Palästina: 2. Rundbrief von Julian Etzel

19. April 2009 von julian.etzel

Liebe Verwandte, Freunde, Interessierte, liebe Mitfreiwillige und Wegbegleiter,

schon sechs Monate meines Freiwilligendienstes sind vergangen. Sechs Monate, in denen ich viel sehen und erleben durfte. Auf politischer Ebene habe ich euch auf dem laufenden gehalten, doch Informationen über mein alltägliches Leben sind etwas auf der Strecke geblieben, auch wenn es wohl durch die politische Lage beeinflusst wird.

Genug des Vorwortes, nun möchte ich euch an all meinen Erfahrungen, sowohl den positiven als auch den negativen, als Freiwilliger in Palästina teilhaben lassen.


Projektwechsel

Zum Jahreswechsel habe ich meine Projektstelle gewechselt, da ich trotz meiner Bemühungen von Beginn an, Änderungen in meinem Arbeitsfeld in meiner alten Projektstelle zu erzielen, leider nicht erfolgreich war. So arbeite ich nun nicht mehr für das International Center of Bethlehem sondern für die Lighting Candles Organization (LCO) in Deheisha, dem größten Refugee Camp von Bethlehem. Die Organisation wurde im November 2005 gegründet. Es ist eine recht neue Nichtregierungsorganisation, die noch am Anfang ihrer Entwicklung steht. Sie besteht aus 100% Freiwilligen, sowohl internationalen als auch palästinensischen. Ihr Gründer, mein Chef Hamdan, ein Palästinenser mit Gehbehinderung wegen einer Fehlbildung der Beine von Geburt an, hat sie aus eigener Initiative gegründet. Nachdem seine Behinderung lange von der eigenen Familie versteckt gehalten wurde, gründete er die LCO mit dem Ziel den behinderten Menschen in der palästinensischen Gesellschaft eine Anlaufstelle zu geben, wo sie mit nichtbehinderten Menschen interagieren können, demokratische Werte zu vermitteln und dauerhafte Entwicklung zu fördern.

An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich bei Peter Nilles und SoFiA bedanken, die mir den Wechsel trotz allem Bürokratischem und zähen Amtsdurchläufen so einfach wie möglich gemacht haben, auch wenn es einfach eine Ewigkeit dauert, bis so ein Wechsel endlich offiziell anerkannt wird.

Arbeit in der neuen Projektstelle

Mein Arbeitsfeld in meiner neuen Projektstelle, der Lighting Candles Organization (LCO), ist breit gefächert und schließt von Kinder- und Jugendarbeit über Fundraising & Öffentlichkeitsarbeit sowie auch Bauarbeiten alles Erdenkliche mit ein.

So war meine erste Aufgabe im neuen Projekt zusammen mit einer Kanadierin, die für das nötige Kleingeld sorgte, eine Woche mit Freizeitangebot für Kinder und Jugendliche zu planen, zu koordinieren und durchzuführen. Angefangen von einem Vorbereitungstreffen aller Freiwilligen, die einen Beitrag anbieten wollten, über die Arbeit mit den Kindern und Nachbesprechung an jedem Tag mit den Freiwilligen und konkrete Planung des Folgetages war mein Programm in dieser Zeit fast etwas überfüllt. Es war sehr schön aber auch sehr anstrengend. Unsere Programm beinhaltete von sogenannten Anschuggerlen oder Warm-Ups, wie dem sensationellen „Zeitungsschlagen“, zu Beginn jeden Tages über malen auf Papier, Glas, Tonvasen, basteln von kleinen Burgen aus Karton, herstellen von Bildern aus natürlichen Materialien wie Gewürzen, Reis, Linsen, Nudeln usw., Debka und Capoeira tanzen, sowie einer Theatergruppe, Fußball spielen, Schwimmen gehen und einmal einen Film anschauen, auch eine Obst- und eine warme Mahlzeit am Tag. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, wegen einer geringen Anzahl an Teilnehmern entwickelte es sich von Tag zu Tag zu einem letztendlich gelungenen Angebot mit festlichem Abschluss mit Tanz- und sonstigen Aufführungen bis hin zu gutem Essen.

Nach der Freizeitwoche für die Kinder und Jugendlichen habe ich mit Mustafa, dem Bruder meines Chefs Hamdan, auf Wunsch des Nachbarn die Trennmauer im Garten auf ich schätze stolze drei Meter erhöht. Als ob es nicht schon genug Mauern in dieser Region geben würde. Nun ich sehe es positiv, sie wird im heißen Sommer als Schattenspender für den Gemüsegartenteil unseres geplanten „Educational Garden“ dienen.

Wo wir schon beim nächsten anstehenden Projekt wären, das „Educational Garden Project“. Vor kurzem hat eine Holländerin aus ihrer Heimat eine Spende mitgebracht, sodass mit dem in der Organisation lang geplanten Projekt zumindest einmal gestartet werden kann. Neben dem angesprochenen Gemüsegarten, werden wir auch heimische Bäume anpflanzen, einen Kompost anlegen, ein Sitzbereich zum Relaxen, ein aktiver Part mit Volleyballnetz, Basketballkörben und eventuell kleinen Fußballtoren, sowie ein anderer Sitzbereich, der für Aktivitäten wie Englisch- oder Malkurse, sowie Feierlichkeiten im Freien genutzt werden kann, sollen entstehen. Auch Rampen die den Garten künftig für Rollstuhlfahrer erreichbar machen sollen, werden wir errichten.

So arbeite ich zurzeit weiter im Fundraising- & Öffentlichkeitsbereich, erstelle einen Plan für fortlaufende Aktivitäten für Kinder und Jugendliche in der LCO und heuere die nötigen Freiwilligen an, mich eingeschlossen, die die Aktivitäten durchführen. Zudem haben wir begonnen den Müll, der hier leider überall etwas hilflos herumliegt, aus dem Garten zu entfernen, um das oben beschriebene Vorhaben durchzuführen soweit das Geld reicht.

Weihnachten in Bethlehem

Knapp zwei Monate ist es nun her, dass ich Weihnachten in der Geburtsstadt Jesus erleben durfte. Durch meinen Krippenplatz nahen Wohnort war ich also von Anfang an mitten im Geschehen. So stand am Weihnachtsmorgen das Anschauen der alljährlichen Parade in der Altstadt auf dem Programm. Traditionell ziehen Pfadfindergruppen aus dem ganzen Westjordanland von der Geburtskirche aus durch die Altstadt, um den Jerusalemer Patriarchen zu empfangen und in die Geburtskirche zu geleiten. Beeindruckend war es allemal, die Gassen waren total überlaufen und es waren auch relativ viele Fremde in der Stadt zu sehen, was sich sonst doch auf die internationalen Freiwilligen und meist Tagestouristen beschränkt. Nachdem wir (zwei norwegische Freiwillige + die Eltern einer der beiden, eine holländische Freiwillige und ich) uns mit einem Kaffee aufgewärmt hatten, ging es nach Beit Sahour zum Hirtenfeld zum ersten Gottesdienst des Tages. Anschließend bereitete uns die norwegische Fraktion ein köstliches Weihnachtsmahl und wir ließen die Zeit bis zum Mitternachtsgottesdienst in einer gemütlichen Atmosphäre verstreichen. Zurück in Bethlehem stand jetzt erstmal ein zweistündiges Anstehen vor der Geburtskirche an. In der fließenden Masse in der Kirche angekommen, wartete nun ein zweistündiger Gottesdienst auf uns, den nicht jeder von uns stehend und in der Enge mit schlechter Luft bis zum Schluss beiwohnte. Beeindruckend war es schon, aber mehr vom Gottesdienst hat man sicher in der Fernsehübertragung. Also lässt sich nicht sagen, ob wir nun glückliche Besitzer einer natürlich kostenfreien Eintrittskarte waren oder nicht. Fest steht jedenfalls, dass es mein anstrengendstes Weihnachten war, das ich je erlebt habe. So verbrachte ich den ersten und zweiten Weihnachtsfeiertag auch eher in ruhiger Atmosphäre und habe mich abends mit meinen palästinensischen Freunden getroffen, die syrisch-orthodox sind und ihr Weihnachten somit erst am 7. Januar feiern.


Angriff auf den Gazastreifen

Die Weihnachtsfeierlichkeiten wurden dann auch abrupt durch die israelischen Luftangriffe auf den Gazastreifen beendet und mündeten in Demonstrationsveranstaltungen und Gedenken der Opfer. Meine persönliche Meinung über die unverhältnismäßige Großoffensive von Israel um den Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen zu stoppen, habe ich euch ja schon relativ ausführlich in einigen E-Mails mitgeteilt, sodass ich diese Passage nicht unnötig mit Wiederholungen in die Länge ziehen möchte.


Wahlen in Israel

Politisch möchte ich euch natürlich trotzdem auf dem Laufenden halten. Israel hat gewählt und es ist eine klare rechte Mehrheit herausgekommen. Was heißt das für künftige Friedensverhandlungen zwischen Israel und Palästina? Leichter werden sie dadurch wohl nicht. Viel wird nun davon abhängen, wie die Regierung letztendlich aussehen wird. Denn trotz der starken Rechten hat die etwas gemäßigtere Kadima-Partei von Tzipi Livni mit einem Sitz mehr als die Likud-Partei von Benjamin Netanyahu die Wahl gewonnen. Doch danach folgt die stark rechte nationalistische Einwandererpartei Yisrael Beiteinu vom ultrarechten Avigdor Liebermann, der mit dem Wahlspruch warb „No Loyality, no Citizenship“, was soviel heißen soll, wie kein Militärdienst, keine Staatsbürgerschaft. Festzuhalten bleibt, das keiner dieser drei Politiker als palästinafreundlich eingestuft werden kann. Während Liebermann öffentlich bekennt kein Interesse an Verhandlungen mit Palästinensern zu haben und für eine gewaltvolle Zerschlagung der Hamas steht, ist Livni wohl eine der Hauptverantwortlichen für den vergangenen Gazakrieg und konnte wohl auch durch diesen einige wichtige Wählerstimmen erhalten. Netanyahu ist wohl irgendwo zwischen diesen beiden einzuordnen. Doch die Hoffnung bleibt, dass der heilige Landstrich auch irgendwann ein friedlicher ist, indem Menschen jeglicher Rasse, Nation und Religion friedlich nebeneinander, ja am besten miteinander leben können.


Klima

Was gibt es über das Klima in Bethlehem zu berichten? Sehr trocken ist es und im deutschen Sommer und Herbst auch sehr heiß. Der Winter war bisher nicht so sehr kalt, gemessen an deutschen Standards, doch das Phänomen ist, dass er sich kälter anfühlt, da es weder draußen, wenn nicht gerade die Sonne schön scheint, noch drinnen in der Wohnung richtig warm ist, da man meist keine Zentralheizung besitzt. Aber lohnen würde es sich eh nicht und mein kleiner Heizer heizt leider nur eine kleine Region auf und zudem verbraucht er eine Menge Strom. Eine weitere Rolle spielt hier wohl der Gewöhnungseffekt an das warme Wetter und dass ich eher schnell friere. Die Regentage kann ich jedenfalls noch an beiden Händen abzählen, auch wenn es gerade heute Nacht stürmt und etwas hagelt, da es in den letzten Tagen doch etwas sehr kühl geworden ist. Doch tagsüber waren es heute noch 15 Grad Celsius. Der Wassermangel ist aber wohl das größte Problem für die Region.


Sonstiges

Nachdem ich meinen zweiten Sprachkurs beendet habe, bin ich derzeit auf der Suche nach einem günstigeren Sprachlehrer, der alte war zwar sehr gut, aber schlicht weg auch sehr sehr teuer. Leider fehlt mir gerade die Zeit die Suche zielstrebig und erfolgsbringend zu fokussieren, sodass ein kleiner Bruch entstanden ist. Doch ich habe fest vor die Sprache weiter zu lernen, weil sie einfach sehr schön und faszinierend ist.

Leider musste ich mein allnächtliches Treffen mit Argile (Wasserpfeife) rauchen und Karten spielen mit meinen palästinensischen Freunden zugunsten dieses Rundbriefes heute sausen lassen, aber er war einfach an der Reihe und hatte somit Priorität.

Jedes mal das selbe mit den Taxifahrern. Wie merkt man in Palästina, dass man eben doch ein Fremder ist? Man bekommt, wenn man nichtsahnend durch die Straße läuft, gleich von fünf Leuten ein Taxi mit 100% Preiszuschlag angeboten. Das wird sich wohl auch nicht ändern, so lange ich hier bin. Auch, wenn ich mich als unbeliebtesten internationalen Freiwilligen bei den Taxifahrern einstufen würde, da ich mit meinem Arabisch doch sehr deutlich machen kann, dass ich nicht mehr als alle Einheimischen zahle. Meist nehme ich eh den Bus und alternativ habe ich abends angefangen zu trampen, was auch viel besser als in der deutschen Heimat klappt.


Fazit

Nach meinem Projektwechsel zum Jahreswechsel bin ich endlich richtig in meinem Sozialen Friedensdienst im Ausland angekommen. Doch besser spät als nie. Freunde habe ich gefunden, denen ich vertrauen und auf die ich zählen kann.


Abschluss und Ausblick

Zum Ende meines Rundbriefs möchte ich mich nochmals ganz herzlich bei Euch für Eure Unterstützung und Euren Rückhalt bedanken. Zudem möchte ich meinen Freunden hier vor Ort danken, die mich hier aus nächster Nähe bei meinem Freiwilligendienst begleiten.

Anfang März werde ich mich auf den Weg zu meinem Zwischenseminar nach Haifa machen, was wohl auch sehr interessant werden dürfte, da ich der einzige Freiwillige aus dem Palästinensergebiet bin. Anfang April werde ich dann meine Eltern und meine Schwester hier empfangen, worauf ich mich schon sehr freue, und mit ihnen quer durch das Westjordanland und Israel reisen. Und wenn alles glatt läuft werde ich dann noch meinem Mitfreiwilligen Christoph in Syrien einen Besuch abstatten und das Ganze mit Jordanien verbinden, um meinen Urlaub auch richtig auszunutzen, denn so lange ist er leider nicht. Lasst es euch gut gehen und irgendwann laufen wir uns auch irgendwo wieder über den Weg, auch wenn es erst in ferner Zukunft in Deutschland wieder ist.

In diesem Sinne, man sieht sich früher oder später und wie immer freue ich mich über Fragen, Kritik und Anregungen.

Euer Julian

Und zum Abschluss noch ein paar Bilder!

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