Ukraine: 1.Rundbrief von Ann-Sophie Unterschemmann
24. Februar 2009 von ann-sophie.unterschemmannLiebe Familie, liebe Freunde, liebe Förderer, liebe Zurückgebliebenen
Nun bin ich schon fast sechs Wochen in der Ukraine und habe soviel erlebt, dass ich nun endlich meinen ersten Rundbrief schreiben möchte. (Ich könnte eigentlich schon fast mehrere daraus machen .)
Die letzten Wochen vor meiner Abreise in die Ukraine waren ziemlich stressig gewesen. Nach langem Hin und Her hatten wir uns entschieden, dass ich zwei Tage nach meinem Geburtstag – per Bus – aufbrechen sollte, um dann 25 Stunden später in der Ukraine anzukommen. Je näher dieser Termin rückte, umso mehr fiel mir ein, was ich noch alles machen musste/wollte, von wem mich noch verabschieden, zu welchem Arzt noch gehen, umziehen, Koffer packen, meinen Geburtstag mit der Familie feiern. Irgendetwas gab es immer noch zu tun. Die Zeit verging wie im Fluge und schließlich standen wir morgens um halb fünf am Busbahnhof. Meine Familie war mitgekommen und zu meiner Verblüffung standen auch einige meiner Freunde schon bereit, mich zu verabschieden. Ein weißer Zubringerbus stand ebenfalls da, ein Mann schlief im Inneren. Wir waren etwas irritiert, das hatten wir uns anders vorgestellt (einen großen Reisebus, wie man das vom Hörensagen so kennt) und standen beieinander und sprachen über dies und das. Mama war total aufgeregt und fragte immer wieder, ob ich auch meinen Pass hätte, mein Geld und meine Unterlagen. Und ich bestätigte immer wieder, jaja, ich habe nichts vergessen…
Und dann ging plötzlich alles Knall auf Fall. Der Fahrer erwachte, sprang aus dem Wagen, riss den Kofferraum auf und in Windeseile wurden mein Gepäck und das eines weiteren Fahrgastes eingeladen. Ruckzuck zurück in den Wagen, “Wir fahren gleich beeilen Sie sich bitte.“ Motor an und mir bleib nichts mehr anderes übrig ,als mich sehr schnell von meiner Familie und meinen Freunden zu verabschieden. Kurze Umarmung, ein kurzer Abschiedkuss, dann ging die Fahrt ins Ungewisse los. Kaum waren die Türen geschlossen, legte sich der andere Mann quer auf die Rückbank schlafen. Versuche, mit dem Fahrer zu sprechen, erwiesen sich als vergeblich, also schwieg ich und hing meinen Gedanken nach. Wir hielten noch ein-, zweimal um ein Ehepaar aufzunehmen sowie deutsche Nummernschilder und stiegen dann schließlich in den ( wie erwartet großen) Reisebus um, der uns in die Ukraine bringen sollte. Das Abenteuer begann. Keiner sprach Deutsch und ich verstand trotz meines Sprachkurses überhaupt nichts, warum, sollte ich auch schon bald erfahren. Als ich mir, nachdem ich eine Zeitlang leicht verloren auf meinem Platz gesessen habe, schließlich ein Herz fasste und meine Nachbarin, eine nette ukrainische Studentin, um Übersetzung bat: alle sprachen Russisch! Dann blieb also noch ein kleines bisschen Hoffung für mich, dass ich wenigstens ein kleinwenig was gelernt hätte und verstehen werde…
Nach 30 Stunden (statt der vorgesehenen 24) kamen wir endlich in Lviv an, nachdem wir fünf Sunden, ohne für mich ersichtlichen Grund, an der Grenze warten mussten (was noch normal sein soll, zurück soll es noch länger dauern…)
Hier empfing mich ein Malteserjunge und setzte mich in den Bus nach Iwano-Frankiwsk. Mit meinem gesamten Gepäck, das ich selbst kaum tragen konnte, blockierte ich eine Sitzbank, mein Koffer den Gang (und er fiel dauern um wegen der unebenen Straßen und rasanten Fahrweise des Fahrers! ) und wer schon einmal Marschrutka (so heißen hier die kleinen, gelben und immer überfüllten Busse) in der Ukraine gefahren ist, weiß wie anstrengend das sein kann. (insbesondere wenn man die Sprache nicht versteht) Ich wollte nur noch irgendwo ankommen, am besten daheim.
Auf der Fahrt fuhren wir an überschwemmten Häusern vorbei. Das Wasser stand zum Teil bis zu den Fenstern, Felder waren überschwemmt und auch die Flüsse waren zu reißenden Wasserläufen angeschwollen, die weit in das umliegenden Land reichten. Mehrmals fuhr der Bus durch teichänliche Wasserpfützen, die die Straße bedeckten. Angesichts der scheinbaren Gleichgültigkeit der Mitfahrenden ging ich davon aus, dass das normal sei um die Jahreszeit. Erst später sollte ich von Roman erfahren, dass es sich hierbei um die schlimmste Flutkatastrophe seit 40 Jahren handelte. Am Bahnhof empfing mich dann meine Mitarbeiterin Ira und wir fuhren zu meiner zukünftigen Wohnung. Ich wohne im Malteserhaus. Das Haus wurde von den Maltesern gekauft, um dort ein Behinderten- sowie Jugendzentrum und Büroräume für den Priester und Roman einzurichten. Bei meiner Ankunft befanden sich die beiden untersten Etagen noch in sehr renovierungsbedürftigtem Zustand, als wir jedoch in der dritten Etage ( ich frage mich heute noch wie ich mein Gepäck da hoch geschafft habe) ankamen, eröffnete sich mir ein wunderschönes Dachzimmer, mit Küche und abgetrenntem Bad!! Ich habe mich sofort wohl gefühlt, bin nach einem kleinen Abendessen ins Bett gefallen und habe tief und fest geschlafen, und sogar von dem nächtlichen Sturm nicht viel mitbekommen. Am nächsten Morgen traf ich zwei Maltesermädchen, die mich zu einem Spaziergang abholten, mir die Stadt zeigten und natürlich auch den wunderschönen Park mit dem See, wo man das Gefühl hat, auf dem Lande fernab der Stadt mit der versmogten Luft und dem Autolärm zu sein. Montags morgens ging es dann los. Auf Grund der anhaltenden Regenfälle der vorhergegangen Woche, befand sich der Leiter des Malteser Hilfsdienstes und auch gleichzeitig mein Ansprechpartner Roman noch irgendwo im Gebirge und versuchte heimzukommen. Daher war mein Anfang ziemlich chaotisch. Keiner wusste was er mit mir machen sollte. Ich saß also die meiste Zeit im Büro rum, beantwortete meine Mails oder lernte ein bisschen ukrainisch. Schließlich kam Roman aber dann doch heim. Ihre Rückkehr musste ziemlich abenteuerlich gewesen sein, da die Straßen im Gebirge weggeschwemmt oder verschüttet worden waren. So mussten sie ihr Auto im Gebirge zurücklassen und den Weg zu Fuß wagen. Aber sie kamen heil an. Roman führt mich so ein bisschen in die Malteserwelt ein, ich lernte sehr viele Leute kennen ( deren Namen ich zu meinem Bedauern teilweise schon wieder vergessen habe aber es waren echt so viele!), bekam die Gegend ein bisschen gezeigt und wegen des Hochwassers hatte Roman natürlich viel zu tun. Dass humanitäre Hilfe soviel Büroarbeit ist, hätte ich nie gedacht! Hier müssen Kostenvoranschläge eingeholt werden, diese Quittung muss bearbeitet werden, der muss angerufen werden, es gibt plötzlich einen neuen Spender ect. In der Zeit gab es ziemlich viel zu tun. Ich habe auch meinen ersten Hilfsttransporter beladen. Im Keller der Kirche lagerten Kleiderspenden, Spielzeug und ein paar Sachen, die man für das Nötigste braucht und wir haben sie in einen Lkw verladen und sind zum Abladen in einen der Vororte (oder sollte man vielleicht besser sagen Vordörfer) gefahren. Hier gibt es teilweise noch nicht einmal richtige Straßen. Das Hochwasser hatte sie nun ganz zerstört.
Doch ich musste mich bald schon wieder verabschieden. Mein Sprachkurs in Lviv sollte am 7.August beginnen. Sonntags feierten wir noch einen Geburtstag im Malteserhaus, und ich erlebte meiner erste Malteserparty, von der es bis heute schon viele gab. (Wohlgemerkt, am nächsten Tag beginnen alle wieder pünktlich ihre Arbeit!) Die Rückkehr nach Lviv war wesentlich angenehmer als zwei Wochen vorher die Hinfahrt. Ohne erwähnenswerte Probleme kam ich an, wurde von Iwanka, der Studentin, bei der ich diese drei Wochen leben sollte, abgeholt. Nun ging es erstmal daran, Bankautomaten zu suchen. Und zwar einen, der auch Euro ausgibt, da ich mittlerweile nur noch Hrijwnja besaß, den Kurs aber in Euro bezahlen sollte und der Eurokurs so stark gefallen war. Wir brauchten zwei Stunde bis wir endlich fündig wurden, von einer Finale zur nächsten geschickt! Ich war mit den Nerven am Ende und ziemlich fertig. Dann ging es im Eiltempo weiter zu Iwankas Wohnung, etwas außerhalb der Stadt gelegen, 15 min mit der Marschrutka, eine typische ukrainische Wohnung in einem der Relikte der Sowjetunion. Nachts kein Licht, Straßen (wenn überhaupt vorhanden) voller Schlaglöcher, nachts von 24 bis 7 Uhr kein Wasser (was aber ein spezifisches Problem der Region Lviv ist, deshalb stehen im Bad immer Eimer voll Wasser!) und warmes Wasser erst ab 9 bis 10 Uhr (was ich natürlich alles erst merkte, als ich morgens um 7 unter der Dusche stand…) Angekommen, wollte ich nur noch eine Dusche und mein Bett und schlafen. Doch ganz so einfach war das nicht. Ich sollte kein Bett haben, ich würde mit Iwanka in ihrem Bett schlafen, ein altes Doppelbett, meine Kleider könnte ich alle dort auf den Stuhl legen. Anfangs schockiert, gewöhnte ich mich schnell an die Situation, morgens neben einer völlig fremden Person zu erwachen und gewann dem Ganzen sogar etwas Positives ab. Morgens quetschte ich mich dann wie alle Ukrainer in die überfüllten Busse, besuchte meinen Sprachunterricht (schwierig, schwierig kann ich nur sagen: Da ich nicht in der Anfängergruppe war, wegen meiner wenn auch geringen Vorkenntnis der ukrainischen Schrift, kam ich in Gruppe zwei, hier saß alles was russisch oder polnisch sprach, die Schrift konnte, und daher nicht von Grund auf neu eine slavische Sprache lernte. Also ging es in flottem Tempo durch diverse Themen, Grammatiken und verstand einer ein Wort nicht, wurde das auf russisch oder polnisch übersetzt. Ich verstand nicht viel, aber im Nachhinein betrachtet, hat mir diese Art des Unterrichts am meisten gebracht. Ich wurde gezwungen, möglichst schnell möglichst viele Vokabeln und Grammatik zu lernen! Nachmittags wurde ein interessantes Kultur- und Geschichtsprogramm angeboten, sowie Wochenendausflüge in naheliegende Sehenswürdigkeiten.
Ein Wochenende verbrachte ich mit einer kleinen Gruppe in Kiev. Wir hatten uns mehr oder weniger spontan entschieden, den Unabhängigkeitstag der Ukraine am 24. August in der Hauptstadt zu verbringen! Dort gab es auch ein riesiges Konzert, viele Menschen und es wurde gefeiert, natürlich Fahnen geschwenkt, und es gab eine Parade. Einmal in der wunderschönen Stadt, ließen wir uns natürlich nicht entgehen, diverse andere Sehenswürdigkeiten zu besuchen, die Sofienkirche (fantastische alte Fresken), das Lavra (ein Höhlenkloster; es war schon ein bisschen beklemmend, all die gläubigen Menschen andächtig ihre Ikonen küssen zu sehen), der Dnister, in dem ob des schönen Wetters viele Menschen badeten und nicht zu vergessen die Metro, welche meiner Meinung nach die von Paris und diversen anderen Städten um vieles übertrifft! (Natürlich gab es noch viele andere Highlights, aber diese alle hier zu erwähnen, würde den Rahmen, den ich eh schon sehr weit ausdehne, ganz sprengen.) Kurz gesagt: ein Ausflug dorthin lohnt sich wirklich!
Mittlerweile bin ich zurück in Ivano-Frankivsk und der Arbeitsalltag hat mich wieder. Jeden Morgen fange ich um 10 Uhr ( plus minus 5 min) an und warte was es für mich zu tun gibt. Meistens sind das Aufgaben wie Autos ausladen (Wir haben unseren Sprinter, der wegen des Hochwassers im Gebirge stehen blieb wieder abgeholt, und die ganzen Gebrauchsgegenstände des Sommerlagers müssen natürlich wieder verstaut und verpackt werden.), oder Texte auf Deutsch oder auf Englisch zu übersetzen. Weiterhin gilt es momentan, das neue Jugend- und Behindertenzentrum fertig zu stellen, und daher befinde ich mich auch sehr oft im Baumarkt, irgendwelche innenarchitektonischen Sachen auszusuchen oder eine behindertengerechte Toilette zusammenzusuchen. Daneben habe ich bei der Caritas angefragt, ob es möglich sei, mit zu der Altenpflege zu kommen. Mehrmals in der Woche besucht Lilija in einem Vorort von Ivano-Frankivsk einige alten Menschen, um ihnen einzukaufen was sie brauchen, kleine medizinische Tätigkeiten wie Blutdruckmessen zu unternehmen, Medikamente vorbeizubringen oder macht sie anderes, was gerade so anfällt. Nachdem ich einmal mit war, sagte sie zu mir, dass sie ab dem nächsten Tag in Kiev eine Fortbildung hätte, und ich möchte doch bitte in den kommenden zwei Wochen diese Arbeit für sie übernehmen. Da meine Ukrainisch Kenntnisse noch nicht ganz so ausgereift sind und ich zwar vieles verstehe, mich aber noch nicht richtig ausdrücken kann, hatte ich richtige Angst vor dem ersten Mal gehabt. Diese hat sich aber als unbegründet erwiesen. Ich komme mit den zwei Frauen sehr gut aus, und sie versuchen (lautstark) ein einfaches Ukrainisch zu sprechen, das ich auch verstehe. Nun gehe ich morgens zweimal die Woche, immer vor meinem Arbeitsbeginn bei den Maltesern, bei ihnen vorbei und schaue, wobei ich helfen kann (das geht von Ofen putzen bis Augentropfen eintropfen). Es macht mittlerweile richtig Spaß und ist auch ganz lustig. So wurde ich nach dem Ofenputzen gefragt, ob ich Horilka möchte. Entsetzt, denn es war früh am Morgen gewesen, habe ich gesagt: Nein danke ich trinke nicht. Da hat sie mich ausgelacht und gemeint doch nicht trinken, Hände waschen! Und jetzt wasche ich mir jedes Mal, wenn ich zu ihr komme, mit Horilka die Hände, rieche danach meilenweit gegen den Wind nach Alkohol, aber es desinfiziert ! (und soll sogar im Winter gegen gefrorene Scheiben wirken!)
Es gibt noch so viel zu erzählen, kein Tag vergeht, ohne dass ich irgendetwas Neues, sehe, höre oder lernen. Im Rahmen der deutsche Kulturwochen in der Ukraine habe ich zum Beispiel ein deutsches Theater hier in Ivano-Frankivsk besucht. Was die Schüler innerhalb von vier Wochen unter der Anleitung des deutschen Theaterpädagogen auf die Beine gebracht haben, war echt schon genial!
Die Temperaturen sind rapide gesunken. Schien vor zwei Tagen noch die Sonne – ich hatte mir, da ich meine Sommersachen zu Haus ließ, extra ein Kleid und Sandalen gekauft, so warm war es, fielen sie von einem Tag auf den andern. Es regnet nun und ist richtig kalt. Ich laufe mit Mütze und Schal herum, die Winterjacke schon längst aus dem Schrank genommen und würde am liebsten auch noch meine Handschuhe dazu anziehen, aber was wird dann wenn es richtig Winter wird???
Tja, wer weiß das schon. Ich lasse mich überraschen und schau mal was das Leben hier weiter so für mich bringen wird und beende hiermit meinen ersten Rundbrief, in der Hoffnung, dass er nicht zu lang gewesen war. Ich werde Euch auf dem Laufenden halten, was ich noch so alles hier erleben werde.
Vielen Dank für eure vielseitige Unterstützung!!! Ohne Euch wäre all das, was ich hier erlebe, nicht möglich!
Grüße aus der (mittlerweile) kalten Ukraine
Ann-Sophie
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