Rumänien: 2ter Rundbrief von Anna Veit
30. Juli 2009 von anna.veitIm Januar
Wie geht’s denn so?
Anders als zum Zeitpunkt des ersten Rundbriefes. Damals hatte ich mir schon Sorgen gemacht, es ginge mir zu gut. Die Zeit, in der ich von jeder Fliege an der Wand begeistert war, ist definitiv vorbei.
Mittlerweile ist der Alltag eingekehrt, ich bin nicht mehr neu und besonders, und ich werde nicht mehr von allen beachtet und umsorgt.
Ungarisch beherrsche ich soweit, mich mitteilen zu können und Gesprächen grob folgen zu können. Die Lust am Vokabellernen und Nachfragen hat mich verlassen. Meinen Plan, möglichst schnell fließend ungarisch zu sprechen, verschiebe ich bis auf Weiteres.
Zudem verstehe ich mich nicht besonders gut mit meiner Chefin, die meine offizielle Ansprechpartnerin sein soll. Bisher gab es keine größeren Konflikte, denn ich habe genug andere Leute, die mir zur Seite stehen, und praktischerweise verstehe ich mich sehr gut mit ihrem Chef.
Meiner Meinung nach arbeite ich viel, jeden Tag von neun bis vier, danach gebe ich an drei Tagen die Woche Deutschunterricht und besuche zweimal die Woche selbst einen Ungarischkurs. Es kommt vor, dass ich um 10 nach Hause komme, und nur noch ins Bett falle. Einerseits verhindert die dauernde Beschäftigung natürlich Langeweile oder Einsamkeit, auf der anderen Seite bin ich am Ende des Tages selber am Ende.
Ich will Euch mit meinen Bericht aber nicht erschrecken. Unterm Strich gefällt es mir nach wie vor sehr gut, und ich bin zuversichtlich, dass ich in absehbarer Zeit mein kleines Tief überwinde. Insgesamt durchlaufe ich die ganz normale „Freiwilligen-Entwicklung“: Die Anfangseuphorie ist dem Alltag gewichen. Ich bin nicht mehr neu und besonders, ich habe mich eingelebt und gehöre dazu. (siehe oben)
Dann fällst du also gar nicht mehr auf?
Jedenfalls lässt mich niemand spüren, dass ich fremd bin. Außer wenn ich mich wieder besonders doof anstelle:
Im Bus legt man dem Busfahrer meistens einen Leu hin und geht weiter. Keine Ahnung, wie sich das Busunternehmen finanziert. Beim Einsteigen bemerkte ich, dass ich nur einen 50-Lei-Schein im Portmonee habe. Ich halte ihn hin, aber der Busfahrer winkt ab, natürlich hat er nicht genug Wechselgeld in seiner Westentasche. Ich fange an, umständlich zu erklären: Es tut mir furchtbar leid, ich habe keinen 1-Lei-Schein dabei, und es gerade erst bemerkt…Er schüttelt den Kopf und fragt „Ja, was machen wir denn da?!“. Das weiß ich auch nicht und bleibe erstmal stehen. Bisher eine bewährte Strategie: abwarten, bis sich das Problem von selber löst. „Du bist Deutsche, oder?“ fragt er. Erkennt man das am Akzent?! „Ja, merkt man. Mensch, Mädchen, geh doch einfach durch!“
Für ein Wochenende bin ich „Austauschfreiwillige“ in einem anderen sozialen Projekt der Caritas, einem Altersheim in der kleinen Stadt Gyergyószentmiklós (die ungarischen Namen, wie gesagt). In dieser Parallelwelt nehmen anscheinend alle Abläufe das Dreifache der normalen Zeit in Anspruch. Schon bei der ersten Aktivität des ersten Vormittags, dem „Clubtreffen“, fallen mir die Augen zu.
Zwischen Mittag- und Abendessen sitze ich im Flur und starre konzentriert auf einen Punkt an der Wand gegenüber, damit die Lider nicht zuklappen. Plötzlich läuft ein Mann durch mein Blickfeld, größer, schneller und wohlriechender als die restlichen Bewohner. Leider sehe ich ihn nur noch von hinten: eine Jeans ohne Glitzer, ein weißes Hemd umspannt breite Schultern, die Haare mittellang und locker, nicht nach hinten gegeelt. So gar nicht die Rumänenuniform also. Ich frage mich, ob ein Tagtraum mir einen Streich spielt, oder ob ich gerade tatsächlich den Mann meiner Träume gesehen habe. Ich springe auf, entschlossen, das Phantom zu suchen.
Eine halbe Stunde später werden wir einander vorgestellt und ich bin verliebt. Er heißt Istvan, ist 24 und für die Seelsorge im Heim zuständig. Klar, warum nicht. Wir unterhalten uns. Plötzlich ist ungarisch ganz leicht und es ist egal, wenn ich Fehler mache, denn er lacht und verbessert sie. Er ist klug, sensibel, witzig. Ich überlege mir, den Rest des Jahres freiwillig ins Altersheim zu ziehen.
Am Abend fragt mich ein alter Mann dringlich nach dem ‚Papa‘. Er sucht den Papst?! Bestimmt Alzheimer. „Istvan! Hast du irgendwo einen Papst gesehen? Wir suchen den Papst!“ rufe ich über den Flur. Istvan lacht über mich. Und wie süß er lacht! „ Aber Anna“, sagt er, „ Papa heißt nicht nur Papst, sondern auch ein ganz normaler Priester. Und der bin ich.“ „Nein“, denke ich.
Nerven dich die Behinderten schon?
Ja, manchmal. Meine Arbeit im Tageszentrum empfinde ich oft als langweilig und gleichzeitig sehr anstrengend. Wenn es um Schwerbehinderte geht, sind schon kaum wahrnehmbare Veränderungen große Fortschritte. In den meisten Fällen ist es einfach wichtig, da zu sein, und eine Alternative zu bieten, damit sie nicht zu Hause sitzen und die Wand anschauen.
Wenn die Behinderten gut drauf sind, und eine gute Stimmung herrscht, macht es Spaß. Wenn sie aber schlecht drauf sind (und zur Abwechslung mal Handarbeit ansteht), werden die Stunden lang. Mit der Perspektive, diesen Job noch sechs Monate zu machen, lässt es sich aushalten. Allerdings weiß ich, dass ich später nicht in dieses Berufsfeld möchte. Auch eine Erkenntnis.
Wie kalt ist es denn jetzt, im kältesten Ort Rumäniens?
Sehr, sehr kalt. Meine Lieblingsjeans ist geplatzt, weil ich jeden Tag zwei Strumpfhosen drunterziehe. Könnte auch am Weißbrot liegen. Seit November liegt durchgehend Schnee. Die ersten drei Wochen war ich Schlitten- und Skifahren, aber das hat längst seinen Reiz verloren. Die Wege sind vereist. Ich rutsche etwa einmal am Tag aus. Wie manche Rumäninnen mit ihren hohen Absätzen und kurzen Röckchen über die Straße kommen, ist mir ein Rätsel. Zwischendurch stellt Putin uns die Heizung aus, dann sitzen alle zusammen vor dem Kamin. Natürlich jeder mit seinem Laptop. Hauptsache es gibt im ganzen Haus WLAN, dann kann die Heizung auch mal ausbleiben.
Wieso warst du nicht an Weihnachten zu Hause?! Wir vermissen dich doch…
Mir war einfach nicht danach. Ich hatte nicht das Gefühl, unbedingt nach Hause zu müssen, und ich wollte mich hier nicht rausreißen: mich wieder an mein altes Leben gewöhnen, und dann wieder zurück-gewöhnen müssen. Außerdem hatte ich auch in Rumänien sehr schöne Weihnachten. Mit Christian und Philipp, meinen Mit-Freiwilligen habe ich vier Tage in Rusca Montana, einem kleinen Dorf in der Nähe von Timisoara, verbracht. Ich denke, unsere Erwartungen (vor dem Kamin liegen, essen und uns so wenig wie möglich bewegen) wurden erfüllt.
Über Sylvester hatte ich meinen ersten Besuch aus Deutschland, von meinem Vater. Ich war ein wenig nervös, was wohl passiert, wenn das ‚neue‘ und ‚alte‘ Leben aufeinandertreffen. Natürlich völlig unbegründet, wir haben uns wunderbar verstanden, und ich denke, ich konnte ihn mit Rumänien versöhnen. Außerdem hat er mir vom Weihnachtsmann einen Laptop mitgebracht…
Und was vermisst du? Außer uns?!
leckeren Kaffee: Jeden Morgen kocht meine Kollegin eine Kanne sehr schwarzen Kaffee, den niemand anrührt, bis er kalt geworden ist. Dann bekommt jeder ein Tasse von der Größe eines Schnapsglases, keine Milch, dafür mindestens 2 Löffel Zucker.
Brot: Schwarz-, Körner-, Roggen-, Misch-, Sonnenblumenkern-, alles-was-nicht-weiß-ist-Brot!
Sport: Die rumänische Fernsehwunderwelt besitzt zwar einen Rugby-Sender (es gibt für alles einen eigenen Sender), aber seit drei Monaten ist mein Fernseher kaputt, und der Hausmeister fragt mich nur, woher er wissen soll, wie man einen Fernseher repariert. Vor allem möchte ich selbst wieder fit werden, aus der Winterträgheit rauskommen. In Miercurea Ciuc gibt es kein Sportangebot für das niedere Volk. Außer natürlich alles was mit Eis zu tun hat, aber Eishockey ist hier nur was für Jungs und Eiskunstlauf… nun ja.
„gutes“ Fernsehen: Wenn Marcel Reich-Ranicki die Qualität des deutschen Fernsehens kritisiert, war er wahrscheinlich nie in Rumänien. Nachrichten beschränken sich auf Prominente und Steaua Bukarest. Ansonsten wird in improvisierten Fernsehstudios alles gesucht: diverse Superstars, Freunde, Ehepartner, Haustiere und Präsidenten.
In Rumänien wurde gewählt?! Hab ich gar nicht mitbekommen…
Ich auch nicht. Zum einen orientieren sich die Ungarn sowieso mehr an Budapest (ja, das ist die Hauptstadt von Ungarn) als an Bukarest (die Hauptstadt von Rumänien, jaja, das wisst ihr selber). Zum anderen „sind sowieso alle Politiker korrupt“. Vermutlich stimmt das in Rumänien sogar. Die großen Politiker sind gleichzeitig die größten Wirtschaftsbosse und an ihrem privaten Profit interessiert. Eine Zeitung hat ausgerechnet, man könnte eine neu geteerte Straße in Miercurea Ciuc für die Kosten der Wahl auch mit Gold pflastern. Fragt sich, wie das Bauunternehmen an den Auftrag der Stadt gekommen ist. Eine typische Parteienwerbung in Rumänien sieht so aus: ein dicker, patriarchalischer Mann steht in der Mitte und verkündet: ‚Ich gebe Geld. Für Familie, für Bildung, für die Wirtschaft, für Rumänien.‘
Die meisten Rumänen wissen selber nicht, ob sie darüber lachen oder weinen sollen. Das Tragische ist, viele sagen von sich, sie würden es genauso machen, wären sie nicht ‚nur das Volk‘.
Und was steht an in nächster Zeit?
Ganz schön viel. Ich muss mich um Uni-Bewerbungen kümmern, das Zwischenseminar steht vor der Tür, Freunde aus Deutschland kommen mich besuchen. Ich möchte nach Budapest, nach Belgrad, nach Moldawien, ins Donaudelta und ans schwarze Meer. Hoffentlich schaffe ich die Hälfte.