Ukraine: 1. Rundbrief von Judith Reichert
23. November 2009 von judith.reichertLiebe Solidaritätskreismitglieder,
liebe Freunde, Verwandte und Bekannte,
liebe Zurückgebliebene,
– wie auch immer ihr gerne genannt werden möchtet –
ein freundliches Hallo aus dem sehr sonnigen, sehr warmen Iwano-Frankiwsk!
Ich bin angekommen — nein, ich bin da — und zwar seit Donnerstag und zwar entgegen mancher Vermutungen gesund und munter.
In meinem allerersten Rundbrief, habe ich mir gedacht, heiße ich euch alle sehr herzlich willkommen auf meiner Reise. Ich bemühe mich sehr, alles so lebendig und gut vorstellbar zu beschreiben wie möglich und hoffe, dass mir das auch gelingt. Der Rundbrief geht an alle, die mich unterstützen- ganz egal, ob diese Leute mit mir Abi gemacht haben, mich unterrichtet haben, mit mir Musik gemacht haben oder was auch immer, als ich noch in Trier bzw. Igel war. Das sind natürlich sehr unterschiedliche Gruppen, aber ich hoffe, dass jeder mit meinem “Beschreibungsstil” zurechtkommt.
Ich fordere alle Empfänger dieser Email herzlich dazu auf, mir zu antworten, Rückfragen zu stellen, Kritik am “Schreibstil” zu äußern und zu erzählen, was gerade so bei euch ansteht.
Also…die Reise beginnt….genau jetzt…
Es ist Mittwochmorgen, halb 5 Uhr in der Früh. Wir befinden uns am Hauptbahnhof Trier. Hier warten wir– vier Mitglieder meiner Familie und ich– auf den Bus. Wie der Bus aussehen wird, weiß ich nicht, aber ich habe das Kennzeichen und nach diesem halten wir Ausschau. Ein großer, schwarzer Bus kommt und siehe da, das Kennzeichen passt, das ist meiner. Mit meinem sehr schweren Koffer und einer Tasche gehen wir zum Bus.
Der Busfahrer nimmt mir den Koffer ab. Er spricht Russisch oder Ukrainisch, ich weiß es nicht, aber er spricht mich an und ich schaue ratlos zurück. Ich glaube, dass er mich fragt, wohin ich fahre, sage “Liwiw”(so in etwa könnte die Lautschrift aussehen), aber er versteht mich nicht. Dann zeige ich ihm den Zettel, die Reisebestätigung für die Busfahrt, auf der alles “Wichtige” draufsteht — er guckt mich an und sagt “Liwow” (wieder ungefähre Lautschrift) — ja, okay, dann halt “Liwow“ — jedenfalls kommt mein Koffer nun in den Bus.
Ich dachte, dass man nur einen Koffer haben darf, der nur so um die 35 Kilo wiegen darf, habe mich beim Packen nur leicht verrückt gemacht, aber am Bahnhof dann wurde ich eines Besseren belehrt. Die anderen Menschen, die auch mit dem Bus fahren wollten, waren , glaub ich, alle Ukrainer, hatten unendlich viele, ganz große Taschen aus so einem Material, aus dem auch die Ikeataschen sind oder die ganz großen Taschen, die man einmal beim Only kaufen konnte. Na super, dann hätte ich auch noch mehr mitnehmen können, aber egal.
Ich suchte mir einen Platz, hatte auch quasi freie Auswahl und setzte mich auf den Platz vor der Tür hinten. Wer öfter mit Reisebussen fährt, weiß, dass man auf diesem Platz die Sitze einfach nach hinten lehnen kann- ohne jemand anderen damit zu stören. Es wurde 04:45Uhr, und ich wurde verabschiedet. Rein in den Bus und los ging’s.
Ich war zu Beginn der Fahrt voll guter Dinge, ja, jetzt geht es endlich los, ich freu mich etc, aber ich schlief dann auch sehr schnell ein.
Irgendwann sagte der Busfahrer irgendwas durchs Mikrophon — ich hab ja gar nichts verstanden, dann kam er zu mir und machte mir irgendwie verständlich, dass ich nach vorne mitkommen soll. Er redete weiter auf mich ein…irgendwann merkte er dann, dass ich tatsächlich nichts verstand. Er bemühte sich sehr, mir auf anderen Wegen verständlich zu machen, was er von mir wollte. Ich hab immer nur meine Reisebestätigung in der Hand gehalten und sie ihm dann irgendwann einfach in die Hand gedrückt. Dann gab er sie mir zurück und machte so ein Zeichen, als wolle er eine Unterschrift von mir. Ich wunderte mich, aber dachte, dann machst du das halt mal. Dann schaute er mich erst ganz komisch an, grinste und ich weiß nicht warum, aber in dem Moment fiel irgendwie der Groschen bei mir: er wollte wissen, wann ich zurück fahre. Schnell hab ich das Datum auf ein Blatt geschrieben, dann gab er mir noch Prospekte und ich durfte mich wieder setzen. „Wie peinlich“ und „oh mein Gott, was machst du eigentlich hier“ waren die einzigen Gedanken in meinem Kopf. Dann schlief ich wieder ein.
Wach wurde ich, als der Bus irgendwo zwischen Trier und Koblenz auf einen Rastplatz fuhr, die Busfahrer beide aufstanden und mit Werkzeug den Bus verließen. Das kam mir sehr komisch vor, aber naja, jetzt gibt es kein Zurück mehr. Ich weiß nicht, voran die beiden herumgeschraubt haben und ich will es auch gar nicht wissen, aber allzu lang dauerte es nicht. Einzig und allein weil ich so müde war, schlief ich dann ruhig weiter bis Koblenz. Ein paar Leute stiegen ein und sofort ging es weiter. Wieder schlief ich, bis wir in Köln waren. Auch dort stiegen wieder nur Leute ein und weiter ging die Fahrt.
Das gleiche Spiel in Düsseldorf.
Vor dem nächsten Halt in Dortmund wurde wieder etwas durchs Mikrophon gesagt. Alle Leute im Bus stiegen ganz schnell auf, ich machte einfach mal mit. Es gab also eine ganz kurze Toilettenpause. Ich war die letzte in der Schlange und die Frau vor mir wartete auf mich, „passe auf“ wie sie es sagte und wir unterhielten uns etwas. Ich war sehr froh darüber, dass sie auf mich wartete, denn als wir am Bus waren, hörte man schon Motorengeräusch und los ging’s. Wenn sie nicht gewartet hätte, wäre der Bus bestimmt ohne mich gefahren, denn es wäre einfach keinem aufgefallen, ob ich da bin oder auch nicht.
Ich bin auch jetzt noch froh, dass ich einfach so müde war, dass ich fast die ganze Zeit schlief, so auch auf dem Weg nach Kassel. Dort gab es wieder eine ganz kurze Pause. So langsam tat mir doch so Einiges weh, obwohl ich so klein bin und so kurze Beine habe.
Dann kam ich zurück in den Bus und wollte auf meinen Platz. Vor ihm im Gang stand eine Frau und sprach mich einfach an — auf Ukrainisch oder Russisch — jedenfalls sehr furchteinflößend. Am Anfang habe ich sie noch nett angeguckt, aber sie redete immer und immer weiter — als sie kurz mal Luft nahm, konnte ich ihr sagen, dass ich absolut nichts verstehe. Ein anderer Mann, der etwas Deutsch sprach, bekam das mit und übersetzte mir alles. Die Frau wolle neben ihrem Ehemann sitzen, deshalb bräuchten sie zwei Plätze nebeneinander, ich solle mich umsetzen. Also musste ich meinen tollen Platz verlassen.
Mein neuer Platz war dann neben dem Mann, der etwas Deutsch sprach. Wir unterhielten uns ganz nett, aber ich war echt traurig und dachte nur noch „was machst du eigentlich hier und warum bleibst du nicht zuhause?“ – aber es wurde danach wieder besser. Die Busfahrt wurde diesbezüglich tatsächlich zu einem Wechselbad der Gefühle …
Da das sonst alle Rahmen sprengen würde, erzähle ich nur noch kurz was wichtig war. Der Mann übersetzte mir fortan alle Durchsagen des Busfahrers.
Irgendwann liefen dann Filme auf Russisch, und zwar ausschließlich Kriegsfilme mit vielen brennenden Hakenkreuzen. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht so viele brennende Hakenkreuzfahnen gesehen wie auf dieser Busfahrt. Und im Gegensatz zu den meisten anderen Mitfahrern, verstand ich, was die deutschen Soldaten so von sich gaben…
Bereits in Polen waren die Straßen deutlich schlechter und die Busfahrer fuhren gaaanz schrecklich- ich konnte quasi nicht schlafen, obwohl es Nacht und ich eigentlich immer noch müde war.
Für mich auch sehr ungewöhnlich — die Passkontrolle. Sie dauerte 1 1/2 Stunden. Die Zollbeamten sahen aber sehr nett aus. Ich hatte als einzige dann keinen ukrainischen Pass. Die Zollbeamten waren übrigens beides Mal Frauen. Sie kamen in den Bus und wollten selbstverständlich den Pass von jedem haben — sie schauten sich das Foto an, dann dein Gesicht, wieder das Foto, dann wieder dein Gesicht — irgendwie schon beängstigend. Und das Ganze dann zwei Mal – bei der Ausreise aus Polen und bei der Einreise in die Ukraine. Ein Hoch auf die EU, kann ich da nur sagen!
Die Straßen in der Ukraine sind sehr fürchterlich!!!
Mein Busnachbar suchte mir eine Ukrainerin, die dafür Sorge tragen sollte, dass ich in Lemberg (Liwow) den richtigen Bus nach Iwano nahm. Die Menschen sind eigentlich wirklich sehr, sehr herzlich und hilfsbereit!
Diese Fahrt dauerte dann wieder zwei oder drei Stunden, und ich war sooo müde, und es war ganz heiß, sodass ich die Landschaft gar nicht so genießen konnte.
Aber davon schreibe ich das nächste Mal mehr und auch von meinen ersten Eindrücken.