstücken wir gemütlich auf dem Küchenboden…ein typischer Sonntagmorgen, wie ich ihn liebe.

Als ich all das seit langem mal wieder bewusst wahrgenommen habe – mich selbst, meine Sitzhaltung, meine Kleider, meine Art der Nahrungsaufnahme und vor allem die Menschen um mich herum, machte sich heute Morgen ein Lächeln auf meinem Gesicht breit. Ich gehöre wirklich dazu und Schneidersitz, Chudi und mit den Fingern essen, sind Teile meines alltäglichen indischen Lebens geworden. Deswegen habe ich mich auch entschieden jetzt endlich mal meinen zweiten Rundbrief zu schreiben, für den mir die ganze Zeit der passende Anfang gefehlt hat.

Die Entdeckungen und Erfahrungen, die ich hier mache, werden nicht weniger mit der Zeit. Wo soll ich anfangen und wo soll ich aufhören?

Von einem 5 Sterne Hotel, über Priesterweihen, eintragischer Todesfall, eine schöne Familienfeier, das seltsame Wetter, viele interessante Feiertage, deutschen Besuch bis zu einer indischen Shoppingtour war alles dabei.

Also am 01.Oktober hatte die deutsche Botschaft in Chennai alle Deutschen, die in Tamil Nadu registriert sind, zu einer Feier anlässlich des „Tags der deutschen Einheit“ eingeladen. Zuerst wollte ich gar nicht hingehen, habe aber letztendlich dann doch auf meine Chefin gehört und die achtstundenlange Busfahrt bei 35°C auf mich genommen. Auf der Einladung wurde um angemessene Kleidung gebeten, was mich schon vor eine schwierige Aufgabe gestellt hat, da ich momentan nur Schlabberhosen oder indische Kleider zu meinem Besitz zähle. So habe ich auch einfach mein schickstes Chudi angezogen und kam mir unter den vielen Anzügen, Kostümen und Highheels in diesem superschicken Hotel auch erst total Fehl am Platz vor und habe darüber nachgedacht wieder kehrt zu machen. Aber im Laufe des Abends habe ich noch andere Praktikanten und Freiwillige kennengelernt, die ebenfalls Schwierigkeiten mit dem Dresscode hatten. Daran sieht man aber auch, wer wirklich hier lebt und die indische Kultur achtet. Geschäftsleute mit Minirock oder Krawatte und eigenem Chauffeur leben in einer ganz anderen Welt des Subkontinents. Letztendlich hat sich der Abend für mich aber auf jeden Fall gelohnt, allein schon des Essens wegen (Apfelstrudel, Mousse au chocolat..), aber natürlich auch wegen der neuen Kontakte.

Zu Hause hatte mich ja dann auch direkt das normale Leben wieder. Tamilunterricht, Nähzimmer, Nachhilfe, so war dieser kleine Ausflug auch einfach mal eine schöne Abwechslung. Doch die nächste spannende Erfahrung ließ nicht lange auf sich warten.

Nach einem Anruf ihres Vaters, hat Amala, eine meiner Mitbewohnerinnen hier, mir mit einem strahlenden Gesicht verkündet, dass ihre jüngere Schwester ihre erste Periode gekriegt hat. Ich habe mich natürlich erst mal über diese große Freude darüber gewundert und auch darüber, dass der Vater deswegen hier anruft, bis sie mich im selben Atmenzug, dann auch gleich zu dem Familienfest eingeladen hat, dass anlässlich dieses Ereignisses gefeiert wird.

Die Eltern haben das Fest für Amala damals nicht organisiert, um es für die zwei Mädchen jetzt gemeinsam zu feiern. Da die Familie vier Töchter hat, ist das auch einfach eine Frage des Geldes. Für Feste neigen Inder ja gerne dazu sich zu verschulden. Mit ein paar anderen Mädels aus unserem Haus sind wir dann in das Dorf der Familie gefahren und haben Amala und ihre Schwester in ihren wunderschönen Saris bewundert. An diesem Tag werden die Mädchen dann auch immer geschminkt, mit Schmuck behangen und Jasminblüten werden in die Haare gesteckt. Die ganze Familie kommt, segnet sie und es gibt natürlich was zu Essen. Ich, als Weiße, bin ja einfach immer überall was „Besonderes“, weswegen ich dann auch gleich mal mit den Töchtern abgelichtet wurde. So konnte ich Teil eines ein typisch indischen Familienfests sein und ich habe die Freundlichkeit der Menschen wieder hautnah zu spüren bekommen.

Von Wochenende zu Wochenenede gab und gibt es hier immerwieder Neues zu erleben.

Eine Woche später haben wir den Gründungstag der Schönstatt- Bewegung, zu der der Konvent hier gehört, gefeiert. In Madurai fand deswegen ein riesiger Gottesdienst statt. Für mich hieß das: Anlass für mein neues Sari- aber wie ziehe ich das an?

Lustig war schon das Schmunzeln auf dem Gesicht der Nähmädels, als sie meine Oberarme vermessen haben für die Saribluse! Sie haben dreimal gemessen, weil sie es gar nicht glauben konnten, das der Centimeterwert stimmt, da hier ja alle so dünne Streichholzärmchen haben. Auf jeden Fall, habe ich mich dann mit der 8m langen Stoffbahn und meiner Saribluse einfach in das Nähzimmer gestellt und das tamilische Wort für „Hilfe“ gesagt. Nach einem herzhaften Lachen hatte ich sofort alle um mich rum stehen und jeder hat irgedwo an mir rumgezupft. Es wurde temperamentvoll diskutiert, wovon ich ja nur Bahnhof verstanden haben. Letztendlich habe ich den Raum dann das erste Mal im Sari gekleidet verlassen und ich hatte sogar das Gefühl, das es einigermaßen hält- Dank sei der Erfindung der Sicherheitsnadel! Unvorstellbar, das indische Frauen das jeden Tag zu allen Arbeiten tragen. Für mich war der Toilettengang schon eine höhere Aufgabe! Als mich dann die Mädels gesehen haben, ging das Rumgezupfe weiter. Ruckzuck hatte ich eine dicke Goldkette an, einen Bindi auf der Stirn, Bangles am Arm und ich konnte mich nur gerade so vor den Jasminblumen retten. Von dem Duft wird mir nämlich immer schlecht.

Habe dann in meinem kompletten Outfit sogar die Busfahrt bewältigt. Leider hat der Regen dem Freiluftgottsdienst irgedwann einen Strich durch die Rechnung gemacht. So hieß es wieder Gruppenkuscheln auf dem Boden, in Sari und einer nicht gerade großen Kappelle. Anschließend habe ich wieder noch viele neue Leute dort kennengelernt, vor allem die Brüder in Madurai, weil man sich mit denen auch relativ gut in Englisch unterhalten kann. Viele Gesichter von diesem Festtag haben wir dann auch direkt eine Woche später in Kerala wieder getroffen. Auch dort haben die Schönstatt- Väter ein Zentrum und an diesem Wochenende fanden drei Priesterweihen statt. Für uns bedeutete das sozusagen Familienurlaub.

Wir sind zu 12. dorthin gefahren und sind sowohl samstags, sonntags als auch montags zu den fast vierstündigen Weihen gegangen. Aber da habe ich mich einfach immer auf Danach gefreut. Auf die vielen langsam bekannten Gesichter und die Gespräche. Die Schönstatt-Väter kommen auch aus den verschiedensten Nationen, so habe ich einmal mit vier Priestern in einem Auto gesessen, zwei Inder, ein Engländer, ein Chilene und ich. Das lustige war, die einzige Sprache, in der wir uns alle unterhalten konnten, war Deutsch!

Und nicht nur menschlich war dieser Kurztrip eine Erfahrung…

Kerala ist wieder ein ganz anderes Stück Indien- wo man hinsieht- grün, der richtige tropische Regenwald, eine andere Sprache, andere Bananensorten und Kleider. Der Regen ist dort noch stärker als hier und die Luftfeuchtigkeit liegt bei 95%. Landschaftlich ist Kerla einfach ein Paradies! Wir haben unter Wasserfällen gebadet und den frischen Fisch genossen.

Leider hat das indische Leben auch eine ganz dunkle Seite, die mir letzte Woche auch wieder ohne Schönmalerei die enormen Schwierigkeiten und Missstände dieses Landes gezeigt hat.

Bei der Schwester einer unserer Nähmädels wurde vor einigen Wochen Leukämie diagnostiziert. Für die Behandlung der 25-jährigen haben die Ärzte 4000 Euro verlangt. Ohne Geld, keine Behandlung! Aber welche Familie hat mal gerade eben 4000 Euro? Das dürfte bei uns schon vielen schwer fallen. Mit der Hilfe meiner Chefin konnte die Familie dann genügend Geld anzahlen, um die Therapie beginnen zu können. Doch lezte Woche hat uns dann die Ungerechtigkeit des Lebens wieder knallhart getroffen. Das Mädchen ist gestorben, das wär sie wahrscheinlich bei uns nicht!

Ihre Familie hat vier Töchter und hat fast alle ihre Ersparnisse in die Ausbildung dieser Tochter gesteckt, die sogar schon einen Masterabschluss hatte, damit diese reich heiraten und die Familie versorgen kann. So muss die Familie nicht nur den Tod ihrer Tochter, sondern auch ihrer „Zukunftsversicherung“ verkraften. Ein soziales Sicherungssystem gibt es hier bis jetzt leider nicht. Entweder man hat genug Verwandte, die einem helfen, man verschuldet sich oder man begeht Selbstmord- das sind die Alternativen hier….die traurige Seite Indiens.

Ich kann hier immernoch nicht von einem Alltag sprechen! Mir ist eigentlich nie langweilig, ich habe immer was zu tun und die Mädchen, mit denen ich hier zusammenlebe sind schon wie Schwestern.

Dreimal die Woche gehe ich nach Trichy zum Tamilunterricht, der langsam endlich seine ersten Früchte trägt, danach gehe ich in das Nähzimmer und versuche mein nicht so ausprägtes Talent in Handarbeiten zu verbessern, was mir aber trotzdem viel Spaß macht.

An Werktagen kommen die Kinder jeden Tag nach der Schule zur Nachhilfe. Mit meinen Tamilbrocken habe ich es in der letzten Woche sogar geschafft, zwei wirklich schlechten Schülern endlich mal ein bisschen das schriftliche Addieren zu erklären. Solche kleinen Erfolge geben mir das Gefühl, etwas getan zu haben. Ich versuche einfach das Lächeln, dass die beiden mir bei der Freude über ein richtiges Ergebnis und das lachende Smiley, dass ich ihnen dann male, einzuspeichern. Von den Glücksgefühlen, die ich dann empfinde, kann ich lange zehren. Sie lassen manch eine weniger schöne Erfahrung einfach verblassen. Ich lerne viel mehr die ganz kleinen Dinge wahrzunehmen, die jeden Tag hier wertvoll machen. Die Menschen sind einfach so freundlich und meine Sinne laufen immer noch über, obwohl so vieles schon „normal“ ist, dass ich auch in einem Jahr nur einen ganz geringen Teil dieser Kultur entdeckt haben werde.

Ab dem 1. Dezember werde ich in der Schule anfangen Sport- und Englischunterricht zu geben. Dass das geklappt hat, ist echt super. Das nächste, was ich dann noch plane, ist ein Praktikum im Krankenhaus, aber das wird wahrcheinlich noch komplizierter zu arrangieren, als der Job in der Schule. Aber damit bin ich jetzt auch erst mal glücklich.

Am meisten gespannt bin ich natürlich jetzt auf den indischen Dezember. Advent und alle dazugehörigen Traditionen, die wir kennen gibt es hier nicht. Weihnachten und Silvester gestalten sich natürlich auch anders und das ganze bei über 30°C ist irgendwie auch seltsam. Mal abwarten wie ich das finde.

Eigentlich könnte ich auch noch so viel über die ganzen Feiertage im Oktober und ihre Bräuche erzählen, aber ich neige gerade schon wieder dazu, seitenweise auszuschweifen. Das interessante hier ist ja nur, dass die Feiertage von drei Religionen gefeiert werden und es so einen nach dem anderen gibt, aber wahrscheinlich denkt ihr gerade schon: „Hoffentlich ist sie bald fertig!“

Also beende ich hiermit den zweiten Teil von „Ich bin dann mal weg“ und hoffe ihr konntet für kurze Zeit in meine indische Welt eintauchen – die Gerüche, die Farben und das Treiben der Menschen…es ist und bleibt eine Sinnesreise!

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