Ruanda: 1.Rundbrief von Silvia Grundmann

23. April 2009 von silvia.grundmann

Meine lieben Freunde in der Heimat und in der Ferne,

Es ist Sonntag Abend gegen halb neun (die gleiche Zeit wie in Deutschland), ich sitze in der Wohnung meiner Mitfreiwilligen Sophie in Nyagatare und lasse die letzten Wochen Revue passieren. Eben haben wir zusammen gekocht. Es gab Kochbananen mit einer Soße aus Tomaten, Zwiebeln und Karotten. Draußen ist es schon seit fast drei Stunden dunkel, aber noch immer höre ich die Stimmen der Kinder, die spielen und sich leise auf Kinyarwanda unterhalten.

Seit fast 7 Wochen bin ich jetzt hier – der Abschied von Deutschland ist so nah und so fern zur gleichen Zeit. Zum einen kommt es mir vor, als hätte ich euch alle eben erst gesehen, aber dann – und dieses Gefühl überwiegt – merke ich wieder, wielange ich schon ohne euch bin, wieviel ich hier schon erlebt habe, wievielen Menschen ich begegnet bin und wie sehr mich diese Wochen schon geprägt haben. Was von all dem Erlebten passt in einen Rundbrief, der euch in der Heimat mein Leben hier näher bringen soll? Was vermittelt am besten die ruandische Lebensart, das Lebensgefühl, das ich hier so intensiv empfinde und für das ich so dankbar bin?

Am 28. Juli bin ich abends mit Sophie in Frankfurt ins Flugzeug gestiegen – habe mich aufgemacht Ruanda zu entdecken und hier zu (er)leben. Und jetzt bin ich hier.  Auf dem Flug, auf dem ich viel mit Sophie geredet, in meinem Abschiedsbüchlein (habt vielen lieben Dank für all eure lieben Worte und guten Wünsche!) gelesen und geschlafen habe, habe ich gemerkt, wie unglaublich es ist, dass ich wirklich im Flugzeug sitze, um in Ruanda meinen Traum zu leben! Es kam mir so verrückt vor, dass man auf so einfachem und so kurzem Weg (9 Stunden Flugzeit für eine so große Entfernung!) das vertraute Deutschland verlassen und sich in ein neues Land begeben kann., wo man für ein Jahr leben wird. Diese großen Gedanken haben mich sehr beschäftigt und lassen sich nur so schwer in Worte fassen. Vielleicht werde ich ja irgendwann mal mit einem von euch darüber reden können…

Nach einem Zwischenstopp in Äthiopien sind wir am nächsten Tag mittags in der ruandischen Hauptstadt Kigali angekommen. Wir wurden von einem kleinen Empfangskomitee abgeholt. Unser SoFiA-Vorgänger Andreas war da, die beiden Priester, die Sophie und mich betreuen, zwei Priester namens Salvian und Eric und eine Dolmetscherin, die mit Salvian zusammen arbeitet, Dalia. Wir sind dann direkt nach Kicukiro in die Pfarrei gefahren, das Viertel Kigalis wo ich jetzt lebe. Auf dem Weg vom Flughafen nach Kicukiro habe ich ebenso wie auf dem Flug alles in mich herein gesogen, alles aufgenommen und einfach genossen. Es waren so viele Eindrücke. Und noch immer konnte ich es nicht glauben, dass ich, die Silvia aus Bad Honnef, jetzt hier in Ruanda bin!

In der Pfarrei wurden wir mit einem leckeren Essen empfangen und hatten danach Zeit uns ein bisschen umzusehen. Das Pfarreigelände ist direkt neben der Kirche Kicukiros. Das Leben in der Pfarrei ist anders als das Leben, das ich mir hier vorgestellt habe. Es gibt Angestellte, die für uns sorgen, die kochen und waschen und putzen. Wir haben Strom und fließendes Wasser. Am Anfang ist es mir sehr schwer gefallen, mich mit alledem abzufinden, aber ich aber habe gemerkt, dass es eine Illusion ist zu meinen, genauso leben zu können wie die armen Menschen hier. Vielleicht werde ich irgendwann in meinem Jahr soweit sein, dass ich das kann, aber gerade am Anfang tut es gut ein bisschen verwöhnt zu werden, gerade auch um den allgemein bekannten und berüchtigten Kulturschock zu verkleinern. Das Haus, in dem ich lebe, ist groß. Es gibt das Wohnzimmer, in dem wir essen und zusammen sind. Dort gibt es auch einen Fernseher, der oft läuft, wir haben sogar ein deutsches Programm. Dann gibt es die Küche, wo zwei mal am Tag, mittags und abends, warme Mahlzeiten zubereitet werden und das Badezimmer mit einer Dusche, die aber nicht funktioniert, das heißt, dass ich mich mit Kanistern waschen muss. Dann gibt es drei Zimmer für Priester oder angehende Priester, mein Zimmer und ein Gästeraum.

Mein Zimmer ist richtig groß. Darin gibt es ein Bett mit Moskinetz, ein Schrank, ein Tischchen und einen kleinen Sessel. In meinen Trekkingrucksack, der auf dem Hinflug ganze 45 Kilo wiegen durfte, habe ich viele Dinge eingepackt, auf die ich in meinem Jahr nicht verzichten kann: Bücher, Tagebuch, Briefpapier, Musik und ganz viele Erinnerungsgegenstände. Ich habe das Zimmer schön heimelig hergerichtet, ganz viele Bilder von euch aufgehangen, an die Wände, an den Schrank, Taizé-Postkarten, eine Ruanda-Karte an die Wand und bald kommt noch eine Bolivienkarte hinzu, damit ich immer nochvollziehen kann, wo sich mein Schwesterchen gerade aufhält, viele Postkarten und einfach viele Erinnerungsgegenstände aus der Heimat.. Mein Zimmer ist zu einem guten Rückzugraum für mich geworden, den ich auch wirklich brauche und nutze. Manchmal kann man eben einfach keine Leute um sich haben, dann fällt es schwer immer auf anderen Sprachen zu reden, dann möchte man einfach mal seine Ruhe, mit sich selbst alleine sein…. Ich bin froh, dass ich mich in meinem Zimmer richtig wohl fühlen kann!

Auf dem Pfarreigelände befindet sich noch ein Gebäude mit Büros und ein Garten mit ganz vielen Bananenbäumen. Das ganze Gelände ist von einer Mauer umgeben, was dem Leben hier in der Pfarrei einen sehr abgesicherten und abgetrennten Charakter gibt.

Als ich mich für einen Freiwilligendienst in Afrika beworben habe, wollte ich unbedingt aufs Land – und jetzt bin ich in Kigali, der ruandischen Hauptstadt mit 1.5 Millionen Einwohnern. Naja, nicht ganz das, was ich wollte, aber Kicukiro ist wirklich ein guter Kompromiss und ich fühle mich hier richtig wohl. Direkt hinter Kicukiro beginnt auch schon das Land, also kann man auch gut mal ausgedehnte Spaziergang auf dem afrkanischen Boden machen. Kicukiro ist vorwiegend ein reiches Viertel. Es gibt viele Villen, das Viertel ist wie ganz Ruanda sehr kontrastreich! Aber es gibt auch hier das „ganz normale Leben“. Die einfachen Wohnungen, in den die Menschen leben. Die kleinen Läden, die mich an die ehemaligen Tante-Emma-Läden in Deutschland erinnern, in denen man abends ruandisches Bier trinken kann und in denen es einfach alles zu kaufen gibt: von Kosmetikartikeln über Lebensmittel und Handykarten. Das günstigste und leckerste Bier ist Primus, es gibt aber auch noch Mützig und Amstell. Ein paar hundert Meter von der Pfarrei entfernt habe ich einen anderen deutschen Freiwilligen kennen gelernt. Er hat eine kleine Wohnung gemietet und führt ein sehr selbstständiges Leben, muss selber einkaufen, kochen, waschen, putzen… Ich bin oft bei ihm, denn wir verstehen uns sehr gut und ich bin dankbar, bei ihm eine andere Seite Ruandas kennen zu lernen und zu leben.

Von der Pfarrei laufe ich ungefähr eine Viertelstunde bis zum Markt. Da gibt es ganz viele leckere Früchte zu kaufen und auch sonst fast alles, was man zum Leben braucht. Und es gibt ein Internetcafé. Vom Markt kommt man auch gut in die Stadt. Von Kicukiro ins Stadtzentrum, centre ville, fährt man je nach Verkehr locker nochmal eine Viertelstunde. An dieser Stelle möchte ich euch von dem Verkehr in Ruanda berichten. Autofahren ist hier wirklich ein Abenteuer! Es scheint schon Verkehrsregeln zu geben, aber daran hält sich kaum jemand. Es wird einfach gefahren und der stärkere hat Vorfahrt. Manchmal bin ich mit den Priestern im Auto unterwegs, aber meistens nehme ich mir einen Minibus um mich fortzubewegen. Die sind einfach am günstigstens. Die Busse sind mit dem Fahrtziel beschriftet, aber nur wenige fahren wirklich dahin, was drauf steht und Fahrpläne gibt es sowieso nicht. Der Bus fährt los, wenn er voll ist.

Neulich hatte ich ein lustigs Erlebnis, von dem ich euch erzählen möchte. Sophie und ich waren in der Stadt und wollten einfach nur einen Bus nehmen, der uns zurück nach Kicukiro bringt. Aber leider fahren die Busse immer an verschiedenen Orten ab und es kann uns keiner sagen, wo genau… Wir sind dann ein paar mal hin und her gelaufen, haben schließlich einen Ruander gefragt, ob er uns helfen kann. Er hat uns zu einem Platz gebracht, an dem gerade ein Bus angekommen ist. Die Leute kämpfen richtig um in den Bus zu kommen, die Aussteigenden haben kaum Möglichkeit aus dem Bus zu kommen, so verbissen kämpfen die Wartenden. Zunächst wollte der Bus gar nicht weiter fahren, dann haben alle Menschen geschrien, bis die Tür wieder geöffent wurde. Ich dacht, nun würde das Fahrtziel bekannt gegeben, aber stattdessen wurde durch laute Rufe abgestimmt, wo der Bus hin fahren soll. Wir haben natürlich laut für Kicukiro gestimmt. Leider fuhr der Bus nach Kimoronko, wir haben uns trotzdem dafür entschieden, da es ein Nachbarviertel Kicukiros ist und ich nicht noch länger im Dunkeln warten wollte… Es wird geschlagen, getreten, gebissen, geboxt um in den Bus zu kommen, unglaublich! Wir haben uns dann in den Bus gekämpft, nicht selten gehen dabei Schuhe verloren. Ein Wartender ist sogar durchs Busfenster geklettert. Als wir endlich im Bus waren und bezahlt hatten, gab es keinen Platz mehr, so mussten wir uns auf den Sitzen quetschen.

Um schneller ans Ziel zu kommen, nehme ich mir immer ein Motorrad-Taxi, aber das ist auch wesentlich teurer. Für kurze Strecken nehme ich manchmal auch ein Fahrrad-Taxi, denn die kosten auch nicht viel. Aber man muss handeln können! Die Preise in den Minibussen sind fest, aber bei den Motos und Velos muss man immer erst mit dem Fahrer diskutieren. Mittlerweile gelingt mir das ganz gut, da ich die Preise kenne und die Fahrer mit meinem bisschen Kinyarwanda beeindrucken kann….

Sophie ist nach unserer Ankunft noch eine Nacht in Kicukiro gewesen und danach mit den Leuten aus Nyagatare zurück gefahren. Ich habe mich gefragt, wie es sein wird, direkt am zweiten Tag „allein“ zu sein, aber es ist erstaunlich gut gewesen. Denn allein war ich nicht. Ich habe Kicukiro entdeckt, bin vielen Menschen begegnet, habe mich eingelebt… Zum Beispiel habe ich gerade in meiner erste Woche auf dem Pfarreigelände viele junge Leute getroffen. Ich habe mit einigen Jungs zusammen jongliert und wir haben auch ohne eine gemeinsame Sprache als Grundlage viel Spaß zusammen gehabt. Ein anderes Mal habe ich mit ein paar Mädchen zusammen versucht Kinyarwanda zu lernen und auch wirklich ein paar Worte dieser schwierigen Sprache behalten! Ich habe manche von ihnen durch Zufall oder auch verabredet wiedergetroffen, aber trotzdem glaube ich, dass es schwer ist, hier richtig gute Freunde zu finden. Zum einen ist es natürlich die Sprache. Viele von euch haben mich danach gefragt. Hier in Kigali reden die meisten Französisch und auch mit Englisch kommt man recht gut zurecht. Mein Französisch ist auch schon sehr viel besser geworden, das macht mich ziemlich stolz und ich freue mich sehr darüber, denn ich beginne diese schöne Sprache sehr zu lieben. Aber es gibt auch viele Menschen, die eben nur Kinyarwanda reden und auch diesen Menschen möchte ich begegnen, denn gerade sie sind es, die mich interessieren. Menschen, die hier leben und arbeiten und eben nicht gerade das Glück haben in einer privilegierten reichen Familie aufzuwachsen und zur Schule gehen zu können. Ich mache Fortschritte mit meinem Kinyarwanda, lerne immer neue Worte, aber diese Sprache ist einfach unglaublich schwer und ich weiß nicht, wann ich soweit sein werde, wirklich reden zu können. Das wird mit Sicherheit noch einige Wochen und Monate dauern, aber solange möchte ich nicht warten. Daher werde ich mich nach einem Lehrer umsehen, damit ich regelmäßig lernen kann.

Auch wenn es schwer ist, richtig gute Freunde zu finden, so muss man hier doch nie alleine sein. Ruanda ist ein extrem überbevölkertes Land. Es ist das dicht besiedelteste Land in ganz Afrika. In manchen Gegenden leben hier bis zu 500 Menschen pro Quadratkilometer – in Detuschland sind es ungefähr 230 und in Bolivien, wo mein Schwesterchen gerade ist, sind es sogar nur 7!!! Ich bin überzeugt davon, dass man sich Menschen suchen muss und dann auch welche findet. Und als Weiße kann man sowieso immer auf Aufmerksamkeit zählen. Wie oft wurde ich hier schon mit „Muzungu“ (Weiße!) angesprochen, irgendwann hört man auf zu zählen… Spätestens nach dem zehnten Kind, das einen so anspricht, auf einem Weg von 100 Metern. Für das Kind mag ich die erste Weiße an diesem Tag sein, für mich aber ist es das hundertste Kind…. Die ständige Aufmerksamkeit der anderen kann manchmal ganz hilfreich sein, zum Beispiel bei der Suche nach dem richtigen Minibus, aber immer beobachtet und auf Französisch und Englisch mit „Bonsoir“, „Good morning“ (auch wenn es schon lange dunkel ist…), „How are you?“ angeredet zu werden, kann ganz schön anstrengend sein.

Bis jetzt bin ich hier schon vielen tollen Menschen begegnet! Ich möchte euch von den Menschen an meiner Seite und einigen Begegnungen berichten. Gerade am Anfang ist meine Umgebung noch sehr „deutsch“ gewesen, was an den fehlenden Sprachkenntnissen liegt. Ich habe viel Zeit mit anderen deutschen Freiwilligen oder Besuchern verbracht. Ich bin oft bei meinem „Nachbar“, einem anderen Freiwilligen und seinen Mitbewohnerinnen gewesen und habe auch viel mit meiner Mitfreiwilligen und ihrem Vorgänger unternommen. Es gibt auch ein paar deutsche, europäische oder zumindest nicht-afrikanische Besucher, die Ruanda für ein paar Wochen besuchen. Wir unternehmen besonders am Wochnenende viel zusammen. Es tut einfach gut, manchmal auch in seiner Muttersprache reden zu können. Aber gerade diese Umgebung ist ständig im Wandel. Alte Freiwillige beenden ihren Dienst, Besucher verlassen wieder das Land. Als ich den Rundbrief von meiner Schwester gelesen habe, habe ich gemerkt, dass sie schon viel von Boliven erlebt hat. Ihre Zeit in La Paz, ihre Zeit in Cochabama, ihre Zeit in Santa Cruz und all ihre Erlebnisse und Begegnungen dort. Ich bin auch schon viel gereist (dazu später mehr), aber ich bin immer wieder in die Pfarrei nach Kicukiro zurückgekehrt. Mein Leben hier kann ich nicht nach den Orten einteilen, die ich bereise oder an denen ich mich aufhalte, vielmehr sind es die Menschen, die mich für eine gewisse Zeit begleiten. Denn mein Zuhause in Kicukiro bleibt für ein Jahr mein Zuhause, aber die Menschen an meiner Seite wandeln sich ständig. Besonders gut verdeutlicht das die Anzahl meiner Fahrten zum Flughafen. Seit ich hier bin, bin ich schon vier Mal am Flughafen gewesen, um Leute zu verabschieden – und bis Ende September werde ich mindestens noch drei Mal dort hin fahren…. Ich habe hier eine Erkenntnis gewonnen, die zwar nicht wirklich neu ist, die mir hier aber wirklich neu bewusst geworden. Ein Ort kann noch so trostlos sein – mit den richtigen Menschen an der Seite kann man ihn aufblühen lassen! Daher bin ich so froh, dass ich euch in Deutschland immer an meiner Seite wusste und auch jetzt weiß, dass ihr für mich da seid – und ebenso sehr freue ich mich hier Menschen kennen zu lernen, denen ich vertrauen kann und zu denen ich ein ehrliches Verhältnis aufbauen kann. Denn sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen! Hier in Ruanda sind es viele Begegnungen mit (ehemaligen) Freiwilligen und Bekanntschaften aus aller Welt. Es ist so interessant und faszinierned sich mit all diesen Menschen auszutauschen und auch von den Nicht-Afrikanern habe ich bereits einiges mitnehmen können! Es sind einige Menschen dabei, die sehr anders sind als ich, was ich aber als große Bereicherung empfinde. Ich glaube nicht, dass ich in Deutschland den Kontakt zu ihnen gesucht hätte, aber hier ist das anders. Man redet und lernt sich kennen und schätzen. Ich bin so dankbar für viele dieser Menschen! Viele ehemalige Freiwillige haben ihren Dienst hier beendet und sind zurück nach Deutschland gefahren, darunter zum Beispiel unser Vorgänger von unserer Entsendeorganisation SoFiA Trier. Ihn habe ich sehr gern gewonnen und er fehlt hier sehr. Dann hatte ich eine interessante und lustige Begegnung mit einem deutsch-sprechenden Japaner. Er studiert in Kanada Französisch, hat aber während der Schulzeit ein Jahr lang in Wien gelebt um dort richtig Klavier spielen zu lernen und spricht deshalb Deutsch mit österreichischem Akzent. Mit ihm habe ich mich zwei Mal getroffen, aber auch Ken ist jetzt schon wieder in Japan.

Neben den Menschen, mit denen ich meine Freizeit verbringen, wandelt sich auch in der Pfarrei viel. Bevor ich hier her kam, waren es drei Priester in der Pfarrei. Bei meiner Ankunft wohnte nur mein Ansprechpartner, père Eric in der Pfarrei. Da er die ganze Arbeit alleine macht, hatte er sehr wenig Zeit und bis jetzt habe ich leider noch keine echte Beziehung zu ihm aufbauen können, was ich sehr bedaure. Seit ich in Kicukiro wohne, hat aber auch ein junger Theologie-Student in der Pfarrei gewohnt. Er heißt Aloys, kommt hier aus Kigali, studiert aber in Madrid. Er war für einige Wochen auf Heimatbesuch. Mit ihm habe ich mich richtig gut verstanden. Letze Woche ist er zurück nach Madrid geflogen. Der Abschied ist mir sehr schwer gefallen. Mittlerweile ist ein neuer Prister eingetroffen, Bernard, und ein neuer Theologie-Student, der hier auch für ein Jahr bleibt und Praktikum macht. Und dann gibt es immer ganz viel Besuch in der Pfarrei. Andere Priester, Leute aus der Gemeinde…..

Und dann gibt es die Menschen bei mir auf der Arbeit, mit denen ich schon viel Zeit verbracht habe. Ich arbeite zwei Tage in der Woche (dienstags und donnerstags) in einem Straßenkinderprojekt von FIDESCO. Ich möchte die Arbeit dort aber ausbauen und wahrscheinlich auch mittwochs dahin gehen. Es ist bis jetzt noch nicht geklärt, was ich mittwochs mache und ich möchte gerne mehr Zeit in dem Projekt verbringen, um die Kinder besser kennen lernen zu können. Das Projekt wird von der „communaute d’emmanuelle“ getragen. In dem Zentrum können die Kinder wohnen, bekommen zu essen und bekommen eine Ausbildung. Insgesamt werden an die 1000 Kinder unterstützt, in Grundschulen, in weiterführenden Schulen im ganzen Land verteilt, bei Ausbildungen, bei Alphabetisationsprogrammen…. Nur ein Bruchteil der unterstützten Kinder wohnt im Zentrum. Tagsüber sind es Jungen, die zum Essen, Waschen und zur Freizeit ins Zentrum kommen und die auch die Nacht dort verbringen. Da es aber für Kinder besser ist in Familien aufzuwachsen und das Leben im Zentrum keine Dauerlösung ist, werden die Familien oder Angehörige gesucht, sofern sie noch leben, oder neue „Gastfamilien“ gesucht, bei denen die Kinder unterkommen.

Morgens bin ich immer mit einem Mitarbeiter auf der Straße unterwegs. Er heißt Theogéne und ich glaube in ihm einen echten Freund finden zu können. Bei der Arbeit auf der Straße suchen wir die Kinder an ihren Orten auf, auf dem Markt, wo sie versuchen sich Geld zu verdienen, an ihren Plätzen auf der Straße und wir bzw. Theo redet mit ihnen, denn mit meinem Kinyarwanda komme ich noch nicht sehr weit…. In den Gesprächen geht es um die Kinder. Wie es ihnen geht, was sie machen, ob sie zur Schule gehen, warum sie nicht mehr ins Zentrum kommen oder warum sie noch nie im Zentrum waren….Diese Arbeit ist so unglaublich wichtig. Man lernt so viel von dem Hintergrund der Kinder dabei. Dadurch, dass Theo sie regelmäßig aufsucht, werden sie darin bestärkt weiter ins Zentrum zu kommen oder fassen sie überhaupt erst Vertrauen und manchmal sogar Hoffnung ins Zentrum zu kommen und ein anderes Leben zu beginnen. Theo hat eine wunderbare Gabe mit den Kindern umzugehen. Auch wenn ich nichts oder nur wenig von dem verstehe, was er sagt, so merke ich doch wie warmherzig sein Umgang mit den Kindern ist! Und das berührt mich sehr und lässt mich ihn bewundern. Während wir so von Markt zu Markt laufen, erzählen wir immer viel – und es tut so gut eine Vertrauensperson zu haben, der man alles anvertrauen kann.

Nachmittags bin ich immer im Projekt und spiele mit den Kindern, treibe Sport mit ihnen, versuche mit ihnen zu reden… Die Kinder geben mir einfach so viel. Das Lachen, das sie einem schenken, mit ihnen zusammen zu sein, das Vertrauen oder besser die Vertrautheit, die sich aufbaut, dieses Glücksgefühl wenn sie mich morgens mit „Waramutse Sylvie!“ begrüßen und sich wirklich freuen mich zu sehen! Zu den größeren Jungen fällt es mir schwer Zugang zu gewinnen, da das Leben sie hat sehr hart werden lassen, aber bei manchen ist es mir mittlerweile trotzdem gelungen. In meinen nächsten Rundbriefen werde ich noch mehr über meine Arbeit dort schreiben, aber bis jetzt bin ich noch nicht so oft da gewesen und möchte erst noch einen richtig echten Eindruck gewinnen, um urteilen und davon erzählen zu können, denn viele Sachen sind mir noch immer unklar.

Freitags arbeite ich immer in einem Behindertenzentrum in Gahanga, einem kleinen Dörfchen nahe Kigali. Die anderen Tage arbeitet ein anderer Freiwilliger in dem Zentrum und freitags soll ich seine Arbeit übernehmen.

Neben meiner Arbeit bin ich auch schon viel durchs Land gereist. Ich war schon zwei Mal am Kivusee, das ist der größte See hier in Ruanda. Einmal bin ich mit père Eric und einem anderen Priester dort gewesen, wir haben dort einen anderen Priester besucht und waren in einem richtig edlen Hotel essen. Das hat mir gar nicht gefallen, es war ein ganz komisches Gefühl, beängstigend, wütend, ohnmächtig und einfach falsch! Drei Stunden durch ein Land zu fahren, vorbei an kleinen Hütten, vor denen Kinder mit zerrissener Kleidung und ohne Schuhe spielen, völlig verdreckt, Menschen zu sehen, die kilometer weit ihre Wasserkanister (mehrere Liter Wasser!) auf dem Kopf tragen, die hart auf den Feldern arbeiten – und danach soll man gut gelaunt in einem Hotel essen gehen, das ich selbst in Deutschland noch nie betreten habe und auch nie das Bedürfnis verspüren werde es jemals zu betreten? Ich konnte es nicht. Da die Priester nur Kinyarwanda gsprochen haben, habe ich meinen Gedanken nachgehangen und mich nicht am Gespräch beteiligt…. Diese Gegensätze machen mir sehr zu schaffen! Das andere Mal, dass ich Gisenyi am Kivusee besucht haben, war mit anderen Freiwilligen. Wir waren mehrere Tage dort, waren im See schwimmen, haben uns den Ort angekauft, ein Atelier besucht, in dem Frauen wunderschöne Sachen herstellen – und ich muss zugeben, dass es ein anderes Gisenyi war, als das was ich mit den Priestern kennen gelernt habe. Wir haben die Armut gesehen, eine schmutzige Stadt, haben gestaunt wieviele Straßenkinder es hier gibt – und all das, das wahre Gesicht Gisenyis ist mir bei dem Besuch mit den Priestern verborgen geblieben! Da ist mir nochmal bewusst geworden wie einseitig das Leben in der Pfarrei ist und dass ich das auf Dauer nicht kann und will! Als ich ankam ist es mir sehr sehr schwer gefallen, aber mittlerweile gehe ich in interessanten Projekten arbeiten und gestalte meine Freizeit so, dass ich einen runden Eindruck von dem Land bekomme.

Ich bin auch schon oft in Nyagatare bei Sophie gewesen. Kigali liegt genau in der Mitte des Landes. Ruanda ist sehr klein, etwa so groß wie Rheinland-Pfalz, aber mit doppelt so vielen Einwohnern. Von der Hauptstadt aus, erreicht man alle Orte in nicht mehr als vier Stunden Fahrtzeit. Nyagatare liegt im Norden des Landes. Gerade weil Kigali sehr sehr europäisch ist, bin ich jedes Mal froh rauszukommen und aufs Land zu fahren, denn mancmal denke ich, dass das Leben hier das wahre Leben Ruandas ist! Daher bin ich schon oft am Wochenende hier in Nyagatare gewesen. Hier oben ist die Landtschaft ganz anders. Es gibt Savanne, durch die man wunderbar mit dem Motorrad fahren kann, das ist enfach herrlich….. Weite, Freiheit! Außerdem ist mir meine Sophie unheimlich wichtig geworden und die Zeit mit ihr ist mir unendlich kostbar.

Die dritte Reise, die erwähnenswert ist, ist mein erster Besuch in einem Nationalpark. Wir hatten uns zu fünft ein Auto samt Fahrer und Guide gemietet und haben sind aufgebrochen in den Akagera-Nationalpark. Der liegt im Osten Ruandas und dort gibt es die Pflanzen- und Tierwelt, an die wohl jeder denkt, wenn er Afrika hört. Savanne, diese wunderbaren Bäume, und die ganzen Tiere. Es war eine wunderbare Zeit im Akagera-Park .Wir haben am ersten Tag nur eine kleine Tour gemacht und haben dann abends unser Zelt aufgebaut. Von dort hatten wir einen wunderschönen Blick auf einen See. Unser Fahrer und Guide haben sich eine andere Unterkunft gesucht und wir fünf haben die Nacht am Feuer zum Teil im Zelt, zum Teil unter freiem Sternenhimmel verbracht… Das war wunderschön! Einmal haben wir nachts ein Geräusch gehört und wussten nicht recht, ob das ein Tier ist, welches sich uns nähert. Auf jeden Fall klang es sehr bedrohlich! Am nächsten Morgen hat uns der Guide erklärt, dass das warhscheinlich eine Hyäne war, gut, dass wir das nachts nicht gewusst haben… Wir sind noch lange durch den Park gefahren, ehe wir zurück nach Kigali aufgebrochen sind. Wir haben ganz viele Antilopen und Affen gesehen, in einem See schwimmende Nilpferde, Vögel und am Ende zu unserer großen Freude Zebras und Giraffen!!! In diesem Moment hatte ich mal wieder dieses Gefühl der Ungläubigkeit. Ich konnte es mal wieder nicht glauben, wirklich hier zu sein, all das zu erleben, diese Tiere, die man nur aus dem Fernsehen und von Bildern kennt WIRKLICH zu sehen. So geht es mir hier so oft. Ich möchte nicht, dass das Leben hier zu schnell zum Alltag wird und ich mich daran gewöhne, denn das Leben hier ist alles außer gewöhnlich, es ist außergewöhnlich!

Nach dem Besuch im Akagera-Park bin ich richtig krank gewesen. Ich hatte hohes Fieber und war so schlapp, dass ich nur noch liegen und schlafen wollte. Wir haben vermutet, dass es Malaria sein könnte und ich bin direkt in Kigali  ängstlich ins Krankenhaus gefahren um einen Test machen zu lassen. Zum Glück war es kein Malaria, aber dafür irgendwelche Bakterien. Ja, irgendwelche… – ein Besuch im Krankenhaus ist hier ein richtiges Abenteuer, denn Diagnosen sind Mangelware und Medikamente werden nur auf Verdacht ausgestellt, und das obwohl ich in einem richtig guten Krankenhaus war. Aber ich habe dann solange die Tabletten genommen, bis es mir wieder gut ging und das ging zum Glück sehr schnell.

Bald werde ich den ersten Rundbrief beenden, in der Hoffnung euch ein bisschen was von dem Leben hier vemittelt haben zu können. Ich frage mich ,was euch noch interresieren könnte, welche Fragen ihr mir noch gestellt habt.

Viele von euch haben nach dem Essen und dem Wetter gefragt. Also werde ich noch kurz etwas dazu schreiben. Das Essen hier ist richtig gut. In der Pfarrei haben wir mindestens immer 4 Töpfe, manchmal auch 8 mit lauter leckeren Sachen. Kochbananen, Reis, Nudeln, Kartoffeln, Bohnen, Kraut, Fleisch, manchmal Suppe, Erbsen und Möhren…. Und immer ganz viel Obst! Ich habe in Detuschland noch nie Maracuja gegessen, aber hier lerne ich sie gerade richtig zu lieben – und dann gibt es noch Bananen, Ananas, Mango, sogenannte Prün, die es in Deutchland gar nicht gibt, die aber sehr lecker sind. Wenn man hier im Restaurant essen geht, dann bekommt man immer eine bunte Mischung auf dem Teller, wie ich sie noch nie gesehen habe: Reis mit Nudeln mit Bananen mit Kartoffeln mit Fritten….. Und ich liebe Brochette! Das sind Ziegenfleischspiesse, die man hier mit Bananen ist, am besten sind die frittierten Bananen.

Mittlerweile hat hier die Regenzeit angefangen. Als ich hier ankam, war Trockenzeit. Es war sehr warm, schwül, aber ich hatte zum Glück keine Probleme damit. Die Straßen waren sehr staubig. Seit September regnet es nun öfter. Das sind dann richtig heftige Regenschauer, die manchmal mehrere Stunden dauern können. Dann hält man sich am besten drinnen in Trockenen auf!

Ich beende den Rundbrief mit den allerliebsten Grüßen aus Ruanda und sage „Murabeho“ (=Auf Wiedersehen!). Mit diesen Zeilen schicke ich euch viele wärmende Sonnenstrahlen aus Afrika! Das soll zur Angewohntheit werden, dass ich euch mit jedem Rundbrief etwas Typisches aus Afrika mitschicke.

In diesem Sinne, lasst es euch gut gehen und genießt die Zeit!

Eure Silvia

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