Slowakei – 3. Rundbrief von Tobias Helbing
31. März 2009 von tobias.helbingEin fröhliches Hallo an meine Familie, Freunde, Bekannte, Unterstützer, Entsender, Mitfreiwilligen und alle, die das hier sonst noch lesen.
Da mein Geburtstag schwer unspektakulär war und das hiesige Nikolausfest sich vom Prinzip her hier nicht von dem in Deutschland unterscheidet, fange ich einfach gegen Mitte Dezember an zu berichten:
Ich war eigenlich kaum in der Arbeit, als der Projektbesuch von Anne und Christian, zwei ehemaligen Freiwilligen von SoFiA, anstand. Sie haben sich kurz meine Stelle angeguckt. Ich hab ihnen gesagt, dass es mir sehr gut geht, und dann haben wir uns auch schon gemeinsam auf den Weg zu meiner Mitfreiwilligen in die Ukraine gemacht. Nach 20 Stunden Zugfahrt, 5-mal umsteigen und kleinen Problemen mit unserem Ticket in unserem ersten ukrainischen Zug sind wir dann aber doch gut angekommen. Es war interessant für mich, einmal eine andere Projektstelle zu sehen. Besonders als ich bei der dortigen Nikolausaktion der Malteser dabei sein durfte, bei der ich weiß nicht mehr wie viele Geschenke an die Kinder in verschiedenen Weisenhäusern verteilt werden. Ich hatte dadurch auch die Chance, das erste Mal überhaupt in einem Weisenhaus zu sein, was ebenfalls nicht uninteressant war.
Nachdem ich dann noch (zum wiederholten Male) herausgefunden hatte, dass ich zu viel Bier und Wodka alles andere als vertrage, sind wir dann zu viert nach Polen und von dort aus bin ich direkt weiter nach Deutschland geflogen. Weihnachten stand vor der Tür.
Ursprünglich wollte ich über Weihnachten gar nicht nach Hause. Ich hatte es mir wie ein kleines “wieder heimkommen“ vorgestellt. Es war mir vom Gefühl her einfach zu früh. Und dann auch noch – wegen diverser Flugverbindungen – einen ganze Woche. Außerdem stand Mitte Januar, wegen eines Treffens mit der Deutsch-Slowakischen Partnerschaft, eh ein Heimaturlaub an. Allerdings hätte Weihnachten in der Slowakei für mich bedeutet, dass ich die ganzen Feiertage mutterseelenallein in meiner Wohnung in Bratislava und, vermutlich vor Langweile, in der Arbeit verbracht hätte. Dann doch lieber Deutschland. Um das Ganze dann aber doch noch ein wenig spannender zu gestalten, habe ich mir erlaubt, meiner kompletten Familie kein Wort von meinem Besuch zu erzählen. Es war eine schöne Überraschung für meine Eltern. Dennoch war es irgendwie komisch, wieder daheim zu sein. Vielleicht weil direkt nach meiner Ankunft daheim eigentlich alles wieder genauso war, wie vor meiner Abreise in die Slowakei, mal abgesehen vielleicht von der Tatsache, dass mein Zimmer als Abstellraum für Weihnachtskisten umfunktioniert worden war. Aber was hatte ich erwartet? Dass ich nach 5 Monaten zu Hause nichts wieder erkenne? Blödsinn.
Ich habe die Zeit dann viel mit meinen Freunden verbracht, und das auch sehr genossen. Die Woche ging ruck-zuck vorbei, und ehe ich mich versah, saß ich auch schon wieder im Flieger, um pünktlich zu Silvester in der Slowakei zu sein. Genauer gesagt, im Herzen des Landes, in dem kleinen Bergdorf Špania Dolina. Ich war dort zusammen mit mindestens 40 weiteren Jugendlichen im Diozösanen Jugendzentrum. Am Silvesterabend gab es zuerst eine Messe. Danach ca. 2 bis 3 Stunden Programm, welches von ein paar Jugendlichen organisiert wurde, und von dem ich zugegeben so gut wie nichts verstanden habe. Danach von halb 12 bis halb 1 Uhr morgens wieder in die Kirche. Es gab keine wirkliche Messe, aber es wurde gesungen und gebetet. Danach wurde dann noch ein bisschen gefeiert. Da es bereits mein zweites Silvester in der Slowakei war, kannte ich das bereits. Allerdings habe ich schon für mich beschlossen, dass ich diese Art zu feiern, beim nächsten Silvester nicht noch einmal machen werde, egal in welchem Land ich sein werde. Ich will pünktlich zum Jahreswechsel noch einmal selbst Böller und Raketen loslassen und nicht um 12 in der Kirche hocken während draußen das Feuerwerk losgeht.
Dennoch konnte ich die paar Tage in Špania, wie immer, sehr genießen. Ich habe, mal wieder, viele neue Jugendliche kennen gelernt, mit denen ich mich sehr viel unterhalten und auch angefreundet habe. Manche von ihnen studieren in Bratislava, sodass wir uns dort ab und zu treffen können.
Die Arbeit hat mich also wieder. Nach zwei Wochen Urlaub wieder mit der Arbeit anzufangen, war für mich aber genauso wie nach 2 Wochen Urlaub oder Ferien in Deutschland. Ich brauche dann einfach ne Woche, bis ich wieder voll dabei bin. Aber dafür war ich schon an meinem ersten Tag, an dem ich wieder im Altenheim war, sehr positiv überrascht, wie sehr sich die Klienten gefreut haben, mich wieder zu sehen. Eine nahm mich sogar kurz in den Arm. Leider kam schon sehr kurz danach das nächste unangenehmere Erlebnis. Nachdem ich einen Klienten mit dem Frühstück versorgt hatte, wollte ich aus dem Zimmer gehen. Da die Türen hier im Allgemeinen etwas schwerer aufgehen, (was das soll, weiß ich auch nicht) öffnete ich die Tür also gewohnheitsmäßig mit etwas Schwung. Bum. Alles was ich dann noch sah, war die Klientin wie sie kurz torkelt und dann nach hinten umfällt. Die nächsten drei Wochen habe ich diese Frau nicht wieder gesehen. Sie musste in ein Krankenhaus, da sie sich was gebrochen hatte, wurde dort operiert und dann ging es in die Reha. Ich bin mit der ganzen Sache zuerst mit viel Humor umgegangen. Gut, ich hab die Frau mit der Tür umgestoßen, und sie hatte sich nach ihren Sturz was gebrochen. Dennoch konnte ich mit meinen Freunden über die Geschichte lachen. Es war halt lustig, dass mir so etwas passiert ist – bis zu dem Tag, an dem die Frau wieder gekommen ist. Ich hatte diese Klientin als eine noch recht selbstständige, fröhliche Frau in Erinnerung. Zurück aus der Reha kam eine Frau, welche todunglücklich ans Bett und an den Rollstuhl gefesselt ist. Auf die Frage wie es ihr geht kam sofort: schlecht. Oft hat sie dann auch direkt angefangen zu weinen. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich mich ab diesem Moment für mein Verhalten geschämt und erst einmal mir die Schuld für das Ganze gegeben habe, obwohl ich ja wusste, dass ich nichts dafür kann. Schließlich kann ich auch nicht durch 6 cm dickes Holz gucken. Trotzdem habe ich Schuldgefühle. Dazu kommt noch, dass es mir bis vor kurzem einfach auch verdammt schwer gefallen ist, einfach nur in das Zimmer zu gehen und diese vorher so selbständige Frau so hilflos und unglücklich dort liegen zu sehen. Allerdings werde ich diese Projektstelle nicht verlassen, wenn ich nicht weiß, dass es ihr besser geht. Also ist Aufmuntern angesagt. Da ich Aufmuntern in der Regel allerdings gar nicht beherrsche, war es für mich schon eine Überraschung, als ich das erste Lächeln auf ihrem Gesicht gesehen habe und sie letzte Woche sogar schon wieder die ersten Gehübungen auf der Flur machte. Immer weiter so.
Weiterhin hat sich aber auch etwas getan in meiner Arbeit. Angefangen bei meinen Arbeitszeiten. Kurz vor meinem Weihnachts- und Silvesterurlaub fand ich sie einfach nur total blöd. Ich fange um 7 an und das Meiste vom Frühstück ist schon gemacht. Und dann um 3 halb 4 aufzuhören, ist auch irgendwie so mittendrin gewesen. So zwischen Kaffee und Abendessen. Dazu kam noch, dass ich mich einfach nicht ausgelastet gefühlt habe und einfach mehr machen wollte. Mehr Selbstständigkeit und andere Arbeiten. Also stehe ich seitdem um halb 7 auf der Matte und arbeite so im Schnitt bis 5 Uhr. Viele kleine Sachen, bei denen ich jeden Tag neben meinen eigentlichen Arbeiten verstärkt helfen kann, waren schnell gefunden. Oft bin ich auch freiwillig Samstag oder Sonntag im Altenheim. Allerdings erst so ab dem Mittagessen, um da mitzuhelfen. Das hat verschiedene Gründe. Erstens ich kann ausschlafen, bevor ich ins Altenheim fahre. Zweitens habe ich sonst zu nichts Lust, und bevor ich rumgammle und gar nichts Sinnvolles tue, arbeite ich doch lieber. Und drittens bleibt auf der Arbeit immer was zu Essen übrig, was mir bei meinem am Wochenende oft relativ leeren Kühlschrank sehr gelegen kommt. Nach dem Mittagessen mache ich mich ganz generell nützlich und kann dann auch mit meinem Laptop in einem kostenlosen, wenn auch langsamen, Internetnetz surfen.
Die Sache mit der kreativen Arbeit ist, wie sollte es auch anders sein, dann aber ganz anders gekommen. Eigentlich hat sich da bisher kaum etwas getan, und ich hab verdammt lange gebraucht, um zu raffen, dass ich mich da verdammt noch mal selbst drum kümmern muss, wenn ich kreativ arbeiten will. Blanka, welche ich ja in meinem zweiten Rundbrief schon mal erwähnt hatte, wurde ungefähr eine Woche nach dem Abschicken meines letzten Rundbriefes entlassen. Meine Chefin war wohl mit ihrer Arbeit alles andere als zufrieden. Dafür sind jetzt seit kurzem zwei neue Therapeutinnen da. Die erste kommt immer montags und arbeitet lieber alleine mit den Klienten. Da werde ich also nichts machen können. Die zweite aber kommt dienstags bis donnerstags und hat meiner Chefin schon gesagt, dass sie nichts dagegen hat, wenn ich bei ihren Stunden dabei bin. Dabei war ich schon, habe allerdings nur dumm dabei zugeguckt, wie Blumen gebastelt wurden. Da die Frau, deren Name mir jetzt leider entfallen ist, aber eine ganz liebe ist, werde ich jetzt einmal anfragen, ob ich nicht vielleicht festere Aufgaben bei ihr übernehmen könnte. Dabei kann ich bestimmt etwas lernen, was mich schon arg freuen würde. Durch den ganzen Personalwechsel ist dieser Teil meiner Arbeit also immer noch in der Entwicklungsphase, wodurch ich, hoffentlich, erst im nächsten Rundbrief mehr darüber berichten werde.
Der Deutschunterricht in Samaria war dann nach Silvester plötzlich wieder ein riesiges Problem. Vor meinem Urlaub war ich zuversichtlich, dass mit dem neuen Buch alles besser wird. Und ich hatte auch ein entsprechendes Gefühl während des Unterrichtes. Doch nach meinem Urlaub war ich nach den ersten Stunden der Verzweiflung nahe. Da der ganze Unterricht auch einen therapeutischen Sinn haben sollte, kann es mir ja vielleicht egal sein, wenn sie nicht wirklich Deutsch lernen, sondern mehr nur so Phrasen. Aber das Ganze war eine einzige Katastrophe, da mich die Schüler NULL verstanden haben. Egal, ob ich mit ihnen auf Deutsch oder Slowakisch gesprochen habe. Ich will einfache Übungen machen, erklären was gemacht werden soll und sehe nur in ratlose Gesichter der Schüler, welche sich untereinander fragen, was denn der Kerl da vorne bitteschön von ihnen wolle. Wie es meine Art ist, stehe ich dann sehr schnell genervt vor der Klasse. Ich bin also mal wieder zur Frau Rašlova gegangen, um eine Lösung für mein Problem zu finden. Allerdings habe ich das Ganze wohl etwas undeutlich rüber gebracht. Sie kam ziemlich schnell mit der Frage, ob wir mit dem Unterricht nicht vielleicht einfach aufhören sollten. Da war ich allerdings total dagegen, da die ganze Sache eine interessante Herausforderung für mich ist. Darum habe ich mich an Dieter, den Lehrer, der mir auch das Buch für den Unterricht empfohlen hat, gewandt. Mit ihm habe ich die ganze Unterrichtssituation noch einmal überdacht, und wir sind dann gemeinsam darauf gekommen, dass ich Alles noch viel einfacher gestalten muss. Im Grunde, und ich hoffe, jeder versteht was ich jetzt damit meine, alles für “ganz Blöde“. Es läuft bisher schon einigermaßen. Ich habe mir ein paar kleine Lernspiele für die Schüler ausgedacht, welche jede Stunde zuerst wiederholt werden, bevor es daran geht, etwas Neues zu erlernen. Und das kann auch schon mal durch z.B. eine kleine Bastelaufgabe erfolgen. Mittlerweile kann also die Vorbereitung einer einzelnen Unterrichtsstunde schon mal einen ganzen Abend bei mir ausfüllen. Ein Problem haben dann leider die Schüler, welche bereits Vorkenntnisse in Deutsch haben und für die viele meiner Aufgaben dann doch zu einfach sind. Hierfür habe ich dann nach der eigentlichen Unterrichtsstunde noch eine Extrastunde eingerichtet, welche erheblich schwieriger gestaltet ist. Schwieriger für die Schüler und schwieriger für mich, da ich jetzt auch die deutsche Grammatik intensiv erklären muss. Mit: „Das ist halt so!“ komme ich nicht mehr weit. Also muss man sich doch erst noch einmal selbst mit der deutschen Grammatik beschäftigen, bevor man anfangen kann, sie zu erklären. Mal sehen, wie sich das Ganze weiter entwickelt.
Nach Silvester stand dann für meine sämtlichen Studentenfreunde erst einmal Prüfungszeit an. Ich weiß gar nicht, wie oft ich den Satz: „Ich/wir haben leider keine Zeit, da ich/wir lernen müssen“ gehört habe. Als dann die ganzen Prüfungen vorbei waren, hatten plötzlich alle Ferien. Sprich gefühlte 90 % von meinen Freunden waren eine Weile überhaupt nicht in der Stadt, sondern irgendwo in der Slowakei daheim bei ihren Familien. Die anderen hatten nach wie vor viel zu lernen oder schon was anderes vor oder, oder, oder. Es waren einige Wochenenden, welche ich allein in meinem Zimmer gehockt habe. So was geht mir dann schon an die Nieren. Ich werde frustriert und habe auch zu sonst nichts Lust. Das einzige was von Anfang wieder funktioniert hat, war meine Nachhilfe in Slowakisch bei Zuzka. Das läuft. Aber sonst. Zur Anem-Gruppe kann ich nach wie vor regelmäßig gehen, mir fehlt nur des Öfteren die Lust dazu. Michaela, der ich ja in Deutsch geholfen habe, konnte ich dann irgendwann wieder treffen. Neuer Treffpunkt war das so genannte UPC (Univerzitné pastoračné centrum – pastorales Universitätszetrum wenn ich das richtig verstehe), welches direkt neben dem Studentenwohnheim liegt. Wegen dieser Lage kam es nicht selten vor, dass noch ein paar weitere Freunde dort anzutreffen waren. Leider hat mir Michaela jetzt vor zwei Tagen gesagt, dass sie neben ihrem eh schon straffen Unterrichtsplan noch Englisch-Nachhilfe geben wird und von daher keine Zeit mehr für unsere Treffen hat. Ich werde jetzt also versuchen, mich mit Anderen regelmässig im UPC zu treffen. Vielleicht ergibt sich ja was zur allmontaglichen Abendmesse, welche unter Anderen auch von zahlreichen Studenten immer gut besucht ist. Überhaupt ist es um Einiges einfacher, sich unter der Woche zu treffen, da am Wochende halt wieder sehr viele Studenten heim fahren. Aber ich denke, bei den zahlreichen Bekanntschaften, die ich hier bereits gemacht habe, wird sich da schon irgendwas ergeben. Ich will euch also nicht weiter mit dem Thema nerven, sondern einfach mal positiv in die Zukunft blicken.
Was ist sonst noch so passiert? Nun, Mitte Februar, also noch gar nicht so lange her, stand der nächste Besuch aus Deutschland an. Meine Eltern sind zusammen mit meiner Schwester einmal kurz vorbei gekommen. Sie konnten in meiner Wohnung schlafen, meine Arbeit und etwas von der Stadt sehen, und an einem Abend waren wir auf einem Konzert von der – ich hoffe das stimmt jetzt – Lieblingsband meiner Schwester, was für sie so gut wie ein Weihnachtsgeschenk war. Ich denke wir haben ein paar schöne Tage zusammen verbracht.
In der letzten Zeit haben dann auch noch die Bewerbungen für diverse Schulen in Deutschland angestanden. Einen Schulplatz konnte ich mir bereits sichern. Da das alles aber leider auch mit den ersten Gedanken über das Ende meiner Slowakeizeit zusammenhängt, will ich jetzt gar nicht mehr darauf eingehen. Denn wie, und vor allem wann mein Abenteuer Slowakei für mich endet, steht für mich persönlich noch lange nicht fest.
Bei meinem Vorbesuch hatte ich gesagt, dass es mir hier sehr gut geht. Das kann ich auch nach diesem Rundbrief fast drei Monate später noch sagen. Alles, was ich hier erlebe, tut mir verdammt gut. Ich merke, wie ich an mir und meinen Problemen arbeiten kann und ich mich so langsam positiv verändere.
So, mal sehen was mich hier in der nächsten Zeit alles so erwartet.
Bis irgendwann also,
Euer Tobi


