Kerstin Becker, Burkina Faso (2)

15. April 2009 von kerstin.becker

Colline de la Rencontre – Emmaüs

 

 

 

Ich habe die größte Kunst- und Handwerkermesse in ganz Westafrika besucht und mit einem deutschen Freiwilligen in Ouaga Pfannkuchen gebacken… Abends sitze ich auf der Dachterrasse unserer Küche und schaue mir den unglaublich klaren Sternenhimmel an… Ich habe mich im Busch mit dem Auto verfahren und kam auf einmal in einem fremden Dorf 14km vom Colline entfernt an… Ich musste erleben,  wie ein fröhlicher junger Mann gegen einen Tumor kämpfte und leider keine Chance mehr hatte… Wir haben gemeinsam gebetet, gehofft und getrauert… Letzte Woche habe ich mir meinen ersten Sonnenbrand geholt, und das kurz vor Weihnachten… Beatrice hat mir eine Tunika aus afrikanischem Stoff vom Markt genäht… Ich musste einige Male mit meinen 2 Jungs über ihre Arbeit in der Farm diskutieren, natürlich auf französisch… Ich habe eine abenteuerliche Fahrt mit dem Bus überlebt, wobei ich 2 Hühner auf dem Schoß sitzen hatte… Arthur hat eine riesige Schlange gefangen, die Jungs haben sie gegessen… Wir haben Orangenmarmelade und Zitronensirup gemacht… Ich habe mit unseren Jungs einen Adventskalender gebastelt… Alle paar Tage laufe ich mit einem Sack über den Markt und sammle alte Krautblätter für unsere Kaninchen… Eines Abends hörte ich, wie einer von unseren Jungs zu den anderen meinte: Ihr müsst euch vor „den Weißen“ in Acht nehmen!…Ich habe mit 2 deutschen Chirurgen unsere neue Straße mit Sternschnuppen an den Bäumen markiert und ihnen einige Stunden später bei OPs zugeschaut… Ich habe geholfen Tô mit Gombo-Soße zu kochen… Wir haben nun 3 Esel, sie heißen Akanyi, Teri und Beppo… Mit Pascal habe ich Sesamplätzchen gebacken, für die man jedoch gute Zähne haben muss… Immer wieder erreichen mich Emails und Grüße von Menschen aus Deutschland, die an mich denken, andere schweigen… In unserer Farm haben wir jetzt um die 30 Küken und 8 kleine Kaninchen… Ich war bei der Einweihungsfeier einer Kathedrale dabei und die Messe hat faszinierende 5 Stunden gedauert… Ich habe barfuß in Wassergräben gestanden und die Zwiebeln auf dem Feld eingepflanzt… Ich war dabei, als Soeur Felicité ihr ewiges Gelübde bei dem Karmeliter Orden abgelegt hat…

…Und schon wieder sind 2 Monate vergangen!

 

Doch wie soll ich all diese Erlebnisse, die vielen Eindrücke und Bilder wieder in einen Rundbrief verpacken? Was interessiert euch? Wie kann ich euch mein Leben hier ein klein wenig näher bringen?

Ich suche nach Anregungen, um meinen Brief beginnen zu können und stoße auf den letzten Rundbrief von Jonas. Jonas ist auch ein SoFiA-Freiwilliger. Er macht seinen Dienst in Bolivien, mitten im Regenwald, fernab von großen Städten und dem modernen Fortschritt, so wie ich hier. In seinem Brief berichtet er von seinen Gedanken, die ihm bezüglich des Freiwilligendienstes kommen, was einen Freiwilligendienst ausmacht und wie groß doch die Unterschiede von Projekt zu Projekt sind. Es sind auch genau meine Empfindungen, wenn er schreibt, dass sich ein „Neidgefühl“ oder der Gedanke „etwas zu verpassen“ bei ihm breit macht, wenn er von dem Großstadt- und Chillerleben manch anderer Freiwilligen hört, die abends gemeinsam was unternehmen oder am Wochenende zusammen verreisen. Genauso geht es mir auch manchmal und ich denke, dass ist genau das, was mir hier fehlt, wonach ich mich hin und wieder sehne.

Wenn ich jedoch 2 Schritte weiter denke wird mir bewusst, dass das aber eigentlich nicht das ist, was ich hier suche. Ich bin hierher gekommen, um ein kleines Stück Afrika kennen zu lernen und das könnte ich glaube ich nirgends besser als auf dem Land, mitten unter den Menschen. Hier in der Gemeinschaft mit unseren Jungs, die mich täglich aufs Neue mit ihren Eigenarten begeistern und nerven. Hier in meiner kleinen Rundhütte, in der ich morgens um 6Uhr von der aufgehenden Sonne, die durch mein Fenster scheint, geweckt werde. Hier mitten im Busch, wo Reis und Tô mit Soße gegessen und vorher auf offenem selbst zubereitet werden. Hier auf dem Colline, der für mich ein zweites Zuhause geworden ist…

 

Joyeux Noel – und wie feierst du Weihnachten?

 

In vielen Emails wurde ich gefragt, wie ich denn hier Weihnachten feiern werde und auch ich habe mich vorher öfters gefragt, wie das denn wohl sein wird. Weihnachten zum ersten Mal ohne die Familie, kein Adventskalender oder Weihnachtsmarkt (wo ich doch immer das ganze Jahr auf die gebrannten Mandeln und Thüringer Bratwurst warte J). Weihnachten ohne Tannenbaum, dessen Duft das Wohnzimmer erfüllt, ohne Geschenke und ohne den warmen Ofen, der immer eine so gemütliche Atmosphäre schafft.

Stattdessen haben wir hier um die 30 Grad trockene Hitze, ein strahlend blauer Himmel und abends eine glühend rote Sonne, die am Horizont untergeht. Erst ein bis zwei Tage vorher, als wir mit den Vorbereitungen für das Fest angefangen haben, hatte ich das Gefühl, dass Weihnachten vor der Tür steht. Herbert sagte mir: „Du musst dich einfach mal drauf einlassen.“ Das habe ich versucht und es war ein wirklich schönes Fest, eine unvergessliche Erfahrung.

 

Am Tag vor Weihnachten (23.12) hatten unsere Jungs so eine Art Besinnungstag, der sie auch nochmal spirituell auf das Weihnachtsfest einstimmen sollte. An Weihnachten feiert man hier wirklich „nur“ die Geburt Jesu Christi, der in die Welt gekommen ist und nun mitten unter uns wohnt. Eben genau das, was der eigentliche christliche Ursprung dieses Festes ist. Es gibt kein Christkind oder Weihnachtsmann, die Geschenke bringen. Gemeinsam mit unserem Abbé Edouard haben die Jungs also Bibelstellen gelesen und über die Bedeutung dieses Ereignis für uns Christen gesprochen. Später wurde dann die Christmette vorbereitet. Den ganzen Nachmittag hat man sie „Gloria in excelsis Deo“ singen gehört. Der Tag wurde abends mit einem gemeinsamen Gebet beendet: eine Stunde stille Anbetung vor dem Allerheiligsten in der Krippe. Für die meisten von euch (mal abgesehen von meinen Großeltern) ist diese Vorstellung wahrscheinlich sehr fremd. Als ich das zum ersten Mal hier mitgemacht habe, habe ich mir auch gesagt, damit kann ich nichts anfangen. Aber mir wurde erklärt, was es heißt auf diese Art zu beten und ich habe mich von meiner vorherigen Einstellung „das ist nichts für mich“ lösen können.

Der 24. war dann sogar fast so ein wenig wie in Deutschland. Silvana und ich fuhren morgens in die Stadt, um die letzten Besorgungen zu machen. Mit 10 Wassermelonen, 2 Säcken Salat-und Krautblätter für die Kaninchen, 2 Kisten Getränke, 3 Pakete Brot, jede Menge Gemüse, Fleisch, 2 lebenden Hühnern und 4 Personen in unserem kleinen uralten klapprigen Peugout 205 sind wir gegen Mittag am Colline angekommen. Unsere Jungs waren schon dabei literweise Saft zu machen, für den sie vorher Früchte und Blätter zubereitet haben. Am Nachmittag durfte ich dann zuschauen, wie sie ein Schwein geschlachtet haben, das Emmanuel am Morgen in einem nahegelegenen Dorf gekauft hatte. Während das Schwein kleingehackt und zubereitet wurde, habe ich mit Etienne den großen Saal geschmückt, in dem die Christmette stattfinden sollte.

Zum Abendessen gab es einen kleinen Festschmaus. Die Familie von Guillaume (Eltern und 4 Schwestern) war gekommen und hat uns viele leckere Sachen mitgebracht. So saßen wir, Herbert, Silvana, Benjamin Guillaume, seine Familie und ich also bester Stimmung zusammen, aßen Baguette mit Salami und Entenpastete, eine Käseplatte wurde rumgereicht und wie es sich für Franzosen gehört durfte der Wein nicht fehlen. Um Herbert eine Freude zu machen hatten sie deutschen Rose mitgebracht, den wir 2 Deutsche uns natürlich besonders schmecken ließen. Sie Schwestern von Guillaume hatten frischen Apfelkuchen gebacken und zusammen mit meinen selbstgebackenen Plätzchen haben wir es uns richtig gut gehen gelassen.

Dann war auch schon bald 21 Uhr, Zeit für die Christmette. Gemeinsam mit den Jungs und ein paar Arbeitern die gekommen waren, haben wir die Messe in der Apatam begonnen. Für das Evangelium hatten die Jungs ein Szenenspiel vorbereitet: Verkleidet als Maria und Josef traten sie vor den Stadthalter, um sich einschreiben zu lassen. Hirten kamen von ihren Feldern mit Schafen und ein Engel verkündete die frohe Botschaft, worauf wir in einer kleinen Prozession mit Trommeln und Gesang zum Saal marschierten, wo wir die Krippe hell erleuchtet auffanden. Nach der Messe gab es dann ein Gemeinschaftsessen. Das Schwein mit Reis und Soße, dazu der selbst gemachte Saft und Sesamkekse. Noch lange wurde getrommelt, gesungen und getanzt, bis alle müde ins Bett fielen.

 

 

 

 

Es war ein Weihnachten, wie ich es vorher noch nie erlebt habe. Ein Weihnachten ohne den ganzen materiellen Rummel und Aufwand, ohne teure Geschenke. Aber was mir geschenkt wurde, war ein Weihnachten mit Freude und Liebe, an einem Ort den ich jetzt gerne mein Zuhause nenne und wo es einige Menschen gibt, die für mich Teil meiner Familie geworden sind.

Und gleichzeitig die Entfernung zu meiner Familie in Deutschland, wodurch ich begreife, welch großes Geschenk es ist, solche Menschen um einen herum haben zu dürfen.

 

 

„Gestattet einander Freiräume in eurem Beisammensein.

Und lasst die Winde des Himmels zwischen euch tanzen.“

 

Nach Weihnachten sind nun erst einmal 2 Wochen Ferien angesagt. Die Jungs sind zu ihren Familien nach Hause gefahren und somit ist es jetzt richtig ruhig auf dem Colline. Aber langweilig wird uns hier nicht: Die Felder müssen bewässert, die Tiere versorgt werden und rundherum gibt es eigentlich immer etwas zu tun.

Trotzdem nehmen wir uns aber auch die Zeit ein wenig „Urlaub“ zu machen, Herbert, Silvana, Benjamin und ich sind einen Tag an den Sourou gefahren, Picknick am Fluss. Auf dem Weg dorthin haben wir in einem kleinen Dorf frische Fische gekauft und sie auf offenem Feuer gegrillt. Wir hatten auch Wein, Brot, Obst und Kekse mitgebracht. So haben wir den ganzen Tag faul im Schatten gelegen, um uns herum wilder Busch, alles grün und voll bunter Vögel. Am Wasser stand ein Fischer, der geduldig immer wieder sein Netz auswarf. Als wir abends zurück gefahren sind wollten wir noch schauen, ob wir ein paar Nilpferde sehen. Leider war es jedoch zu dunkel, sodass wir sie nicht sehen konnten, aber wir haben sie im Wasser schnaufen gehört und sie waren ganz Nahe.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ihr Lieben, ich danke euch allen für eure Weihnachtsgrüße und jede Art von Unterstützung, die es mir ermöglicht, hier einen Traum wahr werden zu lassen. Für das kommende Jahr wünsche ich euch von Herzen alles Gute, viel Freude und natürlich Gesundheit.

 

…„und bis wir uns wieder sehen, halte Gott euch fest in seiner Hand“

Kerstin

 

 

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