Rumänien: 1. Rundbrief von Astrid König

3. Oktober 2009 von astrid.koenig

Los ging es für mich am Montag, dem 24. August, zunächst nach Rumänien. Ich war doch etwas kribbelig, weil ich nicht hundertprozentig wusste, ob meine Mentorin, Zsuzsa, am Bahnhof auf mich warten würde oder nicht. Hinzu kam, dass die rumänische Bahn wie so oft Verspätung hatte . Aber alles ging gut, ich konnte per SMS mitteilen, dass ich später ankomme, und als ich mit meinem Riesenkoffer aus dem Zug ausstieg, wurde ich schon von Zsuzsa und ihrer Kollegin erwartet. Ich war zunächst nur froh, mich in einem Bett ausruhen zu dürfen; nach 26 Stunden Zugfahrt ist dies einfach nötig. Allerdings wurde ich wider Erwarten in einer etwas abseits gelegenen Pension untergebracht und nicht, wie ich gehofft hatte, in meinem zukünftigen Zimmer. Denn mein Hotel war ausgebucht. (Ja, ich lebe für ein Jahr in einem Hotel. (:-)) Ich war jedoch einfach froh, angekommen zu sein, und mir wurde versichert, dass ich schon am Samstag umziehen könnte. So blieb mein Koffer unausgepackt.

Die erste Woche in Rumänien möchte ich fast schon als Urlaub bezeichnen. Nach Zsuzsa brauchte ich noch nicht zu arbeiten, ich sollte mich in Rumänien erst eingewöhnen. Da ich schon am nächsten Montag wieder in Dresden für ein Seminar sein sollte, nahm ich dieses Angebot auch an.

Ich muss sagen, dass mich mein Vorbesuch im April sehr geprägt hat. Meine Ankunft hier war ein Wiedersehen; ich kannte meinen Ort, Miercurea Ciuc (Csikszereda auf ungarisch), die Leute, mit denen ich zukünftig zu tun haben würde und überhaupt schon ein kleines bisschen das Leben in Rumänien. Ich hatte zwar keinen festen Plan, was ich tun sollte, doch es war spannend, in der ersten Zeit Neues zu entdecken und Altes wieder zu erleben.

Die Sommermonate, die hier ja doch etwas kürzer sind, nutzen die Einwohner voll aus und an jeder Straßenecke wird gebaut. Ich war fasziniert, dass es endlich Bushalteschilder gibt. Ich wusste endlich, wo ich für den Bus stehen musste, anstatt nach Einheimischen zu suchen, die an der Straße standen. Zwar verstehe ich noch nicht ganz den Busfahrplan, der doch etwas von der Realität abweicht, aber trotzdem ist es ein Fortschritt: Bei meinem Vorbesuch war das Bus fahren eine Frage des Wissens, wo denn überhaupt die Haltestelle ist! Neuere Busse gibt es nun auch, nicht mehr die doch sehr altersschwachen Busse wie im April. Es war doch sehr interessant zu sehen, was alles gebaut wurde und was neu war. Überhaupt faszinierte mich die rege Betriebsamkeit in der Stadt. Morgens war es zwar noch sehr kalt, aber tagsüber musste ich schon in kurzer Hose rumlaufen. Diese Stadterneuerung war ein geordnetes Chaos, wussten doch selbst die Einheimischen nicht, wann und wo der Bus abfährt. Aber ich mochte diese Lebendigkeit, Bauarbeiten in staubigen Straßen und gleichzeitig eine Sommerlaune der Bevölkerung; die Bänke sowie die Straßencafés waren gefüllt. So genoss ich Stadt und Umgebung bei bestem Wetter.

Eine anständige Unterhaltung mit den Einheimischen scheiterte aber einfach noch an meinen mangelnden Ungarisch Kenntnissen, obwohl ich doch schon in ein paar „Gespräche“ verwickelt wurde. Es ist eigentlich sehr schade, auf eine Frage, die man nicht versteht, nicht richtig antworten zu können. Aber ich konnte die Leute doch schon aufklären, wer ich bin und was ich mache. Auch meinen Arbeitskollegen, die ich auf der Straße traf, konnte ich mitteilen, dass ich erst nach meinem Seminar in Dresden zur Arbeit käme. So verging die Woche und ich freute mich schon darauf, am Samstag endlich in mein kleines Zimmer umziehen zu können. Bei sehr sommerlichen Temperaturen zog ich hoch motiviert mit meinem ganzen Kram um. Und es ist doch schon ein Erlebnis, über Schotterwege mit einem großen Koffer zu „rollen“; noch dazu an einer Baustelle vorbei, wo gerade auf einer Seite die Fahrbahn geteert wurde und auf der anderen Seite die Autos weiterfuhren. Ich kämpfte mich durch Gebüsch vorwärts, bis mir ein Bauarbeiter gnädig gewährte, auf der frisch geteerten Seite weitergehen zu dürfen. Und war es dann doch noch eine kleine Enttäuschung, dass ich zunächst noch in einem anderen Zimmer untergebracht wurde, weil mein zukünftiges Zimmer immer noch belegt war. So musste mein Koffer immer noch darauf warten, ausgepackt zu werden. Aber am Sonntag konnte ich endlich einziehen! In das kleine Dachzimmer im 3. Stock, Zimmer 307. Der große Koffer wurde ausgepackt, und mein Rucksack für das Seminar in Dresden gepackt.

Und montags fuhr ich wieder Richtung Heimat. Kurze Erklärung zu diesem etwas ungewöhnlichen und so späten Seminar in Dresden. Ich musste daran teilnehmen, um einer Bedingung der Oberfinanzdirektion Koblenz für das den weiteren Bezug des Kindergeldes für das Jahr nachzukommen, nämlich in den 13 Dienstmonaten ein Vorbereitungsseminar zu absolvieren. Da SoFiA nicht für mich allein ein Seminar veranstaltet, kam ich bei einer anderen Organisation ICE (Initiative Christen für Europa) in Dresden unter.

Ja, ich merkte sofort, dass ich wieder in Deutschland war. Die Landschaft, die Stadt, das Gefühl wieder zurück zu sein. Es war zwar nicht Andernach, aber Dresden, wo ich am Mittwoch, dem 2.September, endlich um 6 Uhr früh ankam. Eigentlich sollte ich ja schon am Dienstagnachmittag angekommen sein, doch ich machte wieder einmal Erfahrungen mit der rumänischen Eisenbahn, bei der ich zwei Verspätungen hatte. Beim ersten Umstieg noch in Rumänien (Braşov) musste ich drei Stunden auf den nächsten Anschlusszug warten, und der zweite Zug kam mit einer Stunde Verspätung in Budapest an. Am Schalter wurde ich dann aufgeklärt, dass der nächste Zug nach Dresden in 10 Stunden fahren würde. Die zwei Züge, die vormittags nach Dresden fuhren, hatte ich verpasst. Nach meinem ersten Schock, weil ich nicht gerne zu spät komme (geschweige denn über 10 Stunden) und vor allem keine Lust auf 10 Stunden Wartezeit im Bahnhof hatte, dachte ich pragmatisch und entschied mich, in die Stadt zu gehen, um etwas von Budapest zu sehen. Dem ICE sagte ich Bescheid, ich tauschte Geld um und ab ging’s. Es war nicht sehr gemütlich mit einem schweren Rucksack durch die Stadt zu laufen, außerdem war ich müde. So war meine „Stadtbesichtigung“ nur ein kleiner Spaziergang zur Donau und zurück. Immerhin hatte ich einige Stunden Wartezeit überbrückt, und nachmittags gönnte ich mir den Luxus, ins Internetcafé zu gehen und mit meiner Mutter meinen Frust von der Seele zu reden. Eine weitere Nacht im Zug, und dann war ich endlich in Dresden – total übernächtigt  und noch etwas gestresst, weil ich, um zum Seminarort zu kommen, immer noch ca. eine Stunde öffentliche Verkehrsmittel vor mir hatte. (Zugfahrten sind wirklich nichts für mehrere Nächte, und in Budapest hatte ich nur auf einer Parkbank sitzend etwas geschlafen.) Um sieben war ich überglücklich, angekommen zu sein – ich konnte frühstücken und in mein Zimmer ziehen. Ich konnte mein Schlafdefizit endlich in einem richtigen Bett aufholen, und das Seminar konnte losgehen.

Diese Woche in Dresden war jedoch leider nicht sehr ertragreich für mich. Ich hatte ja schon die Vorbereitungen bei SoFiA mitgemacht, einige Sachen wiederholten sich und der organisatorische Teil für die Freiwilligen des ICE war für mich auch uninteressant, da ich davon ja nicht betroffen war. Doch machte ich das Beste aus der Sache; einige Sachen waren dann doch auch für mich neu, die Filme nach der Seminarzeit fand ich spannend, und das Beste war der Austausch mit den anderen Rumänien- und Ungarn-Freiwilligen.

Doch war ich sehr froh, dass meine Schwester freitags an meinem Geburtstag zu mir nach Dresden kam. Da fühlt man sich doch nicht ganz so einsam. Vielen Dank nochmals an alle, die an mich gedacht haben!!!

Am Montag war auch die Zeit in Dresden zu Ende, denn den Rest des Seminars verbrachten wir in Tschechien, genauer gesagt in Mariánské Radcice (Maria Ratschitz). Die Woche in Tschechien war total spannend und interessant und hat mir viel Neues gebracht. Die Stimmung in der Gruppe war in Tschechien allgemein besser. Das Programm war auch etwas lockerer. Wir wohnten in einem ehemaligen Kloster, das von einem deutschen Pfarrer seit mehreren Jahren renoviert wird und das er in ein Begegnungszentrum umgebaut hat. Wir wurden etwas über die Geschichte des Ortes und der Region, das Sudetenland mit seinen Problemen aufgeklärt, erlebten eine tschechische Hochzeit, besuchten Terezin (Theresienstadt) und Prag und packten am letzten Tag selber bei der Arbeit im Kloster mit an. Diese Woche gab mir das Gefühl, dass es sich doch gelohnt hatte, bei diesem Seminar dabei gewesen zu sein, zuletzt auch einfach deswegen, weil ich jetzt Kontakt zu anderen Rumänien-Freiwilligen habe.

So endete das Seminar am 12. September und ich fuhr zurück nach Rumänien (ohne Verspätung – welch Wunder!).

Wie beschreibt man die erste Zeit? Meine erste Zeit war einfach geprägt vom vielen Reisen. Ich war zwar weg aus der Heimat, aber ich kam noch nicht richtig in meinem Dienstland an. Ich war immer auf Reisen und konnte noch nicht richtig ankommen. Deswegen war es ein schönes Gefühl, letzten Sonntag endlich in mein Zimmer zu kommen und Post auf meinem Bett liegen zu sehen. Ich hatte das Gefühl, nach Hause gekommen zu sein.

Ich kam Montagmorgen in das Behindertenzentrum St. Agoston, mein Arbeitsplatz für das nächste Jahr, aber auch hier war ich nicht völlig fremd. Es kam mir wie selbstverständlich vor, als ich durch die Tür kam. Meine Arbeitskollegen und die Behinderten kannte ich auch schon von meinem Vorbesuch. Überhaupt kein Problem.

So war für mich meine erste Arbeitswoche auch nicht sehr „schwierig“, Berührungsängste hatte ich nicht einmal bei meinem Vorbesuch gehabt.

Ein normaler Arbeitstag: Ich komme so um 9 Uhr ins Behindertenzentrum, welches Teil einer Kirche ist, mit zwei hellen und freundlichen Räumen. Vor dem Frühstück bekommen die Behinderten Aufgaben je nach ihrer Behinderung zugewiesen. Sind welche früher fertig, können sie etwas spielen (puzzeln, malen), bis es so ca. um 10 Uhr Frühstück gibt. Es wird gemeinsam das von zu Hause Mitgebrachte gegessen. Alle helfen danach, gemeinsam aufzuräumen, zu spülen und zu fegen. Danach wird gemeinsam gebastelt, gemalt oder eine Handarbeit fertig gestellt. Da in dieser Woche auch jeden Tag wunderschönes Wetter war, sind wir immer in den Park gegangen, wo es einen kleinen Spielplatz gibt. Um ca. halb zwei wird gemeinsam zu Mittag gegessen. Ab drei Uhr kommen die Eltern und holen die Kinder ab, sodass ich ungefähr so um halb vier Arbeitsschluss habe.

In dieser Woche habe ich hier und da geholfen und einfach mitgemacht. Morgens unterstütze ich einige Behinderte bei ihren Aufgaben; sonst male und bastele ich bei den Aktionen mit oder puzzle auch mit einem Behinderten gemeinsam. Ich versuche, mich einzubringen und zu helfen, wo ich gebraucht werde und soweit ich das mit der ungarischen Sprache schaffe. Und doch war es einen Vormittag sehr vergnüglich, als wir mit den Behinderten Karten bastelten; meine Arbeitskollegin Emese (auch die Chefin des Behindertenzentrums), Marika, die nur etwas körperlich behindert ist, und ich. Mit einem Gemisch aus Englisch, Deutsch und Ungarisch hatten wir unseren Spaß. Es ist schwierig, aber es geht. Es braucht einfach seine Zeit ins Ungarische zu kommen.

Nachmittags gehe ich noch etwas in der Stadt einkaufen und fahre dann mit dem Bus zurück zu meinem Zimmer. Ein kleiner Luxus ist es schon, in diesem Hotel zu wohnen; mir wird die Wäsche gewaschen, und abends kriege ich eine warme Mahlzeit im Restaurant. Mein Zimmer ist, wie gesagt, unterm Dach, klein, aber das finde ich auch gemütlicher. Ich habe noch den Kühlschrank von meiner Vorgängerin darin und andere nützliche Sachen, die ich von ihr „geerbt“ habe. (Vielen, vielen Dank hier nochmals, liebe Anna!!)

Soweit von mir hier aus Rumänien, obwohl ich ja erst die letzte Woche richtig angekommen bin.

Ich habe noch einige Ideen und Planungen, die ich machen möchte, aber für mich war die erste Zeit, also diese letzte Woche erstmal wichtig, richtig und endgültig anzukommen und meine Arbeit kennenzulernen, bevor ich weiter ausschweife. Deswegen bin ich gespannt, was die nächste Zeit so bringen wird!

Nochmals an alle in Deutschland und sonst wo:

Mir geht es sehr gut. Und gerade weil ich dachte, es wäre schon kühler, genieße ich die herrlich sonnigen und noch warmen Septembertage.

Eure Astrid

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