Ukraine: 2. Rundbrief von Judith Reichert
28. Januar 2010 von judith.reichertLiebe Solidaritätskreismitglieder,
liebe Freunde, Verwandte und Bekannte,
liebe Zurückgebliebene,
– vielleicht kommen dem einem oder anderem diese Zeilen bekannt vor.
Es ist wieder soweit! Nachdem ich nun schon länger als drei Wochen hier in Iwano- Frankiwsk in meinem schönen Zimmer hause und somit auf drei Wochen geballte Eindrücke zurückblicken kann, dachte ich mir, dass es Zeit wird für den nächsten Rundbrief, der euch Einblicke in meinen typischen Tag geben soll.
Es ist 09:00 Uhr, mein Handy tönt „I feel good“ und weckt mich. Es ist warm in meinem Zimmer — richtig warm. Ich quäle mich aus dem Bett, fülle den Wasserkocher mit Trinkwasser, das ich mit so einer tollen Pumpe aus einem mehrere Liter fassenden Fass bekomme, damit ich mir Kaffee machen kann. (Welch ein Deutsch!) Dieser Kaffee ist Instant-Kaffee. Er schmeckt nicht besonders gut und enthält definitiv nicht ausreichend Koffein. Ich muss noch lange an der richtigen Dosis feilen oder vielleicht auf schwarzen Tee umsteigen. Während des Wartens auf den Wasserkocher merke ich, dass ich in der Nacht mal wieder um einige Mückenstiche reicher geworden bin (trotz „Schutz“).
Ich soll um 10:00 Uhr im Büro sein, Fußweg am Morgen geschätzte 20 Minuten. (Nachmittags geht es auf wundersame Weise schneller.) Da ich aber schon während meiner ersten Woche lernte, dass sonst niemand pünktlich um 10:00 Uhr da ist und ich vor verschlossener Tür wartete, verlasse ich das Haus erst so gegen zehn. Darüber muss ich dann meist grinsen, weil ich mir wieder einen Alarm in meinem Handy für 09:55Uhr eingestellt habe — aber eigentlich sowieso jede Minute nachschaue wie viel Uhr es ist — und mich dann freue, wenn es Zeit ist zu gehen. Also vielleicht findet das sonst Keiner lustig, aber ich muss immer darüber schmunzeln, dass die anderen einfach so zu spät kommen, während ich quasi geplant zu spät komme und somit gar nicht wirklich unpünktlich bin. Naja…
Jedenfalls verlasse ich das Haus und hoffe, wach genug zu sein für die äußeren Gegebenheiten. Denn während die ersten Meter Bürgersteig echt in Ordnung sind, muss ich mich danach erstmal darauf konzentrieren, nicht in ein Loch zu treten, Erdhaufen auszuweichen und die Straße zu überqueren ohne überfahren zu werden. Das meine ich übrigens tatsächlich ernst. (An manchen Stellen ist der Bürgersteig auch wie in Igel oder Trier — nur wesentlich breiter.)
Bis jetzt schien jeden Morgen die Sonne. Das macht mich glücklich und ich lächele vor mich hin (oder bin in Gedanken und grinse) — alles wie zuhause! Dafür ernte ich einige komische Blicke — alles wie zuhause! Trotzdem gehe ich mit offenen Augen durch die Straßen. Ich sehe Maria- oder Jesus-Statuen in sehr kitschiger Ausführung an der Straße stehen, die übrigens wie die vielen übrigen Denkmäler (oft Dichter oder andere Nationalhelden) von den Einwohnern mit Blumengestecken geehrt werden. Außerdem bleiben meine Augen öfters mal an sehr dünnen Frauen hängen, die mit sehr hohen Absätzen und kurzen Röcken an mir vorbeigehen. Oft denke ich: „Kürzer geht es ja wohl nicht“ oder „Durchsichtiger geht es ja wohl kaum.“ Aber kurz danach sehe ich dann den lebenden Beweis dafür, dass es doch möglich ist. Es ist aber auch wirklich sehr warm! Ich würde sagen, dass ich hier für mein Alter entweder zu dick bin (da keine Bohnenstange) oder aber zu dünn (da nicht schwanger). Das ist nicht böse gemeint, sondern einfach eine Tatsache, dass hier viel jünger geheiratet wird und Kinder recht schnell folgen.
Im Büro angekommen, schalte ich den Computer an und beginne mit meiner Arbeit: deutsche Texte der Homepage ins Englische übersetzen. Zum Mittagessen gehe ich nach nebenan an die Armenküche. Es gibt jeden Tag eine Suppe — sehr fettig, aber echt lecker, und dazu Nudeln oder Kartoffeln oder Reis und Fleisch und manchmal Salat. Da ich Vegetarier bin und es auch bleiben möchte, gibt es für mich also neben der Suppe „nur“ Kartoffeln oder Reis oder Nudeln. Aber die Köchin ist wahnsinnig lieb und schneidet mir ganz oft Gurken oder Tomaten in mein Essen.
Ins Büro kommen die unterschiedlichsten Menschen, die meist nur ein offenes Ohr suchen und über ihre Probleme sprechen möchten. Andere wiederum kommen, um Geld oder Kleider zu spenden. Oder gerade jetzt in der Ferienzeit kommen auch mal einfach Leute von der Malteser Jugend vorbei, die kurz im Büro bleiben, sich unterhaltern, im Internet surfen und wieder gehen.
Gegen 18:00 Uhr verlasse ich das Büro, das direkt gegenüber einer Kirche liegt. Egal ob Alt oder Jung, Mann oder Frau, schick angezogen oder nicht, quasi alle bekreuzigen sich, wenn sie an der Kirche vorübergehen. Und sehr viele gehen auch einfach in die Kirche, knien nieder und beten, stehen wieder auf, trinken „heiliges Wasser“, das in der Kirche steht, küssen Kreuz und/oder Heiligenbilder und gehen wieder. Spannend finde ich wirklich, dass dies die unterschiedlichsten Leute tun — der alte Mann im Anzug, die schwangere Frau, die noch ein kleines Kind vor sich im Wagen schiebt, die arm aussehende alte Frau, die zwei aufgestylten Freundinnen im Teenie-Alter, die ihre Shoppingtour unterbrochen oder beendet haben oder der Mann in den Dreißigern, der seinen Aktenkoffer mit sich trägt — einfach alle.
Genau diese Vielfalt findet man dann auch bei einem Gottesdienst, bei dem ja ausschließlich gestanden oder auf dem Boden gekniet wird. Da stört es niemanden, wenn das Handy klingelt oder ein Baby weint oder Dreijährige lachend durch die Kirche laufen.
Zurück zu meinem typischen Tag: Nach der Arbeit gehe ich öfter mal Lebensmittel kaufen. Obst und Gemüse kaufe ich auf dem Markt bei alten Frauen, weil das erstens mehr Spaß macht und die Waren direkt aus deren Garten kommen. Zurzeit gibt es eine große Vielfalt; vor allem unterschiedliche Melonensorten bekommt man quasi nachgeschmissen.
Alles andere kaufe ich im Supermarkt. Nachdem ich beim ersten Mal den Ausgang zum Eingang machte und von der Security freundlich darauf hingewiesen wurde, ist auch diese Schwierigkeit beseitigt. Zum Kaufen brauche ich wahnsinnig lange, obwohl ich nicht viel brauche. Denn oft stehe ich sehr, sehr lange vor den (Kühl)Regalen. Stellen wir uns vor, ich hätte gerne Butter. Im Regal gibt es einige Sorten davon; mir ist prinzipiell egal, welche ich kaufe. Aber ich gucke mir die verschiedenen Sorten an, gehe Stapel für Stapel durch und erkenne nach ein paar Minuten, dass es keine einzige Butter gibt, deren Haltbarkeitsdatum nicht schon um mindestens zwei Wochen abgelaufen ist. Damit hätte sich das mit der Butter erledigt, denn ich kann und will keine abgelaufenen Lebensmittel kaufen. Das gilt nicht nur für Milchprodukte, sondern auch für sämtliche anderen Lebensmittel, sei es die Tomatensoße oder die Nudeln oder sonst irgendetwas. Das erschwert also das Kaufen. Mir fällt auch jedes Mal aufs Neue auf, dass manche Regale gut gefüllt sind, während es bei anderen sein kann, dass auf dem ganzen Regal vielleicht fünf Shampooflaschen stehen. Und egal, wie groß oder klein das Geschäft ist, es gibt immer eine extra Regalwand mit Wodka.
Wie gesagt, ich kaufe nicht besonders viel, aber wenn ich Sprudel kaufe, dann ist die Tasche doch etwas schwerer. Auf dem Weg nach Hause werde ich dann auch mal mitleidig angeschaut- in einem anderen Zusammenhang wurde ich darüber aufgeklärt, dass Frauen nichts Schweres tragen dürfen, weil sie sonst nicht schwanger werden können. Und tatsächlich, wenn ich mit einem Bekannten einkaufe gehe, kriege ich meine Tasche getragen (da wird man gar nicht gefragt, sondern die Tasche wird einem einfach weggenommen). Daran muss ich mich wohl noch etwas gewöhnen – eigentlich mag ich das nicht so, denn dann fühle ich mich wie ein hilfloses, schwaches Wesen, aber das bin ich garantiert nicht. Vielleicht sollte ich mich auch nicht daran gewöhnen und mich einfach lautstärker beschweren und die Tasche trotzdem selber tragen – auch auf die Gefahr hin, unfruchtbar zu werden (denn dann wäre bei mir sowieso schon Hopfen und Malz verloren).
Montags, mittwochs oder freitags bringe ich noch Essen zu einer alten Frau, die nur ein paar Meter von mir entfernt in so einem alten, heruntergekommenen Hochhaus wohnt.
Dann gehe ich nach Hause und lerne ganz fleißig Vokabeln und etwas Grammatik, damit ich sobald wie möglich mehr verstehe und auch mehr von mir geben kann, denn eigentlich rede ich sehr gerne.
So sieht also mein typischer Tag aus und ich fühle mich auch so, als hätte ich hier einen gewissen Alltag. Selbstverständlich stoße hier immer noch auf neue, spannende Dinge oder wundere mich total über manche Abläufe, aber trotzdem ist ein Alltag eingekehrt. Natürlich sind mir hier noch andere Dinge aufgefallen, die sich mehr oder weniger stark von Deutschland unterscheiden, aber ich habe schon wieder so viel geschrieben und notiere mir ganz fleißig Auffälligkeiten, sodass ich diese beim nächsten Mal aufgreifen kann. Ich bemühe mich auch, bald mal Fotos zu schicken. Wenn jemand noch mehr wissen möchte, kann ich auch gerne noch die eine oder andere Anekdote erzählen oder oben Geschriebenes ausführen.
Ich hoffe, dass ihr Freude beim Lesen hattet und freue mich auch wieder über Rückmeldungen,
bis dahin macht’s gut und viele liebe Grüsse!
Judith