1. Rundbrief aus Bolivien von Christian Linden – 15.09.08

28. Dezember 2008 von christian.linden

Liebe Freunde, Familie und Unterstützer!

Hiermit möchte ich mich das erste Mal offiziell aus Bolivien melden.

Erst einmal möchte ich mich noch mal für die vielen “Glückwünsche” für meine Reise bedanken und ich kann euch sagen, dass ich herzlich in Bolivien empfangen wurde und mich bis jetzt sehr wohl fühle.

Santa Cruz – Willkommensfeier

In Santa Cruz angekommen, wurden wir, nach der anstrengenden Reise, von einer Delegation Bolivianern herzlich am Flughafen empfangen. Dann hieß es zuerst ins “Casa Kolping”, unsere Unterkunft für 2 Nächte, und auf zum Essen, bei dem es den ersten Coca-Tee gab. Am nächsten Tag wollten wir 10 Freiwillige erstmal Geld wechseln. Soweit ja kein Problem, sollte man meinen. Doch als ich mich von meinem Schalter umdrehte, war kein Deutscher mehr in Sicht. So hieß es für mich ohne Stadtplan und in der fremden Stadt wieder ins Casa Kolping zu finden. Aber für einen Pfadfinder natürlich kein Problem und so war ich, mit ein paar kleinen Umwegen, sogar vor allen anderen wieder heil zurück.

Abends ging es dann zum Gelände der Caritas, um dort mit dem Bischof von Santa Cruz und einigen Personen einer Begegnungsreise aus den Bistümern Trier und Hildesheim eine Messe zu feiern, in der die Begegnungsreise verabschiedet und wir willkommen geheißen wurden. Danach wurde gegrillt, getanzt und gesungen.

La Paz – “Die Evo Stadt?”

Am nächsten Tag ging es wieder ins Flugzeug in Richtung La Paz, dem Regierungssitz Boliviens. Am Flughafen wurde ich von meiner Projektvorgängerin Theresa abgeholt, die mich in meine Gastfamilie gebracht hat.

Die Gastfamilie

Dort angekommen bin ich erstmal einer norddeutschen Familie begegnet, die zu Besuch bei meiner Gastfamilie war und Freunde der Familie sind. Meine Gastfamilie ist sehr an Deutschland interessiert. Lourdes, meine Gastmutter, war dieses Jahr im Frühjahr zwei Monate in Deutschland. 2010 wird die ganze Familie nach Deutschland kommen und wahrscheinlich bei Freunden in Kettig wohnen. Die größte Tochter, Nayra, hat für mich extra ihr Zimmer geräumt, damit ich ein eigenes Zimmer mit Bad habe. Auch als es mir mal körperlich nicht so gut ging, haben sie sich immer rührend um mich gesorgt, damit es mir schnell wieder gut ging.

Es hat viel Spaß gemacht bei ihnen zu wohnen, da sie sehr nett waren und ich in der Familie am besten die Sprache lernen konnte. Erstens weil sie viel von mir, meiner Familie, meiner Heimat und Deutschland wissen wollten und zweitens weil ich viel von ihnen und über La Paz / Bolivien wissen wollte. Höhepunkte in der Familie waren das gemeinsame Kochen, der Spielabend, das “Döbbekoche-Essen”, der dt. Abend mit Wein und Bildern, der Ausflug zu einer Büchermesse, das deutsche Bier im deutschen Restaurant und natürlich, worüber ich mich sehr gefreut habe, dass meine Familie alle Freiwilligen zu einem Abschiedsgrillen nach Hause eingeladen hat.

Somit möchte ich mich hiermit nochmals bei meiner Gastfamilie Lourdes, Juan Carlos, Nayra, Montserat und Sebastian herzlich bedanken.

Isabel, die Kultur- und Sprachenkünstlerin

Durch Isabel, eine ältere bolivianische Dame, hatten wir die Möglichkeit die bolivianische Kultur und Sprache besser kennen zu lernen. Sie brachte uns erst einmal das gemütliche Coca-Tee trinken bei und das gemeinsame “Plaudern” auf Spanisch. Am Nationalfeiertag am 6.8. charterte sie für uns 10 Sofia-Freiwillige und einen Freiwilligen von Airene, den wir gerne in unsere Gruppe aufnahmen, einen Minibus und die Tour ging kreuz und quer durch La Paz und viele Vororte mit beeindruckenden Bildern, sowohl positiv als auch negativ besetzt. Ich war sehr schockiert, was für Villen neben der reinsten Armut stehen. Am letzten Tag gab es Saltenias (Teigtaschen mit Pollo-Hühnchen oder Carne-Fleisch gefüllt). Mir schmecken sie ehrlich gesagt nicht so gut, aber das ist ja zum Glück Geschmackssache.

Die Stadt

Die gesamte Stadt fand ich zwar sehr beeindruckend, aber ich muss sagen, dass sie auf mich einen sehr grauen Eindruck gemacht hat, was bei einer Höhe von über 3000m vielleicht auch kein Wunder ist, obwohl man sich bemüht in La Paz Grünflächen zu gestalten und zu bewässern.

Neu waren auch für mich die vielen Minibusse, mit ihren “Schreiern”, die dafür da sind, lauthals zu auszurufen, wo der Minibus hinfährt. Des Weiteren war auch der gesamte Verkehr anders. Er wirkte auf mich laut, chaotisch und hektisch. Aber ich wunderte mich, dass es kaum Unfälle gab bei der Fahrweise. Auch wurde so oft gehupt, wie es nur ging, an jeder Ecke, beim Überholen und an jeder Ampel, auch wenn sie mal Rot war, aber Ampeln und Zebrastreifen werden doch gerne übersehen und existieren eigentlich gar nicht für die Autofahrer.

Am 10.08 war es dann soweit, das ersehnte “Referendum” wurde durchgeführt, bei dem die Bolivianer Abstimmen sollten, ob sie Evo Morales weiterhin als Präsidenten möchten. Zusätzlich sollten die Bürger auch über die Regierungen in den einzelnen Departamentos (vergleichbar mit unseren Bundesländern) abstimmen. Das Ergebnis war, dass Evo Morales weiterhin mit knapp über 60% Zustimmung Präsident bleiben darf. Zur Info: Evo Morales ist der erste indigene Präsident Boliviens und ist sehr Links gerichtet.

Es war schon spannend zu sehen, wie die Wahl ausging und es gab an dem Sonntag ein Autofahrverbot, dass hieß, dass alle Leute zu Fuß zur Abstimmung gehen mussten und manche hatten einen langen Weg, was in La Paz ziemlich anstrengend sein kann, da es bergauf und bergab geht, was.

Aber man kann sagen, dass die Stadt einem alles bietet. An einem Abend war ich mit meiner Gastmutter, Gastschwester und drei anderen Freiwilligen im Kino. Der deutsche Titel des Films war: “Die Hetzjagd”. In dem Film geht es um die Verfolgung eines Nazis, der zuerst nach Peru und dann nach Bolivien geflohen ist – Klaus Babi bzw. Altmann. Es war interessant Bilder von Köln, La Paz, Lima und Santa Cruz im Wechsel zu sehen, da man erst so kurz in Bolivien ist. Der Film war super, nicht zuletzt, weil in dem Film Englisch, Spanisch, Französisch und Deutsch gesprochen wurde; dies hat den Film sehr authentisch wirken lassen. Diesen Film kann ich euch nur empfehlen. An einem anderen Abend waren wir mit ein paar Freiwilligen vom Bischof von Bamberg eingeladen worden, der gerade mit einer Gruppe durch Bolivien reist. Sonst waren wir ab und zu auch mal mit allen Freiwilligen in La Paz abends noch unterwegs.

Die Begegnungsreise

Da die Pfadfinder aus der Diözese Trier auf Begegnungsreise in Bolivien waren, habe ich sie in La Paz getroffen – eine sehr fitte Gruppe – und bin an einem Tag mit ihnen nach Tiawanaku gefahren, einer Ausgrabungsstätte von einer Hochkultur, die sich schon vor den Inkas entwickelt hatte. Ich war sehr erstaunt, als erzählt wurde, dass sie schon Schaltjahre eingeführt hatte, sie führten nämlich alle 4 Jahre eine ganze Woche länger im Jahr durch.

Am letzten Abend der Begegnungsreise bin ich mit ihnen Feiern gegangen. Es war super schön, da noch eine afro-bolivianische Trommlergruppe in den Club kam und die Stimmung richtig aufheizte.

Lago Titicaca y Isla del Sol

An einem Wochenende haben wir uns mit 11 Freiwilligen mit dem Bus in Richtung Copacabana aufgemacht. Nach der dreistündigen Busfahrt mit einem Zwischenstopp, weil wir mit der Fähre übersetzen mussten, lernten wir auch gleich die bolivianische Marine kennen. In Copacabana selbst sind wir den Kreuzweg hinaufgestiegen auf einen Berg, was sehr anstrengend war, doch hat sich die Mühe gelohnt, als wir mit dem herrlichen Sonnenuntergang belohnt wurden. Dann hieß es wieder absteigen, Essen fassen und in einer gemütlichen Kneipe Platz nehmen. In dieser Kneipe haben wir warmen Schnaps mit einem Teebeutel bekommen (so haben wir es empfunden). Danach haben wir uns direkt mal auf der Decke als Sofiafreiwillige verewigt. Nachdem wir zuerst in der Nacht den tollen Sternenhimmel vom Dach unseres Hostels beobachtet hatten, ging es morgens mit dem Schiff in Richtung Isla del Sol. Zu Fuß vorbei an einem schönen Strand und an dem Labyrinth der Inkas über viele Bergspitzen in den Süden der Insel. Dabei haben wir die einmalige Aussicht immer wieder genossen. Zum Abendessen gab es ganz traditionell Trucha (Forelle), während der Vollmond aus dem See hinaufstieg in den Sternenhimmel. Nach einer erholsamen Nacht wurde in den ersten Sonnenstrahlen gefrühstückt und dann ging es mit dem Schiff zurück nach Copacabana. Dort musste ich noch für meine Gastfamilie das traditionelle Popcorn kaufen, sonst hätte ich nämlich nicht zurückkommen dürfen. In der Stadt waren wir nochmals lecker zu Mittag essen und hielten den Kellner fit, da er sich wegen unserer Bestellungen erst die Zutaten in der Stadt zusammen suchen und kaufen musste. Es war sehr witzig ihm dabei zuzusehen und der Kellner kam immer mit einem Lächeln zurück an unseren Tisch. Nach diesem Ereignis ging es zurück nach La Paz.

Cochabamba – “Die neue Heimat”

In der Nacht vom 31.08. ging es mit Carina und Ramona, zwei Mitfreiwillige, nach Cochabamba. Dort angekommen, wurden wir netterweise von Theresa und Carolina (Sekretärin der Scouts des Distrikts Cochabamba) am Busterminal abgeholt und sind zusammen ins Distriktgebäude der Scouts gefahren. Am Tag darauf hat uns Theresa durch die Stadt geführt und sie hat uns ihre Arbeit im Behindertenzentrum gezeigt. Am Abend kamen die deutschen Pfadfinder aus ihren Partnerstämmen zurück in den Distrikt. Somit war das Distriktgebäude richtig voll und Ramona und ich suchten uns irgendwo ein Plätzchen zum Schlafen. Für mich hieß es um 4:00 Uhr nachts aufzustehen, weil, …..

Chapare – Dschungel & Delfine

… ich gefragt wurde, ob ich mit den Scouts ins Chapare fahren möchte, nicht weit von Cochabamba in den Subtropen mit Dschungel und Delfinen. Ich habe nicht lange gezögert und habe zugesagt. Als wir morgens dann irgendwann in irgendeinem Dorf ankamen, sind wir auf zwei Boote gestiegen und los ging die Bootstour auf dem Fluss. Bevor wir an einem Strand angelegt haben, an dem wir übernachten sollten, gab es eine Fischspezialität, einziger Nachteil war nur, dass dieser Fisch komische Gräten hatte, fast wie Knochen. Dann wurde sich zuerst einmal im Fluss abgekühlt, bevor wir mit einem kleineren Boot in einen Seitenarm des Flusses gefahren sind um dort kleine Krokodile zu sehen. Doch haben sie sich leider vor uns versteckt und wir haben keine gesehen. Zurück an unserem Strand kling der Abend gemütlich am Lagerfeuer, unter dem einmaligen Sternenhimmel mit der Milchstraße und Sternschnuppen aus.

Am nächsten Morgen ging es quer durch den Dschungel. Leider wurde sich etwas mit der Zeit verschätzt und mir mussten vor dem eigentlichen Ziel, einem indigenen Dorf, umdrehen, was mich sehr enttäuscht hat. Zurück an unserem Bus ging es rasant zurück nach Cochabamba. Da es der Busfahrer anscheinend sehr eilig hatte, überholte er an den unmöglichsten Stellen Lastwagen, Busse und Autos. Doch wir kamen alle wieder heil im Distrikt an.

Cochabamba – “Meine Stadt”

Zurück in Cochabamba verbrachten Carina und ich noch ein paar gemütliche Tage. Auch ging es zur Noche Alemana, bei der die deutschen Pfadfinder ihre Kochkünste und deutschen “Kulturschätze” unter Beweis stellten. Schließlich hieß es aber auch für sie Abschiednehmen und sie flogen zurück nach Deutschland. Auch für Carina hieß es “Auf Wiedersehen” Cochabamba und sie flog und fuhr weiter zu ihrem Projekt nach San Ramon.

Peru oder Chile?

Da Theresas Visum auslief, musste sie kurz ausreisen, um ein neues zu bekommen. Bei dieser Reise wollte ich sie begleiten und unser eigentlicher Plan war nach Peru (Cusco) zu fahren. Doch gab es einige Bloqueos in Richtung Peru und so entschieden wir uns kurzerhand nach Chile (Iquique) zu fahren. Dort angekommen sind wir durch die hübsche Innenstadt und haben einen Strandspaziergang gemacht. Am nächsten Tag konnte ich es mir nicht nehmen im Pazifik schwimmen zu gehen, bevor wir wieder in die Flotta nach Cochabamba eingestiegen sind.

Beijing 2008 und 21. Geburtstag

Viel habe ich von den Olympischen Spielen dieses Jahr leider nicht mitbekommen, aber es gab an einem Wochenende (13.09-15.09) ein Zeltlager der Exploradores (Jungpfadfinderstufe), welches unter dem Motto Beijing 2008 stand. Ich blieb eine Nacht dort und habe so die Zeremonie der Eröffnungsfeier und das Entzünden des olympischen Feuers mitbekommen. Zusätzlich gab es danach noch die erste Disziplin Fußball.

Sonntags bin ich zurück ins Distrikt gefahren und habe Abends mit Theresa und einer Arbeitskollegin von ihr meinen Geburtstag gefeiert. Auf diesem Weg nochmals DANKE für die vielen Glückwünsche zu meinem Geburtstag. An diesem Tag gab es sogar zu “meinen Ehren” eine Militärparade in Cochabamba, da am 14.09 hier immer Stadtfest ist.

Mein Projekt

Viele denken sich jetzt wohl, ich habe ja noch gar nichts gemacht und bin nur rumgereist und habe Ferien.

Dies liegt aber daran, dass erstens der ganze August eine Einführungszeit ist und man noch nicht in seinem Projekt ist und zweitens daran, dass hier im Projekt bis vor kurzem die deutschen Pfadfinder da waren und Theresa und ich danach wegen ihrem Visum nach Chile gefahren sind und dann das Stadtfest und das “Olympialager” war. So hatte mein Chef noch keine Zeit. Doch wird es sich im Laufe der Woche regeln und ein Gespräch stattfinden, in dem festgelegt wird, was genau meine Aufgaben sein werden und wie die Arbeitsverteilung aussehen wird, da Theresa noch bis Januar hier bleiben wird.

Nach der Chilereise hat Theresa für mich erstmal das Zimmer geräumt, sodass ich nun meine Sachen auspacken und in mein Zimmer ziehen konnte. Da ich noch nicht viel zu tun hatte, habe ich mich kurzerhand dazu entschlossen mein Zimmer neu zu streichen und habe zusätzlich noch viele Fotos von Freunden und Familie aufgehängt, sodass ich mich nun in meinem kleinen Zimmerchen wohl fühlen kann.

Zum Schluss …

… möchte ich noch kurz auf die politische Lage in Bolivien eingehen. Hier in Cochabamba ist es zur Zeit noch sehr ruhig und es gibt keine Unruhen, dies spielt sich eher im Tiefland ab, weil dort Evo Morales im Referendum verloren hatte und das Tiefland die Autonomie schon seit längerem fordert. Das einzige, was auch in Cochabamba auffällt, ist, dass die Gas- und Benzinhähne zugedreht wurden und die Menschen Schlange vor den Tankstellen stehen und zum Teil ihre Autos dorthin schieben. Sonst bemerkt man noch nichts hier in Cochabamba.

…möchte ich nochmals Danke sagen für das Interesse, welches ihr an meinem Projekt “Bolivien 08/09” aufbringt. Es tut immer wieder gut Nachrichten aus Deutschland und der Heimat zu bekommen. Ich hoffe ich konnte euch/Ihnen mit meinem Rundbrief einen kleinen Einblick in mein neues Leben geben. Ich wünsche euch/Ihnen alles Gute bis zu meinem nächsten Rundbrief.

Gut Pfad

Euer/Ihr

Christian

P.S.:

Da ich die Woche ein Gespräch mit meinem Chef hatte, hat sich meine Arbeit teilweise geregelt. Ich soll nun von Nachmittags bis Abends im Internetcafe der Scouts arbeiten und für den Morgen wird sich noch etwas finden. Doch bis jetzt bin ich mit dieser Arbeit nicht zufrieden, da ich diese Arbeit nicht mit einem sozialen Friedensdienst verbinden kann. Ich werde nun etwas Geduld haben und abwarten ob sich noch etwas entwickelt, ansonsten muss ich noch mal das Gespräch mit meinem Chef aufsuchen.

Kontakt:

Asociacion de Scouts de Bolivia

-District Cochabamba-

Calle Tarapaca 451

Cochabamba – Bolivia

Handy: 00591-70698911

E-Mail:

chris.0987@gmx.de

Homepage:

www.viva-bolivia.de.vu

Schlagworte: , ,

Kommentieren ist momentan nicht möglich.