Rumänien: 1ter Rundbrief von Anna Veit

29. Juli 2009 von anna.veit

Im Oktober

Was hast du den Sommer über gemacht, man hört ja gar nichts von dir?!

Die ersten drei Wochen habe ich bei Christian, einem anderen deutschen Freiwilligen, in Tirgu Mures gewohnt. Wir haben Urlaub gemacht, waren im Schwimmbad, im Zoo und haben jeden Tag eine Melone gegessen. Danach ging es zum Rumänischlernen nach Bukarest. Zwei Wochen lang haben ich und 15 andere Deutsche die „Herbstakademie“ besucht und einen kleinen Einblick in die rumänische Sprache und Kultur bekommen.

Und jetzt?

Jetzt bin ich seit gut einem Monat in meiner Stadt Miercurea Ciuc angekommen.

Auf ungarisch heißt sie „Csikszereda“, denn 90% ihrer Einwohner sind Ungarn, und die lieben komplizierte Namen. Eigentlich sind die Ungarn eine Minderheit von 6% in Rumänien, aber in der Harghita-Region sind sie eindeutig in der Mehrheit. Die Sprache, die Schilder, die Kultur, alles ist ungarisch. Viele Menschen wohnen ihr ganzes Leben in dieser Stadt und sind offiziell rumänische Staatsbürger, sprechen aber kein Wort rumänisch.

Ich wohne in einem Gästehaus der Caritas, meinem Arbeitgeber. „Gästehaus“ ist sehr untertrieben, es ist ein Hotel, und für rumänische Verhältnisse nobel. Mein Zimmer wird jeden Tag saubergemacht, ich kann abends im dazugehörigen Restaurant essen, und wenn ich meine Wäsche hinunterbringe, liegt sie am nächsten Abend gewaschen, getrocknet und gebügelt in meinem Zimmer. Das ist mehr Service als zu Hause, nichts da mit erwachsen werden.

Es ist ein seltsamer Gedanke, ein Jahr in einem Hotel zu wohnen. Aber hier herrscht ein familiäres Klima, ich habe alle Mitarbeiter kennengelernt, meine Bilder aufgehängt und fühle mich schon ein bisschen zu Hause.

Wie ist die Arbeit?

Ich arbeite in einer Tagesstätte für geistig behinderte Jugendliche. Die meisten sind schwerbehindert: Down-Syndrom, Autismus, blind und/oder auf dem Entwicklungsstand von Kleinkindern geblieben. Anders als erwartet fällt mir der Umgang mit den Behinderten sehr leicht; ich hatte überhaupt keine Berührungsängste. Leider habe ich hier ein typisch rumänisches Phänomen entdeckt: Ein toller Wochenplan mit Aktivitäten hängt an der Wand, aber dann ist bloß stumpfe Handarbeit angesagt. Ich versuche, diese Eintönigkeit als Herausforderung zu sehen, meine Ideen einzubringen und Dinge voranzutreiben, denn die Bedingungen sind viel besser als gedacht: neue, helle Räume, viel Material, nette, junge Kollegen, eine gute Arbeitsatmosphäre.

Wie sieht ein typischer Tag bei dir aus?

Mein Wecker klingelt zum ersten Mal um sieben, – - – und ich stehe um acht Uhr auf. Gegen neun bin ich im Zentrum, dann kommen nach und nach die Behinderten. Um zehn Uhr frühstücken wir gemeinsam. Von elf bis ein Uhr gibt es verschiedene „Kurse“: Physiotherapie, Logopädie (und öfter mal Handarbeit). Um ein Uhr gibt es Mittagessen. Danach ist Freizeit, also basteln, spielen… und Handarbeit.

Um vier Uhr habe ich frei, dann gehe ich meistens noch in die Stadt oder zum Markt einkaufen. Zweimal die Woche gebe ich Deutschkurse für Erwachsene, und zweimal habe ich selber Ungarisch für Ausländer. Wenn noch Zeit bleibt, schreibe ich E-mails (auf dem Windows 95- Computer, das dauert) oder schaue einen Film. In Rumänien laufen die meisten Filme und Serien im Original, also auf Englisch, das ist sehr praktisch für mich.

Was machst du am Wochenende?

Einen festen Freundeskreis habe ich noch nicht gefunden, aber langweilig wird mir nicht:

Mit meinen Kollegen gehe ich eislaufen, das ist DER Sport im kalten Csikszereda.

Gabi, die Sekretärin vom Chef, hat mich am Wochenende eingeladen und mir das typisch ungarische Familienleben (inklusive Gulasch) gezeigt. Ein anderes Mal habe ich mit ihrem Mann ein Kinderheim besucht, das in einem kleinen Dorf von einem deutschen Orden geleitet wird. Bei meinem vergeblichen Versuch, mir eine neue Telefonkarte zu kaufen, habe ich Tibor den Telecom-Mann kennengelernt. Er zeigt mir die Stadt und ihr Nachtleben. Der Musikgeschmack der Ungarn ist weit besser als der der Rumänen. Letzte Woche waren wir bis sechs Uhr morgens in einer Elektrodisko. Nicht schlecht Herr Specht!

Wie kommst du mit der Sprache klar?

Erstaunlich gut. Obwohl Ungarisch wirklich zum Verzweifeln ist. Es ähnelt keiner anderen Sprache. „Hotel“ etwa heißt nicht, wie überall auf der Welt „Hotel“, sondern „szálloda“. Die Ungarn kennen das Verb „haben“ nicht. „Ich habe kein Geld“ – „ Nincs penzem“ -„Kein mein Geld“. Und mir war vorher nicht bewusst, wie oft am Tag ich „haben“ benutze.

Dafür ist ungarisch eine sehr süße Sprache mit tollen Ausdrücken und Sprichwörtern. Geflucht wird zum Beispiel „ Tele van a hocipöm“- „Voll sind meine Schneeschuhe“. Es macht Spaß, jeden Tag dazuzulernen, an meinen Kindergarten-Sätzen herumzubauen, und mich ausdrücken zu können. Ich frage meine Kollegen oft stolz „War das jetzt richtig?“ und sie antworten: „ Nein Anna, das war ganz grausam, aber ich hab verstanden, was du meinst“. Und das ist ja die Hauptsache.

Vermisst du Zuhause?

Immer noch nicht. Ich habe so viel zu tun, sehe neue Dinge, treffe neue Leute, da bleibt keine Zeit zum Traurigwerden. Manchmal ist es ein seltsames Gefühl zu hören, dass das alte Leben auch ohne mich weitergeht. Aber wenn das Heimweh ist, ist es nicht besonders schlimm.

Ist es kalt?

Ja. Ich bin mit T-Shirt in den Zug ein- und mit Skijacke wieder ausgestiegen. Jetzt setzte ich jeden Morgen meine Mütze auf, und die verrückten Ungarn laufen noch im T-Shirt rum und fragen mich, ob ich erkältet bin. Wahrscheinlich werden hier erst bei –20°C die Wintersachen ausgepackt.

Wie ist das Essen?

Rumänien ist kein Land für Vegetarier. Es gibt jeden Tag Fleisch, manchmal sogar dreimal am Tag. Morgens Wiener Würstchen mit Senf, nichts dazu. Die Köchin im Hotel ist super, sie glaubt, die „klein deutsch Mädchen“ trösten zu müssen, und ich bekomme extra große Portionen.

Besonders lecker sind die ungarischen Spezialitäten: Gulasch (natürlich), Kürtoskalacs (sehr süßer Kuchen), Padliszanpastetom (Auberginenpaste).

In der Stadtmitte gibt es einen Markt, auf dem Bauern ihr Obst und Gemüse günstig verkaufen. Und das Klischee bestätigt sich, es ist viel, viel leckerer als im Supermarkt. Leider sind sie natürlich saisonabhängig, ich fürchte den Winter; dann gibt es nur noch Kohl und Kartoffeln.

Wie reagieren die Ungarn auf dich?

Sehr positiv. Alle sind interessiert, freundlich und bieten mir bei den kleinsten Kleinigkeiten Hilfe an.

In Deutschland ist alles besser, und alles was aus Deutschland kommt (inklusive ich) ist gut. Während meiner verzweifelten Suche nach Schwarzbrot habe ich einen kleinen Supermarkt entdeckt, der sich rühmt, „nur original deutsche Produkte“ zu verkaufen. Keine der Marken (die übrigens alle in Rumänien produziert sind) habe ich je gesehen. Aber der Laden läuft. Soweit das Vorurteil.

Aber es kommt mir zugute. Während meiner Fahrt nach Csikszereda verlangte der Kontrolleur von mir, ich solle bei ihm zusätzlich „Übergepäck“ für meinen (zugegeben riesigen) Koffer zahlen. Ich, vollkommen überfordert, habe meine drei Wörter rumänisch rausgestottert, da wurde er aggressiv. Zahlen, 200 Lei, jetzt sofort, sonst könnte ich auf freiem Feld aussteigen. Und überhaupt die verdammten Ungarn. Als ich ihm sagte, ich bin Deutsche, keine Ungarin, wurde er plötzlich ganz weich. Er hat sich hingesetzt, und wir haben über eine Stunde nett geplaudert, bis er weitergegangen ist. Natürlich ohne dass ich zahlen musste.

Kommentieren ist momentan nicht möglich.