Erster Rundbrief aus Bolivien
6. Oktober 2009 von torben.schubertEs ist etwa 3 Uhr nachts. Ich liege in meinem Bett in meinem Zimmer in San Lorenzo und starre die Decke an. Noch bin ich etwas wirr im Kopf, weil ich gerade erst aufgewacht bin – ich weiβ gar nicht warum. Ich gehe hinüber zu meiner Fensterwand und luke durch die Vorhänge nach drauβen. Wie so oft hier ist die Nacht vollkommen klar, sodass man Millionen von Sternen sehen kann, sogar solche, die ganz weit entfernt sind und zu abertausenden eine Art Sternenwolke hinter den groβen Hellen bilden. Ich schaue hinunter in den Hof vom Internatsgebäude – dort es ist stockfinster. Natürlich – wer ist schon um diese Zeit wach?! Ich schalte das Licht ein, krieche zurück in mein Bett und gucke noch mal auf die Uhr. Da fällt mir ein, dass ihr, denen ich diese Zeilen schreibe, gerade wahrscheinlich alle wach seid. In Deutschland müsste es momentan kurz nach 9 sein, der Tag hat schon begonnen. Bolivien schlummert noch. Ich bin irgendwo dazwischen. Perfekt! Der beste Zeitpunkt einen Rundbrief zu schreiben!
Es ist schon ein kleines Wunder, dass ich einfach so nachts wach werde, denn gewöhnlich schlafe ich hier 10 Stunden durch – undzwar wie ein Stein! Ich denke, ich bin immer noch dabei, mich an die Höhe von 2000m zu gewöhnen, auβerdem strengt das Spanisch sprechen, das konzentrierte Zuhören und das stille Übersetzen an; dazu kommen noch die vielen neuen Eindrücke.
Ich blicke neben mein Bett. Dort liegenZettel, kreuz und quer verteilt, auf denen ich mir neue Vokabeln aufgeschrieben habe. “El yurex” heist Tesafilm. Den muss ich mir noch besorgen, um mein Zimmer mit Fotos von Euch zu verschönern.Ansonsten habe ich es mir aber schon ganz nett gemacht und mein gewohntes Chaos breitet sich allmählich aus. Ausbreiten… ausbreiten… was heist das nochmal…? Ach ja – “extenderse”!
Nein, auf Spanisch denken kann ich noch nicht, aber ich merke schon, dass es immer besser wird. Ich habe das Glück, einen sehr guten Sprachkurs in Sucre gehabt zu haben – in diesem einen Monat wurden uns alle Zeitformen, Modi und Ausnahmeregelungen in den Kopf gestampft, plus ca. 60 neue Wörter pro Tag. Das war echt effizient! Aber nichts ist besser als die Praxis – durch das ständige Formulieren und Ausprobieren hier lerne ich am meisten! Auch wenn ich oft nicht zufrieden bin, dass ich mich nicht wirklich “gut” ausdrücken kann und schnelle Gespräche und die meisten Witze nicht verstehe – unterm Strich hat doch alles wunderbar geklappt! Wer hätte schon vor knapp 2 Monaten gedacht, als sich mein Vokabular noch auf “Hola” und “Gracias” beschränkte, dass es jetzt so gut laufen würde?!
Wenn ich jetzt an meine Ankunft in La Paz denke, kommt mir die vergangene Zeit hier wie eine Ewigkeit vor. Trotzdem erinnere ich mich noch gut, wie ich mit meinen Mitfreiwilligen nachts im Flughafengebäude stand und von den Bolivianern und den ehemaligen Freiwilligen aus La Paz herzlichst empfangen wurde. Da wir in El Alto ankamen, ursprünglich ein Stadtteil von La Paz, der zu einer eigenen Groβstadt heranwuchs, mussten wir nach La Paz herunterfahren. So konnte ich das ganze Tal überblicken, in dem sich die Stadt ausbreitet. Mein erster richtiger Eindruck von Bolivien war also ein Lichtermeer aus orangenen und gelben Straβenlaternen, die scheinbar ohne System über die Stadt verteilt lagen. Ich saβ zusammengekauert in einem Minibus mit etwa 15 anderen Personen – damals dachte ich noch, das sei viel für ein Auto, jetzt weiβ ich: es geht noch viiiiiiiel mehr! Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich reflexhaft nach dem Anschnallgurt gesucht habe, den es natürlich nicht gab. Ich glaube, in manchen Autos gibt es tatsächlich welche, aber ich würde sie eher als eine Art erheiternde Verzierung bezeichnen.
Wir wurden dann zu Ordensschwestern gebracht, die schon Zimmer für uns vorbereitet hatten. Während der fünf Tage in La Paz lebten wir bei den Schwestern, die sich liebevoll um uns sorgten, für uns kochten und uns literweise Koka-Tee machten – und den brauchten wir auch! Der enorme Höhenunterschied zu Deutschland macht jedem irgendwie zu schaffen. Den einen ist ständig schwindelig, sie müssen sich übergeben… die anderen (zu denen glücklicherweise auch ich gehörte) sind ständig müde und schon nach ein paar Schritten völlig auβer Puste. Man sagt, es dauere etwa einen Monat bis der Körper ausreichend rote Blutkörperchen gebildet hat, damit er genug Sauerstoff aus der dünnen Höhenluft aufnehmen kann – zur Freude unseres Kreislaufes sind wir aber gar nicht so lange geblieben. Doch in jedem Fall hat der Koka-Tee gut geholfen, das duselige Gefühl im Kopf zu vertreiben!
Am ersten Sonntag ging es dann für einige von uns Freiwilligen nach Sucre, in die Hauptstadt Boliviens, wo wir einen Monat für unseren Sprachkurs bleiben sollten.
In Bolivien gibt es fast kein Bahnschienennetz (was bei den vielen Bergen und unebenen Regionen wohl auch unmöglich zu verlegen wäre), man reist hier mit so genannten Flotas. Das sind Reisebusse, die in jeder gröβeren Stadt die Busbahnhöfe anfahren. Da die Flotas meist wesentlich bequemer sind als die Reisebusse in Deutschland (selbst ich kann meine Beine ausstrecken!) und häufig auch über Nacht fahren, sind die langen Fahrten (La Paz-Sucre: 12h; Sucre-Tarija: 15h) überhaupt kein Problem. Zugegeben: Die Fahrt nach Tarija fast ganz ohne asphaltierte Strasse war schon etwas gewöhnungsbedürftig – aber ich habe mir einfach vorgestellt, ich säβe auf einem unter einem Wutanfall leidenden Massagesessel. Es hat geklappt, ich bin tatsächlich eingeschlafen!
Sucre ist wirklich eine ganz besondere Stadt – und so völlig anders als La Paz. Die gesamte Innenstadt ist weiβ. Einfach all die groβen prunkvollen Gebäude (wüsste man nicht, wie arm die Stadt ist, wirkte sie fast ein bisschen bonzig) leuchten in strahlend hellem weiβ. ich frage mich bis heute wie das überhaupt sein kann, zumal es fast nie regnet, die schwarzen Abgaswolken der Busse und Autos aber permanent die Luft verschmutzen. Auβerdem ist die Kolonialstadt völlig logisch aufgebaut – wie auf einem Schachbrett reihen sich die Häuserblöcke aneinander und in der Mitte befindet sich die quadratische Plaza, der Hauptplatz im Herzen der Stadt.
In La Paz ist nichts logisch. Die Häuser sind ein bisschen so angeordnet als hätte man sie irgendwie dahingewürfelt und überall dort, wo noch Lücken waren, Gebäude in allen Formen und Gröβen aufgefüllt. Es gibt irgendwie keine Struktur: hier ein Hochhaus komplett aus Glas neben einem Lehmziegelhaus, dort eine Villa nebst Autowerkstatt. Dieses sympathische Chaos macht sie Stadt unheimlich reizvoll. Irgendwie hat man das Gefühl, hier sei für jeden Typ Mensch ein Platz. Der Stadtbaufbau spiegelt zudem exakt die Atmosphäre wider: Ein herrliches Chaos!
Auf den Straβen fahren alle Autos kreuz und quer, ich konnte keine wirklichen Verkehrsregeln ausmachen, bis darauf, dass man bevor man eine Kreuzung überquert, immer hupen muss, damit alle Bescheid wissen: “Jetzt kommt da was!” – dementsprechend laut ist es dann natürlich auch, weshalb die Jungs, die aus den Bussen heraus für ihr Fahrtziel werben, noch lauter rufen müssen. Doch was mich an all dem besonders beeindruckt hat, ist, dass trotzdem alles total entspannt und ruhig abläuft. Man kann sich wunderbar auf die Plaza San Francisco setzen und sich von dem bunten Mischmasch berieseln lassen, ohne sich von der Hektik der Straβe anstecken zu lassen. Die Einwohner Sucres, so ist mein Eindruck, mögen La Paz meistens aber trotzdem nicht. Sie bevorzugen die Ruhe und Schönheit ihrer Stadt. Vielleicht steckt auch ein bisschen Missgunst darin, denn eigentlich ist La Paz, offiziell nur Regierungssitz, die gefühlte Hauptstadt Boliviens.
Meine Gastfamilie in Sucre, bei der ich den Monat über gewohnt habe, war wirklich ein Glückstreffer! Die Eltern arbeiten beide im sozialen Bereich, Christian als Behindertenpädagoge und Maria (ehrenamtlich) als Begleitung für kranke Menschen vom Land. Oft können diese nämlich kein Spanisch, sondern z.B. nur Quechua, eine indigene Sprache, weshalb sie sich im Krankenhaus nicht verständlich machen könnten. Maria fungiert deshalb als Übersetzerin. Die beiden Jungs, Gabriel (8) und Diego (5) sind ebenfalls groβe Klasse. Von beiden wurde ich vom ersten Tag an wie ein Bruder behandelt (und natürlich auch so angesprochen), mein Zimmer wurde schnell zur Spielhölle (die beiden sind inzwischen UNO-Profis!) und natürlich musste ich Diego ständig auf den Schultern durch die Gegend tragen. Alle waren zudem immer sehr geduldig, wenn ich bei den Gesprächen nicht ganz mitkam und wiederholten ihre Fragen auch mal mehrfach. Ich wurde vom ersten Tag an sehr gut in alle Aktivitäten (Kochen, die Jungs von der Schule abholen, Kirche), eingebunden und allen immer als Freund der Familie vorgestellt. Am Abschiedstag hat mich der kleine Diego erst gehen lassen, als ich ihm versprochen hatte, dass wir uns gegenseitig besuchen werden würden. Für mich war es ganz toll, endlich mal der groβe Bruder zu sein und zudem noch zwei kleine Nervensägen als Brüder zu haben, die andauernd mit Spielzeugdinosauriern, Puzzle- oder Kartenspielen in mein Zimmer stürmten. Ich weiβ gar nicht, wie viele Stunden wir insgesamt zusammen auf meinem Bett saβen und hermtollten, dabei auch oft begleitet durch Diegos Musik-CDs. Aber falls ihr jetzt denkt, es handle sich dabei um folkloristische Panflötenmusik, muss ich dieses Klischee wohl enttäuschen. Am liebsten vollführt Diego nämlich wilde Tänze wahrend Disco-Titel wie “Check it out now” durch den Raum schallen.
A propos Panflötenklischees: Als ich an einem Tag durch Sucre streifte, lief ich plötzlich mitten in eine Parade, die – NICHT auf Panflöten und Trommeln – sondern auf Trompeten, Posaunen und Pauken ihren Marsch begleiteten. Für Bolivien ist diese Art der Marschmusik übrigens ziemlich typisch.
Für Auβenstehende muss es wohl ein köstlicher Anblick gewesen sein: Auf der einen Seite ich, der wie ein Auto diese völlig unerwartete Parade bestaunt, auf der anderen Seite gut 150 mitlaufende Schüler, die mit offenen Mund diesen blonden (fast!) 2-Meter-Mann bestaunen.
In Bolivien gibt es oft irgendwelche Festtage, z.B. Tag der Mama, Tag des Kindes, des Meeres, der Lehreres und und und… Sie gestalten das Leben hier sehr abwechslungsreich und bunt!
Bunt war der Alltag mit meiner Gastfamilie aber ohnehin, besonders die Wochenenden waren genial. Einmal haben wir einen Ausflug auf das Land (el campo) in ein Dorf namens Vila Vila gemacht, das etwa 3 Stunden von Sucre entfernt liegt. Meine Familie fährt dort öfters hin, weil Christian und Maria in Vila Vila soziale Projekte fördern und den Einheimischen Unterstützung anbieten.
Vila Vila… Es gab einmal eine Zeit, da dachte ich, Windhagen läge am Ende der Welt; diese Annahme hat sich allerdings nach dieser abenteurlichen Reise als falsch herausgestellt. Was ich auf der Fahrt in dieses Dorf erlebte, war einfach unglaublich. Natürlich gab es keine geteerten Straβen. Zeitweise hab es noch nicht einmal Wege, sodass wir anhalten und aussteigen mussten, um mit Baumstämmen und Felsbrocken provisorische Übergänge über diverse Abgründe zu basteln, über die wir dann so behutsam drüberfuhren, wie man das mit einem Jeep gerade so kann. Als wir dann allerdings mit Vollgas durch Wasser gefahren sind (zum Glück waren die Türen dicht), weil man anders eben nicht nach Vila Vila kommt, war ich dann schon etwas geschockt! Die Schockstarre wurde allerdings schnell wieder durch die holprige Fahrt über den unebenen Felsboden aufgeweicht. Als wir dann zum dritten Mal durch einen Fluss fuhren, war ich schon so weit, nicht mehr daran zu denken, was wäre, wenn wir stecken bleiben würden – ich gab mich einfach der Euphorie dieser einmaligen Spritztour hin!
Das Zauberwort lautet: Vertrauen. Das braucht man hier in Bolivien. Vertrauen darauf, dass es irgendwie klappt, schon irgendwie laufen wird. Und es funktioniert tatsächlich! In Deutschland gibt es für alles einen Plan – ein Ideal, dem es sich anzunähern gilt. Hier, im Herzen Südamerikas, in einer komplett anderen Welt, da fährt man eben rein in den Fluss. Und kommt auf der anderen Seite wieder heraus.
Genau das habe ich gedacht als ich auf die hochspritzende Bugwelle sah, die unser Jeep in das Wasser schnitt – und musste auf einmal heftig grinsen.
Danach war die Fahrt einen halben Meter neben dem Abgrund, wo es gut 500 Meter in die Tiefe ging, oder über die Schienen (“¿Und hier fahren Sonntags wirklich keine Züge, Christian?”) nur halb so beängstigend – aber doppelt so aufregend! Gemessen an der spektakulären Fahrt war das Dorf dann eher schlummerig.
Toll war aber, dass an eben diesem Sonntag auf dem Markplatz eine von Schülern organisierte Aufklärungsaktion stattfand. An mehreren Ständen wurden Vorträge gehalten. Die Themen waren u.a. Tuberkulose, HIV, Gebährmutterhalskrebs und Verhütung. Gerade letzteres Thema ist auf dem Campo keine Selbstverständlichkeit. Ich habe schon gehört, dass es in manchen Schulen zwar eine Aufklärung gibt, die Pille und Kondome als Verhütungsmittel aber unerwähnt bleiben. Ein Zustand, an dem die Kirche – und das sage ich, obwohl ich im kirchlichen Dienst stehe – nicht ganz unschuldig ist. Jedenfalls fand ich es richtig gut, dass die Schülerinnen und Schüler auf diese Weise ihr Wissen verbreiteten, auch wenn ich den Eindruck hatte, dass einige der älteren Damen aus dem Dorf, die bei den Ständen dabei waren, etwas pikiert zu Boden blickten, als ein junges Mädchen über den Zyklus der Frau referierte. Auf mich wirkte es so, als würden sie sich fremdschämen. Das hielt die Jugendlichen zum Glück aber nicht davon ab, anschlieβend, mit viel Empathie einige Problemsituationen (Alkohol-, Drogenkonsum) szenisch darzustellen. Mit diesen Eindrücken im Gepäck kam dann noch die abenteuerliche Rückfahrt – diesmal im Dunkeln!
Der Besuch in diesem Dorf machte mir bewusst, wie gewaltig der Unterschied zwischen Stadt und Land hier ist. Es sind fast andere Kulturen, Welten. Während man in Sucre oder Tarija alles bekommt, was es in Deutschland auch gibt (auch wenn man bei Schwarzbrot oder Quark ein bisschen suchen müsste), man oft Ausländer sieht und sogar hier uns da ein englisches Wort liest, gibt es auf dem Land oft keinen Strom und kein flieβend Wasser (ich wünsche wirklich KEINEM die Erfahrung von Durchfall auf nem Steh-Plumsklo!!!). Häufig wird nur eine indigene Sprache gesprochen, im Falle von Vila Vila Quechua. Das Auto, mit den wir gekommen sind, war eine echte Attraktion! Für einige war ich womöglich der erste Weiβe, den sie je gesehen haben…
Solche krassen Unterschiede bringen einen natürlich schon zum Nachdenken.
Wie ich hier gerade in meinem gemütlichen kuschelig-warmen Bett liege, kann ich kaum glauben, was schon alles passiert ist in diesen wenigen Wochen. Noch nie habe ich so viele spannende Erfahrungen innerhalb so kurzer Zeit gemacht, so viel Unbekanntes gesehen, so viele Extreme erlebt.
Mit ein paar Freiwilligen war ich, wenn auch nur für wenige Stunden, in Potosí. So wie Sucre ist Potosí eine Kolonialstadt – allerdings mit völlig anderem Charakter. Geht man durch die vielen kleinen Gassen mit ihren bunten oft etwas heruntergekommenen Häuschen, die so anders anmuten als die prächtigen weiβen Paläste in Sucre, kann man sich kaum vorstellen, dass diese mit 4000m höchst gelegenste Stadt der Welt auch mal für eine kurze Zeitspanne die reichste gewesen sein soll. Der Cerro Rico (“reicher Berg”), der groβe Berg, der omnipräsent über der Stadt zu schweben scheint, besaβ hunderttausende Tonnen Silber – mehr als es in Europa je gab. Die Spanier wollten in der Kolonialzeit diesen gewaltigen Reichtum natürlich besitzen und lieβen die Einheimischen und Sklaven aus Afrika tausende Schächte in das Innere des Silberberges hauen. Der Silberbergbau, der so vor über 400 Jahren begann und bis heute ununterbrochen fortgeführt wird, lieβ Potosí schnell zu einer Luxusmetropole aufsteigen. Der Niedergang kam jedoch genauso abrupt wie der Aufstieg gekommen war: Nachdem der gröβte Teil des Metalls aus dem Berg herausgeschafft war, verschwand schnell auch der Reichtum aus der Stadt und folgte dem Silber nach Europa.
Der indigene Bergwerkarbeiter, der vom europäischen Eroberer zur Schwerstarbeit genötigt wird – ein Bild, das noch heute im kollektiven Gedächtnis der Bolivianer verankert ist. Wer kann es da einem Einheimischen schon zum Vorwurf machen, dass er in den groβen, blonden Europäern, die sein Land besuchen, lediglich einen “Gringo” sieht. Und doch begegnen einem so viele Menschen hier mit Herzlichkeit und Offenheit.
Mich hat besonders das Gespräch mit einem Minenarbeiter in einem Schacht des Cerro Ricos beeindruckt. Wir haben uns eingekleidet mit Helm und Lampe auf eine Tour in das Innere des Berges aufgemacht. Es wurde zunehmend wärmer, enger (der Helm hat mir x Mal den Kopf gerettet!) und staubiger. Wir krabbelten dann irgendwann in einen Schacht, in dem ein Minero gerade seine Mittagspause abhielt. Konkret hieβ das: Koka-Blätter kauen. Dieser Mann lebt ein Leben, das man sich bei uns in Deutschland gar nicht vorstellen kann: Seit zehn Jahren gräbt er allein an einem Schacht, sozusagen einem Abzweig von dem Hauptgang. Natürlich arbeitet er schon länger im Berg, aber seit zehn Jahren ist er täglich an der selben Stelle. Mit der Hand hackt er Brocken für Brocken aus dem Berg heraus. Jeden Stein muss er am Ende des Tages auch wieder herausschaffen. Findet er Metalle, kann er diese zum gröβten Teil verkaufen (einen Teil bekommt die Regierung), sodass er in guten Monaten 2400 Bolivianos verdient – das sind knapp 240€. Er meinte, das sei viel. Er ernährt davon 6 Kinder. Viel Zeit wird er vielleicht aber gar nicht mehr mit ihnen haben – die Lebenserwartung von Minenarbeitern liegt bei Mitte 50, irgendwann spielt die Lunge nicht mehr mit…
Mich hat diese Begegnung, wie wir da mit ihm in seinen Schacht saβen, sehr berührt. Er sagte, er sei glücklich. Seine Worte hallten in mir nach als wir wieder in das grelle Sonnenlicht heraustraten.
Die UNESCO hat den Cerro Rico als einen “Botschafter des Friedens” ausgezeichnet. Ich kann das nur schwer nachvollziehen. Für mich ist er vielmehr ein Mahnmal. Dieser Berg, einst so reich an Mineralien, heute ein durch über 5000 Schächte ausgehöhltes Wrack, das so viel Reichtum in die Welt, so viel Armut nach Bolivien brachte. Ein Berg, der den dekadenten Luxus der europäischen Oberschicht, der Kriege und das System von Ausbeutung finanzierte.
Hier in San Lorenzo, hunderte Kilometer entfernt, sind nun auch schon die ersten Sonnenstrahlen herausgekommen. Obwohl ich erst seit zwei Wochen hier lebe, fühle ich mich schon ziemlich heimisch hier im Internatsalltag. Wobei “Alltag” eher das falsche Wort ist, zumal für mich jeder Tag ein neues Abenteuer bedeutet und ich immer wieder neue Dinge zum ersten Mal mache.
Die etwa 50 Schülerinnen und Schüler zwischen 10 und 18 Jahren gehen morgens zur benachbarten Schule, kommen mittags wieder, machen dann, meistens spät, unter Betreuung einer dafür angestellten Lehrerin ihre Hausaufgaben und gehen dann ins Bett. Was soll ich da noch? – dachte ich erst. Allmählich komme ich aber dahinter, worin meine Funktion hier besteht: Es ist nämlich so, dass die angestellte Frau für die Küche nicht so richtig weiβ, wie man kocht. Daher muss die Lehrerin des Internats ihr eben jenes täglich beibringen und sie anleiten. Die Krux ist folglich, dass sie in der Zeit nicht bei den Hausaufgaben helfen kann. Und hier komme ich ins Spiel! Ich helfe den Jugendlichen, von denen 40 versetzungsgefährdet sind, in fast allen Fächern. Ich hätte nie gedacht, dass ich die binomischen Formeln nochmal brauchen würde! Doch trotz der Lernerei ist es immer ziemlich gemütlich hier. Gemeinsam spielen wir Basketball, Fuβball und Karten, wir machen Witze und sie bringen mir Spanisch und die bolivianischen Tänze bei – Langeweile kommt also nicht auf!
Auch zu den drei Schwestern, die dem Internat vorstehen, habe ich schon einen guten Draht. Sie sind extrem lustig, tanzen auf den Fiestas hier kräftig mit und zeigen viel Verständnis für meine Situation als Neuling in einer unbekannten Welt. Und: Sie haben mir tatsächlich mein Bett verlängern lassen, sodas jetzt selbst ein Riese wie ich hineinpasst. Genial, oder?!
Ich weiβ es inzwischen auch sehr zu schätzen, dass San Lorenzo ein Dorf ist, auch wenn ich nach 13 Jahren Windhagen-Folter eigentlich mal städtischer leben wollte. Die Leute kennen mich eben, für die Einwohner bin ich nicht nur der fremde Weiβe, sondern auch der Volontario (z.B. wurde ich der Gemeinde schon in der Sonntagsmesse vorgestellt). Für mich ist das wirklich eine Erleichterung, denn in Städten rufe ich die unterschiedlichsten Reaktionen hervor: Leute deuten auf mich und tippen aufgeregt ihre Freunde an, damit sie ein Foto von mir machen, Kinder starren mich mit offenem Mund an und lassen das fallen, was sie gerade in der Hand halten ich bekomme die verschiedensten Blicke zugeworfen: neugierige, belustigte, anziehende, höhnische, begeisterte, undefinierbare… alles war schon dabei!
Ich bin hier eben ein Exot. Ab und zu wurde ich schon “Gringo” genannt. Die Bezeichnung bezog sich ursprünglich auf nordamerikanische Grünhelm-Soldaten, die in Bolivien stationiert waren, inzwischen ist “Gringo” (“green-go!”) allerdings zum Sammelbegriff für alle Weiβen geworden. Häufig hat das Wort einen negativen Beigeschmack und wird als Schimpfwort oder Abwertung verwandt, allerdings habe ich inzwischen gelernt, “Gringo” nicht zu eindimensional zu sehen. Als meine vorgesetzte Schwester bei meiner Ankunft sagte, ich könne mich doch ruhig mal mit meinen “Gringolein-Freunden” treffen, habe ich erst mal einen Schock bekommen – merkte dann aber, dass es für sie einfach eine (nette) Bezeichnung für einen Weiβen war. Trotzdem ist meine Andersartigkeit für mich von ständiger Präsenz. Viele Verkäufer glauben z.B., ich hätte besonders viel Geld und verlangen dann irgendwelche absurd hohen Preise, allerdings gibt es auch viele, die nicht so sind, deshalb versuche ich nicht per se allen Verkäufern zu misstrauen.
Als ich mir aber ein Handy gekauft habe, war mir die Sache dann doch zu kostspielig, sodas ich einfach ein paar Jungs aus dem Internat mitgenommen habe und sie für mich so taten als wollten sie das Handy kaufen. Da hatten wir echt viel Spaβ zusammen! Ich glaube, die Schüler hier werden mir sehr schnell ans Herz wachsen – auch wenn ich bestimmt noch nicht mal die Hälfte der Namen kann. Nein, mein Namensgedächtnis ist auch in Bolivien nicht besser geworden, Namen wie “Adalid” oder “Leydi” sind eher noch schwieriger zu merken! Den Leuten hier geht es mit “Torben” aber sehr ähnlich. Hier verstehen die meisten statt “Torben” “Kohlberg” – so heiβt der bekannteste Wein der Region. Manchmal lasse ich es dann auch einfach so stehen, einigen stelle ich mich einfach direkt als “Señor Kohlberg” vor, manchmal gelingt es mir aber auch, bis zu einem “Tolberg” zu kommen, ganz selten auch mal zu “Tolven”. Aber was sind schon Namen, die Menschen hier sind einfach unwahrscheinlich offenherzig und nett und das ist was zählt! Ich fühle mich wohl mit ihnen, auch wenn mir im Moment noch Menschen fehlen, mit denen ich richtig vertraut reden kann.
Seit ich im Internat ein regelmäβiges Essen habe, ist mein Durchfall auch nicht mehr so schlimm
Nun gut. Mit diesen wunderschönen Impressionen möchte ich meinen ersten Rundbrief beenden, denn für mich es es jetzt allmählich Zeit, aufzustehen.
Ich wünsche Euch allen, die ihr mich auf meinem Weg begleitet, alles Gute. Ich bin sehr dankbar, so eine tolle Unterstützung zu wissen und denke oft an Euch, auch wenn ich es kaum schaffe, mich zu melden.
Ich danke Euch von Herzen für Eure Teilhabe an meinen Erlebnissen und Gedanken.
Aus Bolivien, Tarija, San Lorenzo, Bett –
Torben