Bolivien: 3. Rundbrief von Kristina Schuck

3. August 2009 von kristina.schuck

Rundbrief 3. Abril ’09

Hallo an Alle zusammen!

Wie gehts mir so nach zwei Monaten Deutschland, zurück in Bolivien?
Gerne würde ich sagen: Super! und sonst nichts….
Am Anfang habe ich mich ein bisschen fremd gefühlt, ganz einfach zwischen zwei Welten. Hier in Bolivien war ich ganz einfach raus, angefangen damit, dass man mir zwei Monate Deutschland doch beim Reden anhörte, oder dass ich als einzige Freiwillige halt nicht hier rumgereist bin, nicht La Paz kannte,… Ausserdem sind die Menschen, die ich kannte, die mir wichtig geworden sind nicht mehr in Sucre, sondern wieder in ihren Heimatländern, oder wie meine Gastschwester zurück in Santa Cruz.  Ja, es war also schon wieder ein Neuanfang, allerdings ohne Eingewöhnungszeit, der Alltag ging einfach direkt los und besteht aus Arbeit.

Im Moment fehlen mir Freunde, richtige Freunde. Klar habe ich Bekannte, mit denen ich weggehe, doch die Meisten kenne ich über meine Arbeit und klar, mit kleinen Kindern arbeiten halt eher Mädels, dazu muss man sagen, dass die Mädels da so richtige Mädels sind, mit Schmincke, Rosa, Glitzer,Paris Hilton als Vorbild,….wir sind also nicht immer ganz so auf der gleichen Wellenlänge. Ich komme mit ihnen klar, wir machen auch Sachen zusammen, aber eine beste Freundin/bester Freund ist halt nicht dabei.

Mein erster Eindruck…

Oh, es ist kalt! Schon auf dem Flug hat es in Sao Paulo geregnet und als ich abends in Santa Cruz ankam, waren es “nur” 20 Grad. Mmmmh!? Ach ja, hier war ja Regenzeit und dann ist es halt wirklich kalt. Als ich dann endlich in Sucre ankam, war es nur am regnen. Total durchnässt bin ich also im Kinderheim angekommen und wurde von den Kleinen und Grossen sogar noch erkannt. Erleichterung!!!

Wo ich wohne…

Zusammen mit zwei anderern Freiwilligen von SoFiA wohne ich in der Fundacion Treveris in Sucre. Die Fundacion ist ein Partnerprojekt des BDKJ aus Deutschland. Der Erlös der Bolivienkleidersammlung geht zum Beispiel hierhin. Die Fundacion hat in ganz Chuquisaca (so was wie Rheinland-Pfalz) Internate und kümmert sich damit um die Bildung der Landbevölkerung.

Zu Fuss brauche ich 45 min.- 1 h zum Kinderheim, da es auf einem der zahlreichen anderen Hügel Sucres liegt.

“ Mein Kinderheim”

Die Großen, also alle, die in meiner Gruppe an die zwei Jahre alt waren, sind jetzt in der “Großengruppe”. Wir haben nur noch vier Große, aber gaaanz viele neue Babys. Insgesamt sind es 20 Kinder. Und eigentlich ist es mein Traumjob, nur das mir, seitdem ich wieder hier bin so viele negative Sachen auffallen. Ich kämpfe mittlerweile manchmal mit mir, morgens aufzustehen, ins Kinderheim zu gehen und dort zu arbeiten. Ich fühle mich oft ziemlich klein und beschissen, wenn die Kids geschlagen werden, das Essen in sie hineingestopft wird, wenn sie es nicht wollen, wenn sie nicht schlafen dürfen wann und wie sie wollen,…  . Es ist schlimm zu wissen, dass es ein gutes Heim sein soll und dass ich nichts ändern kann… . Auf mein Nachfragen wurde mir nur gesagt: Das ist hier halt so und andere Stile, ohne Gewalt wurden und werden von vielen auch nicht verstanden.
Ich stelle mir immer die Frage, ob ich es vor Weihnachten nicht bemerkt habe, oder ob sich das Heim so verändert hat. Allerdings muss ich dazu sagen, dass es bei einer Krankenschwester (die immer abwechselnd 1 Woche das Kommando haben) so richtig schlimm ist, die anderen sind doch etwas lockerer.

Im Moment arbeite ich ziemlich viel, es fehlen einfach Leute und die Kinder sind leider alle seit mindestens vier Wochen krank (Grippe). Sobald eins wieder gesund ist, steckt es sich bei den anderen wieder an. Zeitweise waren Acht im Krankenhaus. Vor allem den ganz Kleinen ( Maria Cecilia, 3 Wochen; Pilar, 4 Wochen und Juvenal, ca. 2 Monate alt) geht es ganz schlecht. Manchmal habe ich statt mit ihnen zu spielen,  die Zeit in der Notaufnahme irgendeines Krankenhauses verbracht. Leider waren/ sind die Kinderstationen alle ueberfüllt, so dass die Babys auf  vier Krankenhäuser verteilt waren. Dort waren sie dann die ganze Zeit alleine… Die gute Nachricht ist, dass sich die Eltern auf einmal doch wieder um ihre Kinder gekümmert haben und eine Kleine sogar wieder zurück in ihre Familie ist.

Hochzeit in Bolivien…

Der Bruder des Gastvaters meiner Mitbewohnerin hat geheiratet. Und wir waren eingeladen. Die Familie gehört zu den reicheren, also musste ich mir dann noch ein passendes Kleid und Schuhe kaufen. Samstags war die Hochzeit, freitags habe ich angefangen zu suchen. Ich hatte natürlich keine Ahnung, wo ich überhaupt suchen sollte, also habe ich die modischste meiner Arbeitskolleginen gefragt, wo ich suchen soll. Leider misstraut sie,  für bolivianische Glitzerverhaeltnisse stimmt das wohl) meinem Geschmack und ist ganz einfach mit mir losgegangen. Es war sehr anstrengend, ständig musste ich mich gegen pinke 10 Zentimeter Absätze, und allen anderen Wahnsinn mit Rüschen, Glitzer, Leopardenfell und Prinzessinenkronen wehren. Shoppen ist hier auch nicht wie in Deutschland. Rund um den Gemüsemarkt befinden sich die Schuhgeschäfte, also ein klitzekleiner Raum, ohne Regale, in dem die Schuhe übereinander getürmt liegen, und man dann ganz einfach mal alles von oben bis unten durchwühlt und dabei hofft, dass man den passenden zweiten Schuh auch noch findet, wenn nicht: Pech gehabt. Zum Glück habe ich noch Schuhe in meiner Größe gefunden, auch wenn es Ballerinas waren und schwarz (was ich auf keinen Fall meiner Arbeitskollegin erzählen darf, denn die würde mich steinigen, weil man ”nie mit Ballerinas auf eine Gala geht!!!!!!!!!”). Okay, fehlte also noch das Kleid, wir sind dann hoch zum anderen Gemüsemarkt und haben genau wie die Schuhe das Kleid im Kleiderhaufen auf dem Boden gesucht und so lange gewühlt, bis wir eins gefunden haben, das mir nicht nur als Top gepasst hat, denn Bolivianerinnen sind klein, wer hier 1,60 gross ist, ist gross! Irgendwann haben wir dann eins gefunden, mit dem wir beide einigermassen zufrieden waren. Die Hochzeit selbst war dann ganz in Ordnung. Zuerst gab es einen Gottesdienst (die kirchliche Trauung ist sehr viel wichtiger als in Deutschland und bedeutet den Menschen viel mehr, als die standesamtliche). Von dort aus sind wir dann in einen Saal gefahren und haben auf die Notarin gewartet, die die Beiden dann nocheinmal getraut hat. Danach wurde die ganze Zeit nur getanzt und getrunken, bis später dann die Torte gegessen wurde. Was ich erst später herausgefunden habe ist, dass der Film der gedreht wurde ziemlich oft im Fernsehen auf dem Lokalsender kommt und ich auf der Arbeit und auf der Straße angesprochen wurde, dass man mich im Fernsehen beim Tanzen sehen würde.

La Paz und Lago Titicaca…

In den Osterferien waren meine Mama und meine Schwester zu Besuch. Typisch bolivianisch ist natürlich der ganze Plan durcheinander gekommen, angefangen von Unwettern, so dass der Flug nicht ging, bis bloqueos, so dass wir nicht nach Potosi fahren konnten. Trotzdem bin ich zum ersten Mal nach La Paz gekommen und zum Titicacasee. Was kann ich zu La Paz sagen? Ich stehe nicht so drauf, man kann es auf keinen Fall mit Sucre, Santa Cruz oder Potosi vergleichen. Es ist so groß und ja, gefällt mir nicht so. Dafür um so mehr die Fahrt von La Paz zum Titicacasee und der See selbst. Von La Paz aus fährt man durch El Alto über den altiplano zum See, setzt mit dem Bus über auf eine der zahlreichen Inseln und kommt irgendwann dann in Copacabana an. Der Wallfahrtsort liegt auf 3818 Metern und blickt auf eine über 3000 Jahre alte Geschichte zurück. Früher war er ein bedeutendes Zeremonial / Kultzentrum. Die Inka gründeten hier auf den Resten alter Kultstätten der Colla den Ort Kota Kahuaña. Auch unter den Spaniern war Copacabana ein Pilgerort. (Zu Copacabanas Ehren errrichtete man eine kleine Kapelle in Rio de Janeiro am Meer, der Namensgeber des Strandes in Rio). Weil wir Ostersonntag ankamen, konnten wir noch ein bisschen sehen wie es ist, wenn die Bolivianer nach Copacabana pilgern und am Strand zelten und feiern. In der Kirche gibt es eine dunkle Madonna, die von einem direkten Nachfahren des Inca Titu Kusi Yupanqui geschaffen wurde. Ihr werden viele Wunder zugeschrieben, sie soll Kranke heilen und Regen auf Felder gebracht haben. Von Copacabana fährt man dann mit dem Schiff zur Isla del Sol. Sie war für die Inkapriester das spirituelle Zentrum. Einer Inkalegende nach setzte der hellhäutige Schöpfergott Con Ticci Wiraocha hier seine Kinder Manco Capac und Mama Ocllo aus, die von dort auszogen, um das Inkareich zu gründen. Zu sehen sind unter anderem eine alte Inkatreppe mit heilendem Quellwasser und ein Inkapalast.

Mittlerweile bin ich wieder in Sucre und bald haben wir auch schon wieder unser nächstes Seminar.

Ich grüsse Euch/ Sie alle nach Deutschland

Kristina

P.S. Ich habe es dann endlich geschafft einen Blog einzurichten: kristina-sucre.blogspot.com

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