Ruanda: 3.Rundbrief von Silvia Grundmann

23. April 2009 von silvia.grundmann

Ein fröhliches “Muraho” in alle Welt,

in die Heimat zu meiner Familie, zu meinen Freunden in ganz Deutschland, zu allen Reisenden, die sich gerade an einem schönen Fleckchen Erde aufhalten und besonders an mein Schwesterchen, meine Freunde und SoFiA-Mitfreiwilligen, die weltweit einen Dienst für Frieden und Versöhnung leisten! MURAHO!

Diese Begrüßung benutzt man in Ruanda, wenn man jemanden nicht kennt oder lange nicht gesehen hat. Lange habt ihr nichts von mir gehört, der nächste, bereits der dritte Rundbrief ist längst überfällig und gesehen haben wir uns noch länger nicht – “muraho” als Begrüßung ist daher besonders passend gewählt. “Muraho” bedeutet sinngemäss “Guten Tag”, aber wenn man der ursprünglichen Bedeutung nachgeht, bedeutet es “Er lebt” – und dieses Bild vor meinen Augen, wie sich die Wege zweier Ruander nach langer Zeit auf einem Hügel kreuzen, sie die typisch ruandische “Begrüssungszeremonie”, bei der Hände, Arme und Kopf zum Einsatz kommen, vollziehen und begeistert ausrufen: “Muraho – er lebt!” bezeugt mal wieder die Lebensfreude dieser Menschen, die Freude dieser Menschen am Leben (zu sein). (In diesen Rundbrief – und vielleicht auch in die folgenden – werde ich einen kleinen Kinyarwanda-Führer einbauen, für die, die es interessiert: früh am Tag, etwa vergleichbar mit unserem “Guten Morgen” sagt man hier “Waramutse”, später heist es dann “Wilirwe”. Darauf folgtdann stets die Frage wie es einem gehe “Amakuru?” (wörtlich: “Wie sind die Neuigkeiten?”) Antwort: “Ni meza”)

Den letzten Rundbrief habe ich kurz vor Weihnachten geschrieben. Ich hoffe, dass ihr alle ein frohes Weihnachtsfest verlebt habt und gut in das Neue Jahr gestartet seid. Bei mir war es ein ganz anderes und besonderes Weihnachtsfest. Ganz kurzfristig hatte ich mich entschieden Weihnachten nicht in Kigali sondern auf dem Land zu verbringen. Im Norden Ruandas, Nyagatare, wo meine Mitfreiwillige und liebe Freundin war und wo Salvian, ein Priester und mein Verantwortlicher lebt und arbeitet, bin ich sehr gern und habe auch ein paar Kontakte, die ich gerne pflege. Eine Bekannte, Dalia, hatte vorgeschlagen mit ihr und ihrer Familie Weihnachten zu verbringen. Am 23. Dezember habe ich meinen Plan für das Weihnachtsfest, das hier am 25.12. gefeiert, wird also umgeworfen.

Am nächsten Tag war ich morgens kurz auf der Arbeit, danach in der Stadt um ein Paket aus der Heimat abzuholen, das püntklich zum Fest angekommen war, und bin danach aufgebrochen, um den Bus nach Nyagatare zu nehmen. Ich hatte mich für 14 Uhr mit Rose verabredet, die mit mir zu Dalia fahren wollte. Wie nicht selten in diesem Land voller Gelassenheit, wo es zwar Uhren aber keinen Zeitdruck gibt, kam Rose zu spat (die berühmte afrikanische Viertelstunde hatte sie – auf der Suche nach einem Gastgeschenk – um mindestens das Doppelte ausgedehnt…). Schließlich machten wir uns auf die Suche nach einem Bus und mussten immer wieder erfahren, dass an diesem Tage alle Busse nach Nyagatare ausgebucht seien. Wir hatten nicht bedacht, dass über Weihnachten viele Stadtbewohner das Fest auf dem Land mit der Familie begehen möchten. Beim vierten und letzten Busunternehmen hatten wir endlich Glück (Glück = amahirwa), es gab noch wenige Tickets, allerdings für einen Bus, auf den wir noch mehr als zwei Stunden warten sollten. Um uns die Zeit zu vertreiben, lud ich Rosa auf eine Fanta (mir scheint nirgendwo wird soviel Fanta&Cola getrunken wie in Ruanda) ein. Nach dreistündiger Busfahrt kamen wir abends im Dunkeln an. Auf dem Weg zur Messe (zu der wir viel zu spät kamen), unter dem Sternenhimmel begann ich Weihnachtslieder auf Deutsch zu singen, danach sang Rosa auf Kinyarwanda. Plötzlich überfiel mich ein unheimliches Glücksgefühl. Dieses Gefühl, das sicherlich viele aus der Kindheit kennen, dieses Kribbelm im Bauch, diese Vorfreude auf Weihnachten oder auf andere Feste, Momente…. Meine Freude auf dieses Fest war so groß – mein Blick in den Sternenhimmel ließ mich euch allen so nah sein, ließ mich intensiv an euch denken, ließ euch mir fehlen, aber meine Freude, mein Glück am Jetzt und Hier überwog. Weihnachten in Ruanda, mit Dalia, die ich zwar kannte, aber mit der ich noch nie viel Zeit verbracht habe, mit ihrer Familie, die ich noch nie gesehen hatte, mit Rose, die ich am Nachmittag erst kennen gelrent hatte – Weihnachen in Nyagatare mit diesen Menschen, die mir zwar noch etwas fremd, aber zur gleichen Zeit so nah waren. Ich spürte ganz tief, was dieses Fest ausmacht, die Liebe (ukunda) und in diesem Augenblick empfand ich diese Liebe so stark. Sie schien so groß, dass sie alles hätte überschreiten, alles überwinden können und meine Freude darüber war so groß. Als in der Messe “In exelsis Deo” (“Engel haben Himmelslieder”) gespielt wurde, ein Lied, das ich aus Kindheitstagen kenne, weil meine SChwester und ich es immer am Heiligen Abend auf Blockflöte gespielt haben, merkte ich, dass die Grenzen wirklich gering sind, die uns trennen, dass sie von Menschenhand gemacht sind und im Herzen nicht existieren, dass Entferungen relativ sind – Erinnerung und Gegenwart verschwammen….

Nach der Messe begrüßte uns Dalia mit einem “I’im so happy” und brachte uns zu unseren Gastfamilien, bei denen wir die Nacht verbrachten. Mit ihr auf dem Motorrad zu sitzen und durch die Nacht zu fahren, genoss ich sehr. Am nächsten Morgen ging es wieder mit ihrem roten Motorrad (ipikipiki) aufs Land, in ein Dörfchen, das Cemjojo heisst. Wir fuhren vorbei an Feldern, an vereinzelten Häuschen und gelangten schließlich zu dem Haus, wo sie wohnte. Es ist mitten auf dem Land, die nächsten Nachbarn sind einige hundert Meter entfernt. Die Familie besitzt viel Land, das aber seit dem Tod des Vaters nicht mehr alles bebaut warden kann, und weiter entfernt auch Kühe. In dem gemütlichen kleinen Häuschen wohnt Dalia mit ihrer Mutter und zwei Schwestern, die drei Brüder teilen sich ein kleines Haus nebenan, Daneben gibt es noch das Kochhäuschen und weiter entfernt die Toilette.

Als ich ankam, wurde schon gekocht. Nachdem Dalia mir das Haus gezeigt hatte, halfen wir beim Kochen. Zwei Hühner (inkoko) und eine Ziege (ihene) wurden geschlachtet, dazu gabs Reis (umuceli), Kartoffeln (ibirayi) und Gemüse (imboga). Zum Essen am Nachmittag kam die Familie zusammen und noch viele viele Kinder (abana benshi), die eingeladen wurden. Es waren Kinder, die keine Eltern mehr hatten oder die aus armen Familien stammen – genauso hatte ich mir Weihnachten (Noheli) gewünscht, hatte es mir als das “Fest der Liebe” vorgestellt, die hier in Cemjojo wirklich gelebt wurde! Nach diesem leckeren Weihnachtsschmaus teilte ich noch die selbstgebackenen Weihnachtsplätzchen von meiner Oma, die im Paket gewesen waren, mit allen, das war eine Freude. Danke, Oma – Muracoze!

Abends ging es auf dem Moto zurück nach Nyagatare. Wir besuchten noch ein paar Bekannte, gingen aber früh schlafen.

Auf der Rückfahrt nach Kigali am nächsten Tag überlegte ich, wie ich den Nachmittag des 2. Weihnachtstages verbringen würde. In Deutschland hätte ich bestimmt einen Winterspaziergang unternommen und im Anschluss bei einer heißen Schokolade die Reste des Weihnachtskuchens verspeist. Beides war im sonnigen Kigali nicht möglich. Aber mal wieder waren es unnötige Gedanken, denn für Rose war klar, dass ich mit zu ihrer Familie kommen würde. Ich bin gerne dort, es ist so eine herzliche, warme Atmosphäre, oft sind noch kleine Nachbarskinder da – und doch ist es ein anderes Familienleben als das, was mir vertraut ist. Rose lebt mit ihren Schwestern Diane und Joselyne und ihrem Bruder Robert zusammen. Eine Kinderfamilie – eine von vielen, die der Völkermord von 1994 hervorgebracht hat.

Am Nachmittag des 31. Dezembers habe ich mit dem Koch unserer Pfarrei, vielleicht verdient er das Wort Freund, aber mit diesem Wort bin ich sehr vorsichtig geworden, Furaha (auf Kiswahili: Glück) einen Spaziergang im Wald gemacht. Es war das erste Mal für mich in Ruanda im Wald und es tat so unglaublich gut! Zeit mit Furaha, Zeit zum Reflektieren, es war ein schönes Jahresende….

Und mittlerweile ist schon März. Es liegen noch 5 Monate vor mir – und bereits 8 Monate hinter mir. Dass die Zeit so schnell vergeht, merke ich immer wieder daran, wenn ich an meinem Geburtstagskalender wieder ein Blatt umblättern kann (muss), wenn in meinem Vorrat des Anti-Malaria-Tees wieder ein Tütchen aufgebraucht ist, wenn ich beim Tagebuch schreiben feststelle, dass der letzte Eintrag schon wieder über eine Woche her ist, wenn Freiwillige, die nur für kurze Zeit in Ruanda sind, wieder abreisen und es mir vorkommt, als wären sie gerade erst angekommen….

2009 bis jetzt war ein Wechsel von Arbeit und ausgedehnten Reisen. Ende Janaur bin ich mit mehreren anderen Freiwilligen, zum Teil verdienen sie den Zusatz “Freunde”, nach Tansania aufgebrochen. Anfang Februar fand dort unser Zwischenseminar statt. Davor waren wir für 10 Tage auf Sansibar. Diese Insel im Indischen Ozean vor der tansanischen Hauptstadt Dar es Salam gelegen,ist kulturell sehr interessant, spannend, konstrast- und abwechslungsreich. Die Inselhauptstadt Stone Town erinnert mit vielen kleinen verwinkelten Gässchen an Italien, die zahlreichen Moscheen und Muslime und Muslima in ihrer typsichen Kleidung zeigen die starke Präsenz des Islam, viele Bauten und Fleckchen vermitteln arabisches Flair, die Verkehrssprache Kiswahili weist auf die Zugehörigkeit zu Tansania – und (zu) viele Touristen mischen diesen Kulturenmix nochmal auf. Mir hat dieses Städtchen mit seinen arabischen, afrikanischen, europäischen und inidischen Einflüssen sehr gut gefallen, der Markt ist ein bunter Handelsplatz, der nach verschiedenen Gewürzen duftet. Während der ganzen Zeit und besonders während einiger Tage, die wir uns am Strand gegönnt haben und die mir auch gut getan haben, habe ich mich als (weiße) Touristin jedoch nicht wohl gefühlt. Da war dort wirklich Urlaub gemacht haben, uns hin und wieder was gegönnt haben, die Sprache (Kiswahili) nicht sprachen, waren wir nichts anderes als andere Urlauber –das anzunehmen, nachdem ich mich seit Monaten in Ruanda bemühe MIT den Menschen zu leben, ist mir sehr schwer gefallen und konnte ich die ganze Zeit über nicht ablegen. Trotzdem ist eine Reise nach Sansibar, für den, der die Mögtlichkeit hat, auf jeden Fall sehr lohnenswert!

Auch in Ruanda, bin ich wieder herumgekommen, habe eine andere Freiwillige und gute Freundin in Butare besucht und war im Norden bei Salvian, der seit diesem Jahr Schulleiter an einer secondary school in einem wunderschönen Drfchen namens Nyarurema ist.

Da ich nun schon viel rumgekommen bin und – zumindest ein wenig behaupten kann Ruanda zu kennen – habe ich mir des öfteren die Frage gestellt, was mir an Ruanda besonders wichtig ist, “was denn das wirkliche Ruanda sei”. Die ruandische Hauptstadt entwickelt sich so schnell, wird immer moderner, orientiert sich immer mehr am Westen und oft denke ich “nein, das ist nicht Ruanda” und bin froh, wenn ich aus dieser hektischen, lauten, vollen Großstadt rauskomme. Und doch- meine Sehnsucht nach Ruhe und Natur ist berechtigt, und doch gehört diese Stadt mit 24 Stunden offenen Supermärkten, blinkenden Werbereklamen, sündhaft teuren Restraurants und Hotels (auf der einen und arme Viertel sowie meine Strassenjungen auf der anderen Seite) zu Ruanda wie wohl keine andere. Sie ist das Bild, das Gesicht, das die ruandische Regierung und wohl auch die Einwohner der Welt zeigen möchten. Man kann nicht leugnen, dass diese kontrastreiche nach vorn strebende Stadt zu Ruanda dazugehört – ebenso wie die kleinen Dörfer, die vielen Lehmhütten, in denen große Familien ohne fließend Wasser und Strom leben, die Straßenkinder, die Kinderfamilien…. Auch wenn viele, die meisten Menschen unter sehr einfachen Bedingungen, unter Armut leben, wäre es nicht richtig zu behaupten, dass nur das Ruanda sei. Dieses Land ist von Kontrasten geprägt und der zwischen Arm und Reich, zwischen Land- und Stadtleben ist besonders groß, aber beides gehört zu Ruanda.

Ich bin dankbar,dass ich die Vielschichtigkeit, die Vielfalt Ruandas kennen lernen darf (denn auch meine Bekanntschaften sind sehr unterschiedlich) und doch zieht es mich immer wieder aus Kigali raus, aufs Land, in die Natur, zum einfachen Leben, denn das ist es, was ich hier kennen lernen möchte – das andere Leben, das städtische, das westliche Leben gibt es auch in Deutschland.

Auf dem Land, mit seiner wunderschönen Natur, seiner Vielfalt, seiner Einfachheit und Schönheit und seinen Menschen dort, liegt für mich das “wahre Ruanda”, oder zumindest oder besser das ursprüngliche Ruanda.

Anfang April jährt sich der Genozid und eine Woche wird das Land unter Trauer stehen. Es wird erinnert und das öffentliche Leben geht zwar weiter, aber langsam und still…..

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die meisten Menschen nicht viel über Ruanda wissen, aber wenn dann erinnern sie sich an die furchtbaren Monate 1994, als in weniger als 100 Tagen 1 Million Menschen umgebracht wurden (ich möchte auf die Hintergründe nicht näher eingehen, wen es interessiert, der findet genügend Material, und kann mich auch gerne persönlich anschreiben).

Im Alltagsleben habe ich bis jetzt von den schrecklichen Ereignissen im April 1994 nicht allzu viel mitbekommen. Das Leben geht weiter, jeder geht seiner Arbeit nach, sofern er welche hat, und doch hat sich in so vielen Familien das Leben geändert. In Gesprächen erfahre ich oft von Brüdern, Schwestern, die nicht mehr leben, du triffst auf Kinder, die aufgrund des Krieges Waisen sind. Nach dem Besuch in der Gedenkstätte vor einigen Wochen, nachdem ich die Worte gelesen habe, mit denen versucht wird zu beschreiben was unbeschreiblich ist, nachdem ich Bilder von so vielen Opfern gesehen habe, einen Raum mit Knochen und Totenköpfen nicht betreten konnte, Kleider gesehen habe, die an jenen Tagen getragen wurden und die später aus den Massengräbern ausgegraben wurden, habe ich mich einfach nur leer gefühlt. Ich habe an all die Menschen gedacht, die und deren Schicksale ich kenne, war voller Unverständnis, Wut, Zorn, Traurigkeit. Und zurück auf den Straßen Kigalis konnte ich einfach nicht glauben, dass hier in diesen Straßen, an all den Plätzen, die ich mittlerweile so gut kenne, die mir so vertraut und – ja – so lieb geworden sind, so furchtbare Taten stattgefunden haben….

Ich kann es nicht glauben, aber die Menschen hier wissen es ganz genau, haben es miterlebt, kennen all die Orte, Geschichten, haben so viel mit ansehen müssen. So viele Menschen leiden noch immer unter Traumata, aber die psychologische Behandlung ist nur unzureichend. Auf der Heimfahrt, nachdem wir in der Gedenkstätte waren, habe ich – noch immer tief bewegt – mit dem Fahrer gesprochen, über Familie, Ruanda… Ich habe ihm von Carinchen, meiner Zwillingsschwester, erzählt und da war er ganz begeistert: „Weißt du was, Silvie? Ich hatte auch einen Zwillingsbruder!“ Und leise fügte er hinzu: „Er ist im Krieg gestorben…“

Zwischen den Reisen bin ich immer wieder auf der Arbeit bei FIDESCO (dem Strassenkinderprojekt) und in Gahanga, dem Behindertenzentrum gewesen.

Im Strassenkinderprojekt bin ich seltener auf der Straße unterwegs gewesen, habe dafür mehr Zeit mit den Jungen (abahungu) im Zentrum verbracht. Mitte Januar hat hier in Ruanda das neue Schuljahr begonnen. Die langen Ferien (ibiruhuko) waren vorbei, das hiess für mich Abschied nehmen (mal wieder), denn viele Kinder werden erst die nächsten großen Ferien, die im November beginnen, wieder im Zentrum verbringen. Hier gibt es 6 Jahre école primare (Grundschule) und 6 Jahre école secondaire (weiterführende Schule). Die Jungen, die zur école secondaire gehen, sind auf Internate im ganzen Land verteilt gefahren. Im Zentrum blieben einige Jungen, die zur Grundschule gehen und die Ausbildung zum Tischler, Schweißer usw. machen.

Morgens gibt es einen Teil der Kinder, die zur Schule gehen und zum Mittagessen zurückkehren, nachmittages ist es die andere Hälfte. In ihrer Freizeit spielen wir zusammen, Karten, eien abgewandelte Form von Schach, Vier gewinnt, Igisoro, ein typsisch ruandisches Spiel, das ich sehr gerne machg, wir jonglieren, machen Sport, Fussball, Volleyball, Basketball, speilen Frisbee, malen oder erzählen einfach. Im Zentrum ist es die Zeit mit den Jungen, die im Vordergrund steht und die mir wichtig ist, eben einfach da zu sein für sie….

Anfang des Jahres habe ich mich bemüht Einblicke in andere Aufgabenfelder des Zentrums zu bekommen um mein Gesamtbild abzurunden. Ich habe so zum Beispiel einen Mitarbeiter begleitet, Jean-Baptiste, als er einen Jungen an einer école secondaire in der Provinz angemeldet hat. Mit ihm war ich später nochmal unterwegs und da dieser Tag so bewegend für mich war möchte ich euch davon erzählen.

Eines Tag hatte mir ein Junge, Gaspard (15 Jahre), eines meiner Lieblingskinder mitgeteilt, dass er zurück in seine Familie gehen werde. Wir haben ein bisschen darüber geredet, er hat mir erzählt, dass er bereits seit 2002 im Zentrum ist und es ihm sehr gut gefällt. Ich war unglaublich traurig von ihm Abschied nehmen zu müssen, aber ich habe mich sehr für ihn gefreut, denn wenn ein Kind eine Familie hat, so trägt doch diese die Veratnwortung und es ist besser bei der Familie aufzuwachsen als in einem solchen Zentrum wie bei uns. Er meinte aber, dass es im Zentrum sehr gut sei, zu Hause nicht. Ich bin schon bei ein paar Straßenkindern zu Hause gewesen und kenne daher die Lebensbedingungen, aber gerade zu sehen wie mein Gaspari lebt, hat mich doch interessiert und so habe ich gebeten ihn am nächsten Tage begleiten zu dürfen. Ich habe es als eine sehr emotionale Situation empfunden, als er dann mit uns ins Auto stieg und die anderen Jungen, ein paar, viele haben von diesem Abschied gar nichts mtibekommen, ihm hinterher gewunken haben….
Der Mitarbeiter, Jean-Baptiste aus dem Projekt, Gaspari und ich waren erst in einem schicken (das hat mich total erstaunt!) Restaurant in dem nächsten größeren Ort von seinem Zuhause essen, ehe wir uns dann auf zu seiner Familie gemacht haben. Ich glaube so gut hat Gaspari noch nie in seinem Leben gegessen, es gab Buffet und ich habe gemerkt, aber es für mich behalten, dass er beim Essen mit Messer und Gabel überfordert war. Er hatte wohl bei mir gegenüber geschaut mit welcher Hand ich was halte und hat es dann spiegelverkehrt nachgemacht – aber so konnte er nicht wirklich essen, hat dann immer das Messer unter dem Tisch versteckt und nur mit der Gabel gegessen.
Nach dem Essen sind wir dann weiter aufs Land zu seiner Familie gefahren, wir mussten das Auto abstellen und sind zu Fuß weiter gegangen. Vorbei an vielen Bananenpflanzen, anderen Feldern und kleinen Häuschen und kamen nach ein paar Minuten bei ihm an. Die Umgebung war wunderschön, ich liebe die Natur hier so sehr und in Kigali fehlt sie mir so unglaublich. Als wir dann bei seinem Zuhause ankamen, wurde ich überwältigt von den Gefühlen. Die Eltern leben beide nicht mehr habe ich erfahren, sein Vater war auch Straßenkind und ist letztes Jahr gestorben, die Mutter bereits 1994 im Krieg. Das Lehmhäuschen, in dem er jetzt leben wird, hat sein grosser Bruder aufgebaut. Mit ihm und einem anderen Bruder, der körperlich behindert ist, und daher noch ein schwierigeres Leben führt wird Gaspari zusammen wohnen. Das Lehmhäuschen hat zwei kleine Zimmer, eines ohne Tür, eines mit einer zu kleinen Tür, das heisst, dass nachts der Wind rein pfeift, Ausstattung gab es keine, Landwirtschaft wird auch kaum betrieben, sodass nicht gewährleistet ist, dass es jeden Tag was zu essen gibt… Mir fehlten die Worte. Aber Gefühle gab es so viel in mir. Ich habe mich gefreut, dass Gaspard wieder bei seinen Brüdern ist, war mal wieder entsetzt von solcher Armut, habe gestaunt über den Lebenswillen, den diese Menschen besitzen müssen, bin wütend geworden über die Ungerechtigkeit in der Welt, habe diesen kleinen und doch so großen 15 jährigen Jungen einfach nur aus tiefstem Herzen bewundert, wie er sein bisher so schweres Leben meistert, war so stolz auf ihn, hatte aber auch so viele Zweifel in mir, Ängste…. Er wurde begrüßt von den Brüdern und Nachbarn, danach waren wir an seiner neuen Schule um ihn einzuschreiben, er kannte schon ein paar Kinder und war ganz stolz als sie ihn beim Namen riefen, ich habe mal wieder erfahren, was es heißt Muzungu (weiß) zu sein. An vielen Grundschulen hier wird vormittags und nachmittags unterrichtet, die Hälfte der Schülerschaft vormittags, die andere Hälfte nachmittags. Gestern Nachmitag als wir ankamen war gerade Pause, ungefähr 900 Kinder da und ALLE Kinder kamen dann auf mich zugestürmt, tja, das Schicksal einer Weißen…. Nachdem die Einschreibung ohne Probleme geklappt hat, hat Gaspard mich an die Hand genommen, wir sind gemeinsam zurückgegangen und er hat mich gefragt “Ni mbyiza?” Das heisst “Gut?” Und ich habe geantwortet “Ni mbyiza cyane!” (=Sehr gut). Er war so stolz. Dann sind wir zurück gefahren und Gaspard ist zurück zu seiner Familie gelaufen. Der Abschied ist mir so schwer gefallen, ich habe ihn herzlich umarmt und hatte die ganze Rückfahrt Tränen in den Augen…..
Dieser Moment hat mir nochmal gezeigt, wie wichtig es für mich ist für die Kinder da zu sein, sie zu begleiten und ich bin richtig motiviert für die Arbeit. (Auf die Bilder kann ich gerade nicht zugreifen, aber ich reiche sie nach….)

Seit einigen Wochen ist im Projekt vieles im Wandel. Wir haben einen neuen Chef bekommen, ein paar Mitarbeiter haben gewechselt und es scheint sich nun viel – zum Positiven – zu verändern. Auch für mich wird sich in der Tagesgestaltung was ändern. Ich freue mich darauf und werde im nächsten Rundbrief ausführlich darüber berichten.

Ich beende diesen Brief an euch mit den allerliebsten Grüßen. Die Tradition euch was Typisches aus diesem Land mitzuschicken möchte ich fortführen. Ich wünsche euch allen ganz viel Kraft für alles was wir tut – Kraft, wie sie die Menschen in diesem Land so viel besitzen. Ich denke gerade besonders an die Frauen. Heute Morgen bin ich zu Fuß nach Gahanga ins Behindertenzentrum gelaufen, dieser morgendliche anderhalbstündige Spaziergang hat mir sehr gut getan und ich habe die Menschen so gerne angeschaut, die mir entgegen kamen. Viele Frauen in ihren bunten Stoffen kamen mir entgegen, fast jede mit einem Kind auf dem Rücken, und einem Korb, Holz, Wasserkanister, Pflanzen auf dem Kopf. Möge euer Alltag auch erfüllt sein von so viel Kraft und Lebensfreude !

Es grüßt euch ganz herzlich eure Silvia

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