Palaestina: 3. Rundbrief von Julian Etzel
23. September 2009 von julian.etzelLiebe Verwandte, Freunde, Interessierte, liebe Mitfreiwillige und Wegbegleiter,
eine halbe Ewigkeit ist es her, dass Ihr den letzten Rundbrief von mir erhalten habt. So ist es allerhöchste Zeit, dass ich Euch an meinen weiteren Erfahrungen, die ich im Laufe meines Freiwilligendienstes in Bethlehem machen durfte, teilhaben lasse. Neigt sich dieser doch langsam aber sicher dem Ende zu. Doch das Ende eines jeden Abschnitts, zieht ja bekanntlich den Anfang eines neuen nach sich.
Genug der einleitenden Worte – es folgt der Rundbrief.
Zwischenseminar und Politisches
Anfang März ging es zum Zwischenseminar nach Haifa. Weg von Arbeit und Alltag bot es endlich mal Zeit das bisher Erlebte richtig zu reflektieren und sich mit anderen Freiwilligen darüber auszutauschen. Interessant waren der Vortrag und die anschließende Diskussion mit einem rechten jüdisch-orthodoxen Paar. So verteidigte dieses das Ziel eines „rein jüdischen Staates Israel, ohne Moscheen und ohne Kirchen“ – folglich ohne Nichtjuden und vor allem ohne Palästinenser. Der Höhepunkt des Ganzen war dann als erst der Mann erklärte, dass „Gott den jüdischen Tempel wiederaufbauen werde“, es jedoch sein könnte, dass die „jüdische Gemeinschaft erst die Mauern des Tempels hochziehen müsse, so dass er das Dach darauf setzen könne“. Auf die Frage, wie das denn klappen sollte, da ja zufällig mit der Al-Aqsa Moschee und dem Felsendom zwei wichtige Heiligtümer des Islam derzeit dort stehen, entgegnete seine Frau, dass „eben Köpfe rollen müssten“. Letztendlich beendete einer unser Seminarbegleiter die Diskussion, was wohl auch besser war, da sie aus der Bahn zu geraten und unsachlich zu werden drohte.
Bestätigt wurde dadurch mein kritischer Standpunkt gegenüber einem rein jüdischen Staat Israel und auch dem aktuell bestehenden, der schon einige Zuege in diese Richtung aufweist und den wohl ein großer Teil der israelischen Bevoelkerung anstrebt oder zumindest nicht aktiv zu verhindern sucht.
Schade fand ich, dass wir nicht die Chance hatten mit einem zu diesem Standpunkt oppositionellen Juden zu diskutieren und dessen Meinung ueber den derzeitigen Status Israels und dem, was die rechtsgerichtete Regierung anstrebt, kennenzulernen. Denn auch die gibt es glücklicherweise, auch wenn es sich um eine Minderheit handelt.
Traurig finde ich, wie die israelische Regierung versucht einen jüdischen Staat mit aller Kraft durchzusetzen, dabei den Palästinensern ungemein viel Unrecht antut und die wirklich sehr bedauernswerte Geschichte der Juden, die ihren negativen Höhepunkt wohl mit der Shoa erlebte, oft als Art Rechtfertigung fuer das getane Unrecht nutzt.
Immer wieder versuche ich mir selbst darüber klar zu werden, wie es überhaupt zu einem so lange andauernden und komplexen Konflikt kommen konnte. Am Anfang sehe ich auf der einen Seite die vielen Juden, die nach dem Krieg mit der Hoffnung kamen, auf diesem Stück Land in Frieden zu leben und sich sofort einem neuen Feind gegenübersahen. Auf der anderen Seite sehe ich jedoch die hier lebenden Palästinenser, die nun nach Türken und Briten einer neuen Besatzungsmacht ihres Landes gegenüberstehen, die auch zionistisches Ideengut aus Zeiten vor der Shoa mitbringt. Aufgrund dieser Tatsachen ist es für mich rückblickend kein Wunder, dass ein friedliches Nebeneinander oder sogar Miteinander wohl etwas utopisch war. So hat das Ganze seinen Verlauf genommen und mündet heutzutage in aggressivem Siedlungsbau, Landenteignungen, Festnahmen von palästinensischen Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, oftmals ohne Grund, Kriegen und vielem mehr von israelischer Seite und anhaltendem Raketenbeschuss radikaler Palästinensergruppen auf der anderen Seite. Wie kann man das Ganze nun aktuell lösen? Das beste aber derzeit wohl unmöglich erscheinende wäre wohl eine Politik gegen jeglichen religiösen Extremismus, des jüdischen als auch des palästinensischen, folglich ein Staat in dem alle gleich sind, ungeachtet ihrer Religion, Nationalitaet und Ethnie. Doch leider befindet sich Israel als Besatzungsmacht, zumindest derzeit nicht auf dem Weg dorthin. Aus diesem Grund wünsche ich mir von internationaler Seite, im speziellen auch von Deutschland, trotz der Geschichte, ein entschiedeneres Entgegentreten gegen die nicht zu rechtfertigenden und teils nach internationalem Recht illegalen Handlungen, und wenn es notwendig erscheint eben auch mögliche Konsequenzen für Israel daraus. Denn den Denkanstoss, dass man auch Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit säen kann, bedarf es meiner Meinung nach wohl leider von außerhalb. Und nur wer Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit sät, wird auch Frieden ernten! Das sollte allen Beteiligten bewusst sein, denn es wird nie einen von oben diktierten „Frieden“ geben, nicht hier und nirgendwo anders.
Besuch und Urlaub
Besuch der Famile stand gleich zweimal an. Die gemeinsame Zeit, die ich erst mit Eltern und Schwester sowie später mit Anja und Frank verbrachte war sehr intensiv und aufgrund der Fülle des Sehenswerten nicht unbedingt erholsam. Trotzdem war es eine schöne Zeit, die ich auf keinen Fall missen moechte.
Dazwischen nun also der Urlaub. Ja, ich habe es, nachdem ich am Checkpoint aufgehalten, abgehetzt knapp 1,5 Stunden vor Abflug am Flughafen angekommen, nicht mehr zur Sicherheitskontrolle zugelassen, den Flug infolgedessen „verpasst“ und nach einer Übernachtung auf dem Flughafen, nach Jordanien zu Christoph und später auch nach Syrien geschafft. Nach einem suboptimalen Start haben wir unsere gemeinsame, teils ungewollt gepäcklose Zeit in Jordanien und Syrien genossen. Der mächtige Aufwand, das Ganze zu verwirklichen hat sich trotzdem in jedem Fall gelohnt und Syrien ist einfach ein wunderschönes Land.
Arbeit im Projekt
Im letzten Rundbrief habe ich Euch vom Start unseres „Educational Garden Projects“ erzählt. Dieses hat bis vor einiger Zeit doch einen Großteil meiner Arbeitszeit beansprucht, da mein Chef mich als Projektkoordinator auserkoren hatte. So verbrachte ich einerseits viel Zeit damit Randsteine setzend, Mauern bauend und verputzend im Garten und andererseits den bürokratischen Papierkram erledigend im Büro. So konnte ich also in den frühen Morgen- und späten Abendstunden die frische Luft genießen und mich bei der alltäglich aufkommenden Hitze ins schattige Innere zurückziehen und hatte somit nie einen einseitigen Tag.
Mit der Teilnahme an der 72-Stunden-Aktion im Mai oder besser gesagt dem daraus resultierenden Ergebnis konnten wir eine weitere große Etappe in der Vollendung des Projekts schaffen. Auf jeden Fall war es ein schönes Ereignis, das allen Spass bereitete und dessen Resultat man hinterher auch stolz bewundern durfte. So waren 3 Tage Schwitzen in höllischer Hitze, um die gesetzten Ziele zu erreichen, schnell vergessen und die Freude über das Erreichte überwiegte.
Nach meinem Urlaub wurde die Arbeit dann stetig fortgesetzt, so dass Mustafa und ich es doch tatsächlich geschafft haben das ganze zur Verfügung stehende Geld vor dem Beginn des Sommercamps in die richtigen Materialien zu investieren, um dem Garten ein viel gepflegteres und schöneres Gesicht als zuvor zu verleihen. Sogar die Bodenplatte, die wir für den kleinen Bolzplatz mit zwei Toren benötigten, und die wir nach ödem und langwierigem Aufschütten gegossen haben, bekam noch ihre eineinhalb Tage zum Trocknen.
Es folgte wie schon angekündigt das Sommercamp, das ich wieder zusammen mit Lisa aus Kanada und Massimo aus Italien organisierte. Massimo konnte glücklicherweise noch einmal eine Organisation finden, die das Sommercamp finanzierte. So bastelten wir über zwei Wochen verteilt Drachen, lehrten Kartentricks, stellten Gipsmasken her, boten eine Theatergruppe, eine Art musikalische Früherziehung für jüngere Kinder, einen Photographieworkshop und Gitarrenkurse für die Älteren an. Wir machten einige Ausflüge, grillten und spielten Fußball, Frisbee und sonstige Gruppenspiele im Freien und gingen selbstverständlich mehrmals ins Schwimmbad. Das bot sich bei dem heißen Wetter auch mehr als an und die Kinder, die meist aus finanziellen Gründen eher selten diese Möglichkeit haben, lieben es einfach. Zur Abschlussfete kamen dann auch tatsächlich alle Eltern und Geschwister der knapp 70 Teilnehmer, was mich sehr glücklich machte. Was mich jedoch am meißten bewegt, ist die Erinnerung an die Dankbarkeit, die die Kinder und Eltern uns Freiwilligen aussprachen, die sich auch in der Fröhlichkeit ihrer Gesichter widerspiegelte und wie sie schon jetzt dem nächsten Freizeitcamp entgegenfiebern. Das gibt mir das schöne Gefühl, etwas bewegt zu haben und die Gewissheit, dass ich wieder hierher zurückkehren werde, auch wenn es noch nicht im nächsten Jahr sein wird!
Nach dem Camp folgte dann wieder die Büroarbeit, denn für die Endabrechnung mussten natürlich alle noch fehlenden Rechnungen und Quittungen zusammengetragen werden. Bald habe ich auch das geschaft und kann, nachdem der aktive Freizeitpart schon lange vorbei ist, das Sommercamp 2009 abhaken.
Anschließend werde ich mich an die Planung des nächsten Projekts setzen, denn glücklicherweise haben meine Fundraisingaktivitäten Früchte getragen, wenn auch leider für mich etwas spät. So haben wir den Zuschlag für einen Mini Project Fund erhalten. Nachdem ich nun auch aufgrund meines nahenden Abschieds das Projekt etwas umgestalten musste, wird es wohl in nächster Zeit daran gehen, die Materialien dafür zu besorgen und den schriftlichen Papierkram zu erledigen. Anschließend muss ich das Projekt dann leider in die Hände anderer geben, da ich einfach nicht mehr vor Ort sein werde.
Abschluss und Ausblick
Zum Ende meines Rundbriefs möchte ich mich nochmals ganz herzlich bei Euch für Eure Unterstützung und Euren Rückhalt bedanken. Zudem möchte ich meinen Freunden hier vor Ort danken, die mich unmittelbar bei meinem Freiwilligendienst begleitet haben.
Noch zwei weitere Monate werde ich hier verbringen und ich hoffe, dass ich alles was ich mir noch vorgenommen habe in diesem Zeitraum auch erledigen kann.
Danach werde ich mich in Amman in den Flieger setzen, diesmal hoffentlich ohne größere Probleme, einmal umsteigen und viele Stunden später in Sydney landen.
Wer sich dann nicht gerade in Sydney aufhält, den werde ich halt erst später, dann vermutlich wieder in Deutschland sehen.
Fazit
Noch stecke ich mitten im Freiwilligendienst, doch merke ich auch schon dessen herannahendes Ende. Es macht sich mit viel Arbeit für einen möglichst runden Abschluss des Dienstes sowie Planungen für das Folgende bemerkbar. So möchte ich schon jetzt ein kurzes Fazit meines Gesamtdienstes ziehen, der sich nach holprigem Start und Projektwechsel immer mehr zum erhofften sozialen Friedensdienst im Ausland entwickelte. Unendlich viel werde ich von diesem Aufenthalt mitnehmen, wofür ich sehr dankbar bin. Ich hoffe, dass ich auch Euch und den Leuten hier etwas von mir und meinen Erfahrungen vermitteln konnte.
Wie immer freue ich mich über Fragen, Kritik und Anregungen von Euch. Machts gut!
Euer Julian
Und zum Abschluss wieder ein paar Bilder!
- Ausflug nach Husam
- Landschaft
- Ich beim Grillen fuer 70 Kinder
- 3 Teilnehmer
- Wanderung in Husam
- Wanderung in Husam
- Gruppe aus dem Sommercamp
- 3 Kumpel
- Tai Chi Unterricht
- Wanderung in Husam
- An der Kletterwand
- Das bin ich
- Drachen bauen
- Ich in Palmyra
- Landschaft
- Die juengste Teilnehmerin
- Auf der Schaukel
- An der Kletterwand
- Christoph und ich
- Schafe mit kuehlem Kopf
- Weiterbildung auf dem Toten Meer
- Schafskopf
- Laden
- Fahrrad
- Tor in Damaskus
- Laden
- Arabische Baeckerei
- Laden
- Bedouine
- Auch das bin ich
- Laden
- Getraenkeverkaeufer
- Ueber Damaskus
- Laden
- An der Kletterwand
- Teilnehmerin
- Ausflug nach Husam
- Laden
Schlagworte: 3. Rundbrief, Bethlehem, Etzel, Julian, Palaestina





































