Indien: 1.Rundbrief von Katharina Kneip

12. Oktober 2009 von Katharina Kneip

Liebe Freunde, Liebe Interessierte,

Jetzt bin ich schon zwei Monate hier in Viralimalai in Südindien; es ist also Zeit für einen Rundbrief!
Ich möchte Euch einen Überblick über meine Leben hier, meine Arbeit und auch über die allgemeine Situation hier im Haus geben!

Mary on the Way
Ich befinde mich in einem Haus, dessen Bewohnerinnen einem Sekularinstitut der Schoenstattbewegung angehören – Mary on the Way.
Hier im Haus wohnen 15 junge Frauen, die etwa in meinem Alter oder etwas älter sind. Sie gehen zum College und sprechen alle mehr oder weniger gut Englisch. Morgens und abends wird zusammen gebetet oder es ist Gottesdienst. Morgens gehe ich währenddessen laufen, abends nehme ich teil.
Ansonsten kochen wir hier zusammen – wir essen hier dreimal täglich warm und diejenigen, die am Tag ins College gehen, nehmen natürlich auch etwas Gekochtes mit! Es wird gelernt, sauber gemacht, gewaschen und genäht -und natürlich Tee getrunken und viel geredet. Zum Schlafen sind die Mädels in zwei Schlafsäle aufgeteilt, manche schlafen aus Platzmangel auch im Studierzimmer – ich habe mein eigenes Zimmer.
Dann gibt es hier im Haus den sogenannten „Tailorroom“. Zum Nähzimmer kommen 14 junge Frauen außer sonntags. Sie wohnen bei ihren Familien in ihren Häusern in der Umgebung und kommen morgens her. Hier fertigen sie Taschen, Decken, Tischdecken, Küchenschürzen, machen Patchworkarbeiten… und nähen auf Bestellung alles, was gewünscht wird! Die meisten Handarbeiten werden dann nach Deutschland geschickt, und wenn jemand nach Deutschland fliegt, nimmt er etwas mit. Dort wird es dann meistens auf Märkten verkauft. Von dem eingenommenen Geld müssen hier die Näherinnen bezahlt werden, sowie zwei weitere Schneiderinnen, die vormittags zusätzlich kommen und die jungen Frauen ausbilden. Natürlich müssen all die anderen Kosten wie z.B. für neue Stoffe, Strom, Telefon, Lebensmittel etc getragen werden.
Unter der Woche kommen dann noch 48 Kinder aus armen Familien, die hier im Haus von den Mädels, einem sonst arbeitslosen Lehrer und mir Nachhilfe bekommen.

Nach etwa 1,5 Stunden Lernen spielen wir dann noch (Fußball, Halli Galli, Duplo…) bis zum Abendgebet.

Hier in Indien gibt es zwei Arten von Schulen. Die eine ist die sogen. „Tamil-Medium-School“. Dort werden alle Fächer auf Tamil unterrichtet, sie kostet die Familien nichts. Allerdings haben diese Kinder später nur sehr geringe Möglichkeiten, einen guten Arbeitsplatz zu bekommen, da sie am Ende ihrer Schulzeit nur über sehr spärliche Englischkenntnisse verfügen und wenn, dann auch nur in Tamil Nadu, dem einzigen Land, in dem Tamil gesprochen wird. Meist können sie nicht mehr, als ein paar auswendig gelernte Sätze wie „How are you?“ etc.
Dann gibt es noch die „English-Medium-School“. Hier werden alle Fächer auf Englisch unterrichtet. So haben die Kinder später bessere Weiterbildungsmöglichkeiten und die Chance, überall zu arbeiten (nicht nur in Tamil Nadu) und bekommen bessere Arbeitsplätze. Diese Schulen kosten allerdings Schulgeld, das die Familien oft nicht aufbringen können.
Einigen Kindern, die unser Haus besuchen, kann über Patenschaften z.B. von Menschen aus Deutschland sowie Spendengelder ermöglicht werden, die English-Medium-School zu besuchen. Auch an die Mädels hier im Haus gehen zum Teil Spendengelder, die ihnen den Besuch des Colleges ermöglichen.
Zurzeit wird neben dem jetzigen Haus noch ein weiteres gebaut. Dort wird es dann unter anderem ein größeres Nähzimmer geben, da das jetzige zu klein und in Folge dessen (und vielleicht auch auf Grund der Mentalität der Inder) sehr unübersichtlich und chaotisch ist. Oft muss man in andere Teile des Hauses ausweichen, und trotzdem ist es im Nähzimmer immer noch eng. Wenn es finanziell klappt, wird auch noch eine neue Nähmaschine angeschafft. Zurzeit muss oft gewartet werden, bis eine frei wird, und das kann bei Patchwork schon mal länger dauern!.
Die Leiterin des Ganzen ist Gisela Häring aus Deutschland. Sie versucht zurzeit unter anderem, (wenn sie wieder Geld hat) ein Stück Land an der Straße zu kaufen, wo ein Café aufgemacht und Sachen verkauft werden können, um so auch eine direkte Einnahme hier in Indien zu haben.
Das ist die Lebens- und Arbeitsgemeinschaft, in deren Mitte ich lebe.

Meine Arbeit
Ich habe hier einen schön ausgefüllten Tagesablauf und möchte ihn erst mal exemplarisch an einem typischen Arbeitstag darstellen:

05:30 Uhr klingelt mein Handywecker und ich drücke erst mal auf Schlummermodus! 9 Minuten später werde ich dann endgültig „entschlummert“ und gehe mein Stündchen laufen. Meine Strecke ist echt unglaublich schön – die Sonne, die hier fast immer scheint, geht während meiner Morgenrunde auf. Ich komme an einer Menge Kinder vorbei, die begeistert versuchen, ihre geringen Englischkenntnisse bei mir anzubringen. Manche laufen auch ein Stück neben mir her, halten die unzähligen wilden Hunde von mir fern und versuchen vergeblich, meinen Namen auszusprechen, während ich versuche (meist nicht weniger vergeblich), den ihren auszusprechen! (Fotos der gesamten Laufstrecke gibt es auf meiner Seite bei Wer-Kennt-Wen.) Danach gehe ich meistens noch aufs Dach und turne in der Morgensonne ein bisschen auf den verschiedenen Schrägen rum.
Etwa um 09:00 Uhr gibt es dann Frühstück – da helfe ich noch in der Küche beim Schneiden und Aufräumen. Nach dem Frühstück gehe ich meistens – wenn der Strom es zulässt – kurz ins Internet und schaue meine Mails nach. (Wir haben hier bis auf zwei Stunden am Tag Strom, sonst ab und zu immer wieder mal kleinere Stromausfälle). Und danach geht’s in den „Tailorroom“
Ich mache zurzeit die verschiedensten Armbänder und andere kleine Sachen, für die man keine Maschine braucht und suche Stoffe zusammen und blättere Patchwork- und Modezeitschriften nach neuen Entwürfen durch. Wenn dann die Näherinnen kommen, helfe ich ihnen beim Zeichnen und Entwerfen von Mustern, die mit Pailletten und Stoff aufgenäht werden sollen. Ich zeige ihnen neue Entwürfe und Stoffzusammenstellungen, schneide zurecht, und zwischendurch mache ich an den Armbändern weiter oder gebe z.B. Geigenunterricht. Meine beste Schülerin ist jetzt schon bei „Morgen kommt der Weihnachtsmann“! Sonntags haben auch einige Chorprobe oder Stimmbildung.
Ab etwa 12:00 Uhr fangen wir dann an, das Mittagessen zu kochen. Je nach Bedarf helfe ich da mit. Das ist dann meistens gegen 13:45 Uhr bereit. Es besteht in der Regel aus Reis, Chutney und Sambal. Das ist so was Ähnliches wie Gemüsesuppe, nur scharf. Morgens gibt es manchmal anstelle von Reis auch Nudeln oder Chiapatti. Das ist so ähnlich, wie unsere Pfannkuchen, nur nicht süß. Fleisch gibt es sonntags in Form von Hühnchen (2,5 für 17 Personen!). Wenn jemand Geburtstag hat oder an Festtagen gibt es abends, wenn alle zurück sind, auch Kuchen.

Nach dem Essen gehe ich dann zurück an meine Arbeit. Wenn die Näherinnen weg sind, mache ich manchmal noch weiter, lese, zeichne, gehe spazieren, trinke Tee und lerne Tamil bis dann die Kinder kommen! Dann gebe ich immer ein paar Kindern Nachhilfe in Englisch, und wenn sie zur English-Medium-School gehen, auch in anderen Fächern. Vor allen bei English-Medium-Kindern können die Eltern oder auch andere Verwandte gar nicht helfen. Allerdings ist das Schulsystem hier auch sehr, sehr schlecht! Die Kinder müssen (einfach) seitenweise auswendig lernen (aufs Wort genau), haben oft gar keine Ahnung, was sie eigentlich sagen und wissen nur, welchen Satz sie auf welche Frage sagen müssen. Die Antworten sind in der Regel in den Texten der (oft fehlerhaften) Bücher wörtlich aufgeführt und müssen nicht einmal mehr umgeformt werden!

Nach der Nachhilfe spiele ich meistens mit den Jungs Fußball oder andere Spiele.
Die Ausnahme ist Montag. Da gehe ich während der Zeit, in der die Kinder kommen, mit auf den Markt zum Einkaufen. Wir sind meistens zu dritt oder zu viert und kaufen dort Gemüse, Obst, Kokosnüsse und natürlich „Mixture“. Das ist scharf und salzig – sieht aus wie Vogelfutter und ist vom Nährwert in etwa mit unseren Chips zu vergleichen. Der Markt ist echt Wahnsinn! Total voll – sehr groß und überall sitzen die Verkäufer auf dem Boden oder leicht erhöht auf Säcken und rufen ihre Ware aus, die vor ihnen liegt. Die Ware wird auf Handwaagen abgewogen. Oft sind Stoffe und Planen zwischen meiner Hals- und Augenhöhe schwankend zum Sonnenschutz gespannt. Deren Befestigungsseile verlaufen auch überall quer umher und meistens auch nur auf Höhe des indischen Durchschnittsmaßes. Bei meiner Größe heißt es dann ständig aufpassen und bücken! Wenn es dunkel wird, holen viele dann ihre Gas- und Öllampen hervor. Ein einziges großes Chaos, in dem trotzdem irgendwie Alles klappt, was mir jedes Mal wieder gefällt!
Um etwa 20:00 Uhr ist dann „Prayer“. Dabei wird wechselnd auf Tamil und Englisch gesungen und gebetet. Danach gibt es Abendessen – Reis mit Pepperwater und manchmal auch Chutney und Appalam. Das sind etwa untertassengroße, aus gemahlenen Hülsenfrüchten und Salz hergestellte Oblaten-förmige Dinger, die kurz in heißes Öl getaucht werden und dabei Blasen bekommen und größer und knusprig werden…..sehr lecker!

Danach helfe ich dann noch in der Küche, und wenn ich nicht noch zu waschen habe (von Hand auf einem Waschstein, auch wenn wir eine Waschmaschine haben; siehe Foto), gehe ich dann meistens relativ bald ins Bett.
Samstags verschiebt sich der abendliche Ablauf meist etwas nach vorne und wir schauen noch einen (englischen oder amerikanischen) Film.
Manchmal, wenn etwas zu besorgen ist, fahre ich auch mit nach Trichy, etwa 30 km von Viralimalai. Vorletzten Sonntag sind wir auch nach Trichy gefahren und haben uns einen 3 Stunden langen Tamilfilm angeschaut. Trotz Tamil hatte ich nicht mal den Ansatz eines Problems, die Handlung nachzuvollziehen!!! Es war wirklich lustig, aber danach war ich platt!
Ab und zu kommt auch Besuch, z.B. die Eltern oder Freundinnen der Mädels oder der Pfarrer. Nächste Woche kommen Leute vom Saarländischen Rundfunk, dann Freunde und Helfer aus Deutschland… Oder es gibt irgendein Fest – davon haben die Inder eine ganze Menge. Dann gibt’s was Besonderes zu essen, z.B. so richtig krass zuckrig süße Süßigkeiten oder auch was Besonderes zu trinken, z.B. Fanta (sonst gibt es hier Wasser).

So ist hier neben dem normalen Treiben immer noch was los. (:-))

Die Tage vergehen hier echt schnell – ich sehe und erlebe immer wieder Neues und habe immer schön viel zu tun.  (:-))
So – das war´s jetzt fürs Erste. Ich hoffe, die erste Neugierde wurde befriedigt. Wenn es Fragen gibt, Ideen (z.B. fürs Nähzimmer), Aufträge oder einfach nur das Bedürfnis, mir was zu schreiben, ich freue mich über Rückmeldungen.

Alles Liebe und viele Grüße aus Indien
Katharina

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