Rumänien: 2.Rundbrief von Astrid König

23. November 2009 von astrid.koenig

Lieber Solikreis!

Und wieder sind zwei Monate ins Land gegangen, ich frage mich, warum es schon November ist, und ihr rätselt, was ich so getrieben habe. Endlich kann ich euch auch von meinem richtigen ungarischen Leben erzählen.

Im Rückblick muss ich sagen, hatte ich keine richtige Anfangseuphorie, wie es sonst „normal“ ist – von meinem komplizierten Start hatte ich ja schon erzählt. Doch mit der Zeit gefällt es mir immer besser. Anfangs hatte ich noch die ein oder andere Mußestunde – heute muss ich nach ein bisschen freier Zeit suchen, um diesen Rundbrief zu schreiben.

Meine Arbeit:

In der ersten Zeit im Behindertenzentrum gab es noch die eine oder andere Stunde, die ich als etwas langweilig empfunden habe. Doch inzwischen habe ich das Gefühl, als ob jeder neue Energie bekommen hat. Sehr schön war der Ausflug mit dem Behindertenzentrum nach Alba Iulia aus Anlass des 1000-jährigen Bestehens der Diözese in Transsilvanien.

Ausflug nach Alba Iulia

Ausflug nach Alba Iulia

Neben Alba Iulia besichtigten wir auf der Hinreise auch Sighisoara, und freitags wurden wir vom Bischof empfangen.

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Besuch beim Bischof

Sehr viel Spaß hat den Behinderten auch der Szüreti Bál bereitet, obwohl ich mich im Vorfeld gefragt habe, was wir auf einem „Weinleseball“ sollen, so die wörtliche Übersetzung. Aber es war einfach ein lustiges Tanzen, egal ob man im Takt ist oder überhaupt tanzen kann.

Szüreti Bál

Szüreti Bál

Gemütlich finde ich auch die kleinen Geburtstagsfeiern, die wir bei Limo und Keksen genießen. Ansonsten habe ich mir schon angewöhnt, auf den Namen „Anna“ zu hören, den ich nun jeden Tag zu hören bekomme, weil einige Behinderte es nicht schaffen, sich umzustellen, dass ich eben nicht meine Vorgängerin bin. Astrid ist aber auch sehr schwierig. Außerdem fangen beide Namen mit A an. So lasse ich „Asi“ „Ati“ oder „Astid“ gelten.

Alltag und Sprache:

Als ich aber dachte, das nächste Jahr immer gemütlich mit dem Bus zur Arbeit zu fahren, um so ca. gegen 9:00 Uhr anzukommen, hatte ich mich sehr getäuscht. Weil bis jetzt jeder Bus, den ich brauchte und kannte auch immer zur gleichen Zeit fuhr, hatte ich schon einen Einheimischen belächelt, der das deutsche Bussystem über den grünen Klee lobte, es sei so zuverlässig. Seit dieser Woche stand ich nun aber morgens an der Bushaltestelle zusammen mit Einheimischen (sonst immer ein sicheres Zeichen, dass ein Bus kommt) und wartete stundenlang, um dann resigniert festzustellen, dass ich doch zu Fuß laufen musste. Tja, das war das neue Bussystem, das nun scheinbar den Ehrgeiz hat, nach Fahrplan zu funktionieren – zu dumm für mich, denn so habe ich morgens keinen Bus mehr, der mich pünktlich zur Arbeit fährt. Nachdem ich eines Morgens von zwei Einheimischen, mit denen ich an der Haltestelle gewartet hatte, netterweise mit dem Taxi mitgenommen wurde (ohne etwas zu bezahlen, weil sie partout nichts haben wollten), erklärte ich meiner Chefin das Problem, die auch gleich das Busunternehmen anrief, um zu klären, wann ein Bus fährt. Generell habe ich ja nichts gegen Laufen, aber nicht im Winter bei Kälte und Schnee. So werde ich in nächster Zeit mit einem Bus fahren, der einen Riesenumweg macht, und dafür eine halbe Stunde später zur Arbeit kommen.

Ja, ich habe mich hier gut eingelebt Lustige Situationen gibt es nicht nur beim Busfahren – einige Busfahrer kennen mich schon und fahren netterweise extra Schlangenlinien und zwinkern mir die ganze Busfahrt zu, bis ich mich frage, ob sie noch wissen, wo sie hinfahren. Eines Tages bittet mich meine Kollegin, zu einem Geschäft in der Nähe zu gehen, um einen Spitzer zu kaufen, und ich solle bitte den Kassenzettel mitbringen. Zum Schluss steckt sie mir noch einen Zettel in die Hand. Ich bin glücklich das Geschäft gefunden zu haben, zeige der Verkäuferin, was ich möchte und gebe ihr zu Sicherheit noch den Zettel, in der Annahme, meine Kollegin hat mir das ungarische Wort für Spitzer aufgeschrieben. Die Verkäuferin guckt mich dann allerdings etwas ratlos an und gibt mir zu verstehen, dass sie nicht versteht, was ich möchte. Mir dämmert es allmählich, dass auf dem Zettel steht, dass ich den Kassenzettel möchte und versuche der Verkäuferin zu erklären, dass ich einfach einen Spitzer möchte mit dem dazugehörigen Kassenzettel. Scheinbar glaubt sie mir nicht, und auf einmal habe ich ein Handy in der Hand mit einem englisch sprechenden Menschen am anderen Ende der Verbindung. Ihm konnte ich auch nicht erklären, was ich möchte, der englische Spitzer war leider auch nicht in meinem Vokabular. Um die Verkäuferin zu befriedigen, weil sie ständig nach einer Lösung für den Zettel suchte und mir nicht ganz abnahm, dass ich einen Spitzer brauchte, bin ich noch einmal zurück zu meiner Kollegin gelaufen, habe mir das richtige Vokabular geben lassen und konnte endlich den Spitzer kaufen.

Ich finde es ein schönes Beispiel dafür, dass die Ungarn sehr hilfsbereit sind und leider zu viel Englisch oder Deutsch sprechen. An manchen Tagen frage ich mich dann doch, warum ich ungarisch lerne, wenn ich wieder einen Menschen treffe, der Deutsch kann. Meine Arbeitskolleginnen verzichten Gott sei Dank auf ihre Englisch Kenntnisse, und wenn ich wieder nach Wörtern suche und meine Kollegin mir sagt, ich könne es auch auf Englisch sagen, winke ich ab. Dafür bin ich nicht hierher gekommen, und außerdem haben sie jetzt auch die Geduld, zu warten, bis ich einigermaßen das gesagt habe, was ich meine. Generell habe ich das Gefühl, dass ich und meine Kollegen einen Knackpunkt überwunden haben. Sie erklären mir jetzt auch viel von sich aus, und ich habe kein Problem, mal wieder eine Frage zu stellen, ohne mir den Satz vorher zurechtgelegt zu haben. Im Allgemeinen loben mich die Ungarn für meine tollen Ungarisch Kenntnisse (die ich tatsächlich noch etwas mickrig finde). Sie versuchen dann aber trotzdem meistens, mit mir auf Englisch oder Deutsch zu reden. So muss ich inzwischen vorher immer darauf bestehen, dass sie mit mir Ungarisch reden. Aber ich habe seit einiger Zeit das Gefühl, dass ich einen Zugang zu dieser Sprache gefunden habe. Das habe ich daran gemerkt, dass mir die einfachsten Wörter auf Französisch partout nicht mehr einfallen wollen – jedoch nur auf ungarisch – und ich das Wort nachschlagen muss, um nicht ganz zu verzweifeln.

Das ungarische Leben:

Ansonsten lerne ich immer mehr das ungarische Leben kennen. An Kleinigkeiten wird mir bewusst, dass ich das rumänische Leben eher weniger kennen lerne. Bei dem deutschen Freiwilligentreffen in Sibiu wurde mir das am stärksten bewusst. Die Bahnhofschilder sind ab einer gewissen Grenze nur noch auf Rumänisch, vorher stand noch der ungarische Name drauf. Die ungarischen Gespräche werden weniger, ich höre Rumänisch und bin aufgeschmissen; okay, ein Teil rumänisch verstehe ich noch durch meine Latein- und Französischkenntnisse, aber beim Sprechen wird es dann schwieriger, und irgendwie fühlt man sich dann auch als ungarische Minderheit in Rumänien.

In Csikszereda werde ich in Geschäften meistens als Rumänin abgestempelt, wenn ich nicht gleich das verstehe, was mir gesagt wird. Wenn mich zum Beispiel eine alte Frau an der Bushaltestelle anspricht und ich mit ihr etwas ins Gespräch komme, merkt man aber schon, dass sie sich freuen, wenn ich sage, dass ich hauptsächlich ungarisch lerne. So habe ich mir auch den ungarischen Namen von Miercurea Ciuc – Csikszereda – angewöhnt Damit erlangt man auch gleich Pluspunkte, und ich habe es ja hauptsächlich mit Ungarn hier zu tun. Das Gefühl der Ungarn zu ihrer Geschichte in einem Satz: „Es war ein Schlag ins Gesicht, aber wir müssen damit leben“.

So kriege ich Von der rumänischen Präsidentschaftswahl nichts mit. Ich habe nur Plakate zum 20-jährigen Bestehen der ungarischen Republik gesehen. Und auch ein typisch rumänisches Gericht (Maismehlbrei – Mamaliga) habe ich erst nach zwei Monaten hier gegessen.

Und jetzt steht schon wieder bald Weihnachten vor der Tür. Ab und an packt mich dann doch etwas Heimweh, wenn ich an die Feste zu Weihnachten denke. Aber bisher hielt sich das auch in Grenzen. Ich habe auch meistens viel zu viel zu tun, um groß über zu Hause nachzudenken. Mit meiner Arbeit und abends mit meinen Kursen (Sprachkurse in Ungarisch, Französisch, Deutsch und Tanzkurs) habe ich einfach keine Zeit dafür. Ich trinke einen Tee und geh ins Bett.

Aber es muss erstmal richtig Schnee für Weihnachten fallen, und dann berichte ich von meinen Weihnachtserlebnissen!

Sziasztok!!

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