Bolivien: 2. Rundbrief von Simone Wengenroth

9. Januar 2009 von simone.wengenroth

Liebe RundbriefleserInnen!

Heute, kurz vor Weihnachten erreicht euch mein zweiter Rundbrief. Ich habe mich in Padilla und in meinem Projekt eingelebt und fühle mich dort wohl. In den vergangenen 2 Monaten hab ich schon viele schöne, herzliche, schwierige und traurige Momente mit den Mädels und Lehrerinnen geteilt. Und bevor jetzt wieder ein neuer Abschnitt beginnt (Ferien) möchte ich euch von meinem Leben in Padilla berichten.

Meine Eindrücke aus der ersten Woche …

21 junge Mädchen, manche traditionell, manche modern – vorsichtige Annäherung – sie machen ihre Handarbeiten – stricken, häkeln, nähen, weben – meine ersten Haeckelversuche an einem Topflappen – die Mädels sitzen im Hof in Gruppen zusammen und reden, lachen, flüstern, schweigen – die Maismühle läuft – ich erzähle von meiner Familie und von Deutschland – sie lauschen und stellen viele Fragen – Wäsche wird auf der Hand gewaschen – gekocht wird in großen verrußten Töpfen auf Feuer – die Hühner laufen frei herum – Ruhe – jemand wickelt Wolle zum Knäuel – ein Handy klingelt – das Radio läuft – die langen schwarzen Haare werden gewaschen – ich erobere den neuen PC, spiele Musik darauf und sortiere meine Fotos – das Essen ist gewöhnungsbedürftig – den Hühnerfuß in der Suppe zu ignorieren fällt mir schwer – Sonnenschein – Hitze – Brotfladen für die kommende Woche werden vorbereitet – Unmengen von Teig werden geknetet – meine Fladen sehen anders aus, es fehlt die Übung – ich schäle Möhren und Kartoffeln in der verrauchten Küche – die Glocke bimmelt – Mittagessen im Comedor – jeder geht seiner Arbeit nach – kein Stress, halte ich das aus? – die Küchenabfälle werden an die Schweine verfüttert – zwei Lehrerinnen wohnen hier in der Einrichtung – der Garten wird bewirtschaftet – und immer wieder die Frage: “was heißt das auf Deutsch?” – Holzhacken – Gewitter – heftiger Regen – im Hof wachsen Papaya – ich habe die ersten Flohstiche!

Das Projekt und meine Aufgaben …

Es hat einige Tage gedauert bis sich diese ersten Eindrücke sortiert haben und ich Strukturen und einen Tagesablauf erkennen konnte. Und dann verging wieder eine lange Zeit bis ich wirklich meinen Platz im SIPAS gefunden hatte und einen guten Kontakt zu den Mädels aufgebaut hatte.
Das SIPAS Padilla ist ein internatartiges Ausbildungszentrum für junge Frauen vom Land. Diese machen hier ihre praktische Ausbildung in den Bereichen “traditionelles Weben”, “Weben an der Maschine”, “Schneiderei” oder “Gastronomie”. Die Ausbildung dauert zwei Jahre (4 Semester) und sie erhalten nach Abschluss ein staatl. anerkanntes Zertifikat. Im 1. Semester lernen alle Schülerinnen grundlegende Dinge der Handarbeit (weben, stricken, nähen, häkeln…), ab dem 2. Semester müssen sie sich auf zwei der vier Bereiche spezialisieren.
Neben der Ausbildung erledigen die Mädels alle anfallenden Arbeiten: kochen für alle, Brote backen, Holz hacken, Gebäude und Hof in Ordnung halten, Gemüseanbau im Garten und Feldarbeit (hier werden Mais und Erdnüsse angebaut). Die beiden Lehrerinnen Marina und Eleuteria wohnen hier im Zentrum und begleiten die Mädchen in Ausbildung und Alltag.
Seit Ende September wohne auch ich in diesem Zentrum und teile den Alltag mit den Mädchen und Lehrerinnen. Zusammen mit mir hielt ein nagelneuer, moderner PC Einzug im Zentrum und so war eine meiner Aufgaben schnell geklärt. Ich mache die jungen Frauen mit der Arbeit am PC vertraut. Das ist für beide Seiten eine spannende Aufgabe. Die Mädchen haben keinerlei Grundkenntnisse, sind sehr zaghaft und vorsichtig, aber auch interessiert und wissbegierig. Wir arbeiten uns langsam vor und die ersten Erfolgserlebnisse sind zu erkennen: wie führe ich die Maus zielgerichtet über den Bildschirm? … wie funktioniert ein Doppelklick? …  die ersten Tippversuche … Groß- und Kleinschreibung … speichern …
Es ist toll zu sehen, wie sie Fortschritte machen, sich mehr und mehr zutrauen und Spaß an dieser, für sie so neuen Tätigkeit haben. über das Jahr hinweg möchte ich den Mädchen einen kleinen Einblick in die deutsche Kultur, in unser Feste und Bräuche, in unseren Alltag geben: das geschieht durch Erzählen, Schauen von Fotos,  Zubereitung deutscher Rezepte, Lernen von deutschen Wörtern, …
Wichtig ist mir auch, dass sie einen Einblick in die Partnerschaft Trier – Bolivien bekommen.
Zu meinen weiteren Aufgaben gehört es, die beiden Lehrerinnen in der Organisation und Arbeit zu unterstützen und bei allen anfallenden Arbeiten: Produktion, Haushalt, Garten und Feld, Kochen usw. zu helfen und ein wenig Abwechslung in die Freizeit und den Alltag der Mädels zu bringen. Weitere kleine Projekte werden sich sicher im Laufe des Jahres ergeben.


Das Leben der jungen Frauen auf dem Land …

Die jungen Frauen beeindrucken und faszinieren mich immer wieder. Sie leben mit ihren Familien in kleinen Dörfern oder Comunidades und kennen oft nur ihren Wohnort und Padilla. Es kommt so oft vor, dass sie mich fragen wie es in Sucre oder La Paz oder im Tiefland Boliviens aussieht. Dann wird mir wieder bewusst, wie toll es ist, das wir die Möglichkeit haben zu reisen und andere Länder zu entdecken.
Einerseits sind die Mädchen tief verwurzelt in ihren Familien und Traditionen, doch sie wissen nur so wenig von Bolivien und von der Welt. Auf der einen Seite können sie im Alter von 12-14 Jahren einen Haushalt organisieren, kochen, waschen und andererseits besitzen fast alle ein Handy, interessieren sich für westliche Mode und anderen Schnickschnack. Diese Gegensätze haben für mich am Anfang nur schwer zusammen gepasst.

Nach und nach haben ich immer mehr über die Wohn- und Familiensituation der Mädchen erfahren. Das Leben auf dem Campo ist hart, sie leben in großen Familien auf engstem Raum und sind abhängig von den Launen der Natur… der Eishagel hat alle Küken und Hühner getötet … eine Mutter wurde bei der Feldarbeit mit Ochsengespann von einem der Tiere angegriffen und schwer verletzt … ein Geschwisterkind stirbt, weil eine Lungenentzündung nicht erkannt wurde und das Krankenhaus zu weit entfernt ist … die Trockenheit macht die Ernte kaputt … viele Kinder und Frauen werden von ihren Vätern und Männern geschlagen … es gibt viele allein erziehende Frauen …
Nur wenige der Mädchen schaffen es mit der Ausbildung dem Kreislauf zu entkommen. Sie gehen in die Stadt, finden im Bereich ihres Berufes eine Beschäftigung oder machen sich selbständig, können sich davon ernähren, und gehen das eigene Familienleben geplant an.
Doch ein großer Teil dieser Mädchen wird sehr früh schwanger, wohnt weiterhin bei den Eltern und lebt wie die eigene Familie von der Landwirtschaft.
Trotz dieser harten Lebenssituation begegnen sich die Menschen untereinander und mir mit viel Hilfsbereitschaft, Offenheit, Gastfreundschaft und Herzlichkeit.

Backkurs und Promoción …

Im Oktober wurde von einer externen Lehrerin ein 10 talgiger Kurs zum Thema “Backen” abgehalten. Das waren 10 spannende, anstrengende, interessante und leckere Tage. Täglich wurden 3-4 typisch bolivianische, aber auch internationale “Leckereien” zubereitet. Empanadas, Salteñas, Plaetzchen, Rollo de Queso, Bisquitrolle, Berliner …. bis hin zu Torten. Die Mädels, Lehrerinnen und ich haben in diesen Tagen viel über Lebensmittel, Hygiene und Tipp und Tricks bei der Zubereitung von Backwaren gelernt. Rührgerät, Teigschaber, Sahne und Lebensmittelfarbe waren bis zu diesem Kurs Fremdwörter im SIPAS.
Mit diesem Kurs wurden viele nützliche “Küchenhilfen” angeschafft und ab jetzt macht das Backen dort noch mehr Spaß. Jedes Mädchen hat sich ein Rezeptbuch erstellt und zum Abschluss des Kurses haben wir auf der Plaza eine kleine “Feria” (Ausstellung und Verkauf) veranstaltet. Und jetzt besitze auch ich ein staatlich anerkanntes Zertifikat über diesen Kurs.

Am 28.11.2008 war die Promociónsfeier im Sipas. Das heißt, hier wurden die Mädels, die in diesem Jahr ihre Ausbildung beendet haben feierlich ausgezeichnet und aus dem Zentrum entlassen. Zwei Tage vor der Promoción haben wir in Zentrum eine Ausstellung mit allen Handarbeiten, die in diesem Jahr angefertigt wurden organisiert. Die Ausstellung wurde gut besucht und die Mädels waren stolz auf ihre Ausstellungsstücke. Jedes der Abgänger-Mädels benötigt für diesen Tag eine Promocións-Patin, diese führt die Abgängerin nach vorne und überreicht ihr das Zertifikat. Ich hatte die Ehre Patin von Evelis zu sein. Ein richtig schöner Moment in meinen ersten Monaten im Projekt. Die Promoción war sehr feierlich und es wurde bis spät in die Nacht getanzt und gefeiert.
Leider enden viele Feste in Bolivien in einem großen Besaeuffnis. Vor allem die Männer trinken hier sehr viel Alkohol und kennen meines Erachtens kein Maß. Dann werden sie unangenehm, aufdringlich und aggressiv. Der Konsum von Alkohol und Koka gehören vor allem auf dem Land zum Alltag der Menschen. Hierdurch werden Frust, schwere körperliche Arbeit, Hunger und Schmerzen ausgeglichen.

Wie geht es mir …

Mir geht es hier in Padilla und Sucre richtig gut. Ich habe mich eingelebt und einen guten Kontakt zu den Lehrerinnen und den Mädels gefunden. Sie haben mich mit den Gewohnheiten vertraut gemacht und gerade in der ersten Zeit war ich diejenige, die ganz viel Neues gelernt hat: Kochen auf Feuer, Zubereitung von Backwaren, Alltagsbewältigung ohne fließendes Wasser (im Oktober hatten wir einige Wochen nicht Täglich fließendes Wasser) weben und nähen auf der Nicht-Elektrischen-Nähmaschine … und immer wieder begegnen mir Dinge, für deren Bewältigung ich viel zu kompliziert denke.
Viele Dinge, wie Straßenverkehr, Essgewohnheiten, Lebensmittelhygiene, die mir am Anfang befremdlich und ungewohnt vorkamen, sind in zwischen selbstverständlich geworden. Schoen, aber auch erschreckend, wie schnell man sich an eine andere Kultur gewöhnt.
Das Zusammenleben mit den Mädchen und den Lehrerinnen ist unkompliziert und für alle ist es etwas besonders, dass zwei so unterschiedliche Kulturen im Zentrum aufeinander treffen. Eine der beiden Lehrerinnen, Eleuteria, hat vor einigen Jahren als Freiwillige (ebenfalls für ein Jahr) im Bistum Trier gelebt und gearbeitet. Wir tauschen uns oft über unsere Erfahrungen aus und für sie ist es toll, ab und an Deutsch zu sprechen und mit mir von deutschem Essen und der stimmungsvollen Advents- und Weihnachtszeit zu schwärmen.


Zwischenseminar in “Valle Grande” …

Ende November habe ich an einem Zwischenseminar für alle Freiwilligen der Bistümer Trier und Hildesheim teilgenommen. Wir haben uns gegenseitig die Projekte vorgestellt und uns über die Erfahrungen in unserer Arbeit ausgetauscht. Nebenbei blieb Zeit uns über Themen wie Politik und Frieden zu unterhalten. Der Ort Valle Grande wurde durch „Che“ Guevara berühmt. Er war in dieser Region unterwegs und wurde in der Nähe von Valle Grande erschossen und begraben. Wir haben viel über seine Person und seine Ideen erfahren.

Ausblick …

Das Weihnachtsfest werde ich bei meiner Gastfamilie feiern. Und so wie ihr alle, bin auch ich neugierig wie Weihnachten in Bolivien gefeiert wird. Anschließend möchte ich meine Ferien nutzen, um mir einige weitere Städte, Orte und Regionen Boliviens anzuschauen. Anfang Februar werde ich meine Arbeit im Projekt wieder aufnehmen. Und dann dauert es nicht mehr lange bis mich meine Eltern besuchen.

Danke und  Frohe Weihnachten …

Ich möchte mich bei all den lieben Menschen, besonders bei meiner Familie und meinen Freunden, für die vielen großen und kleinen Aufmerksamkeiten, Briefe, Karten, Mails und SMS bedanken. Schoen, dass ihr mich so unterstützt und mir das Gefühl gebt, das ich trotz der tausende Kilometer in eurer Nähe bin.
Ich freue mich über Rückmeldungen auf meine Rundbriefe und beantworte gerne aufkommende Fragen!

Jetzt ist es an der Zeit euch allen ein schönes Weihnachtsfest und einen guten Start ins Jahr 2009 zu wünschen!  Feliz Navidad y un próspero año 2009!

Herzliche Grüsse Eure SIMONE

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