Bolivien: 3. Rundbrief von Simone Wengenroth
10. März 2009 von simone.wengenrothHelau, Aalaf und Alleh Hopp aus dem karnevalbegeisterten Bolivien!
Aber bevor ich zum Thema Karneval komme, schreibe ich erst mal der Reihe nach was ich so erlebt habe. Die letzten beiden Monate sind schnell vergangen und mir geht es hier in Bolivien nach wie vor richtig gut.
Wetter, Klima, Regenzeit…
Da Bolivien auf der Südhalbkugel liegt, herrscht hier gerade Sommer. Jedoch unterscheiden sich die Jahreszeiten weniger durch starke Temperaturschwankungen als durch die Regen- und Trockenzeit. Im Tiefland ist es so richtig heiß und tropisch, hier im Hochland schwanken die Temperaturen. Ende November hat die Regenzeit begonnen, seit dem regnet es immer mal wieder, oder aber mehrere Tage am Stück. Während der heftigen Regengüsse ist es hier in Sucre verhältnismäßig kalt (10-15 Grad). Bei sonnigem Wetter wird es zwischen 24-28 Grad warm. Seit der Regen eingesetzt hat, ist die Landschaft richtig grün geworden, die Pflanzen sprießen, alles wächst und blüht und viele Obstsorten und der Mais werden gerade geerntet. Natürlich bringt der Regen auch seine Schattenseite mit sich: Viele Straßen sind aufgeweicht oder weggespühlt (da kein Asphalt) und sind nicht, oder nicht immer passierbar. Einige Dörfer sind somit von der Außenwelt abgeschnitten, Kinder und Lehrer kommen nicht zur Schule und das Reisen bringt so seine Hindernisse mit sich. Mit dem Ende der Regenzeit ist im März oder April zu rechnen.
Arbeit in Sucre…
Seit Mitte Januar bis jetzt, Ende Februar habe ich hier in Sucre in der Oficina der Fundación Treveris gearbeitet. Warum? Weil in meinem Projekt seit Anfang Dezember Ferien waren. Die Mädchen waren auf dem Campo bei ihren Eltern und haben dort bei der Feldarbeit, beim Vieh hüten und der Ernte geholfen. In dieser Zeit habe ich hier in Sucre bei allem was so anstand und veranstaltet wurde teilgenommen bzw. geholfen.
Ich durfte an einer Workshopwoche für die Lehrerinnen der fünf Sipas teilnehmen. Das war klasse um das Projekt der Sipas und die Lehrerinnen besser kennen zu lernen. Wir haben uns mit dem Lehrplan und den Leitlinien des Projektes auseinandergesetzt. Diese Woche hat mir richtig Spaß gemacht und die Arbeit war so ähnlich wie ich es von der KJG kenne: Kleingruppenarbeit, kreative Arbeiten, Textarbeit und Spielchen.
Dann waren wir einige Tage mit allen MitarbeiterInnen auf dem Land, um uns dem Jahresrückblick 2008 und dem Jahresplan für 2009 zu widmen. Auch Johannes und ich haben hier unsere Arbeit in den Projekten präsentiert.
Weiter ging es mit den ersten Überlegungen für das Jubiläum der Bolivienpartnerschaft 2010: Umräumarbeiten im Büro, Übersetzungen, einige Sitzungen, ein Kurs zur Projektarbeit und eine Internatsreise.
Die Wochen hier im Büro waren gut um weitere Einblicke in diese riesige Institution zu sammeln und um die neuen und alten Mitarbeiter noch besser kennen zu lernen. Aber jetzt bin ich froh, dass die Arbeit in Padilla wieder startet.
Karneval…
In vielen Mails wurde ich gefragt, ob in Bolivien auch Karneval gefeiert wird. Ja! Und während ich diesen Rundbrief schreibe ist der Karneval in vollem Gange. Je nach Region, in der Stadt oder auf dem Land, wird das Fest mit unterschiedlichen Ritualen gefeiert. Der “Karneval in Oruro” – ist eine der spektakulärsten kulturellen Veranstaltungen in ganz Lateinamerika. Der Karneval ist ein heidnisch-religiöses Fest zu Ehren der “Virgen de la Candelaria” oder der Madonna von “Socavon”. Tausende von Zuschauern verfolgen das bunte Treiben, das mit fast genauso vielen Tänzern aufwartet. 2001 wurde der Karneval in Oruro von der UNESCO in die Liste der “Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit” aufgenommen.
“Wasser, Tänze und Pachamama-Rituale” spielen in dieser Zeit eine wichtige Rolle. Schon seit Wochen spielen Kinder und Jugendliche in den Straßen mit Wasserpistolen und Wasserbomben und spritzen die Passanten nass. Kleine Musikgruppen und Tänzer tanzen durch die Straßen und lassen sich mit Wasser bespritzen, trinken jeden Menge Alkohol und feiern.
Heute am Karnevalsdienstag treffen sich die Familien in ihren Häusern und veranstalten eine “Challa”. Dabei werden auf ein Blech mit heißen Kohlen kleine Symbole, die der Familie Glück bringen sollen, verbrannt. Jede Person tropft rund um das Blech Alkohol und wirft drei Kokablätter in die Glut. Jedes der Kokablätter steht für einen Wunsch. Ebenso werden die Hausecken, die Türeingänge, Autoreifen… mit Alkohol betreufelt um z.B. das Haus und seine Bewohner zu beschützen. Diese Bräuche sind eine Mischung aus indigenen und katholischen Verehrungsritualen.
Anfangs waren sie für mich sehr befremdlich, aber inzwischen weiß ich, dass sie in diese Kultur passen und den Leuten sehr wichtig sind.
Ich habe hier im Büro mit allen MitarbeiterInnen Karneval gefeiert. Im Hof der Fundación wurde gegrillt, getanzt, getrunken, eine Challa abgehalten und immer wieder wurde die Wasserschlacht aufs Neue angezettelt. 3x Kleidungswechsel in 4 Stunden, jedes Mal war ich bis auf die Haut nass. Aber was soll’s, schließlich ist Sommer!
Alle neuen MitarbeiterInnen und wir Freiwillige (Johannes, Kristina und ich) wurden feierlich getauft – natürlich mit ausreichend Wasser!
Und obwohl ich ja nicht sooo “fastnachtsbegeistert” bin, hat mir das Fest richtig gut gefallen und ich hatte viel Spaß.
Pachamama – Mutter Erde …
Pachamama ist die Bezeichnung für die Mutter Erde. Bis heute ist dieser Glaube der andinen/indigenen Bevölkerung erhalten geblieben. Ob die Ernte gut ausfällt, ob die Familie gesund bleibt, hängt vom Segen der Pachamama ab. Zum Beispiel bittet der Bauer die Pachamama durch eine Opfergabe um Verzeihung für die Verletzung die ihr zugefügt wird, bevor er sein Feld bestellt. Auch beim Hausbau wird eine Opfergabe in das Mauerwerk eingearbeitet. Diese Opfergaben sind meist Kokablätter, Alkohol, Lamaföten, Nahrung… Das was sich die Menschen an materiellen Gütern wünschen, wird in Form von Miniaturen (kleine Autos, Geldscheine, Koffer) verbrannt. Die Gaben sind Ausdruck von Wertschätzung und Achtung und gleichzeitig eine Art Handel: soll Pachamama ihren Segen geben, muss man gut für sie sorgen. Hier sind über die Jahrhunderte die Figuren “Pachamama” und “Mutter Jesu” miteinander verschmolzen.
Was kommt jetzt…
Heute fahre ich wieder in mein Zentrum nach Padilla, weil dort endlich das neue Ausbildungsjahr beginnt. Ich freue mich darauf die neuen Mädchen kennen zu lernen und mit ihnen zusammen den Alltag zu bestreiten. Ich werde weiterhin Computerunterricht geben, mit ihnen deutsche Rezepte ausprobieren und die Freizeit gestalten.
Im März kommen mich meine Eltern besuchen und Ende April findet das nächste Freiwilligentreffen statt und wir werden zusammen auf einem Inkapfad wandern. Es steht also noch viel auf dem Programm und sicher wird die zweite Hälfte meines Dienstes genauso schnell vergehen wie die ersten.
Viele sonnige Grüße aus Sucre an meine Familie, Freunde, KollegInnen und den Solidaritätskreis. Danke für eure tolle Unterstützung, ohne euch wäre das alles nicht möglich
SIMONE