Bolivien: 2. Rundbrief von Carina Grundmann
19. Januar 2009 von carina.grundmann“Wir haben gelernt,
wie Fische zu schwimmen,
wie Voegel zu fliegen,
aber wir haben die einfachste Kunst verlernt:
wie Brueder zu leben.”
- Martin Luther King -
Ich bin auf dem Weg zur Arbeit. Meine Nachbarskinder rufen meinen Namen und lachen, als ich ihnen zuwinke. Einige Meter weiter kommt der zehnjährige Giovanni auf mich zugelaufen, hält mir ein auf eine Gabel aufgespießtes Würstchen entgegen und fordert mich auf davon zu probieren. Seine Mama erklärt mir stolz, dass sie die Würstchen erst gestern zubereitet hat und lädt mich auf “cafesito und pan” ein. Kurz vor meinem kleinen Büro im Pastoralzentrum fragen mich zwei kleine Mädels, ob ich nicht wieder mit ihnen spielen möchte.
Und ich? Ich muss vor mich hin lächeln.
Mein neues Zuhause in San Ramón
Seit 3 Monaten lebe ich nun schon in San Ramón – einem 5.000 Seelendorf im Tiefland von Bolivien. Ein Durchgangsort in drei verschiedene Richtungen: Santa Cruz nach Südwesten, Trinidad nach Nordwesten und San Ignacio de Velasco nach Osten.
Hier lebe ich gemeinsam mit Ulla, einer Deutschen, die schon vor 13 Jahren nach Bolivien gekommen ist. Ulla ist gleichzeitig auch meine Verantwortliche und Chefin im Projekt “Promocion de la mujer”, in dem ich hier arbeite. In ihrem Haus habe ich ein schönes kleines Zimmer mit Bad. Wir haben einen schönen Garten, von dem ich wunderbare Sonnenuntergänge beobachte und vor allem einen unglaublichen Sternenhimmel sehen kann!
Reise nach San Ramón
Meine Anreise nach San Ramón war ganz anders, als alles was ich bisher kannte – jetzt weiß ich: typisch bolivianisch eben. Ein Glück, dass ich am Flughafen nicht alleine war und Ulla mich abgeholt hat. Die politisch sehr angespannte Situation hatte tagsüber zu vielen Unruhen in der Stadt geführt, die Zufahrtswege zum Flughafen sind für Privatfahrzeuge allesamt gesperrt worden. Mehrere Absperrungen haben wir passieren müssen, mehrmals in andere Taxis steigen müssen, bis wir endlich in der Stadt waren. Abends auf der Plaza habe ich noch das Tränengas der Ausschreitungen vom Tage in der Luft gespürt …Wie gut, dass sich die politische Situation mittlerweile wieder beruhigt hat, wenngleich viele dringende Fragen und Probleme noch immer ungelöst sind.
In Santa Cruz haben wir “bloqueo-bedingt” erst einmal festgesessen, weil die Wege in Richtung San Ramon alle gesperrt waren. Zum ersten Mal ist mir bewusst geworden, dass hier viele Faktoren mitbeeinflussen, ob du reisen kannst oder dich – wie so oft in diesem Land – in Geduld üben musst: die politische Situation, das Wetter und der Zustand der Wege, die Frage ob es Benzin gibt oder nicht … Nach 4 Tagen Warten und immer noch keinem Verkehrsmittel in Richtung San Ramón, haben wir beschlossen über einen Umweg in das kleine Dorf im Gebiet der Chiqutania zu fahren. Statt der üblichen 3 Stunden hat die Fahrt an diesem Tag 15 Stunden gedauert.
Ich habe länger gebraucht als ich erwartet habe, um mich hier einzuleben. Nach meinem Monat in La Paz, meiner Woche in Cochabamba und einigen Tagen in Santa Cruz, bin ich nun auf dem Land. Ich hätte nicht gedacht, dass die Gegensätze Stadt – Land und vor allem Hochland – Tiefland so stark sind.
Von den Anden bin ich 4000 Meter hinabgestiegen ins bolivianische Tiefland.
Von einer pulsierenden, lauten Großstadt in mein ruhiges, kleines, beschauliches Dörfchen.
Meine Arbeit im Projekt “Promocion de la mujer”
In meinem kleinen San Ramón arbeite ich im Projekt “Promocion de la mujer”, das von MISEREOR auf 3 weitere Jahre verlängert wurde. Es ist ein Projekt, dass sich um mehr Partizipation der Menschen auf dem Land, vor allem der Frauen, bemüht. Ein Projekt, dass die Menschen dabei stärken und unterstützen möchte, ihre Situation mit ihren eigenen Ideen und Kräften für sich und ihre Familien zu verbessern. Ein Projekt, dass das Selbstbewusstsein der Menschen hier stärken möchte. Wir arbeiten überwiegend mit Frauengruppen aus der Umgebung von San Ramón die Kunsthandwerk betreiben. Ich habe drei bolivianische Arbeitskolleginnen, die alle nur wenig älter sind als ich: Daniela und Sonia, die beide Sozialkommunikation studiert haben, und Katerine, die Soziologin und Chefin in diesem Projekt. Mir gefällt dieses Projekt, mir gefällt die Art und Weise, wie hier gearbeitet wird. Ulla lässt die 3 Mädels im Büro immer und immer mehr ganz alleine arbeiten, sie ist nicht mehr als Ansprechpartnerin. Die Mädels wiederum begleiten die Frauen auf dem Land, geben Anstöße und Hilfestellungen und lehren die Frauen immer und immer mehr auf ihre eigene Kräfte zu vertrauen und selbst die Dinge in die Hand zu nehmen. Und so ist es kein Projekt das Abhängigkeiten, sondern die Partizipation von jedem einzelnen fördert.
Einen typischen Tagesablauf gibt es hier nicht. Jeden Montag werden die Aktivitäten der Woche geplant und wir überlegen, wo ich am besten teilnehme. Eigene Aufgaben habe ich bisher kaum. Bis jetzt habe ich die verschiedenen Aufgabenbereiche kennengelernt, begleitet und etwas unterstützt.
Ich bin mit dabeigewesen, als wir in Santa Cruz für unsere Frauengruppen eingekauft haben: Stoffe, verschiedenste Formen und Farben von Garn & Wolle, Perlen, Stoffmalfarben, Häkelnadeln … Es gibt einen großen Markt in Santa Cruz, eine feria, wo du alles bekommst was du dir vorstellen kannst. Es ist kein Markt wie in Deutschland, sondern eher wie eine große Ausstellung in einer Halle mit ganz vielen, kleinen Verkaufsständen.
Ich habe bei den Vorbereitungen für verschiedene Ausstellungen, an denen die Frauengruppen mit ihren Produkten teilgenommen haben, mitgeholfen. Viele Frauengruppen haben sich auf ein Produkt “spezialisiert”. Für die Gruppe von San Ramón sind es Taschen, für die Frauen in El Fortín die typische Kleidung der Chiquitania und Urubicha ist für seine Hängematten bekannt. Zum ersten Mal haben unsere Frauen in diesem Jahr an einer internationalen Ausstellung in Santa Cruz, der FexpoCruz, teilgenommen.
Aufs Land fahren
Donnerstags heißt es für mich immer mit dem Padre und Sonia, dem Seminaristen Jhonny und einigen Jungs aus der Gitarrengruppe raus aufs Land zu fahren. Wir fahren durch Wälder, die mich schon etwas an Urwald erinnern. Die Wege gleichen manchmal einem Trampelpfad. Es ist toll, mit den “chicos” hinten auf der Ladefläche des Pickup zu sitzen, ihren Gitarrenklängen zu lauschen, die Natur zu betrachten, gemeinsam zu lachen. Letzten Donnerstag habe ich zum ersten Mal die Affen gesehen, deren Schreie ich vorher immer nur gehört habe.
An diesen Donnerstagen besuchen wir unterschiedliche Gemeinden, feiern mit ihnen Gottesdienst und treffen uns mit den Frauengruppen. Erkundigen uns nach ihrer Arbeit, schauen ob wir Hilfestellungen leisten können und bringen ihnen neues Material aus Santa Cruz mit.
Donnerstage sind meine Lieblingstage hier. Ich liebe es mit den Menschen in den Dörfern zu sein. Deshalb bin ich hier. Das wünsche ich mir. Am Anfang habe ich San Ramón für ein Dorf gehalten – mittlerweile habe ich erkannt, dass es bei dem Wort “Dorf” viele verschiedene Abstufungen gibt. Einige Dörfer zählen nicht mehr als 7 Häuser, eine Schule, eine Kirche. Die Häuser, aus Lehm und Holz gebaut, mit Bananenblättern als Dach, keine Fenster, keine Türen. Die Schule, ein Klassenraum für alle Kinder. Die Kirche, oft von außen kaum als Kirche zu erkennen.
Doch was ich in diesen Gemeinden erlebe, berührt mich. Ich denke an San Pedro, an Vib, an Miraflores. Die Herzlichkeit der Menschen, wenn sie uns begrüßen, wenn sie meine Hand drücken, wenn die Kinder lachen … Mein Gefühl, wenn ich den Menschen in die Augen schaue, wenn ich ihre Freude spüre… Und ich spüre, dass sie im Herzen reich sein müssen.
Doch sehe ich auch ihre materielle Armut. Und die Ungerechtigkeit in dieser
Welt… In Miraflores haben wir letzten Donnerstag eine kleine Weihnachtsaktion vorbereitet. Wir haben den Kindern einige Süßigkeiten und etwas Spielzeug, dem ganzen Dorf Kleidung, die wir hier gesammelt hatten, mitgebracht. Die Menschen in Miraflores haben uns mit “chicha” – einem Getränk aus Mais – empfangen. So haben wir Gemeinschaft gespürt und miteinander geteilt. So muss Weihnachten sein.
Und wenn ich all das hier erlebe, dann frage ich mich noch dringender: Was brauche ich wirklich für ein erfülltes Leben? Oder vielleicht eher, was brauche ich alles nicht?
Welche Werte sind mir wirklich wichtig und von welchen sagt mir die Gesellschaft, das sie wichtig sind?
Und auch: Welche Möglichkeiten haben diese Menschen hier? Was sind ihre Perspektiven?
Bürotage
Neben diesen Tagen, wo wir aufs Land fahren, Workshops für verschiedene Gruppen halten, gibt es auch Tage im Büro. An diesen Tagen gibt es für mich nicht viel zu tun. Und an diesen Tagen habe ich vor allem kaum Kontakt zu den Menschen hier, obwohl doch das genau das ist, was ich mir so wünsche. Die letzte Zeit ist das zu oft so gewesen und das hat mich nachdenklich und auch etwas unzufrieden gemacht.
Und immer wieder die Frage: Was kann und will ich hier in meinem Jahr erreichen?
Dann merke ich immer, dass ich noch auf der Suche nach meinem Platz hier bin, dass ich noch nicht alle Puzzlestücke gefunden habe. Und mittlerweile – auch wenn ich es erst nicht wahrhaben wollte – glaube ich auch, dass dieser Prozess seine Zeit braucht. Ich muss mich erst eingewöhnen, das Leben der Menschen hier ein bisschen verstehen lernen, erkennen, wo sie vielleicht Unterstützung benötigen und dann überlegen, wo ich mich mit meinen Fähigkeiten am besten einbringen kann.
Ich liebe die Kinder hier, spiele und lache so gerne gemeinsam mit ihnen, erzähle mit ihnen, erfahre von ihren Wünschen und Träumen, aber auch von ihren Sorgen und Ängsten. Und ich sehe, dass hier auch Kindererziehung ganz anders ist als ich es kenne. Spüre, dass ich mich vielleicht hier mit meinen Ideen und Erfahrungen und vor allem meiner Liebe zu diesen Kindern einbringen kann. Und so habe ich im November abgeklärt, dass ich ab Ende der großen Sommerferien hier – also Anfang Februar – mit im Kindergarten helfen werde. Ich glaube, dass in dieser Arbeit, ein Puzzlestück dafür liegen könnte, was mir noch fehlt um sagen zu können: Ich habe meinen Platz hier gefunden!
Ich liebe es hier im Fluss zu schwimmen, und mit den Kindern, von denen kaum einer schwimmen kann, rumzutoben, einfach ein bisschen Gitarre zu üben, mit den Menschen hier zu erzählen und dabei von ihnen, von ihrer Kultur und diesem Land mehr zu lernen, in der Hängematte zu liegen und zu lesen, mit den Kindern aus meiner Straße Fußball oder Fangen zu spielen und mit ihnen zu plaudern, auf der Plaza zu sitzen, Abends mit meinen Arbeitskolleginnen auf der Dachterrasse zu sitzen und über das nächtliche San Ramón zu schauen, mit den chicos aus der Gitarrengruppe rumalbern.
Und ich bin dankbar, fuer jede Erfahrung, die ich hier machen darf. Ich erlebe hier jeden Tag etwas Neues, staune, lerne, lache und weine und spuere jeden Tag, was mir dieses – mein Jahr Bolivien – bedeutet.
Kinder von Miraflores
