Rumänien: 3ter Rundbrief von Anna Veit
30. Juli 2009 von anna.veitIm Mai
Warum hat das so lange gedauert?
Mir ist es schwer gefallen, meinen neuen Rundbrief zu schreiben. Zum einen liegt es sicher daran, dass ich seit Weihnachten einen Laptop habe. Ständiger Internetzugang und jederzeit skypen zu können, macht Kommunikation mit zu Hause zwar einfacher, aber auch gewöhnlich. Ich gebe mir einfach keine Mühe mehr, schöne E-Mails zu schreiben, aus denen ich Ideen schöpfen könnte.
Zum anderen habe ich mich anscheinend komplett eingelebt. Noch zur Zeit meines letzten Rundbriefs kam ich mir oft wie ein Tourist vor, der über ungarische Sprichwörter lacht und über Buspläne den Kopf schüttelt. Ich habe mich gefragt, ob es in letzter Zeit keine verrückten Begegnungen mehr gab. Natürlich gab es die, nur sie fallen mir nicht mehr auf.
Man muss ja aus Höflichkeit fragen: Wie läuft die Arbeit?
Genervt bin ich immer noch. Wenn ich zum 4320ten Mal sage „Geh bitte ins Bad und wasch dir die Hände, wir essen jetzt“ kommt nicht plötzlich neue Freude auf. (Ja, ich habe das ausgerechnet. Ich habe jetzt 9 Monate gearbeitet, an jeweils 20 Tagen, wir essen 2 Mal am Tag mit durchschnittlich 12 Behinderten. Ich muss den Satz nicht zu jedem sagen, zu manchen dafür 5 Mal. Ich denke 4320 Mal „Geh bitte ins Bad und wasch dir die Hände, wir essen jetzt“ kommt hin.)
Aber die Atmosphäre lockert sich. Mit dem Frühling blühen meine Kolleginnen auf. Tagelang habe ich mir überlegt, wie ich meine Idee formuliere, mit den Behinderten in den Garten zu gehen, ein paar Beete umzugraben und Blumen anzupflanzen. Nicht wie ich es auf ungarisch formuliere, sondern so, dass meine Kolleginnen mir keinen Vogel zeigen. Im Idealfall, dachte ich, antworten sie: „Super Idee, alle Schuhe anziehen und raus! Wir bleiben hier, du schaffst das schon allein, Anna.“ Doch eines Tages sagt Emese zu mir: “Bring morgen Gummistiefel mit, wir gehen in den Garten!”
Außerdem haben wir einen Stand beim örtlichen Handarbeitsmarkt betrieben — und erfolgreich vier der 4000 Stickbilder verkauft! Wir waren im Zoo und auf dem Markt Obst für einen Obstsalat kaufen. Seit die Temperaturen wieder im positiven Bereich liegen, darf ich rausgehen und Fußball spielen. Das heißt, Tamas, der viel zu viel Kraft hat, schießt den Ball in irgendeine Richtung, und die ganze Mannschaft muss ihn suchen.
Ich weiß nicht, was passiert ist. Ich vermute, es war der Schreck über das Desaster auf dem Handarbeitsmarkt. Mir ist auch egal, woher dieser plötzliche Umschwung im pädagogischen Konzept kommt. Für manche Behinderte macht es augenscheinlich keinen Unterschied, ob sie Affen im Käfig spielen oder die Wand anstarren, aber einigen und vor allem uns Betreuern geht es bei den Affen entschieden besser. Wir können wieder planen und reden und die Tage ziehen sich nicht mehr wie rumänischer Kaugummi (und der zieht sich lange).
Was bekommst du von der Wirtschaftskrise mit?
Die Situation hier ist ruhig und niemand hat einen Plan, also alles wie immer. Wie schon angedeutet halten rumänische Medien nicht viel von seriöser Berichterstattung. Die Menschen reden über eine Finanzkrise im Westen, die für steigende Preise, den Staatsbankrott in Ungarn und das schlechte Wetter verantwortlich ist. Nähere Informationen gibt es nicht.
Dabei geht es mit Rumänien den Bach runter. Der Lei ist in den letzten Monaten stark gefallen: Ich bekomme 120 Euro Taschengeld im Monat. Im November waren das 408 Lei, zwischenzeitlich 528 Lei, mittlerweile es 504 Lei. Find ich natürlich super. Aber für Rumäniens Wirtschaft bedeutet das große Wertverluste.
Sieht aus, als hätte der Osten Pech gehabt mit dem Kapitalismus. Der Westen profitierte jahrzehntelang von ihm, und jetzt, wo Rumänien zu Europa gehört, zeigt er seine Schwächen. Der Lebensstandard ist in den letzten zehn Jahren unglaublich schnell gestiegen. Was passiert, wenn er genauso schnell wieder fällt?
Wenigstens hier hat die ‚Nicht aufregen und das Problem aussitzen- Strategie‘ Vorteile. ‘Kindchen, wir hatten 40 Jahre Kommunismus. Meinste, wir schaffen keine Wirtschaftskrise?’ hat meine Köchin zu mir gesagt. Vielleicht hat der Osten diese ‚Erfahrung des Scheiterns‘ dem Westen voraus und ist deshalb nicht so schnell verängstigt. Ob‘s hilft?
Jetzt, wo wir beim Thema sind. Ich wollte das schon länger fragen, aber es war mir ein bisschen peinlich. Sind die Menschen arm in Rumänien?!
Ja, gemessen an deutschen Standards sind sie sicher arm. Meine Kolleginnen verdienen 300 Euro im Monat, bei Lebensmittelpreisen ähnlich denen in Westeuropa, ein Liter Milch kostet einen Euro. Die Miete für eine Zweizimmerwohnung warm beträgt 180 Euro. Gewöhnlich gehen beide Elternteile arbeiten, und trotzdem bleibt am Monatsende kaum etwas übrig. Man kann wohl sagen, der Lebensstandard verschiebt sich eine Etage tiefer: Arme Familien in Deutschland wohnen in winzigen Hochhaus-Wohnungen und können sich höchstens Campingurlaub leisten. Die Mittelschicht wohnt im Reihenhaus und fährt einmal im Jahr nach Griechenland. Die Bonzen fahren Porsche und besitzen ein Segelboot in Südfrankreich. Die rumänischen Bonzen fahren auch Porsche und besitzen ein Segelboot am schwarzen Meer. Rumänische Bonzen gibt es nur sehr wenige, in meiner Stadt keine. Die rumänische Mittelschicht wohnt in einer 2 Zimmer-Block-Wohnung, die Kinder teilen sich ein Zimmer, bis sie zum Studieren ausziehen. Neue Winterstiefel gibt es nur zu Weihnachten und Urlaub war noch nie drin. Die rumänische Unterschicht, viele Zigeuner, lebt in Baracken am Rand der Stadt.
Die Ansprüche und Vorurteile sind in beiden Ländern die gleichen. Die Mittelschicht aus dem Block ist gebildet, macht sonntags einen Ausflug ins Grüne, die Kinder dürfen eine halbe Stunde am Tag fernsehen. Man schimpft gerne auf die faulen Zigeuner, die auf Kosten des Staates leben. Der Alltag ist derselbe, nur eine Wohlstands-Stufe weiter unten.
Und was sagen die Leute über uns? Die reichen Deutschen?
Jeder hat sein eigenes Bild über Deutschland.
Für manche ist Deutschland ein fernes Land, wo alles anders ist. Nach einem halben Jahr hat meine Kollegin Adel mich gefragt, ob ich Coca Cola probieren will. Sie war von den Socken, als ich ihr geantwortet habe, dass ich in meinem Leben schon öfter Cola getrunken habe. Manche denken, Deutschland ist das Land, wo Milch und Honig fließen. Sie belächeln mich, wenn ich erzähle, wir haben zuhause keine fünf, sondern ein Auto, einen kleinen Toyota. ‘Wie süß, Anna will sich nicht abheben von uns.’
Manche denken, Deutschland ist wie Rumänien, nur die Leute sprechen deutsch. Sie wundern sich, dass es in Trier keine Straßenhunde gibt.
Die meisten sehen es pragmatisch, Deutschland hat nach dem Zweiten Weltkrieg einfach mehr Glück gehabt und ist deshalb wohlhabender, aber die Menschen sind dieselben.
Im Alltag ist mir der wirtschaftliche Unterschied nicht bewusst, nur in bestimmten Situationen.
Wenn ich meine Kollegin blöd frage: „Wieso hat Richard keinen Blindenstab, das würde sein Leben so viel einfacher machen?!“ und sie erklärt: „Seine Familie kann sich keinen Blindenstab leisten, und in Rumänien gibt es keine Krankenkasse, die einspringt.“
Jos und Noemi, meine besten Freunde hier, sind beide derzeit in Deutschland, als Kindermädchen und Krankenpfleger.
Noemi sagte zu mir: „Ich weiß, wie ich in Deutschland gesehen werde. Die rumänische Billigarbeiterin, die unsere Arbeitsplätze bedroht. Wahrscheinlich Zigeunerin… Aber was soll ich machen? Wenn ich in den Semesterferien zwei Monate in Deutschland arbeite, kann ich mich zehn Monate ganz auf mein Psychologiestudium konzentrieren und muss nicht für einen Euro die Stunde kellnern.“
Jos erzählte mir, wie er in der Waschküche seines Altenheimes vor dem Hausmeister stand. „Du hier waschen deine Kleider mit Maschine.“ Und Jos antwortete ihm: „Danke, ich spreche ganz gut deutsch und habe selber eine Waschmaschine zu Hause. Ich weiß, wie man sie bedient.“ „Gut“, sagte der Hausmeister, „du hast kein warmes Wasser, das gibt’s in Rumänien doch auch nicht.“ Spätestens an dieser Stelle habe ich angefangen zu weinen, weil ich mich so für einen blöden deutschen Hausmeister geschämt habe. Jos hat versucht, mich zu trösten: „Das hat nichts mit dir zu tun, und mit mir auch nicht. Solche Menschen gibt’s überall. Wär‘s anders gelaufen, hätte vielleicht ein Rumäne zu einem Deutschen gesagt: Du hier waschen deine Kleider mit Maschine.“
Stimmt, denken wir. Und so ein blöder Hausmeister. Wir hätten sowas nie gesagt.
Die Pädagogenfrage: Wie fühlst du dich?
Super. Die Sonne scheint, die Stimmung im Behindertenzentrum ist gut, ich kann ungarisch, ich habe Freunde und einen tollen Sommer vor mir.
Nur, so langsam muss ich an Abschied denken. Ich fühle mich dabei nicht zerrissen oder verzweifelt. Ich will mich die letzten drei Monate noch reinhängen, alle Freunde und Plätze sehen und mich dann verabschieden. Ein Jahr hier war genau richtig, soviel Zeit habe ich gebraucht, aber mehr nicht. Die Stadt wird mir zu klein, im Behindertenzentrum könnte ich nicht länger arbeiten. Ich merke, dass es Zeit ist weiterzugehen.
Dann fällt dir der Abschied also nicht schrecklich schwer?
Doch. Schon beim Gedanken daran könnte ich Rotz und Wasser heulen. Und ich habe keine Ahnung, wie ich mich verabschieden soll. Auch wenn ich oft nicht weiß, welchen Kopf ich an die Wand schlagen soll (den des Behinderten, der vor mir sitzt, oder meinen eigenen), ich habe alle sehr liebgewonnen.
Im Zentrum wird es am leichtesten: Ich werde Kuchen und Limo mitbringen. Limo heißt ‚Heute ist ein besonderer Tag‘. Einer nach dem anderen wird abgeholt, ich werde alle umarmen und sie vielleicht nie wieder sehen. Und ich weiß nicht, ob sie nach den Sommerferien merken, dass ich weg bin. Was bedeutet, ich weiß nicht, ob sie gemerkt haben, dass ich ein Jahr lang neben ihnen gesessen habe.
Wenigstens kann ich mir diesen Abschied noch vorstellen.
Ich weiß nicht, was ich zu Gyöngy sagen werde, mit der ich so oft ‚Dschungelcamp‘ oder ‚Ungarn sucht den Superstar‘ geguckt habe, und nichts verstanden habe.
Oder zu meiner Köchin, die mir jeden Abend einen Pfannkuchen oder Milchreis oder Eis hinstellt, weil ich das ‚kleine Mädchen mutterseelenallein in Rumänien‘ bin.
Oder zu Gabi und Attila und ihren drei Kindern, die mich selbstverständlich in ihre Familie aufgenommen haben und nicht fragen, wenn ich abends für zwei Stunden vorbeikomme, weil sie wissen, dass ich dann ein bisschen Familienleben brauche.
Oder zu Noemi, mit der ich durch die Second-Hand-Läden gezogen bin und eine Fotostrecke mit dem Titel ‚worst taste ever‘ erstellt habe.
Oder zu den Studenten, mit denen ich zwar ausschließlich getrunken, dann aber nächtelang diskutiert habe.
Oder zu den Kindern in meinem Deutschkurs, denen nach einem halben Jahr ein Licht aufgeht: „Du redest ungarisch, als wärst du ein bisschen blöd. Dabei bist du gar nicht blöd, du bist einfach deutsch.“
Oder zu den anderen Deutschen, die ich in Zukunft in Berlin, München oder Ilmenau anrufen muss, wenn ich über Smecher, Bogdan Popa oder das Leben im Allgemeinen reden will.
Wie ist der Plan?
Bis Anfang Juli werde ich normal im Behindertenzentrum arbeiten. Eigentlich hatte ich mir viel vorgenommen, ein Fotoprojekt mit selbstgebauten Rahmen zum Beispiel. Wie das so läuft mit Projekten in Rumänien, steht man schnell vor unvermuteten Problemen. In meinem Fall kann mir niemand sagen, wo man in dieser Stadt Fotos entwickeln lässt. Und keiner weiß, wo die Fotos an seiner Wohnzimmerwand eigentlich herkommen. Entweder das Problem löst sich von alleine oder eben nicht. Meine Kollegen sorgen für genug Action.
Ab Juli wird das Behindertenzentrum für lange Sommerferien geschlossen sein, und ich habe Zeit zum Reisen. Eine große Tour durch Osteuropa ist bereits geplant, ein Musikfestival am Balaton und eine Fahrt zum schwarzen Meer, der Teil, der mir in meinem Rumänien-Puzzle noch fehlt.
Dann habe ich eine Woche, meine sieben Sachen (mittlerweile sieben Koffer) zu packen und mich gebührend zu verabschieden. Am ersten August reise ich aus Rumänien aus, in Richtung Lettland, wo ich an einem Seminar über soziale Projekte in Osteuropa teilnehmen werde.
Und dann werde ich schließlich nach Hause kommen. Am 16. August lande ich mittags am Flughafen Hahn. Ich erwarte ein Feuerwerk und einen Fanfarenzug. . .