Mein zweiter Rundbrief – Tobias Helbing
29. Januar 2009 von tobias.helbingRundbrief II
Hallo ihr alle,
in den letzten beiden Monaten ist viel passiert und, um nicht viel Zeit zu verschwenden, fange ich doch einfach mal direkt mit meiner Arbeit an:
Lenka ist weg. Wer sich nicht erinnert: Lenka war diejenige, welche in dem Sekretariat arbeitete und mir am Anfang, obwohl es eigentlich nicht ihre Aufgabe war (!!), mit am meisten geholfen hat. Zuletzt half sie mir ganz spontan bei meinem ersten Friseurbesuch in er Slowakei, vor dem ich mich schon vor der Abreise in die Slowakei gefürchtet hatte
. Aber mit den Übersetzungskünsten von Lenka und einem Bild von mir, wie es denn am Ende aussehen soll, muss ich sagen, ist es doch ganz gut gelungen und ich bin zufrieden mit meinen Haaren. Das einzige, womit ich wohl so richtig pingelig sein kann. Aber ich schweife ab. Lenka ist also weg. Wir haben noch Kontakt per Email, aber ich vermisse es schon ein bisschen mit ihr Deutsch zu sprechen. Ich habe mit ihr ausschließlich Deutsch gesprochen, da sie ihres verbessern wollte. Sie wurde sogar immer ein bisschen böse wenn ich mit meinen wenigen Slowakischkenntnissen angefangen habe. Es war schon lustig.
Die Studenten, die ihr Praktikum bei uns gemacht haben, sind leider auch weg. Ich habe aber noch viel Kontakt mit ihnen, dazu später aber mehr. Es ist nur schade, dass ich jetzt nicht mehr mit Leuten in meinem Alter zusammenarbeiten kann. Immer ein paar Jugendliche um sich rum zu haben hat schon Spaß gemacht. Aber mit meinen sonstigen Kolleginnen verstehe ich mich sonst sehr gut, ist also gut zu verkraften
Mein Alltag
Mein Arbeitstag beginnt um 7 Uhr mit Frühstück machen – für die Klienten und für mich selbst. Die meisten frühstücken auf ihren Zimmern. Während also die Kolleginnen die kleinen vorbereiteten Tabletts zu den Zimmern bringen ziehe ich los um die bettlegerischen Klienten zu versorgen. Nachdem alles vom Frühstück weggespült wurde (zum Glück mit Spülmaschiene) mache ich mich daran die so genannte “Desiata” vorzubereiten. Diese gibt es so zwischen 9/9.30Uhr. Das klingt jetzt schon mal alles sehr monoton und langweilig. Aber keine Sorge. Zwischendurch bleibt immer wieder Zeit sich mit den Klienten zu unterhalten, Witze mit ihnen zu machen und natürlich auch ein bisschen mit den Kolleginnen rumzublödeln. Bis zum Mittagessen gibt es dann die verschiedensten Arbeiten die anfallen können. Angefangen bei kleineren Sachen wie zur Apotheke gehen bis hin zu Arztbesuchen mit den Klienten in den umliegenden Krankenhäusern. Das mache ich durchaus auch allein; es funktioniert schon ganz gut. Oder braucht wieder irgendjemand bei irgendetwas Hilfe bin ich natürlich auch direkt zur Stelle!
Gegen 12 wird zu Mittag gegessen. Nachdem ich geholfen habe, alle in den Speiseraum zu bringen, begebe ich mich, wie schon beim Frühstück, zu den bettlegerischen Klienten. Um den anderen Klienten kümmern sich die Kolleginnen. Sind dann alle versorgt und wieder auf ihren Zimmern haben wir unsere Mittagspause. Stören kann uns dabei eigentlich nur wenig, z.B. unsere Alzheimerpatientin, die dann immer gerne herumläuft und Dinge verstellt oder dort hingehen will, wo sie nicht hingehen soll. Aber mit dem “falte-doch-mal-bitte-diesen-Haufen-Handtücher” Trick kann man sie gut über die Mittagspause beschäftigen. So ca. um 14 Uhr begann dann bisher immer der etwas langweiligere Teil des Tages, da es nur selten etwas zu tun gab für mich. Aber das kommt mittlerweile immer seltener vor. Es wird also dies und das erledigt bis ich um 15/15.30 nach Hause gehe. Wobei ich sagen muss, dass ich es jetzt auch für mich entdeckt habe noch etwas länger zu bleiben, dann noch weiter bei der Arbeit mithelfe oder mich einfach mit meinem Laptop ins Internet wähle. Etwas vom Abendessen kann ich dann meistens auch noch abstauben, was ich ebenfalls nicht schlecht finde.
Weitere Aufgaben
Vor kurzem habe ich die Aufgabe bekommen etwas kreative Arbeiten mit den Klienten im Altenheim zu beginnen. Zum Beispiel basteln oder Spiele spielen usw. Vielleicht auch einfach nur zu unterhalten. Der Sinn dahinter ist, neben der Tatsache, dass einem nicht langweilig wird, dass man dadurch dafür sorgen kann dass es den Klienten, die sich von ihrer Familie verlassen oder ausgestoßen fühlen könnten, wieder besser geht. Es sagt mir sehr zu, wenn ich dabei helfen kann. Ich bin mich allerdings gerade noch am eingewöhnen. So von einem Tag auf den anderen selbständig kreativ und spontan mit alten Menschen arbeiten kann ich halt nicht. Aber ich denke ich kann mir hierfür Hilfe bei Blanka holen. Sie ist für genau eben diese Arbeit bei uns zuständig, aber nicht jeden Tag da. Mit ihr werde ich, so vermute ich bisher mal, teils zusammen arbeiten. Mal sehen wie es sich einspielt. Das Ganze ist neben meiner anderen Arbeit auch zeitlich nicht so einfach unterzukriegen.
Im November wurde mir dann auch noch eine weitere Aufgabe ausserhalb des Altenheims zugeteilt. Immer montags soll ich in Samaria Deutschunterricht geben. Samaria ist die Tagesstätte für die geistig behinderten Jugendlichen. So wurde es mir jedenfalls am Anfang immer erklärt. Aber schon bei meinem Vorbesuch konnte ich herausfinden, dass es eher psychische Dinge sind, die die Klienten im Alter zwischen 20 und 30 belasten.
Wie es bei mir bisher fast immer der Fall war, bin ich mit der “wird schon irgendwie werden – Einstellung“ in diese Arbeit gestartet. Nachdem ich aber dann drei Montage unterrichtet hatte, hat mir diese Aufgabe dann doch einmal den Anreiz dafür gegeben mir ausführlicher darüber Gedanken zu machen. Im Altenheim entwickelt sich ja alles so weit ganz gut. Sozialarbeit nach meinen Vorstellungen. Aber die Arbeit in Samaria hat in mir einige Fragen hervorgerufen. Zum einen war der von mir geführte Unterricht einfach schlecht, was daran liegt das ich keine Ahnung davon habe. Das musste sich also schon einmal ändern. Meiner Meinung nach viel wichtiger aber war, dass ich gar nicht so richtig wusste, an welcher Krankheit denn die Klienten jetzt wirklich leiden. Und welchen therapeutischen Sinn der Unterricht haben sollte wurde mir auch nicht klar. Also habe ich das Gespräch mit meiner Mentorin, der Direktorin Frau Dr. Rašlova (dürfte ja mittlerweile jedem bekannt sein), gesucht. Sie konnte mir erklären, dass die Klienten an so was wie Schizophrenie (falls man das wirklich so nennt – ich weiß es nicht!) leiden. Das heisst sie haben Probleme mit dem Kontakt bzw. der Kommunikation zu anderen Menschen und hören Stimmen in ihren Köpfen. In Samaria wird dann durch verschiedene Aufgaben und Aktionen (wie z.B. eben mein Unterricht) angeregt, dass die Klienten den Kontakt zu anderen suchen “müssen“, um sich mit ihnen auszutauschen.
Ausserdem mussten diese Menschen alle paar Jahre immer in eine Psychiatrie, wo an ihnen Elektroschocktherapien durchgeführt, und sie unter starke Medikamente gesetzt wurden. Durch Samaria konnte bisher schon erreicht werden, dass die Klienten seit mehreren Jahren nicht mehr in die Psychiatrie mussten. Mein Unterricht würde also dabei helfen eben genau diesen Erfolg weiter auszubauen. Ich persönlich finde das super!!
Frau Rašlova hat mich mit Dieter, ein Deutscher der in der Slowakei Deutschunterricht gibt, bekannt gemacht. Bei ihm habe ich mir wertvolle Tipps für den Unterricht holen können und ein neues Lehrbuch haben wir auch schon besorgt. Ich bin zuversichtlich, dass sich jetzt einiges verbessern wird. Die ersten neuen Unterrichtsstunden waren zwar schwer, aber gaben mir ein eindeutig besseres Gefühl als die davor. Ein schönes Gefühl.
Zurück im Altenheim
In Samaria bin ich wegen meiner bisher doch kurzen und selteneren Einsatzzeit noch in der Kennenlernphase mit den Kolleginnen und Klienten. Im Altenheim sieht es da schon ganz anders aus. Um kurz aus meinem ersten Rundbrief zu zitieren: „Ich bin gerade dabei meine eigene Umgangsweise mit den Klienten und meinen „Rhythmus“ mit der Arbeit zu finden…“ . Mittlerweile weiß ich, wie ich mit welchen Klienten umzugehen habe. Mit welchen ich z.B. welche Witze machen und bei wem ich auch mal ein klein wenig böse werden kann, ohne dass ich Angst haben muss, den Menschen jetzt beleidigt zu haben. Wie ich bereits geschrieben habe ist es mir auch mit meinen Sprachkenntnissen schon möglich mit den Klienten kleinere Unterhaltungen auf Slowakisch zu führen, was teilweise richtig Spaß macht. Viel verstehe ich zwar noch nicht, aber das Nötigste. Genau so ist es bei den Kolleginnen. Sie müssen zwar noch sehr viel zweimal erklären, aber es wird immer besser.
Für sie alle bin ich der “Sohn” und der “liebe Engel”
. Das einzige was mich an der Sohn – Sache stört sind z.B. Sachen wie: ständig in den Haaren rumwuscheln wollen, Küsschen auf die Backe geben, an die Hand nehmen wollen (ich mein – geht’s noch??) usw. Da ist mir meine richtige Mutter in Deutschland schon noch um einiges lieber
Aber ich konnte schnell klar machen, wie weit sie gehen dürfen. Ist ja alles auch nur Spaß! Das Arbeitsklima sonst ist super. Viel Rumblödlerei ist angesagt. Zusammen mit meinen im Moment ganz gut geregelten Tagesablauf kann man also auch sagen: Mein “Rhythmus” bei der Arbeit ist gefunden! Nur eine Sache würde ich gerne erwähnen, die mir aufgefallen ist und mir nicht gefallen hat: Und zwar betrifft es die Sache, als meine Kollegin Zuzka mir irgendwann angefangen hat das Gefühl zu geben, ich sei ihr unsympathisch. Da komme ich z.B. morgens zur Arbeit, sage fröhlich guten Morgen und bekomme nur ein knappes „Hallo“ erwidert wobei sie mich noch nicht einmal anguckt. Es hat also keinen Spaß gemacht mit ihr zu arbeiten. Ich habe Boženka, die Oberschwester, auch einmal darauf angesprochen. Ihre Antwort darauf war, dass dies normal sei, ich sollte mir keine Sorgen machen. Zuzka würde mich mögen, sie sei halt nur eine Roma, die wären so drauf. Also ich komme sonst wirklich super mit Boženka klar, aber so wie sie das damals gesagt hatte kam es schon schwer gemein rüber. Ich habe also selbst versucht herauszufinden, wie ich denn ein freundschaftlicheres Verhältnis zu Zuzka aufbauen kann. Und hatte Erfolg. Im Moment sprechen wir mehr miteinander und machen auch unsere Witze usw. Ich muss zugeben sie hat manchmal schon eine etwas gewöhnungsbedürftigere Art, aber damit konnte ich mich mittlerweile anfreunden.
Der letzte Abschnitt in Bezug auf meine Arbeit schildert jetzt wohl die intensivste Erfahrung, die ich bisher hier machen durfte..
Mittagessen. Mittlerweile Routine, ganz allein bei den bettlegerischen Klienten, um sie zu füttern. Mit der Klientin, bei der ich jetzt bin, gab es bisher nie Probleme. „Sie isst gut“, hätte eine Kollegin jetzt gesagt.
Mit ihrer rechten Hand reibt sie ununterbrochen über die Bettkante, sodass der gesamte Arm ständig in Bewegung ist. Ich verstehe zwar nicht, wieso sie das macht, lasse mich davon aber auch nicht weiter stören. Mit ihr zu reden ist schwer. Viel spricht die Frau nicht. Aber einen guten Tag kann man ihr wünschen und wie es ihr geht bekommt man auch aus ihr raus. Viel mehr kann ich eh noch nicht auf Slowakisch fragen.
Nach jedem Löffel den ich ihr gebe hustet sie. Das ist normal, da muss ich einfach nur ein bisschen abwarten und weiter geht’s. Mit einem Mal allerdings ändert sich etwas. Sie hustet schlimmer und ihre Atmung hört sich irgendwie anders an. Soft schießt mir durch den Kopf: „Jetzt erstick mir hier bitte nicht!!“. Aber ich schiebe das direkt auf eine Erkältung zurück, die sie in den letzten Tagen hatte, und gebe ihr einen weitern Löffel , aber es hört nicht auf. Ich bekomme ein klein wenig Panik. Ich rede auf die Frau ein, dass sie sich bitte wieder beruhigen soll, stelle dann fest dass ihr die Farbe etwas aus dem Gesicht weicht und weiss erst einmal nicht was ich machen soll. Ich warte ein bisschen und als ich denke sie ist wieder ruhiger gebe ich ihr einen weiteren Löffel den sie hustend runter schluckt. Das reicht mir. Ich höre erst einmal auf mit dem Füttern. Sie atmet seltsam, hustet wie blöd und wird blass. Dann fällt der Arm, welcher sonst immer in Bewegung ist, schlaff hinunter. Ab jetzt verstehe ich gar nicht mehr was passiert. Ich schaue einfach nur zu. Ihre restlichen Bewegungen verlangsamen sich, dann bewegt sie sich gar nicht mehr. Ich suche mit meinen Fingern nach der Pulsader am Hals, fühle rein gar nichts und denke dass ich einfach nur falsch gefasst habe. Ich spreche die Frau mit ihren Namen an. Erst nichts. Dann atmet sie mit einem Mal wieder auf. Fast so als würde sie nach Luft schnappen nachdem sie sie eine zeitlang angehalten hatte. „Super“, denke ich, „dann kann es ja weiter gehen“. Nichts da. Beim Aufatmen bleibt es. Jetzt macht sie wirklich überhaupt rein gar nichts mehr. Da ich keine Ahnung habe, warum und was ich jetzt machen soll suche ich die Oberschwester auf. Ihr erzähle ich nur dass die Klientin nichts mehr isst und ich nicht weiss warum. Direkt kommt von ihr: „Nun vielleicht ist sie tot“. Woraufhin ich antworte: „BITTE NICHT!“.
Wir gehen zum Zimmer. Die Oberschwester sieht nur auf die Klientin runter, stupst sie kurz an und sagt dann wie selbstverständlich: „ Ja… ja sie ist tot“. Erst jetzt kapiere ich was eben passiert ist und wobei ich da zugeschaut habe. Ich schlage die Hände über Kopf zusammen. „OH SHIT“.
Wir gehen aus dem Zimmer und die Oberschwester meint nur: „Nun, das ist das Leben!“, und zuckt dabei so mit den Schultern, als würde sie so etwas jeden Tag erleben und es von daher nichts Besonderes für sie ist. Ich ordne dann erst mal meine Gedanken während ich mich auf den Weg mache den nächsten Klienten zu füttern. Ich wundere mich: Diese Frau ist gestorben während ich sie gefüttert habe, ich habe ihr dabei zugesehen und es noch nicht einmal kapiert! Und dennoch; ich denke mir rein gar nichts dabei. Weder bin ich betroffen, noch schießen mir Gedanken wie: „Scheisse du hast sie umgebracht!!“, oder ähnliches durch den Kopf.
Ich bin dabei, als die Oberschwester in der Küche den beiden anderen Schwestern erzählt was passiert ist. Direkt werden Witze gemacht von wegen ich hätte sie umgebracht (so hatte ich das jedenfalls von der Gestik her verstanden).
Ich bin dabei, als die Oberschwester und eine weitere Schwester noch einmal ins Zimmer gehen, die Augen der toten Klienten schließen, mit einem Edding das Geburtsjahr und das Todesdatum auf das Bein schreiben und sie schließlich zudecken. Ich empfinde während der ganzen Zeit nichts. Wieder wundere ich mich, aber es scheint auch für mich direkt eine Art Routine zu sein, die aber eigentlich gar nicht vorhanden sein dürfte. Sie ist halt eben tot.
Auch als ich die Angehörige weinen sehe…nichts!
Das Einzige, was dann doch aufkommt, ist die Frage (nicht der Vorwurf – so komisch es auch klingt), ob ich in irgendeiner Weise an dem Tod dieser Frau Schuld trage. Ich spreche die Direktorin darauf an. Aber sie meint nur, dass ich mir da keine Gedanken drüber zu machen brauche, und das mache ich tatsächlich nicht. Später höre ich mich selbst wie ich meinen Freunden erzähle: „Ich habe auch schon meine erste Klientin umgebracht….“
Menschen gehen manchmal auf eine seltsame Weise mit dem Tod um.
Generell muss ich sagen ist es merkwürdig für mich wie hier mit dem Tod umgegangen wird. Es ist schwer zu erklären. Ich wundere mich, warum die Kolleginnen anscheinend so locker damit umgehen, ich wundere mich, wie wenig es mich selbst zu betreffen scheint. Mir wurde bereits der Tipp gegeben, dass ich damit ruhig mal zu Fr. Rašlova gehen und sie darauf ansprechen soll. Das habe ich auch vor, allerdings ohne in irgendeiner Weise eine von meinen Kolleginnen anschwärzen zu wollen oder ähnliches.
Mama, du arbeitest in einem Krankenhaus und es sterben dort ebenfalls Patienten. Vielleicht kannst du mir sagen wie das bei euch ist?
Peter und Ute, danke für die Telefonate die ich deswegen schon mit euch geführt habe und die mir geholfen haben.
Ich würde mich sehr freuen noch weitere Meinungen dazu zu hören und würde daher jeden der möchte gerne ebenfalls auf eine Rückmeldung hierzu anregen!
Meine Freizeit
Kommen wir nun zu meiner Freizeitgestaltung hier. Um wieder auf meinen letzten Rundbrief zu sprechen zu kommen: In dem habe ich geschrieben, dass ich noch nicht so viel Kontakt zu anderen Jugendlichen habe. Jetzt ist es genau umgekehrt.
Bereits am Anfang erwähnt wurden die Studenten, die ich kennen gelernt habe, als sie ein Praktikum bei uns im Altenheim gemacht hatten: Lenka, Janka, Rast´o und Lukaš. Wir treffen uns seit dem Praktikum immer wieder mal, gehen was zusammen trinken, ab und zu mal in die Kirche usw. Bei diesen Gelegenheiten konnte ich auch noch weitere Mitstudenten kennen lernen (z.B. Maria, Monika, Martin und wie sie alle heißen).
Gehen wir weiter zu der Jungengruppe, die ich ebenfalls schon einmal im letzten Rundbrief angesprochen habe, und welcher ich beigetreten bin: ANEM. Um kurz den Namen zu erklären und die Gruppe vorzustellen: ANEM steht für Anglicko – Nemecko / England – Deutschland. Kurz gesagt wird von der Gruppe einmal im Jahr ein Sommerlager für Jugendliche veranstaltet, in dem Deutsch unterrichtet wird und zusammen der gemeinsame Glauben neu erlebt wird. Ob ich nächstes Jahr bei dem Lager dabei sein kann, eingeladen wurde ich schon, ist leider noch schwer zu sagen, da es sich mit dem Ende meines Freiwilligenjahres kreuzen könnte. Aber weiter im Text.
Jeden Freitag trifft sich die Gruppe zur Gebetsrunde. Nachdem also erst ein bisschen geplaudert wird, beten und singen wir anschliessend gemeinsam. Dabei bekommt jeder die Möglichkeit Gott / Jesus für etwas danken, oder um etwas zu bitten. Danach wird meistens noch etwas zusammen unternommen. Vielleicht geht man in ein Restaurant, in ein Pub, zu einer sonstigen Veranstaltung, die gerade stattfindet, oder man guckt sich einfach auch mal nur gemütlich einen Film zusammen an.
Gleich bei dem ersten Treffen haben mir Janko, Luba, Katka, Mario, Kika, Monika, Marek, Zuzka, Mato, Andrea, Heidi, Natalie und wie sie alle heißen das Gefühl gegeben, als würde ich bereits schon ewig dazu gehören. Es war toll
Als ich dann eingeladen wurde gegen Ende Oktober über ein Wochenende mit nach Terchová (ein wunderschönes Dorf im Norden der Slowakei) zu kommen, habe ich direkt zugesagt. An diesem Wochenende waren wir in der herrlichen Umgebung von Terchova wandern, schwimmen, haben zusammen gebetet und einfach nur jede Menge Spass gehabt. Ich habe auch Johannes aus Wien kennen gelernt, der schon seit einiger Zeit der ANEM – Gruppe angehört und auch recht gut slowakisch spricht. Er war auch der Anlass für die Gruppe vor kurzen einmal für einen Abend nach Österreich zu fahren, um seine neue Wohnung in Augenschein zu nehmen. Ich muss sagen es ist schon interessant wenn man mit dem Auto von Bratislava aus nur kurz auf der Autobahn ist und gefühlte 10 Minuten später ist an in Österreich und alles ist wieder auf Deutsch geschrieben und sieht ganz anders aus.
Nach wie vor Kontakt habe ich ebenfalls zu Leuten aus dem Sprachkurs, der hier direkt zu Beginn meines Dienstes stattgefunden hat. Zum einen wären da Dora (meine damalige Lehrerin), Anna und Justus (beides Deutsche, die wie ich eine Zeit in der Slowakei verbringen).
Wir treffen uns zwar nur seltener, aber hin und wieder machen wir dann auch mal bissl Party zusammen. Weiterhin gibt es da noch die beiden Zuzkas. Sie sind zwei Studentinnen deren Aufgabe es war, sich während des Sprachkurses um alles Mögliche zu kümmern. Auch mit ihnen treffe ich mich ab und zu mal, um etwas zu trinken. Dabei habe ich einige ihrer Freundinnen kennengelernt (Katka, Lulu, Maike). Mit ihnen in die Disco zu gehen lehne ich dann aber immer ab. Mit einer von den beiden Zuzkas treffe ich mich im Moment auch regelmäßig. Immer Donnerstags um 18 Uhr zum Slowakischunterricht. Sie studiert nämlich seit 2 oder 3 Jahren ihre eigene Muttersprache als Fremdsprache, so hat sie es mir jedenfalls erklärt, und kennt sich von daher auch ziemlich gut mit der Grammatik aus. Irgendwann hat sie mich dann gefragt, ob sie mir nicht helfen kann, was ich gerne angenommen habe. Sie hatte es allerdings entschieden abgelehnt dass ich sie bezahle, was ich sehr gerne machen würde, da sie schon etwas Arbeit mit mir hat. Aber das ist typisch für Slowaken. Vermutlich hätte ich den Preis aus ihr rausprügeln müssen.
Wen habe ich noch vergessen? Ach so ja natürlich! Meine guten Freunde aus Banska Bystricá und Špania Dolina (Zentralslowakei), die ich ja bereits schon vorher kannte. Einige von ihnen studieren hier in Bratislava, die anderen fahre ich immer wieder gerne übers Wochenende besuchen. Das letzte Mal war ich z.B. wieder in Špania Dolina, in dem Diözesanen Jugendzentrum, zu Besuch, als dort gerade auch ein Animatorkurs stattfand. Während die meisten also in dem Kurs waren konnte ich mich unter anderem einfach nur sehr viel unterhalten, habe beim Kochen geholfen oder einmal auch Schnee geschippt. Da wir dort ca. 30 cm Neuschnee hatten (letztes Jahr waren es sogar 1m) und es nicht aufhören wollte zu schneien, hatten wir einiges zu tun. Aber durch spontane Schneeballschlachten zwischendurch hat es auch eine Menge Spaß gemacht! Natürlich lerne ich auch durch solche Besuche wieder sehr viele, nette junge Menschen kennen. Ich werde jetzt aber gar nicht erst damit anfangen alle Namen aufzuzählen. Es wären einfach zu viele und ich würde vermutlich eh einige vergessen. Lediglich eine von ihnen möchte ich kurz vorstellen: Michaela. Sie studiert in Bratislava Deutsch und hat mich vor kurzem darum gebeten, ob ich ihr nicht etwas helfen kann. Daraus ist entstanden, dass wir uns jetzt jeden Mittwoche für eine Stunde treffen, irgendetwas zusammen unternehmen und uns dabei komplett nur auf Deutsch unterhalten, weil es ihr darum geht einen Deutschen zu hören und selbst Deutsch zu sprechen. Die Grammatik brauche ich ihr dabei zum Glück nicht zu erklären. Die kann sie vermutlich eh um einiges besser als ich.
Durch all diese Bekanntschaften kann ich übrigens auch sagen dass meine Sprachkenntnisse immer besser werden. Unterhaltungen auf Slowakisch führe ich immer häufiger. Wobei es noch am einfachsten ist wenn man auf Slowakisch chattet oder simst, da einem dabei schnell mal ein Wörterbuch helfen kann. Telefonieren oder direkte Gespräche sind da schon schwieriger. Manche verstehe ich besser, manche schlechter. Meistens spreche ich dann auch in einem Mischmasch aus Deutsch und Slowakisch, was auch ganz lustig sein kann. Bei meiner Mitbewohnerin Miška ist es besonders lustig. Wird sie wegen der Abwesenheit der andern beiden Mädchen quasie dazu “gezwungen“ mit mir zu sprechen, meint sie irgendwann, natürlich ironisch, das ich doch bitte endlich einmal richtig Slowakisch lernen soll. Aber auch wenn meine Slowakischkenntnisse immer besser werden, ich war schon froh als mich ein Freund aus Deutschland für ein paar recht amüsante Tage besucht hat und ich mich mit ihm auf Deutsch unterhalten konnte. Ach, Benni, ich würde sagen beim nächsten Mal laden wir die Mädels dazu ein bei uns zu schlafen!
Bevor ich jetzt so langsam mal zum Ende des Briefs komme, möchte ich gerne noch den für mich stärksten Unterschied zu Deutschland ansprechen: Der starke katholische Glaube, mit dem ich besonders durch meine Freunde sehr oft in Verbindung komme. Vermutlich ist es manchen schon aufgefallen wie ich geschrieben habe, dass ich mit manchen von ihnen ab und zu mal in die Kirche gehe oder einmal die Woche eine Gebetsrunde ist. Schon als ich 2007 das erste mal die Slowakei besucht habe war ich schon etwas baff, besonders wie stark doch auch die Jugendlichen in meinem Alter diesen Glauben leben. Mein Vorgänger in der Slowakei erzählte mir dann, dass er das Land nie so empfunden hatte. Darum dachte ich mir eigentlich auch, dass ich in Bratislava weniger auf solche Jugendliche treffen werde. Aber weit gefehlt. Zwar gibt es hier nach meiner Einschätzung genau so viele nichtgläubige wie gläubige Menschen, aber es ist fast so als würde ich die Katholiken magisch anziehen. Fast alle von meinen aktuellen Freunden sind, mal mehr mal weniger, gläubig. Um es einmal etwas besser verständlich zu machen wie ich das denn jetzt genau meine, habe ich mir erlaubt eine kleine Auflistung von Erlebnissen zusammenzustellen, die das ganze etwas verdeutlichen:
- Wie bereits erwähnt treffen sich Jugendliche einmal die Woche um unter anderem Gott / Jesus für etwas zu danken oder um etwas zu bitten.
- Ich werde von einer Freundin wie selbstverständlich gefragt in welche Kirche ich denn am Sonntag gehe. Frag das mal einen Jugendlichen in Deutschland.
- Mit den Studenten und einer Klientin wurde ein paar Mal im Altenheim der Rosenkranz gebetet. Einmal saßen wir sogar mit knapp 10 Jugendlichen bei der Klientin im Zimmer.
- Ein slowakischer Priester zögert mir während einer Messe die hl. Kommunion zu geben da wir uns kennen und er weiß dass ich nicht gläubig bin. Die Hostie verkörpert ja bekanntlich den Leib Christi, den man dann in sich aufnimmt. Das ist für die Slowaken ein sehr viel wichtigerer Moment während der hl. Messe als für uns Deutsche. Jemand der nicht gläubig ist sollte also die Hostie nicht bekommen. Für mich war es in diesem Moment einfach wie selbstverständlich nach vorne zu gehen und die hl. Kommunion zu empfangen.
- Während einer Zugfahrt mit ein paar Freunden wird kurz vor der Ankunft noch einmal der Rosenkranz gebetet.
- Ich lerne ein Mädchen kennen, die mir erzählt, wie sie die Bibel gelesen hatte und darin Antworten für ihr ganzes Leben fand, wie sie später die Liebe Gottes spüren konnte und diese jetzt auch an andere weiter geben will. Sie ist auch die erste die mir zur Verabschiedung mit den Worten „Gott segne dich“ ein Kreuzeichen auf die Stirn macht. Ich wusste zuerst nicht wie ich darauf reagieren sollte und stand etwas betröppelt in der Gegend rum.
- Ich beobachte Jugendliche die so intensiv beten dass es fast schon so aussieht als würden sie meditieren.
Da ich jetzt nicht so der gläubige Typ bin, ist es für mich immer noch sehr interessant zu erleben wie die Jugendlichen hier ihren Glauben leben. Allerdings habe ich mich am Anfang auch immer wieder fragen müssen wie ich damit umgehen soll wenn jetzt gerade wieder gebetet wird und ich bin dabei und habe in diesem Moment keine Lust dazu mitzubeten. In Deutschland konnte ich z.B. lange Messdiener sein oder eine Jugendkirche mit aufbauen und einfach nur Spaß an der Sache haben ohne mir viele Gedanken darüber machen zu müssen dass ich ja eigentlich nicht an Gott glaube. Hier ist es da schon teilweise recht schwer meinen Freunden zu erklären warum ich denn trotzdem gerne bei manchen Messen und Gebeten dabei bin, aber es mir irgendwann doch zu viel wird und ich es dann wieder ablehne dabei zu sein. Aber genauso wie ich kein Problem damit habe, dass meine Freunde hier so stark ihren Glauben ausleben, haben sie kein Problem damit wenn ich das nicht tue.
Um die letzten 6 ½ Seiten noch einmal kurz in zwei Sätzen zu beschreiben:
- Die Arbeit macht sehr viel Spaß und ich habe endlich das Gefühl hier etwas bewegen zu können.
- Ich habe mittlerweile sehr viele Freunde gefunden mit denen es sehr viel Spaß macht etwas zu unternehmen und es sehr interessant ist deren Lebensweise kennen zu lernen.
Also,
lieber Spenderkreis: Meiner Meinung nach ist das Geld gut angelegt. Noch einmal vielen, vielen Dank für eure vielseitige Unterstützung!!
Meine guten Freundinnen und Freunde: Ich vermisse es schon irgendwie mit euch rumzuhängen und abends weg zu gehen und freue mich deshalb immer sehr wenn ich euch schreiben kann!
Liebe Eltern: Ich finde dadurch das wir uns jetzt eine zeitlang aus dem Weg gegangen sind und uns nach unserem albernen Streit ein wenig aussprechen konnten, hat sich unser Verhältnis durchaus zum positiven gewand. Ist doch mal was
.
Kleines großes Schwesterherz: Ich finde es toll, was du alles in Indien erlebst und es macht mich glücklich dass es dir dort so gut geht! Bin unheimlich stolz auf dich was du alles meisterst!!
Für die nächsten zwei Monate sehe ich einiges auf mich zukommen und ich freue mich wie ein kleines Kind darauf! Es geht mir supergut mit meinem Projekt und meinem Leben hier und ich bin zuversichtlich dass es sich auch weiterhin so positiv entwickeln wird
So, jetzt gehe ich aber erst mal einen Tee trinken. Wenn also noch Fragen sind einfach bei mir melden!
Euer Tobi =)