Ukraine: 2.Rundbrief von Ann-Sophie Unterschemmann

31. März 2009 von ann-sophie.unterschemmann

Liebe Familie, liebe Freunde liebe Unterstützer,

Euch allen wünsche ich (zugegebenermaßen etwas verspätet) ein frohes und gesegnetes neues Jahr 2009!

Nun sind fast schon mehr als drei Monate seit meinem letzen Rundbrief vergangen und immer wieder wurde ich gefragt, wann denn nun der nächste komme und Fotos am Besten auch noch. Und immer wieder habe ich daraufhin fest vorgehabt, mich endlich hinzusetzten, um etwas zu schreiben. Aber immer wieder wurde dann doch nichts draus. Jetzt aber endlich ist es soweit. Ich möchte möglichst in chronologischer Reihenfolge vorgehen.

In meinem letzten Rundbrief habe ich von der Flutkatastrophe berichtet, die eine Zeitlang meine Tätigkeit hier mitbestimmt hat. Neben dem Verpacken von Hilfspaketen, was mehrere Samstage in Anspruch nahm, begleitete ich auch mehrer Transporte der Caritas, die diese Pakete in die umliegenden Dörfer brachten. Ich glaube, der Unterschied zwischen ländlichem und urbanem Raum ist hier noch viel ausgeprägter als bei uns. Man sieht viele alte Menschen mit ihren Kühen oder auf dem Feld beim Arbeiten. Autos kaum. Dafür aber Pferdewagen. Manchmal Einspänner, manchmal mit zwei Pferden. Die Übergabe der Pakete lief ziemlich banal ab. Keine „feierliche“ Übergabe oder so was, wie ich mir das eigentlich vorgestellt hatte, so mit Händeschütteln, kurzes Geplauder und allem drum und dran. Die „Dinger“ wurden abgeladen, die Leute mussten einen Zettel unterschreiben, und dann ging es weiter. Also ziemlich unspektakulär, was aber auch verständlich ist angesichts der vielen Päckchen, die innerhalb der kurzen Zeit verteilt werden mussten!
Außerdem fuhr ich auch weiterhin zweimal pro Woche in ein nahegelegenes Waiseninternat, um dort einmal bei einem Kochkurs zu helfen und das andere Mal mit kleinen Kindern zu malen. Ebenso besuchte ich ein- bis zweimal die Woche eine alte Frau, um dort im Haushalt mitzuhelfen, was meistens daraus bestand, dass ich den Boden putzte oder sonstige Sachen. Im Büro bestand meine Aufgabe hauptsächlich darin, Projektanträge zu schreiben oder Briefe. Alles in allem hatte ich einen mehr oder weniger geregelten Tagesablauf und mich den Umständen entsprechend ein wenig in meiner Arbeitsstelle zurechtgefunden, die zu Beginn für mich etwas unübersichtlich war. (Meine Kenntnisse der ukrainischen Sprache stehen mir noch etwas im Wege. Zwar verstehe ich mittlerweile fast alles, mit dem Sprechen hapert es aber noch etwas.) Daneben nahm ich immer häufiger auch an Aktionen der Malteserjugend teil. (z.B. Filmeabend, Theaterstücke, ökologische Aktion, Vorträge, Ausflüge)

Zu einer dieser Aktionen gehörte die Teilnahme mit einer Gruppe von Rollstuhlfahrern an einer Internationalen Tischtennismeisterschaft, die in Polen ausgetragen wurde. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich dann behinderte Menschen, die ich eigentlich immer als hilflos erachtet hatte, mit einer solchen Begeisterung und Beweglichkeit Sport treiben und eine solche Selbstständigkeit an den Tag legen, dass ich echt staunen musst. Meine Bewunderung wuchs noch mehr, als ich sie abends bei der allgemeinen Diskothek tanzen sah, sowohl alleine als auch in Paaren und auch ich legte daraufhin an diesem Abend mit unseren Rollstuhlfahrern, etwas ungeübt noch, doch mit Freude, den ein oder anderen Tanz aufs Parkett.

Im November erfolgte dann der Rückbesuch der polnischen Gastgeber. Während eines wunderschönen warmen Herbstwochendes hatte ich die Möglichkeit, mit ihnen ein bisschen die Umgebung zu erkunden,. So besuchten wir die Karpaten sowie eine alte Burg, die, schon zur Ruine verfallen, auf einem Mäander thronte. Und während dieser Ausflüge konnte ich wieder die bezaubernde Schönheit und die Weiter des Landes sehen und bestaunen, die mich immer wieder aufs Neue fasziniert!

Eindrücke:
Altenheime, Behindertenheime, Menschen, die aus dem Raster der gesunden, von Kraft strotzenden, leistungsfähigen Gesellschaft herausfallen, gibt es -  und das immer häufiger - jedoch meistens fernab der Öffentlichkeit. Man nimmt sie kaum oder sehr selten wahr, so als wollten wir uns selbst schützen, nicht wahrhaben, dass auch wir einmal nicht mehr dem allgemeinen Gesellschaftstyp entsprechen werden.
Auch hier in der Ukraine gibt es diese Heime, jedoch nur sehr wenige. Oft wohnen hier alte Menschen noch bei ihren Kindern und werden von ihnen im Alter versorgt. Während eines Ausfluges hatte ich die Gelegenheit, eines dieser Altenheime zu besuchen. Das Dorf liegt abseits und total verlassen in einer einsamen und doch idyllischen Umgebung. Hier ist das Hauptverkehrsmittel noch das Fahrrad oder die Füße; die Straße kaum geteert, eng.  Enten baden in teichähnlichen Wasserläufen. Daneben hütet eine kleine Gruppe von Dorfbewohnern eine ebenso kleine Herde von Kühen. Hier gegenüber liegt also das Altenheim an einer Straße am Anfang des Dorfes. Aus meinen früheren Erfahrungen mit Etablissements solcher Art, machte ich mich auf nichts Luxuriöses gefasst. Keine Aufenthaltsräume für die Bewohner, keine schönen großen, hellen Zimmer, freundliches Personal oder gar Beschäftigungsangebote. Kurz gesagt, meine Erwartungen waren schon ziemlich gering. Schlechter konnte es doch gar nicht mehr werden. Eigentlich.
Der erste Schritt in das Gebäude war der schwierigste.  Der penetrante Geruch von Urin, Schimmel und alten Leuten ließ die anderen Deutschen geradewegs rückwärts wieder aus dem Gebäude fliehen. Trotz der lachenden Gesichter, der augenscheinlichen Freude über unseren Besuch, eine halbjährliche Besonderheit und damit fast schon ein Großereignis, das den traurigen Alltag mal unterbricht, kostete es auch mich sehr viel Überwindung, mich nicht dem Vorbild meiner Mitreisenden anzuschließen und die dunklen Korridore gegen die helle und frische Dorfluft einzutauschen. Doch ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen und drang weiter in das Gebäude vor. Viele alte Leute waren aus ihren Zimmern geeilt, sofern ihnen das noch möglich war. Viele gingen an provisorisch zu Gehstöcken umfunktionierten Stöcken, in kleinen trippelnden Schritten, schlurfend und die Füße kaum vom Boden abhebend. Gesichter mit Falten, Furchen, an denen man die Schwere des Lebens, Mühe und Arbeit ablesen konnte. Gebückte Haltung. Schonungslosigkeit des Lebens. Und dennoch glänzende Augen, die einem entgegenstrahlten, Freude über unser Kommen. Vielleicht auch darüber, dass man wieder ein halbes Jahr mehr oder weniger überstanden, dem Tod ein Schnippchen geschlagen hatte. Flucht aus dem grauen, tristen Alltag.
Zusammengepfercht in kleinen, dunklen Zimmern, zu viert, Bett an Bett. Keine frische Luft, keine Durchlüftung, kein Besuch. Von den sanitären Anlagen ganz zu schweigen. Eine Badewanne für alle. Warmes Wasser gibt es nicht. Das Fenster ist zerbrochen, kalter Wind zieht unaufhörlich auch durch diverse andere Löcher. Die Menschen dagegen ein kompletter Gegensatz zu den äußerlichen Wohnumständen. Stolz wurden die Deutschkenntnisse präsentiert. „Kamerad“ „guten Tag“ „Panzerfabrik“ – Worte, die aus dem Alltagsleben eines ehemaligen Zwangsarbeiters stammen, der mehr als drei Jahre in Deutschland zur Arbeit in einer Fabrik gezwungen worden war – und trotzdem keinerlei Verbitterung oder Hass zeigte, sonder uns mit sichtlicher Freude empfing. Die beiden Caritasverantwortlichen verteilten Schokolade und Gesichtscreme. „ Die braucht das nicht mehr“, sagte eine Frau des Pflegepersonals. Nur die Anwesenheit der Deutschen schien sie zu hindern, ihr die Creme wieder wegzunehmen. Eine andere Frau verschwand gleich in ihr Zimmer und stopfte sich die Schokolade in den Mund, als schien sie zu fürchten, man wolle sie ihr wieder wegnehmen. Eine weitere fasste mir in mein Gesicht, als könnte sie es nicht glauben, dass ich vor ihr stand. Eine andere wiederum wollte unbedingt ein Foto mit uns machen und bat darum, ihr das Bild zuzuschicken „- aber möglichst schnell, mein Herz macht nicht mehr lange mit“ und wiederum eine Andere bot mir Äpfel aus dem Garten an, die sie gerade gepflückt hatte. Angesichts der Umstände und der nahezu kindlichen Freude und allgemeinen Aufregung kam ich mir selbst nicht sehr wohl in meiner Haut vor. Ich empfand, mit der Situation überfordert zu sein, einfach nur dazustehen, nicht wissend was zu tun und wie zu reagieren. Auch die beiden Ukrainer, ein Arzt und unser Dolmetscher, die uns begleiteten, waren schockiert über das Bild, das sich ihnen bot. Eine solche Schonungslosigkeit und Armut – und aus mitteleuropäischen Blickwinkeln könnte man fast schon von Menschenverachtung sprechen - schienen auch sie, wenn auch nicht zum ersten Mal, so doch sehr selten zu Gesicht zu bekommen.

Dabei fällt mir immer mehr auf, wie sehr das Elend und die Armut mich hier abgestumpft haben und wie schon alltäglich und normal es für mich schon ist, eine bettelnde oder verkrüppelte Frauen am Straßenrand zu sehen, solche, die Pilze oder selbst gebastelte Besen oder Obst verkaufen, oder all die Frauen und Männer, die mit einer Kuh am Strick oder einer Ziege die Wegesränder abgehen, damit ihr Tier grasen kann, da sie selbst keine Weideflächen besitzen. Es ist schon erschreckend. Ich komme mir manchmal schon ganz hart, egoistisch und herzlos gegenüber diesen Leuten vor, ob des Reichtums, in dem ich in Deutschland doch lebe…

Nun aber kam Anfang Dezember endlich die Zeit, auf die alle schon hingefiebert hatten. Meine Vorgänger haben in höchsten Tönen von ihr geschwärmt. Und auch im Büro und unter den Maltesern war sie stets in aller Munde und wurde als eine der aktivsten Zeiten der Malteser beschrieben: die Nikolausaktion.
Im Endeffekt ist das Prinzip einfach. Kinder aus 16 Waisenhäusern schreiben Wunschzettel an den heiligen Nikolaus. Diese werden dann im Büro an die Bevölkerung verteilt, die daraufhin Geschenke zubereiten und diese in unser Büro bringen. Die so gesammelten Geschenke werden dann von den Maltesern zusammen mit Früchten und Süßigkeiten in einem von der Malteserjugend vorbereiteten Weihnachtsspiel feierlich überreicht. Zusätzlich werden Spendedosen in den Geschäften aufgestellt, sowie Kleider- und Schreibwarenspenden hier im Büro entgegengenommen. Bei 1136 Geschenken blieb im Büro für alles andere ziemlich wenig Platz. Die Zeit wird mir als sehr anstrengend in Erinnerung bleiben. Viele Leute, wenig Platz, Hektik, viel Arbeit, zum Teil bis nachts elf Uhr, aber auch als eine Zeit, in der ich sehr viel gelacht habe, sehr viel Neues gelernt, Menschen kennen und schätzen gelernt habe und sehr viel Spaß und Freude hatte.
Bei der Geschenkübergabe am 19.12, dem orthodoxen Nikolausfest, erlebte ich auch wieder sehr viel Bewegendes! Die Augen der Kinder leuchteten vor Freude, andere, wenige, weinten, weil sie nicht genau das bekommen hatten, was sich sich gewünscht hatten. Die Beiträge zur Nikolausfeier waren sehr berührend.
Am meisten jedoch hat mir die Weihnachtsfeier in dem Internat für Gehörlose imponiert. Trotz der Tatsache, dass sie nichts hörten, erzählten sie Geschichten, lachten und sangen sogar sowohl Duette, als auch im Chor, und das alles ohne Worte und ohne die Musik zu hören. Sie fühlten sie, hatte man den Eindruck.

Zu unserem Weihnachtsfest bin ich dann nach Hause gefahren, um mit der Familie zu feiern, eine Zeit die ich sehr genossen habe und nach den stressigen Nikolausvorbereitungen auch brauchte. Sylvester befand ich mich jedoch schon wieder auf dem Weg in die Ukraine und feierte mit einer Mitfreiwilligen in Krakau. (übrigens eine wunderschöne Stadt!) Schließlich, am 5. Januar, war ich wieder in der Ukraine und im Gegensatz zu meiner ersten Ankunft, war es fast schon wie ein Heimkommen, alles war mir irgendwie schon bekannt und doch hatte sich einiges geändert…

Am 6.Januar war hier in der Ukraine Weihnachten. Der orthodoxe Kalender liegt nämlich 13 Tage hinter dem für mich üblichen Kalender. Feiertage „feiere“ ich also theoretisch immer zweimal. Weihnachten ist hier mehr noch ein geistliches Fest. Geschenke werden zum Nikolaustag verteilt. Man gedenkt hier der Verstorbenen. Deswegen stand bei uns bei der Mahlzeit eine Grableuchte auf dem Tisch…
Ich war bei Solomia, einer Freundin, eingeladen, mit ihr und ihrer Familie den heiligen Abend zu feiern und auch die kommenden Weihnachtstage bei ihr zu bleiben. Ich habe dort eine sehr schöne Zeit verbracht und soviel gegessen wie noch nie. Für ein traditionelles Weihnachtsessen werden nämlich 12 Speisen - je eine für jeden der 12 Apostel - zubereitet. Die Zutaten stammen jeweils von Wasser, Luft und Erde. Als erstes wird immer der „kutju“ gegessen. Er besteht aus Mohn, Walnüssen und Weizenkeimen. Manchmal findet man ihn mit Zucker gesüßt, manchmal mit Honig. Der Tradition nach darf man ihn nicht wegwerfen, sondern er muss ganz gegessen werden. Auch gibt es eine bestimmte Reihenfolge, in der zu essen angefangen wird. Der Älteste probiert immer zuerst, dann der Zweitälteste und so weiter. Und so saß ich dann schließlich nach anstrengenden Essensvorbereitungen, in die ich natürlich sofort eingespannt wurde, in einer geborgten, traditionell bestickten Kleidung mit einer ukrainischen Familie am Tisch, lernte viel bezüglich der Weihnachtstradition dazu, und genoss den Abend. Am nächsten Morgen ging es schon um sechs in die Kirche. Diese war voll, voller als ich es je gesehen habe. Wir standen alle dicht an dicht gedrängt. Sich zu bewegen war unmöglich. Und es kamen immer mehr Leute, die alle in die Kirche drängten, um der eisigen Kälte, die draußen schon seit geraumer Zeit herrschte, zu entfliehen. Drei Stunden dauerte die Messe, und sie wird mir bestimmt unvergesslich in Erinnerung bleiben. Danach ging es dann per „Autostopp“, also Trampen, mit der ganzen Familie in das Heimatdorf der Mutter von Solomia, um dort Verwandte und die Großeltern zu besuchen. Auch dieses Dorf ist wieder unheimlich schön gelegen, in einem Tal, umrahmt von schneebedeckten Bergen. Abends dann wieder per Autostopp zurück.

Während der Weihnachtstage ist es hier in der Ukraine Tradition, von Haus zu Haus Sternsingen zu gehen, um so die Geburt Jesu anzukündigen, die Freude darüber zum Ausdruck zu bringen und ein bisschen Geld, oft für die Kirche, aber auch für sich selbst zu sammeln, ähnlich wie bei uns die hl. drei Könige am 6.Januar. Auch die Malteser versammelten sich bei Roman, meinen Chef, und dann ging es mit ungefähr dreißig Leuten auf zu andern Maltesern Sternsingen. Wir besuchten mehre bekannte Familien und sangen. Überall wurde man hereingebeten und es gab etwas zu essen und zu trinken. So wurde an diesem Abend viel gegessen, getrunken und gelacht. Abends um halb drei fiel ich todmüde, übersättigt und doch glücklich ins Bett.

Seit Montag hat für mich nun die Arbeit wieder begonnen. Dennoch scheint noch kein Alltag eingekehrt zu sein. Es warten noch viele Feiertage im Laufe des Januars, die gefeiert werden wollen. (oder sollen?) Zuerst das alte neue Jahr am 13. Januar, dann der zweite heilige Abend und schließlich den Jordan Tag, an dem die Häuser gesegnet werden. Das Feiern scheint hier kein Ende zu nehmen.

Bezüglich des Gaskonfliktes, von dem ich eigentlich hier nur am Rande etwas mitbekommen habe, kann ich euch alle beruhigen. Es gab hier zu keiner Zeit Probleme mit Gas. Die Gaspreise scheinen zwar gestiegen zu sein, ebenso die Lebensmittelpreise, die sich nun schon fast mit Riesenschritten denen in Deutschland annähern. Allerdings ist meine Wohnung nach wie vor warm und ich friere nicht.

An diesem Punkt möchte ich meinen Rundbrief nun abschließen. Ich hoffe, dass es euch allen gut geht. Ich freue mich über jede Post, Mail oder sonstige Nachricht, die ich von euch bekomme. Wenn ich auch manchmal nicht sofort antworte, so habe ich euch doch nicht vergessen und werde in einem ruhigen Moment bestimmt antworten!

Liebe Grüße
Ann-Sophie

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