Bolivien: 2. Rundbrief von Jonas Brenner

14. Februar 2009 von jonas.brenner

Liebe Verwandte, Freunde, Interessierte, liebe Wegbegleiter,

Schon zwei Monate habe ich meine Einführungszeit in La Paz hinter mir gelassen, zwei Monate in denen ich viel erlebt habe, viel sehen durfte, nette Menschen kennenlernte. Ich war Beobachter, Teilnehmer, Hauptakteur, habe geredet und zugehört. Ich bin ein Schwamm, der versucht alles Erlebte einzusaugen ohne möglichst nur einen Tropfen Wasser wieder zu verlieren, um alles zu speichern, zu überdenken und für mich zu bewerten, oder einfach nur auf mich wirken zu lassen.

Ich lade Euch ein, an meinen Erfahrungen, positiver und negativer Art, teilzuhaben, mir zuzuhören, ein Teilnehmer meines Freiwilligendienstes zu sein und den Weg gemeinsam mit mir zu gehen. Ich hoffe ich kann euch möglichst bildreich beschreiben, was ich erlebe, fühle und auch denke und euch einen tiefen Einblick in mein Leben in der bolivianischen Kultur geben.

Wie letztes Mal habe ich meinen Rundbrief unterteilt, dieses Mal in zwei Teile. Im ersten Teil beschreibe ich San Ignacio, meine Arbeitsstelle und meine Arbeit hier, im zweiten Teil beschreibe ich einige Gedanken und Erfahrungen, die ich euch gerne mitteilen möchte. So könnt ihr selbst entscheiden, was euch interessiert und was ihr lieber überspringen wollt.

TEIL I.

San Ignacio de Moxos

Ende August ging meine Reise los, aus dem bolivianischen Hochland ins tropische Tiefland, das gegensätzlicher kaum sein könnte. Während in La Paz das Leben tobt, hektisch, lebendig und laut, beschreiben Adjektive wie lethargisch, langsam und verschlafen das Leben im Dorf San Ignacio de Moxos treffend. Die Bezeichnung Dorf sei hierbei bewusst gewählt, da im Gegensatz zu Deutschland, wo ein Ort mit 15.000 Einwohnern sich schon Kleinstadt nennt, hier jegliche Anzeichen einer Stadt Fehlanzeige sind.

Der Ort San Ignacio liegt im Departamento Beni, umgeben von fruchtbaren Grassavannen, Regenwald und vielen Flüssen, die im Amazonas münden. Im Dorf selbst lässt sich im Bau der einstöckigen Häuser mit ihren langen, vorgezognenen Regendächern deutlich die Handschrift der Jesuiten erkennen, die den Ort im 17. Jahrhundert gründeten. Die Bevölkerung, hauptsächlich indianischer Abstammung, konnte aufgrund der Abgeschiedenheit viele ursprüngliche, indianische Traditionen bewahren. Aufgrund des jährlichen Festes in San Ignacio, zu dem sich einige Indianerstaemme zusammenfinden, um gemeinsam zu tanzen, wird San Ignacio auch als „Folklore Hauptstadt des Beni“ bezeichnet. Teilweise ist die Lebensweise hier noch stark von mittelalterlichen Zügen geprägt, an ihren Ständen verkaufen Marktfrauen in großen Säcken dargebotenes Obst und Gemüse, eingekauft wird oft mit Schubkarre oder Pferdewagen, gekocht vielerorts auf offenem Feuer. Der Gegensatz zwischen Jahrhunderter alter Tradition und der einschreitenden Amerikanisierung ist eklatant, San Ignacio befindet sich in einem Art Schwebezustand: amerikanische Geländewagen überholen hupend Pferdekarren, aus den Boxen dröhnt entweder traditionelle Musik oder Musik, die im Westen vor 20 Jahren als modern betrachtet wurde, Eltern kleiden sich in traditionellen Gewändern und Röcken, während ihre Kinder meist den kitschigsten Moden der USA um Jahre hinterherrennen. Viele Kinder kennen, wenn ueberhaupt, nur noch wenige Wörter ihrer Sprache „Ignacianisch“, die die ältere Generation zum Teil noch fliessend spricht. Ich persönlich finde es schade, dass mittlerweile auch derart traditionelle und abgeschiedene Orte langsam aber sicher irgendwann der weltweiten Verwestlichung erliegen. Meiner Meinung nach ist es jedoch ebenso verwerflich einem Volk eine fremde Lebensweise mit Zwang vorzuenthalten, sie einzusperren, abzuschotten, damit sie bloß ihre indigenen Wurzeln beibehalten, damit der westliche Tourist auf der Welt noch was spannendes zu entdecken hat, wie einem Volk einen fremden Glauben mit Gewalt aufzwingen zu wollen. Jeder hat sein menschliches Recht auf Selbstbestimmung, ich hoffe lediglich, dass sie für sich den richtigen Weg finden, wenn es diesen überhaupt gibt.

Klima

In Moxos herrscht ein tropisches Klima. Im Frühling (Ende August – Oktober) klettert das Thermometer an heissen Tagen verbunden mit einer enorm hohen Luftfeuchte auf bis zu 40ºC. Dies führt dazu, dass man tagsüber, egal was man macht, ob man läuft, arbeitet, rumsitzt oder isst, dauerhaft am schwitzen ist und sich mehrmals am Tag kalt abduscht. Auch nachts kühlt es kaum ab, so dass man bei 30ºC frühstückt und zu Abend isst (die Sonne geht um ca. 18-00 Uhr unter). Nicht selten wacht man morgens auf und fragt sich warum sein Bett nass ist, mittlerweile habe ich mich dran gewöhnt, dass man auch nachts enorm schwitzt. Ab und an erfrischen jedoch kalte Süd-Winde San Ignacio. Es regnet, und das Thermometer fällt auf 15ºC. Diese 15ºC, die einem passablen deutschen Frühlingstag entsprechen, kommen mir aufgrund der normal hohen Temperaturen enorm kalt vor, ich trage lange hose, dicke Pullover oder Jacken und Winterschuhe. Jetzt wird die kalte Dusche zu einer Qual. Ab Ende Oktober beginnt in San Ignacio die Regenzeit, über die ich euch aber in meinem nächsten Rundbrief berichten werde.

Internat

Mein Arbeitsplatz ist das Internado Arajuruana, was auf ignacianisch soviel wie „neue Generation“ bedeutet. Hier lebe ich mit Michael, einem anderen deutschen Freiwilligen, dem Internatsleiter Fernando und Edgar, beide auch Lehrer am benachbarten Colegio Fey Alegria und mit 45 Internos, die ebenfalls das Colegio Fey Alegria besuchen. Fernando sehe ich als meinen eigentlichen Verantwortlichen, mein offizieller Verantwortlicher ist ein Jesuitenpater, den ich jedoch nur bei ganz großen Problemen kontaktiere.

Mit Fernando (28 Jahre) und Edgar (30 Jahre) komme ich bis auf wenige Ausnahmen sehr gut zurecht. Fernando neigt manchmal zu meinem Missfallen dazu, seine Macht, die er als Internatsleiter hat, willkürlich an Schülern, je nach seiner Laune, auszulassen. Vor allem Edgar, schätze ich sehr, ein sehr interessanter Mensch, mit dem es Spass macht Gespräche jeglicher Art zu führen. In diesen Gesprächen, auch mit anderen Verantwortlichen rund ums Internat und das Colegio, die zum Grossteil im Occidente (Hochland) heimatlich sind, fällt jedoch auf, dass in Bolivien nicht, wie so oft propagiert, „unidad en la diversidad“ („Vereinigung in der Vielfalt“) herrscht, da bewusst versucht wird, sich von der tiefländischen Kultur abzugrenzen.

Die 45 Internatsschüler- und Schülerinnen kommen zum Teil aus sehr ländlichen Gegenden. Sie sind sehr schüchtern, wesentlich ungesprächiger als Schuüer des Colegios, die aufgrund der Nähe zum Internat des öfteren nachmittags zum Spielen vorbeischauen. Die Kinder sprechen hier ein sehr undeutliches Spanisch, verschlucken oft Schlusssilben, so dass ich hier, nach meinem ohnehin nicht sonderlich ertragreichen Sprachkurs (ich berichtete in Rundbrief I.), am Anfang kaum etwas verstanden habe und von vorne beginnen konnte.

Dies hat mir meinen Einstieg ins Internat nicht wirklich einfach gemacht. Erst seit kurzer Zeit habe ich das Gefühl angekommen zu sein und fühle mich wirklich wohl. Mittlerweile verstehe ich den Großteil von dem, was sie mir sagen (wenn sie untereinander reden habe ich noch meine Schwierigkeiten) und kann mich auch einigermaßen ausdrücken.

Das Essen im Internat ist leider, wie nicht anders zu erwarten, typische Internatsküche. Morgens und abends gibt es trockenes Brot und Tee, zum Mittagessen gibt es täglich Kartoffeln oder Reis, kaum Gemüse, gar kein Obst. Was mir in den ersten zwei Wochen noch als neu und interessant erschien, ist jetzt langweilig, fad und alltäglich, es gibt einfach keine Abwechslung, quasi täglich dasselbe.

Relativ schnell habe ich mich daran gewöhnt, dass es hier nur kaltes Wasser gibt. Demnach fällt je nach Temperatur die Dusche länger oder extrem kurz aus. Was mir jedoch etwas mehr Mühen bereitet, ist mich an die schlechte Stromversorgung zu gewöhnen. Normalerweise wird der Strom täglich zwischen 22 Uhr abends und 9 Uhr morgens abgestellt, was für mich kein Problem darstellt. Leider kommt es aber gelegentlich dazu, dass der Strom für mehrere Tage ausfällt. Dies bedeutet, dass die Kerze oder Taschenlampe dein ständiger Begleiter ist: Es wird bei Kerzenlicht zu Abend gegessen und gespült, geduscht und Zähne geputzt, sich umgezogen und zu Bett gegangen. Leider fallen mit dem Strom auch sämtliche Kommunikationsmittel (Telefon, Handy, Internet) zur Aussenwelt aus, so dass ich weder mit Freunden und Familie in der Heimat, noch mit Mitfreiwilligen kommunizieren kann.

Meine Arbeit

In vielen Emails und Gesprächen habt ihr mich oft gefragt, was machst du eigentlich genau? Eine Frage, die ich mir auch oft selber stelle, was mache ich hier überhaupt? Um mich diesem heiklen Thema zu nähern und um euch und mir eine Antwort zu geben, möchte ich meinen Flyer zitieren, der ziemlich deutlich meine damalige Erwartungshaltung an meine Arbeit widerspiegelt.

„Mein breit gefächerter Tätigkeitsbereich besteht in der Mitarbeit in der Betreuung der Kinder außerhalb der Unterrichtszeiten und im Freizeitbereich. Dazu gehören zum Beispiel Hausaufgabenhilfe, Sprachförderung, Mitarbeit bei Freizeitinitiativen, Unterstützung bei handwerklichen Kursen oder in sportlichen Aktivitäten. Darüber hinaus werde ich im Internat z.B. als Küchenhilfe tätig sein und Aufgaben in der Pfarrei übernehmen.“

Die Realität sieht jedoch leider anders aus. Dies liegt auch vor allem am sehr vollen Tagesplan der Schüler. Sie müssen täglich zwei Stunden das Internat putzen, machen mehrere Stunden täglich ihre Hausaufgaben, bei denen sie nicht wirklich Hilfe brauchen, so dass es mehr oder weniger nur ein Beaufsichtigen ist. In ihrer einzigen freien Zeit spielen sie natürlich Fussball. Freizeitinitiativen, Betreuung ausserhalb der Unterrichtszeiten? Fehlanzeige! Handwerkliche Kurse finden gar nicht statt, genauso wenig gibt es mögliche Aufgaben in der Pfarrei.

Um euch einen Einblick in meine derzeitigen Tätigkeitsbereiche zu geben, beschreibe ich euch einen typischen Tagesablauf:

Mein Tag beginnt morgens um 6.30 Uhr. Ich öffne für die Schuüer die Despensa (Vorratskammer) um ihnen ihr Frühstück auszuteilen, was früher noch Aufgabe der Schüler selbst war. Jedoch hat des öfteren Brot gefehlt, so dass sie die Vorratskammer mittlerweile nur noch unter unserer Aufsicht betreten dürfen. Daher teile ich ihnen auch mittags sowie Abends Brot und Tee aus der Vorratskammer aus. Nach dem Frühstück mache ich mich dann mit einer Schubkarre auf den Weg, um die benötigten Lebensmittel für das Mittagessen einzukaufen. Anschliessend helfe ich entweder ein wenig in der Küche oder helfe dem Hausmeister. Der Hausmeister jedoch hat selbst nicht viel Arbeit und ist nicht der fleissigste, sodass unsere „Zusammenarbeit“ meistens in Gesprächen über Gott und die Welt stattfindet. Nach dem Mittagessen beaufsichtige ich die Schüler dann beim Internatputzen, anschliessend spiele ich mit ihnen Fussball oder Volleyball und abends beaufsichtige ich sie wieder bei ihren Hausaufgaben.

Da war doch auch mal was mit Englischunterricht….? Stimmt, der wurde jedoch nach vier Wochen wieder gecancelt, da er leider an Uneffektivität nicht zu übertreffen war. Dies hatte mehrere Gründe: Der Englischunterricht fand nicht wie ihr übriger Unterricht im Colegio, sondern im Internat statt, so dass die Schüler ihn nicht wirklich als verpflichtend betrachteten. Sie verschwanden aus dem Internat, versteckten sich, oder waren nicht vom Fussballplatz wegzukriegen, so dass ich jedes Mal mindestens eine halbe Stunde der Unterrichtszeit damit verbringen konnte, meine Schüler zu suchen. Leider habe ich da von Fernando keine Unterstützung erhalten, der selbst lieber mit den Schülern Fussball spielte, als sie in meinen Unterricht zu schicken.

Ich kann es ihnen nicht wirklich verübeln, da der Englischunterricht in ihren einzigen 1 ½ Stunden Freizeit am Tag statt fand. Je nach Kurs saßen im Unterricht völlig unmotivierte und übermüdete Schüler, die ihren Kameraden draussen beim Fussballspielen zusehen mussten. Dies machte mir unheimlich zu schaffen, da ich den Schülern, deren tristes Internatsleben zum Grossteil nur aus Hausaufgaben und Putzen besteht, so ihre einzige Freizeit am Tag raubte.

Im Unterricht offenbarten sich andere Probleme, die das Vorankommen fast unmöglich machten. Neben meinem Stützunterricht haben die Schüler auch noch Englischunterricht in ihrem Colegio. Das Problem ist, dass ihre Lehrerin zwar mehr oder weniger über die englische Grammatik Bescheid weiß (es lassen sich trotzdem in schon von ihr korrigierten Hausaufgaben jede Menge Fehler finden), jedoch eine absolut katastrophale Aussprache hat. Weder die Lehrerin noch die Schüler verstehen, dass Spanisch und Englisch zwei verschiedene Sprachen sind und daher auch total unterschiedliche Aussprachen besitzen. So werden englische Woerter auf spanische Weise ausgesprochen. Wenn ich Schüler verbessere, verstricken sie mich in Endlosdiskussionen, weil ihre Lehrerin es ihnen anders beigebracht hat.

Die letzten Wochen hier im Internat waren sehr schwierig für mich. Meine Arbeit hier hat sich nicht wirklich geändert, es ist immer noch genau so wenig wie am Anfang, nur hat sich nach der sehr euphorischen Anfangszeit meine Wahrnehmung doch etwas geändert. Am Anfang war es noch völlig zufriedenstellend, die Schüler bei ihren Aufgaben zu beaufsichtigen und einfach nur zu begleiten. Es war optimal, um die ersten Gespräche zu führen, mein Spanisch zu verbessern und die Schüler kennen zu lernen. Mittlerweile reicht mir dies jedoch nicht mehr aus, ich sehne mich nach Arbeit und Beschäftigung, denn oft ist mir langweilig. Leider kann ich nicht einfach das Internat verlassen, auf die Plaza gehen, schwimmen oder Fussballspielen gehen, da ich auch wenn ich keine Arbeit habe, bis 21.30 Uhr hier sein muss um die Schüler zu beaufsichtigen.

Ein wichtiger Teil des Freiwilligendienstes ist einfach „da sein“ und „begleiten“, aber in den letzten Wochen habe ich viel nachgedacht, und mir ist klar geworden, dass dies für mich nicht alles sein kann.

Dies hört sich fuer den Leser bisher sehr negativ an. Das Folgende sage ich nicht um irgendetwas schön zu reden oder irgendwelche Leute, die mich unterstützen, zufriedenzustellen, ich bin nach wie vor froh und zufrieden hier zu sein.

Diese wichtige Kleinigkeit ist es eben, was mein Leben hier von dem eines Zivildienstleistenden in Deutschland total unterscheidet. Hier ist es eben doch anders, Alles. Auch wenn ich keine wirkliche Arbeit habe, lebe ich in einer fremden Kultur, mit mir fremden Menschen, die eine andere Lebensweise und Traditionen haben. Dies macht meine Zeit hier unglaublich wertvoll, ich lerne und erfahre viel und kann auch viel von meiner Lebens- und Kulturauffassung weitergeben.

Meine Arbeit jedoch, daran besteht für mich kein Zweifel, muss sich im nächsten Jahr deutlich verändern. Auch die schlechten Erfahrungen, die ich bisher mit Langweile und Beschäftigungslosigkeit gemacht habe, sind Erfahrungen und es liegt nun an mir, sie zu überdenken, zu bewerten und in gute Erfahrungen umzuwandeln.

Schon mehrmals habe ich daher mit meinem offiziellen Verantwortlichen Padre Franz gesprochen. Nachdem er mich anfangs nicht ernst genommen hat, konnte ich ihm jetzt deutlich machen, dass ich im Moment mit meiner Arbeitssituation nicht zufrieden bin. Gemeinsam haben wir überlegt, wie wir meine Arbeitsbereiche und Taetigkeiten im kommenden Jahr erweitern und optimieren können.

Im nächsten Jahr wird sich einiges ändern, dies steht bereits fest. Der Direktor des Colegios und der Internatsleiter Fernando werden im kommenden Jahr San Ignacio verlassen. Wer diese Stellen einnehmen wird, ist noch nicht sicher, aber auf jeden Fall wird es einen neuen Wind in die eingefahrenen Abläufe in und um das Internat bringen. Daher besteht für mich auch die Chance, mich in diesen Neuanfang einzubringen, Ideen und Vorschläge zum Internatsleben und zu meiner Arbeit mit einfliessen zu lassen. Wie sich dies im Einzelnen gestaltet und wie mir das gelingt, werdet ihr dann in einem meiner nächsten Rundbriefe erfahren.

TEIL II.

In diesem Teil möchte ich euch über Erfahrungen, Erlebtes und meine Gedanken berichten. Diese Erfahrungen sehe ich für mich als lebensprägende Erfahrungen an, die mir helfen, meine Sicht auf Deutschland und mein Leben in der deutschen Kultur zu überprüfen und zu überdenken und schon jetzt Einfluss auf meine Lebenswahrnehmung genommen haben.

Kultur zum Anfassen

Von meinen vielen Erfahrungen und Erlebnissen möchte ich euch von einem Wochenendausflug berichten, der mir besonders in Erinnerung bleiben wird und der mich tief beeindruckt hat. Zusammen mit Michael und einem Padre bin ich in eine kleine „Comunidad“ gefahren, um dort den Jahrestag der Gemeinde zu feiern. Allein die Fahrt war schon ein Erlebnis für sich, eine Stunde stehend auf der Ladeflaeche eines LKW`s, sitzen war aufgrund der vielen Schlaglöcher einfach nicht möglich, vorbei an Wildpferden, zahlreichen Wasservogelarten und anderen Tieren umgeben von dichtem Urwald.

Im Dorf angekommen hielt der Padre zuerst eine Messe. Die Kirche war sehr einfach, sie hatte kein Dach und als Altar wurde improvisiert eine Schulbank aufgestellt.

Anschliessend ging die eigentliche Fiesta los. Die ganze Nacht hindurch tanzten Macheteros, die einen charakteristischen Federschmuck auf dem Kopf und castañettenähnliche Instrumente an die Füsse gebunden hatten. Auch tanzte ein sogenannter „Achu“, ein Tänzer mit einer Fratzenmaske und einem riesigen Hut auf dem Kopf, an dem durchgehend Feuerwerkskörper explodierten. Auch wir durften uns einmal den wildexplodierenden Hut des Achu aufsetzen und durch die Menge laufen, die jedesmal kreischend und lachend zurückwich. Den ganzen Abend wurden Michael und ich von kleinen Kindern begleitet, die keinerlei Berührungsängste hatten und uns mit dem strahlendstem Lächeln, dass ich jemals bei Kindern gesehen habe zahlreiche Fragen stellten und mit uns spielen wollten, schliesslich waren wir die ersten „Chocos“ (Blonden), die sie je in ihrem Leben gesehen haben.

Nach dem Abendessen wurden wir gegen Mitternacht zu unseren Schlafplaetzen geführt. Schon auf dem zwanzig minütigem Weg war ich mir bewusst, dass mein Schlafplatz noch ein gutes Stück abseits vom Dorf weiter im dichten Dschungel ist, jedoch habe ich aufgrund der tiefschwarzen Nacht kein wirkliches Gefuehl für meine Umgebung gehabt. Schliesslich sind wir in einem Haus angekommen und ich habe mich auf einer erhöhten Bambusliege schlafen gelegt. Als ich am darauffolgenden Morgen aufwachte, war die Überraschung riesengroß. Zunächst habe ich nicht wirklich in einem Haus geschlafen. Es war ein kleiner überdachter Platz, dem jedoch ausser einer Frontwand die Wände fehlten, so dass wir quasi unter offenem Himmel geschlafen haben. Dieses „Haus“ befand sich mit noch zwei ähnlichen Häusern auf einer kleinen Lichtung mitten im Dschungel, umgeben von Kokospalmen, Limetten- und Grapefruitbäumen sowie Bananenstauden. Zum Frühstück gab es Kaffee und einen, vom Sohn der Familie aus einem naheliegendem Tuempel gefangen, frischen Fisch. Ich habe noch nie so einen guten und frischen Fisch gegessen, er wurde vor meinen Augen zubereitet, auf offenem Feuer gebraten und dann mit frisch gepflückten Limetten zubereitet. Nach einer Messe und anschliessenden Prozession über den Dorfplatz, bei der wieder Machiteros und ein Achu tanzten, assen wir zu Mittag. Viele Familien luden uns zum Essen ein, wollten unbedingt, dass wir von ihrem Rind, ihrem Fisch und ihrem Teller probierten und ihr „Chicha“ (ein Maisgetraenk) trinken.

Es war eine unglaublich schöne Erfahrung, dieses Wochenende mit diesen Menschen zu verbringen. Sie haben fast gar nichts, weder Strom noch fliessendes Wasser, leben von und mit der Natur im Einklang. Das wenige was sie haben, haben sie auch noch herzlich mit uns geteilt und mehr als das, sie haben uns eingeladen für einen Augenblick an ihrem Leben teilzuhaben.

„Es ist, wie es ist“

Als ich erfahren habe, dass mein Einsatzort San Ignacio de Moxos ist, einer der am weitestesten vom „Schuss“ liegenden Einsatzorte in Bolivien, war ich mir bewusst, dass Langeweile, Einsamkeit und Verzicht eine wichtige Rolle in meinem Auslandsjahr spielen werden. In welchem Ausmass dies jedoch meine Denkweise und Gefühlslage beeinflusst, stellte ich erst hier fest.

Sehr schwierig ist es für mich, wenn ich höre, dass andere Mitfreiwillige sich treffen, zusammen Wochenendausflüge machen oder einfach nur so verreisen. Dies ist leider für mich nicht möglich, da ich mindestenst 24 Stunden fahren muss, um in eine zentralere Stadt zu gelangen. Bei mir stellt sich ein „Neidgefühl“ ein, etwas „zu verpassen“, von dem turbulenten Leben, das Freiwillige in einer Großstadt oder auf zahlreichen Reisen genießen.

Als Heilmittel gegen diese Art der Einsamkeit führe ich mir vor Augen, was ich hier habe, was mich hier glücklich macht, wonach ich mich sehne, wenn ich längere Zeit weg bin. Dies ist zum einen die traumhafte Natur, in der ich lebe. Umgeben von Regenwald, Feucht- und Grassavannen, exotischen Tieren wie Affen oder Krokodilen oder einfach nur den bilderbuchschönen Sonnenuntergängen, die ich an unserer Lagune genießen kann. Die Ruhe und Gemütlichkeit, abseits von Verkehr, Hochhäusern und Lärm. Zum anderen erlebe ich hier, in einem der kulturreichsten Orte Boliviens Dinge, die ich mit Sicherheit woanders nicht erfahren würde.

Eine wichtige Erfahrung, für die ich sehr dankbar bin, ist das ich lerne, mich nicht mit anderen Menschen zu vergleichen. Ich lerne, nehme an und akzeptiere, dass jeder Einzelne seine eigenen, anderen Erfahrungen macht und die immer verschieden sein werden, egal wo man ist und was man erlebt. So kann ich meine Zeit hier intensiver genießen, bewusst die Vorteile, die meine Projektstelle bietet schätzen und eventuelle Nachteile leichter in Kauf nehmen.

Es ist jedoch nicht gewährt, dass mir dies immer problemlos gelingt. Ab und zu übermannt mich die Landflucht und ich „breche“ aus der Ruhe und Abgeschiedenheit in eine Großstadt auf. Nach einigen Tagen, in denen ich mich sammle und das Großstadtleben in vollen Zügen genieße, kehre ich dann umso lieber mit ein bisschen „Heimweh“ nach San Ignacio zurück und genieße die Fahrt, die mitten durch diese traumhafte Umgebung führt.

Zukunft

Um meinen Rundbrief, der eigentlich viel zu lang geworden ist (ich hoffe ich habe euch nicht gelangweilt und ihr habt es bis zum Ende geschafft J ), abzuschliessen, möchte ich an dieser Stelle einen großen Dank los werden.

Vielen Dank in die Heimat an meine Freunde für die tolle Unterstützung, für die zahlreichen E-mails und Gespräche, vielen Dank an meine Familie und gleichzeitig vielen Dank an meine bolivianischen Freunde, die mich auf meinem Weg in ihrer Kultur begleiten.

Was bringt die Zukunft? In einer Woche werde ich ein Seminar meiner Organisation besuchen und anschließend meinen Sommerurlaub antreten und Bolivien bereisen. Ich hoffe, ihr lasst es euch in dieser Zeit, in der ihr vermutlich nicht soooo viel von mir hören werdet, gut gehen.

In diesem Sinne, bis bald, euer Jonas

Schlagworte:

Kommentieren ist momentan nicht möglich.