Bolivien: 1. Rundbrief von Carina Grundmann

19. Januar 2009 von carina.grundmann

Liebe Freunde, liebe Förderer, liebe Mama und Oma!

Nun sitze ich hier in Cochabamba, möchte meinen ersten Rundbrief an euch schreiben und stelle fest, dass ich einfach nicht weiß, wie es mir gelingen soll, all das was ich erlebt, erfahren, gefühlt habe in Worte zu fassen…

Gemeinsam mit neun anderen SoFiA-Freiwilligen, die ebenfalls ein Jahr in Bolivien verbringen werden, beginnt dann am 29. Juli 2008 meine große Reise. Meine Befürchtungen, ob wir alle ein Touristenvisum ausgestellt bekommen, ob das gesamte Gepäck angekommen ist und ob auch irgendjemand da ist, der uns abholt, stellen sich allesamt als völlig unbegründet heraus. Und es ist nicht nur einer da, der uns abholt – es ist gleich eine ganze Gruppe von sicher mehr als 20 Personen, die uns mit Plakaten, Bannern und herrlichen Umarmungen und Küssen willkommen heißen. Es ist überwältigend und zum ersten Mal in Bolivien habe ich Tränen in den Augen…

Einführungszeit in La Paz

Während dem Flug nach La Paz staune ich über den Ausblick aus dem Flugzeug. Die Kordilleren der Anden, die kleinen Bergseen, der blaue Himmel mit einigen dahin gepusteten Wolken… Ich kann es kaum glauben, dass ich mich tatsächlich im Flugzeug über Bolivien befinde. Und mitten in meiner Faszination höre ich die Ankündigung bald in La Paz zu landen. Ich frage mich, wie denn mitten in den Anden ein Flughafen sein kann und bin noch einmal mehr gespannt auf die Stadt, von der ich schon so viel gehört habe!

Als ich aus dem Flugzeug steige und wenig später meinen großen Trekkingrucksack vom Gepäckband nehme und aufsetze, spüre ich, dass die Luft hier auf über 4.000 m doch um einiges dünner ist, als ich es gewohnt bin. Ich fühle mich nach wenigen Schritten wie nach einem Dauerlauf und bin froh, als ich dann im Auto von Pater Mario sitze, der mich mit Lilly in unsere gemeinsame Gastfamilie bringt.

Und auch die Aussicht bei der Autofahrt vom Flughafen in El Alto runter nach La Paz ist wieder einfach nur unglaublich… Ich staune, als ich zum ersten Mal einen Blick über ganz La Paz erhasche.

La Paz ist eine ganz und gar faszinierende und einmalige Stadt, die ich sehr zu lieben gelernt habe. Sie liegt in einem Talkessel der Anden auf 3.600 – 3.800 Höhe. Während sich in anderen Großstädten die reicheren Familien der Aussicht wegen möglichst hochgelegene Wohnungen und Häuser suchen, so sind es in La Paz die armen Menschen, die diese Aussicht genießen können. Denn je höher du wohnst, desto kälter wird es. Vor allem nachts ist es ohne Heizung, die es in Bolivien nicht gibt, oder die zumindest in keinem Haus üblich ist, oft frostig kalt und das Thermometer sinkt bis unter Null. Die riesige Stadt, El Alto (knapp 4.000 m), die mittlerweile fast eine Million Einwohner zählt, liegt in der Hochebene, im Altiplano, und geht nahezu übergangslos in die im Talkessel liegende Stadt La Paz über.

Während Sucre bolivianische Hauptstadt ist, befindet sich in La Paz der Regierungssitz des Landes. Die Botschaften und die meisten der anderen wichtigen Institutionen haben ebenfalls ihren Sitz hier. Mit seinen vielen modernen Hochhäusern, vor allem im Zentrum, erinnert mich La Paz manchmal eher an eine europäische denn südamerikanische Großstadt.

Es sind die Schuhputzkinder an jeder Ecke, die mir bewusst machen, dass es doch keine europäische Großstadt ist.

Es sind die vielen kleinen Straßenstände, an denen du von Obst über Batterien und Bücher bis hin zu Zahnpasta einfach alles kaufen kannst, der unglaubliche Verkehr (Rom ist hier echt harmlos…) und die viel zu vielen Abgasen. Die vielen Straßenhunde, die Häuser mit Wellblechdach in den Seitenstraßen, das Gehupe.

Es sind die Micro- und Minibusse mit den Menschen, die in der offenen Tür stehend oder aus dem Fenster gelehnt das Fahrtziel durchrufen, der Geruch von salteñas, der Anblick der cholitas, die Wahlsprüche für Evo Morales…

Trotz der vielen neuen Eindrücke habe ich mich ziemlich schnell in La Paz eingelebt und wohl gefühlt.

In meiner Gastfamilie durfte ich die bolivianische Gastfreundschaft und Lebensfreude kennenlernen. Ich habe zusammen mit Lilly, einer anderen SoFiA-Freiwilligen, bei Jaime, dem Opa der Familie und seinem Sohn, der ebenfalls Jaime heißt, im Haus gewohnt. Zum Essen sind immer Maria Julia, die Tochter, mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern, Naira (15) und Alejandro (16), dazugekommen. Es war ein frohes, herzliches und immer respektvolles Miteinander und es gefällt mir sehr, wie hier Familie gelebt wird.

Neben den gemeinsamen Stunden beim Essen, haben wir einige Male etwas unternommen. Bereits am ersten Wochenende hat meine Familie mir und Lilly die Stadt und ein touristisches Ziel in der Umgebung, das Valle de la Luna, gezeigt.

Ich bin mit zu Veranstaltungen der Gemeinde und in die Kirche gegangen. Mir ist die Herzlichkeit der Bolivianer auch hier wieder aufgefallen. Ich habe gestaunt über den Zusammenhalt und die Verbundenheit, die ich in der Gemeinde vorgefunden habe.

Ich bin zur großen Geburtstagsfeier von Naira – hier wird der 15. te Geburtstag so groß gefeiert wie bei uns der 18.te – eingeladen worden und es war spannend dabei zu sein. Mir hat es gefallen wie hier jeder mit jedem tanzt – der Pastor mit der Nachbarin, der Opi mit dem jungen Mädel. Aber vor allem hat mir der Brauch „das Morden der Geburtstagstorte“ gefallen. Das Geburtstagskind muss sein Gesicht in die Torte, die natürlich aus ganz viel Sahne besteht, stecken – dabei gibt es immer ganz tolle Fotos!

Cochabamba

Cochabamba ist so ganz anders als La Paz. Es ist viel wärmer hier (T-Shirt und Top-Wetter), es gibt viel weniger Hochhäuser und du brauchst vor allem beim Überqueren der Straßen keine Angst zu haben, die Autofahrer würden nicht wissen, dass Autos auch eine Bremse haben. Ich wohne hier mit Christian, einem anderen Freiwilligen, im Pfadfinderhaus, wo er auch arbeiten wird. Seine Vorgängerin, die um ein halbes Jahr ihren Dienst verlängert hat, hat uns einiges in der Stadt gezeigt (so zum Beispiel die größte Cristo-Statue der Welt, die hier in Cochabamba und nicht in Rio steht).

Heute ist jedoch auch schon mein letzter Tag hier. Ich werde heute Abend nach Santa Cruz fliegen und dann endlich in mein Projekt nach San Ramon reisen. Ich bin schon sehr gespannt, wie es mir in dem kleinen 5.000-Seelen-Dorf gefallen wird, was ich dort für Menschen begegne, wie genau mein Arbeitsablauf sein wird … Ich freue mich schon sehr darauf, endlich meinen großen Rucksack endgültig auspacken und mein Zimmer gemütlich (mit ganz vielen Fotos von euch allen!) einrichten zu können.

Es ist ein ungewohntes Gefühl, so oft Abschied zu nehmen. Zuallererst von Deutschland, dann von La Paz, wo ich mich so wohl gefühlt habe, jetzt von Cochabamba und nun wieder aufzubrechen ins Neue, ins Ungewisse. Aber gleichzeitig ist es so spannend, ich erlebe so viel, ich lerne so viel Neues, ich mache so unglaubliche Begegnungen und ich bin momentan einfach nur dankbar, dass ich die Möglichkeit geboten bekommen habe, diesen Schritt zu wagen. An dieser Stelle noch einmal einen herzlichen Dank an alle diejenige, die mich in diesem Jahr finanziell und ideell unterstützen!

Zwei Begegnungen

Zum Schluss, möchte ich euch von zwei Begegnungen berichten, die mir sehr wichtig sind und die ich wohl so schnell nicht vergessen werde.

Ich gehe in La Paz in die Touri-Straße, setze mich dort hin und beginne Tagebuch zu schreiben. Ich gehe nicht dorthin, weil ich mich als Tourist fühle. Es ist die Atmosphäre dort, es sind die Menschen, die mich so anziehen. Die Straßenhändler mit ihrem Schmuck auf den ausgebreiteten Decken… Sie haben so eine Ausstrahlung, die mich fasziniert und gefangen nimmt. Ich fühle mich wohl. Ich habe das Gefühl, das sind Menschen, die jeden Tag versuchen SICH selbst ein Stückchen mehr zu verwirklichen und denen das ziemlich gut gelingt.

Ich sitze dort und schreibe Tagebuch, als mich plötzlich eine Frau anspricht. Wir erzählen etwas miteinander. Ich erfahre, dass sie in Kolumbien geboren ist und dort in den selvas gemeinsam mit ihrem Mann für die Rechte der Kinder gekämpft hat. Dort sei nun Krieg ausgebrochen und sie seien geflohen. Ihre Reise finanzieren sie sich mit Schmuckverkauf und bald möchte sie weiter nach Argentinien, wo sie in etwa zwei Monaten ihr Kind (wahrscheinlich ein Junge) zur Welt bringen möchte. Diese Frau hat mich sehr fasziniert. Sie hat mich nach meinem Geburtsdatum gefragt und hat mir dann – nach einem Kalender der indigenas – einiges über mich selber erzählt und ich habe gestaunt, wie viel davon gestimmt hat.

Die andere Begegnung, von der ich euch erzählen möchte, war hier in Cochabamba. Ich habe auf einer kleinen Plaza gesessen und das Leben genossen. Da ist ein Junge, Juan Pablo auf mich zugekommen, hat mir die Hand gereicht und angefangen sich mit mir zu unterhalten. Und irgendwann fragt er mich nach Geld, er hat Hunger sagt er. Und ich sehe ihm in die Augen und spüre wieder diesen Gewissenskonflikt in mir. Einerseits möchte ich ihm etwas Geld geben, andererseits weiß ich nicht ob ich ihm damit helfe. Viel zu oft betteln die Kinder hier um Geld und kaufen sich dann anstatt etwas zu essen, Drogen oder Schnüffelzeug. Doch Juan Pablo sagt mir er hat Hunger – und das ist etwas, das kann ich nicht aushalten. Also raffe ich mich auf und vergesse mein Misstrauen, das ich einfach nicht ganz ablegen kann (es wird hier so oft von Kindern erzählt, die dich beklauen und ich habe es auch bei einem anderen Freiwilligen schon selbst im Bus miterlebt…). Ich gehe mit ihm und möchte ihm etwas Obst kaufen, doch Juan Pablo will kein Obst, er will Hühnchen. Also begleite ich ihn. Als nach einiger Zeit der Hühnchenstand von dem er spricht, immer noch nicht in Sicht ist, und in der Straße einige Menschen auftauchen, die auf mich einen seltsamen Eindruck machen, beschließe ich, ihm das Geld zu geben und mich selbst auf den Rückweg zu machen. Und ich hoffe einfach nur, dass er sich tatsächlich von meinem Geld Hühnchen gekauft hat …

Das sind zwei der Begegnungen, für die ich so dankbar bin. Das sind Begegnungen, wie ich sie mir hier in Bolivien wünsche, die mich erfüllen und die mich spüren lassen „hier bin ich richtig“.

Ich wünsche euch allen – wo auch immer ihr euch gerade befinden mögt – auch von diesem Gefühl zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Ich wünsche euch eine gute Zeit!

Bis bald, eure Carina

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