Ukraine: 3. Rundbrief von Judith Reichert

28. Januar 2010 von judith.reichert

Liebe Solidaritätskreismitglieder,
liebe Freunde, Verwandte und Bekannte,
liebe Zurückgebliebene,

wie versprochen, ich berichte wieder von meinen Erfahrungen und Erlebnissen in der Ukraine.

Ich warne schon einmal vor, seit dem letzten Rundbrief ist einige Zeit vergangen, und ich habe wahnsinnig viel erlebt….das wiederum bedeutet für mich viel „Schreibarbeit“ und für euch viel „Lesearbeit“. Denn auch auf die Gefahr hin, dass ich irgendwann nicht mehr viel Neues zu berichten habe, möchte ich möglichst zeitnah berichten, was ich erlebe und nichts zurückhalten. So kann ich jedes Mal etwas ganz Spannendes möglichst lebendig berichten . . .

Um all diejenigen zu beruhigen, die es bevorzugen, in kurzen Abständen kleinere Text zu lesen, bekommt jede Erfahrung eine eigene Überschrift und einen eigenen Text, sodass nicht alles auf einmal gelesen werden muss.

Noch eine Anmerkung: Nachdem gewisse Personen daran zweifelten, dass ich der deutschen Sprache und vor allem der deutschen Rechtschreibung mächtig sei, bemühe ich mich nun sehr sowohl Tippfehler als auch offensichtliche Rechtschreibefehler zu vermeiden.

Aber nun geht es endlich los…

Alles, was ich beim letzten Mal „vergessen“ habe…

Ich las mir den letzten Rundbrief noch einmal durch und stellte fest, dass zwar nun jeder weiß, wie mein Tag aussieht und auch verschiedene andere Auffälligkeiten der Ukraine kennt, aber rein gar nichts über die Menschen weiß, mit denen ich fast tagtäglich zu tun habe und wie ich empfangen worden bin.

Also, da wäre zunächst einmal mein Chef namens Roman. Er spricht richtig gut deutsch und ich bin ihm auch sehr dankbar, dass er recht viel deutsch mit mir spricht – auch jetzt noch, nachdem ich schon fast drei Monate hier bin. Er weiß viel und ist immer informiert über Dinge, die in der Welt so vor sich gehen und berichtet mir davon. Vor allem über das Verhältnis zu Russland werde ich immer ausführlich informiert, wobei mir das Ganze manchmal zu sehr nach „Panikmache“ aussieht. Aber ich bin eigentlich nicht in der Lage, darüber wirklich zu urteilen, weil ich erstens gar nicht genau sagen kann, wie subtil (oder auch nicht) Russland vorgeht, um die Ukraine und vor allem ihre Einwohner zu beleidigen, und zweitens kenne ich das Gefühl nicht, unterdrückt worden zu sein und nun die quasi neu erlangte Freiheit eventuell wieder verlieren zu können. Jedenfalls bin ich eines schönen Tages nicht mit den Worten „Guten Morgen“ begrüßt worden, sondern mit der Frage „Was machst du, wenn der Krieg kommt?“.

Des Weiteren arbeiten im Malteserbüro noch Ira und Lesja. Diese beiden sind von ihrem Auftreten und auch von ihrem Charakter her unterschiedlich. Jedenfalls sind die beiden auch wahnsinnig lieb zu mir (warum könnt ihr später lesen). Die beiden verstehen sich auch sehr gut – neben der Tatsache, dass sie zusammen bei den Maltesern arbeiten, haben sie auch gemeinsame Freunde und verbringen auch öfter mal Sonntage gemeinsam. Lesja spricht mit mir englisch und auch etwas deutsch, Ira einen lustigen Mix aus englisch, deutsch und ukrainisch.

Aber ich treffe auch öfter mal auf verschiedene Mitglieder der Malteser Jugend, von denen ich auch ein sehr, sehr positives Bild habe. Sie albern schon mit mir rum und fragen immer ganz freundlich wie es mir geht.

Die Atmosphäre im Büro mag ich sehr gerne: es wird viel geredet und gelacht, aber natürlich auch gearbeitet. Und es ist chaotisch: „Wo ist nochmal…?“ ist eine häufige Frage und Notizen werden einfach auf den nächst besten Zettel geschrieben, aber das mag ich ja. Ständig kommen Malteser und andere Freunde hereingeschneit. Meist klären sie irgendwelche Fragen zu irgendwelchen Themen, und dann bleiben sie noch etwas da, trinken Tee oder Kaffe. Manche bringen auch Süßigkeiten oder Kuchen mit.

Da fällt mir ein, dass Lesja einen großen Garten hat und aus diesem Grund zurzeit sehr oft Äpfel, Birnen und Nüsse mitbringt oder auch mal selbst gebackenen Kuchen. Oder jemand geht eine Melone kaufen. Mindestens einmal in der Woche gibt’s Milch. Also sehr zum Wohlfühlen!

Das ist auf der einen Seite natürlich sehr erfreulich, auf der anderen Seite komme ich mir dann immer etwas schlecht vor. Wenn ich mal etwas habe zum Mitbringen, dann mache ich das zwar, aber ich kenne noch nicht viele Produkte aus dem Süßigkeitenregal und auch nicht die Vorlieben der Malteser. So viel also dazu, ein Foto zeigt Büro und Mitarbeiter.

Mir fiel außerdem noch auf, dass mich fast alle männlichen Erwachsenen zum Kennenlernen die folgenden Dinge in dieser Reihenfolge fragten:
Wie heißt du? Wie viele Geschwister hast du? Was ist dein Vater von Beruf? Was ist deine Mutter von Beruf? Wie hat sich die Finanzkrise auf dich und deine Familie ausgewirkt? Im Ukrainischen fragt man übrigens nicht „Was bist du von Beruf?“, sondern „Wer bist du von Beruf?“.

Weitere Auffälligkeiten

Diese führe ich allerdings eher thesenartig auf, weil es sonst echt jeden Rahmen sprengen würde.

Auch vergessen beim letzten Mal: die Gurken hier sind einfach total super. Sie sind etwas größer als Gewürzgurken in Deutschland und schmecken sooooo köstlich, so richtig nach Gurke und weniger nach Wasser. Auch alle anderen Gemüsesorten und so manche Obstsorte schmecken hier wesentlich besser. Mehr Geschmack, weniger künstlich. So auch die Malzeiten einfach natürlicher „mit ohne“ künstlichen Zusatzstoffen.

Ich bin die letzte Zeit ganz schön rumgekommen, und da fiel mir noch etwas auf: Die Friedhöfe:
Grabsteine gibt es nicht so viele, sondern mehr einfache, schmale Kreuze, meistens blau. (Leider kann ich sehr schlecht schätzen, aber sie sind sehr hoch im Vergleich zu gewohnten Grabsteinen.) Wie die gesamte Natur, ist auch der Friedhof wilder – keine Wege, wie auf deutschen Friedhöfen. Auch das Bepflanzen wie in Deutschland ist hier nicht so üblich. Stattdessen gibt es mehr Blumengestecke und Kränze. Diese oft mit zweifarbigen Rosen oder für mich sehr „unnatürlich“ aussehende Rosen in rosa und blau. Ich finde es unglaublich schwer, diese Gestecke mit Worten zu beschreiben, also könnt ihr ein Foto bewundern. Oft ist ein Foto des Verstorbenen an den Kreuzen angebracht – schwarz/weiß oder auch in Farbe, in richtige Steine dann eingraviert. Am Rand vieler Friedhöfe stehen Bänke und Tische.

Handys: jeder hat eins oder gleich mehrere, oft von Nokia. Sie klingeln ständig und immer….und nerven mich etwas.

Wenn man nicht gerade in der Innenstadt wohnt, so hat man einen Garten. Dort wird alles angepflanzt, was man halt so zum Leben braucht. Selbstverständlich variiert das je nach Größe des Gartens. Der Garten ist also wirklich Nutzfläche und nicht ein Ort des Entspannens oder Grillens oder wie auch immer – im Ukrainischen heißt es übrigens nicht nur einfach „Garten“ wie im Deutschen, sondern es gibt den Gemüsegarten und den Obstgarten.

Alles wird eingezäunt, sodass man beim Autofahren auf jeder Straßenseite eine lange Zaunreihe sieht, oft grün oder blau und meist richtige Platten aus Metall (oder was weiß ich, jedenfalls hart und etwas das rosten kann) – in den Vororten der Stadt jedenfalls. Auf dem Dorf sieht man auch einfach viele Holzzäune.

Mittlerweile sind es schon weniger geworden, aber als ich ankam war es wirklich so: Am Wochenende Hochzeiten am laufenden Band. Alle sehr, sehr schick, vor allem natürlich die Braut stets im schneeweißen Kleid und die Brautjungfern in unterschiedlich farbigen, figurbetonten Kleidern…und natürlich Stöckelschuhen in silber, „knallfarben“ oder eher langweilig in schwarz oder weiß.
Hochzeitsauto stark verziert, gehupt wird auch hier sehr kräftig.
Die eine Hochzeitsgesellschaft verlässt gerade die Kirche, da strömt die nächste schon rein.

Hier sind die Rollen noch ganz klar verteilt: die Frau ist für den Herd und die gesamte Hausarbeit und die Kinder zuständig. Schon bei mehreren Gelegenheiten konnte ich feststellen, dass ein Mann am Herd unvorstellbar ist. Das Schneiden von Gemüse und alles, was sonst noch zum Kochen gehört, bleiben also der Frau vorbehalten. Der Mann ist halt eher fürs Grobe zuständig und fürs Feuermachen und Grillen.
Also es gibt schon Berufsköche und bei den Maltesern gibt es auch Kochkurse, an denen auch Jungen teilnehmen, aber in der Praxis habe ich bis jetzt jedenfalls nur Frauen Gemüse schneiden und kochen sehen.

Viele Menschen und auch Jugendliche in meinem Alter und jünger haben noch die Narbe von der Pockenimpfung. Das ist in Deutschland garantiert nicht so, denn wenn mich nicht alles täuscht, gelten die Pocken als ausgestorben. Falls diese Angabe falsch ist, so lasse ich mich natürlich gerne eines Besseren belehren, aber geimpft wird jedenfalls in Deutschland nicht mehr dagegen.

Wie man hoffentlich schon im ersten Abschnitt erkennen konnte, sind die Ukrainer ein wahnsinnig gastfreundliches, herzliches Völkchen und sie küssen sich sehr gerne zur Begrüßung und zum Abschied auf die Wangen.

Ich vermute mal, dass der Sozialismus und seine zentralistische Regierung daran „schuld sind“, jedenfalls wird der Müll noch an zentralen Stellen gesammelt und folglich hat kein Haus eine eigene Mülltonne. Mülltrennung gibt es noch nicht, einzig und allein die Plastikflaschen kommen in einen eigenen Container. Auch die Post wird an zentralen Stellen gesammelt. Mal ist das ein Geschäft, mal gibt es grüne Briefkästen. Jedenfalls sind diese Kästen oft sehr heruntergekommen und kaputt und das lässt mich daran zweifeln, ob das System funktioniert.

Pakete werden übrigens an der Grenze geöffnet und sehr gründlich „durchsucht“ – dabei kann beim Empfänger auch gerne mal weniger ankommen, als der Absender ursprünglich abschickte.

Plastiktüten über Plastiktüten… sogar auf dem Markt erwerbbar, BMW oft vertreten, aber auch andere ausländische Firmen und Plastiktüten mit Leopardenmuster oder kariert. Ich habe mal gehört, dass es in der Sowjetzeit eigentlich keine Plastiktüten gab oder wenigstens nur ganz wenige „reichere“ Menschen diese besaßen. Die Plastiktüte heute also als Statussymbol und allgemein einfach für alle zugänglich.

Ich weiß nicht, ob ich das schon einmal erwähnt habe, aber der Alkohol und vor allem Horilka (ukrainischer Wodka) kostet quasi nichts, Zigaretten auch. Dass das nicht gerade hilfreich ist, wenn ein Großteil der Bevölkerung ein Problem mit Alkohol hat, versteht sich von selbst. Aber wahrscheinlich wird das Problem mit dem Alkohol nicht als Problem angesehen…

Iwano- Frankiwsk

Im Stadtzentrum stehen noch sehr, sehr viele, sehr, sehr schöne alte Häuser aus österreich-ungarischer Zeit. Manche von ihnen sind gepflegt, andere dagegen sehen sehr zerfallen aus. Das wiederum hat zwar einen gewissen Charme, zeigt aber auch sehr deutlich, dass kein Geld dafür da ist, daran etwas zu ändern. Je weiter man sich vom Stadtzentrum entfernt, desto höher werden die Häuser. Die meisten von ihnen sind grau und sehr alt. Auch sehr schwer mit Worten zu beschreiben, deshalb ein Foto.

Auch in einem sehr verfallenen Haus findet man „weiter unten“ Leuchtreklame und Moderneres.

Im Stadtzentrum gibt es übrigens an zwei Plätzen so ganz moderne Reklametafeln. Wahrscheinlich ist auch das das falsche Wort, ein Foto muss her.

Es gibt viele kleine „Grünanlagen“ in der Stadt und vieles weitere sehr interessante, wer es mal sehen möchte, der muss entweder im Internet suchen oder mich besuchen kommen, denn ich beende jetzt die Beschreibung. Vielleicht greife ich es irgendwann noch einmal auf, wenn ich sonst nichts zu berichten habe, aber im Moment muss das genügen.

Heiraten…

Wie ich schon einmal erwähnt habe, heiratet man hier recht früh- die meisten im Alter von 18 bis Mitte 20. Hat man „unerlaubterweise“ schon Sex vor der Ehe und daraus entsteht ein Kind, wird ganz, ganz schnell geheiratet.

Die beiden Frauen, mit denen ich arbeite, sind beide nicht verheiratet. Mit Lesja hatte ich schon Mal ein Gespräch über die Ehe. Sie erzählte, dass eigentlich sonst alle Frauen aus Schul- und Studienzeit verheiratet sind. Allerdings sind viele von ihnen jetzt nicht glücklich. Daraufhin habe ich gesagt, dass ich mir vorstellen könnte, dass es zum Teil auch daran liegen könnte, dass der Charakter, wenn man noch so jung ist, noch nicht vollständig geformt und gefestigt ist und man später dann feststellt, dass der Partner doch nicht der Richtige war. Sie stimmte mir zu, sagte aber zugleich, dass hier die Leute größtenteils anders denken: Wenn man noch jung ist, kann man sich einfacher an Dinge und Eigenschaften am Partner gewöhnen, die vielleicht nicht so toll sind. Je älter man dagegen würde, desto schwieriger sei es. Sie selbst ist wie gesagt, noch nicht verheiratet, will den absolut richtigen Partner finden, aber der Druck der Gesellschaft sei riesengroß. Wenn eine Frau über 25 noch nicht verheiratet sei, würden alle anfangen zu reden, und man würde sagen, dass sie nicht ganz richtig sei.

Ausflüge

Wie schon weiter oben erwähnt, sind Ira und Lesja wirklich sehr nett zu mir:

Wenn sie am Sonntag Ausflüge machen, dann werde ich immer gefragt, ob ich nicht mitkommen möchte. Da ich natürlich so viel wie möglich sehen und erleben möchte, fahre ich eigentlich auch immer mit – es sei denn, ich habe schon etwas anderes vor. Mit von der Partie sind jedenfalls auch immer andere Freunde. Von einigen Personen bin ich sehr fasziniert, weil sie einfach so naturverbunden sind. Wir gehen zum Beispiel über eine Wiese spazieren, es wachsen auch Kräuter, ein paar gekonnte Handgriffe und ich bekomme einen unglaublich köstlichen Tee angeboten. So konnte ich jedenfalls schon viel schöne Natur und alte, verfallene Schlösser bewundern. Details erspare ich euch, aber jedenfalls bringen Alle immer ganz viel zu Essen für alle mit: leckeres Gemüse und Eier und Melonen und Brot und einfach alles. Ich weiß nie, ob ich etwas mitbringen soll und frage auch immer, aber die Antwort ist stets gleich: bring nichts mit, bei mir im Garten gibt es so viel, du musst nicht extra etwas kaufen. Irgendwie stimmt das schon, aber ich bringe meine Lieblingssüßigkeit mit – es ist die einzige, die ich kenne und ich bin so begeistert davon, dass ich gar keine andere mehr kennenlernen will, so etwas fehlt meiner Meinung nach in Deutschland.

So gehen wir also immer schön spazieren und schauen uns schöne Dinge an, fahren mit dem Malteserbus und halten irgendwo an und essen und trinken. Ich bin immer total begeistert und beschwingt, wenn ich von einem dieser Ausflüge zurückkomme.

Ich bin – auch in Deutschland – einfach so, dass ich nur esse, wenn ich wirklich Hunger oder aber Lust auf irgendetwas habe. Essen die anderen und bieten mir zum Beispiel Melone an und ich lehne ab, weil keiner der beiden Fälle zutrifft, dann stößt das auf Unverständnis und ich muss erklären, warum ich jetzt nichts davon haben möchte. Das ist immer das gleiche.

Wo ich schon gerade beim Thema Essen bin:
Aufgrund meines Vegetarierdaseins werde ich mittlerweile von fast allen einfach nur belächelt oder auf den Arm genommen oder kann mir so blöde Sprüche anhören, dass ich in Deutschland ja gerne Vegetarier sein könnte, aber nicht in der Ukraine, wo so viel Fleisch gegessen wird. Ich finde das eigentlich einfach nur blöd, weil ich ja nicht verlange, dass jemand extra für mich etwas anderes kocht, sondern ich einfach nichts esse, das Fleisch enthält und ich damit ja keinem wehtue. Aber es gibt auch verständnisvollere Menschen, die mir sogar extra etwas kochen, obwohl ich das in keinster Weise verlangt oder erbeten hätte. Wenn so jemand mir extra das Essen ohne Fleisch zubereitet, dann springe ich sogar über meinen Schatten und esse, auch wenn ich weder Hunger noch Lust darauf habe.

Das Leben auf dem Lande

Es ist Dienstagnachmittag, ich treffe Lilja und ihren Mann, der englisch spricht, an der Bushaltestelle und ab geht die Reise. Wir fahren zu Liljas Eltern, die in einem Dorf anderthalb Stunden Busfahrt von Iwano-Frankiwsk entfernt.

Bus fahren ist lustig wie immer – ich habe mich inzwischen echt an die schlechten Straßen gewöhnt. Irgendwann hört die geteerte Straße auf, und wir fahren auf Kies weiter. Die Sonne scheint, es ist sehr warm, vor allem im gut gefüllten Bus.

Ich fühle mich wie im “Niemalsland”, einsam und verlassen liegt, umgeben von vielen Hügeln, das Dorf, in dem es kein Handynetz gibt. Um 19:00 Uhr kommen wir an, ich bin überrascht wie dunkel und frisch es schon ist. Wir gehen zu dem Grundstück von Liljas Eltern. Schon auf dem Weg fällt mir Einiges auf: ich sehe die großen Grundstücke, auf denen ein kleines Wohnhaus und mindestens zwei weitere kleine Gebäude stehen, zur „Straße“ hin ein Zaun, es laufen Hühner und Gänse einfach so auf der „Straße“. Ich rieche die Landluft und erblicke einen Dorfbrunnen.

Wir kommen auf dem Grundstück an: Holzzaun, links von mir schön blühende Blumen, ein Brunnen, rechts eine Art Stall, in dem allerdings außer zwei Katzen und zwei Katzenbabys keine weiteren Tiere wohnen. Ein Haus für die Hühner, ein Wohnhaus, ein Holzschuppen, ein Plumpsklo. Dahinter liegt der Garten- riesengroß und voller Gemüse.

Wir betreten das Wohnhaus: Wenn man zur Tür hereinkommt, ist da ein kleiner „Empfangsraum“ – ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll – ein Sofa, ein Tisch, Blumen, ein Schrank, ein kleines Regal. Die Tür geradeaus führt in die Küche, links ein Schlafzimmer (1 Bett, 1 großer Schrank, 1 Tisch, 2 Stühle, ein Kühlschrank), rechts auch ein Zimmer. In diesem steht ein Schrank, eine Vitrine, ein Esstisch, 3 Stühle, eine Couch, ein kleines Schränkchen mit Fernseher darauf, 2 Betten, etwas, das aussieht wie eine Mikrowelle, aber arbeitet wie ein kleiner Ofen. An den Wänden hängen verschiedene Bilder von Jesus und Maria sowie Teppiche.

Die Küche sieht wie folgt aus: 1 Schrank, in dem Gläser stehen und verschiedene Medikamente und „Waschzeug“, unten im Schrank befindet sich das selbstgebackene Brot; eine Bank, 1 Tisch, auf dem das wenige Geschirr steht, das vorhanden ist: meist wird es gespült und einfach auf diesen Tisch zum Trocknen gestellt, bis es das nächste Mal gebraucht wird (Abgetrocknet wird übrigens überhaupt nicht – auch in der Stadt nicht); den meisten Platz nimmt die Kochstelle ein. Diese wiederum besteht aus zwei Teilen. Mir fehlen die richtigen Worte, um sie korrekt zu beschreiben, aber jedenfalls ist sie gekachelt. Rechts in mittlerer Höhe eine Klappe, um etwas hinein zu schieben. Links hat dieses gekachelte Etwas die Höhe einer Küchenarbeitsplatte. Es liegen so schwarze Platten darauf, die ganz heiß werden, wenn darunter ein Feuer angezündet wird. Ja genau, nichts mit Strom oder Gas, sondern Feuer.
Neben dem Schrank an der Wand hängen ein kleiner Spiegel und ein Handtuch. Darunter stehen 3 Eimer gefüllt mit Wasser und eine Waschschüssel steht auf dem Boden.

Das einzige, das mich darauf schließen lässt, dass ich nicht gerade in ein vergangenes Jahrhundert gereist bin, ist ein Wasserkocher und das Ding, das aussieht wie eine Mikrowelle und der Fernseher.

Soviel zu der Wohnsituation, jetzt zu Liljas Eltern und ihrer Oma. Letztere ist so eine typische Babusja. Ich werde sehr herzlich empfangen, gedrückt, geküsst, alles.

Ich bin ehrlich traurig, dass ich mich noch nicht unterhalten kann, denn sie erzählen mir sehr viel, obwohl sie wissen, dass ich Deutsche bin und noch nicht viel verstehe.

Wir trinken Tee und essen Brot, ich dachte, dass dies das Abendbrot sei, aber zwei Stunden später gab es dann noch mal warmes Essen.

Es wurde Abend und es wurde Nacht, der nächste Tag:

Ich höre Geräusche… es ist halb acht, ich würde lieber noch weiter schlafen, aber es geht nicht, ich bin wach. Liljas Mama und Lilja bereiten das Frühstück zu. Die Sonne scheint, und es ist auch schon warm, was ich feststellte als ich auf die Toilette ging.

Ich glaube, dass kann man sich gar nicht so richtig vorstellen, wenn man das nicht mal erlebt hat.

Zum Frühstück gibt es Tee, ich esse Brot mit Butter und Marmelade, während der Rest Nudeln mit Speck zum Frühstück isst.

Es heißt umziehen – ich bekomme komplett alles von Lilja obwohl ich mir „Arbeitskleidung“ mitgebracht habe. Aber die sei zu schade und zu sauber für das arbeiten auf dem Feld. Und los geht der Spaß, die Kartoffelernte.

Ah halt, vergessen… eine Kutsche ohne Dach, gezogen von Pferden hält auf der „Straße“ in Höhe des Hauses. Das Tor wird geöffnet, der Holzwagen gegen einen Pflug getauscht und es geht über das Grundstück in den Garten. Einmal über das Kartoffelfeld damit. Ich weiß gar nicht richtig, wie ich mich fühlen soll: auf jeden Fall erst mal fasziniert, denn so etwas habe ich noch niemals in meinem Leben gesehen; erstaunt, dass das tatsächlich gerade vor meiner Nase passiert; irgendwie surreal, weil wir im 21. Jahrhundert leben und das gerade passiert, gerade mal weniger als 2000 Kilometer von zuhause entfernt; sprachlos.

Dann geht die Kartoffelernte los. Eine kleine Hacke als Werkzeug muss reichen. Mit der Hacke hackt man durch die Erde, um wirklich alle Kartoffeln ans Licht zu bringen. Man sammelt sie auf und befördert sie in einen Eimer. Sortiert wird nach Größe und Farbe, denn neben „normalen“ Kartoffeln gibt es auch rote und grüne. Die ganze Arbeit macht man gebückt. Die Sonne knallt, es ist echt heiß und die Arbeit wirklich anstrengend.

Lilja ist schwanger und hilft nicht so viel bei der Ernte, aber deshalb bringt sie zwischendurch etwas zu trinken und wütet in der Küche.

Irgendwann tut mir alles weh, und ich bin froh, als es um drei Uhr Mittagessen gibt: Borschtsch und dann noch „Kohlwickel“. Nach einer kurzen Pause geht es also weiter mit der Kartoffelernte. Mittlerweile sind noch drei Dorffrauen dazu gestoßen und helfen kräftig mit.

Am Abend kommt wieder der von Pferden gezogene Holzwagen, und die Männer laden die gefüllten Kartoffelsäcke darauf und dann wieder im „Stallhaus“ab. Mehrere Dorfbewohner haben sich mittlerweile am Zaun versammelt – eine Deutsche ist da… Ich war die große Attraktion. Viele konnten „Guten Tag“ und weitere Kleinigkeiten auf Deutsch sagen, was mich wirklich erstaunte. Verheiratete Frauen tragen alle ein Kopftuch. Ich finde, dass alle unglaublich alt aussehen und die Haltung der ganz alten Frauen lässt darauf schließen, dass sie in ihrem Leben schon viele Male Kartoffeln geerntet haben. Tiefe Falten im Gesicht, die Haut sieht einfach sehr alt aus – verständlich bei den Lebensumständen. Fleißig werde ich gefragt, wie es mir gefällt und vor allem was ich von den Männern halte, die die Pferde angetrieben haben.

„Ich kenne sie doch gar nicht“ meine Antwort. Aber wie sie mir gefallen würden gleich die nächste Frage.

Am Abend gab es dann wieder warmes Essen. Ich war echt geschafft, platt, müde und alles tat mir weh.

So, das war also jetzt eine Kartoffelernte, dachte ich sehr naiv und schlummerte friedlich vor Erschöpfung. Am nächsten Morgen waren die Männer schon wieder da, sie fuhren wieder mit dem Pflug über das Feld – und wieder kamen sehr, sehr viele Kartoffeln zum Vorschein. Und so folgte ein weiterer Tag in gebückter Haltung mit schmerzenden Knochen und schmerzenden Muskeln, von denen ich gar nicht wusste, dass es sie gibt. Also zumindest mein Körper wird bei dieser Arbeit sehr ungewohnt beansprucht. Es gab wieder dreimal warmes Essen und am Abend waren mehr Leute da, es wurde getrunken, denn das Werk war tatsächlich vollbracht – nach 2 ganzen Tagen voller Arbeit und Schmerzen endete die Kartoffelernte. Die Schmerzen kann man gar nicht nachempfinden, und während ich das nun einmal in meinem Leben gemacht habe, machen die Dorfbewohner das ihr Leben lang.

Nach so viel Arbeit auf dem Feld war ich schmutzig und irgendwo tief unter dem Schmutz verdeckt auch braun. Also waschen wäre jetzt nicht schlecht. Und dann erkannte ich, warum Duschen einfach so unglaublich toll ist. Man fühlt sich sauber, und es ist vor allem nicht so wahnsinnig umständlich. Haare waschen war mein persönliches Highlight. Und wieder schlummerte ich friedlich.

Am nächsten Morgen quälte ich mich richtig aus dem Bett – alles, einfach alles tat mir weh. Nach dem Frühstück jedoch waren die Schmerzen zumindest kurz vergessen, denn ich durfte eine Kuh melken! Das fand ich wahnsinnig toll, weil ich das auch noch nie zuvor gemacht habe. Dann durfte ich die Milch auch probieren und mitnehmen. Herrlich!

Danach ging ich noch eine Runde spazieren und guckte mir die wunderschöne Landschaft an. Auf meinem Weg traf ich auf Jungen, die die Kühe hüteten – wie in Heidi – und alte Frauen, die mit ihrer Kuh spazieren gingen. Das klingt jetzt vielleicht etwas lächerlich, aber die Frauen halten tatsächlich eine Leine in der Hand und gehen mit der Kuh durch die Gegend. Ich glaube auch zu wissen, woher das kommt (das ist allerdings nur meine Theorie, vielleicht stimmt es auch nicht): Damals, als es nur die Kolchosen gab und die Menschen durch diese Arbeit nicht wie versprochen genug Materialien zum Leben bekamen, sondern auf ihrem ohnehin schon kleinen Grundstück weiteres Gemüse anbauen und Tiere halten mussten. Kein Platz und kein Gras zum Fressen für die Kühe. Das meiste andere Land gehörte ja zur Kolchose und so ging man mit den Tieren spazieren, damit diese dann das Gras am Wegrand fressen konnten. Vielleicht zäunen die Ukrainer auch deshalb alles ein, weil sie endlich tatsächlich Land besitzen, das sie das markieren wollen oder sie so das Gefühl haben, ihr Land zu schützen.

Und schon war meine Zeit auf dem Land abgelaufen. Bepackt mit Milch, Obst, Kartoffeln und Gemüse verließ ich das Dorf – natürlich nicht, ohne sehr nett verabschiedet worden zu sein und festzuhalten, dass ich auf jeden Fall noch einmal kommen möchte. Doch wegen des Muskelkaters sollte ich in den folgenden Tagen noch öfter an das Dorf denken.

Meine Ukrainischkenntnisse

Obwohl ich wirklich fleißig lerne und Unterricht bekomme, ist das Ganze für mich noch nicht wirklich zufriedenstellend. Wenn sich Leute unterhalten, verstehe ich schon viel, was mich sehr freut. Aber wenn längere Zeit kein einziges Wort fällt, das ich kenne, dann bekomme ich überhaupt gar nichts mehr mit. Das ist aber auch wirklich blöd, bei so vielen Tausenden von Wörtern, die es gibt, welche lerne ich zuerst? Besser erst irgendwelche Floskeln lernen, ohne deren Grammatik zu begreifen oder die Grammatik sofort mitlernen?
Das Reden ist auch noch eine echte Hürde für mich. Ja, ja, ich vermisse, einfach drauf los zu reden und dabei verstanden zu werden. Kopf hoch, weiter lernen und hoffen, dass es schon bald besser wird! – das ist die Devise.

Eine Hochzeit auf dem Land

Ich konnte mein Glück kaum fassen, als ich die Nachricht bekam, dass ich zu einer Hochzeit eingeladen worden bin, in dem Dorf, in dem Liljas Eltern wohnen.

Doch erst die Arbeit, dann das Vergnügen, bevor die Hochzeit kam, war ich einen ganzen Tag bei Lilja und wir haben ganz fleißig gebacken und gebacken und gebacken. Lilja kann ganz toll backen, es schmeckt echt göttlich. Das war übrigens der Tag, an dem der Schnee fiel.

Letzten Freitag, dann hieß es Abfahrt und schon morgens nahmen wir den Bus ins Dorf.

Dort angekommen, begrüßte uns eine kleine Menschentraube. Ich freute mich, all die Gesichter wieder zu sehen, und sie freuten sich auch, mich zu sehen, wieder wurde ich gedrückt und alle fragten ganz freundlich, wie es mir geht.

Nachdem wir kurz bei Lilja waren, gingen wir zum Grundstück gegenüber, denn dort fand die Hochzeit statt. Noch nicht am Freitag, sondern am Samstag, aber vor der großen Feier musste schließlich noch Einiges erledigt werden. Dieses Grundstück konnte man gar nicht verfehlen, denn über dem Tor hing ein Bogen aus Grünzeug mit Papierblumen und Bändern.

Echt toll, dass wir so früh gefahren sind, dass ich auch die Vorbereitungen mitbekam.

Ein Festzelt, gefüllt mit Tischen und Bänken stand schon. Die Männer waren am Werk. Frauen dekorierten es und wahnsinnig viele andere Frauen arbeiteten auch ganz fleißig. Diese nämlich bereiteten schon das Essen zu. Fisch und Kartoffeln und Gemüse und Fleisch selbstgebackenes Brot und, und, und… Es waren wahnsinnige Mengen.

Zusammen mit Lilja und weiteren Frauen arbeiteten wir weiter am Kuchenbestand. Ich durfte mit dem Mixer sehr süße Buttercreme rühren, und schon das war bei der großen Menge sehr anstrengend. Denn die Schüsseln waren Waschschüsseln und die sind sehr groß.

Es war wirklich viel Arbeit, aber für mich auch sehr spannend zu sehen, wie alle Dorffrauen zusammenkommen und bei der Arbeit helfen. Allein ein ganz riesiges Regal voller Kuchen entstand und dazu ja noch all das andere Essen.

Irgendwann kam die Braut und meinte, dass ich mitkommen solle. Zusammen gingen wir ins Festzelt, wo schon viele andere Menschen waren. Kinder und Unverheiratet machten also zwei Kränze aus Grünzeug für Braut und Bräutigam. Dabei wurde gesungen, und wieder wurde ich zum Schmunzeln gebracht, als mich eine Frau fragte „Kennst du schon meinen Sohn Wolodna? Dort drüben ist er.“ Nachdem die Kränze dann auch noch dekoriert waren, kam der Bräutigam mit einem runden Brot, auf dem Geldscheine lagen. Er hielt das Brot, ein Mädchen den Kranz. Sie nahm das Geld runter und legte den Kranz auf das Brot. Der Bräutigam nahm Brot und Kranz und wird von allen, die geholfen haben, die Kränze zu machen, mit dem übrig gebliebenen Grünzeug beworfen. Dasselbe Spiel dann noch einmal.

Danach sammelte die Braut das Grünzeug auf und alle gingen vor das Grundstück – alle außer mir, denn ich wollte Lilja etwas fragen, wurde dann aber schnell zurückgepfiffen, um auch diesen Spaß mitzumachen. Die Braut bewarf nämlich alle dort Stehenden mit dem Grünzeug. Und ich bekam dann extra von einem jungen Mann einen Strauß geschenkt.

Dann wollte ich wieder zu Lilja, aber nein, ich sollte jetzt erst ins Festzelt gehen, denn dort gab es Essen und Trinken. Da ich nun einmal Vegetarier bin und alle Speisen Fleisch beinhalteten, bekam ich – wieder ohne darum gebeten zu haben – einen Extrateller. Ich wurde sowieso schon die ganze Zeit sehr misstrauisch beäugt – oh mein Gott, ein fremdes Gesicht! Und das sollte dann noch schlimmer werden. Dann musste ich erklären, dass ich Vegetarier sei und deshalb eine „Extrawurst“ bekomme und unterhielt mich danach mit einem Mix aus englisch und ukrainisch. Ich kann gar nicht sagen, wie dankbar ich bin und war, weil sie einfach so freundlich sind!

Danach gab es Musik und wir tanzten und hatten Spaß, viel Spaß.

Um 2 Uhr nachts verließen wir dann die anderen und gingen zu Lilja. Ich bekam erst einmal einen Schock, weil ich im Haus meinen Atem sehen konnte…

Lilja und deren Mutter und Oma fanden es total toll, dass ich mit den anderen getanzt habe, und ich verstand nicht so ganz warum. Und gerade jetzt in diesem Moment des Tippens fällt es mir ein: ich wurde auch immerhin von zwei jungen Männern zum Tanzen aufgefordert und wahrscheinlich hat ihnen das solche Freude bereitet.

Ich schlief – genau wie beim letzten Besuch – in dem Zimmer mit dem Fernseher, auch das andere Bett und das Sofa waren besetzt, auf allen Schlafmöglichkeiten, die das gesamte Haus bot, verbrachte jemand die Nacht.

Am nächsten Morgen dann wurde ich wieder vom Geräuschpegel der Frühstücksvorbereitungen geweckt. Es war so kalt! Nachdem ich auch noch raus musste – das Plumpsklo im Garten – beschloss ich, erst einmal zwei Hosen, Pulli plus Fleecepulli, 2 Paar Socken und einen Schal im Haus (!!!) zu tragen. Danach war es erträglich, aber bei weitem nicht warm. Zum Glück gab es dann schön heißen Tee zum Frühstück.

Nachdem ich geraume Zeit im Haus verbrachte und mich dem Ukrainischlernen widmete, ging ich wieder zum Grundstück gegenüber, denn die Vorbereitungen gingen munter weiter. Gestern noch fremde Gesichter begrüßten mich an diesem frühen Vormittag mit einem Lächeln. Schnell war eine Aufgabe für mich gefunden: Die gefühlten tausend Kuchen mussten geschnitten und auf Schälchen verteilt werden. Der Kuchen übrigens nicht rund, sondern viereckig wie das Backblech. Dieses Viereck wurde dann erst einmal in Streifen geschnitten und diese Streifen dann wieder geteilt, so dass lauter kleine Vierecke entstanden. Die Grundfläche war ziemlich quadratisch, allerdings war der Kuchen um einiges höher als breit (oder lang). Diese „Arbeit“ war gar keine richtige, denn ständig waren die Finger voller Buttercreme; die mussten dann natürlich abgeleckt werden und probieren musste man natürlich auch, denn schließlich sollen die Gäste nur guten Kuchen vorgesetzt bekommen. Das empfand ich auch als sehr lustig: Ständig unterbrachen auch die Anderen ihre Arbeit, um zum Kuchen zu kommen und munter zu probieren. Also das war wirklich sehr amüsant und danach hatte ich auch das Gefühl, jeden Kuchen zumindest einmal probiert zu haben – alle waren sehr köstlich. Leider war diese Arbeit irgendwann beendet, und da auch sonst alles fertig war, ging ich wieder rüber zu Lilja.

Schnell umziehen, und dann ging es auch schon in die Kirche. Besonders schick sah ich wirklich nicht aus, denn mir war es wichtiger, nicht zu frieren. Die meisten anderen Frauen trugen Röcke oder Kleider mit Strumpfhose und Stiefeln darunter. Darüber aber auch eine Winterjacke.

Zur Trauung an sich kann ich nicht besonders viel sagen, weil die Messe ja auf ukrainisch gehalten wird und die Kirche so voll war, dass ich nicht viel sehen konnte. Jedenfalls trug der Bräutigam die Braut aus der Kirche. Diese warf vor der Kirche dann mit Süßigkeiten.

Eine kleine Kapelle, bestehend aus 2 Trompeten, 1 Trommel und 1 Akkordeon, spielte den Weg zurück zum Grundstück. Das frisch vermählte Paar ging zu allen Dorfbewohnern, die an ihren Zäunen standen und verteilten auch dort fleißig Süßigkeiten. Auf dem Grundstück angekommen, verteilten die Brautjungfern kleine Plastik-Ansteckblumen. Unverheiratete bekamen sie links angesteckt, Verheiratete rechts. Vor dem Festzelt bildete sich eine lange Schlange, denn schließlich waren auch sehr, sehr viele Gäste da (das ganze Dorf und weitere Personen). Ich brauchte relativ lange, um zu begreifen, dass das eine „Geschenke überreichen und gratulieren“- Schlange war. Jeder hatte dann also die Möglichkeit, Glückwünsche auszusprechen – manchmal dauerte das Minuten. Und nachdem das Geschenk dann überreicht war, bekam man erst mal einen Horilka. Ich hatte mir vorher auf einen Zettel die ukrainischen Worte für „Ich gratuliere dir zu deiner Hochzeit“ aufgeschrieben und versuchte sie möglichst korrekt auszusprechen. Das ist mir, glaub ich, nicht ganz so gut gelungen. Aber sei`s drum, der gute Wille zählt.

Alle gingen wieder vor das Zelt bis endlich eine Durchsage kam, dass es jetzt anfängt. Ich stand immer total verwirrt in der Gegend herum, weil ich diese Rituale ja nicht kenne. Tradition wird also zumindest auf dem Dorf noch richtig groß geschrieben.

Erst beim Platznehmen erkannte ich, wie berstend voll die Tische mit Essen und Trinken beladen waren. Da war wirklich keine freie Stelle mehr auf dem Tisch. Getränke waren die folgenden: auf jedem Tisch drei Gruppen mit je einer Flasche Sprudel, einem Saft, einer Flasche Sekt, einer Flasche Wein und einer Flasche Horilka.

Und das große Essen – fast möchte ich wirklich sagen das große Fressen – begann. Nicht, weil es in irgendeiner Form ungesittet war, sondern weil es einfach so unendlich viel Essen war. Getrunken wurde auch sehr fleißig – von den Einheimischen sehr, sehr viel Horilka. Leere Flaschen wurden dann auch blitzschnell durch gefüllte ersetzt. Es wurde auf Verschiedenes angestoßen, munter gegessen, gesungen, gelacht und gegrölt.

Lieder oder Sprechgesänge würde ich in zwei Kategorien einteilen: die eine waren traditionell ukrainische Lieder, die andere waren so „lustige“ Dinge wie „Die Braut soll den Bräutigam mit Zunge küssen“, „Der Nachbar der Braut soll seine Partnerin küssen“ und so weiter und so weiter. Ich habe noch gar nicht erzählt, dass Braut und Bräutigam einen Extra- Platz hatten, und zwar unter zwei Herzen und einem Bild, auf der Maria Jesus die Brust gibt.

Stundenlang wurde also gegessen und getrunken, entgegen meiner Wahrnehmung, dass auf die Tische nichts mehr drauf passe, kam immer neues, warmes Essen. Und so stapelten sich die Teller auf den Tischen.

Nachdem das große Essen also um 18:00 Uhr begonnen hatte, kam um circa halb elf wieder eine Durchsage. Alle, wirklich alle sprangen auf und strömten auf die Tanzfläche. Der Bruder der Braut, Taras, kam auch sofort zu mir, nahm mich bei der Hand und führte mich zur Tanzfläche. Eröffnungstanz war der Ententanz. Das allein war einfach klasse, und dann noch zu sehen, wie alte Omas und Opas diesen mit viel Freude neben kleinen Mädchen mittanzten, fand ich einfach wundervoll, und mir ging so richtig das Herz auf. Nach dem Ententanz folgte dann mehr ukrainische Musik.

Das Tanzen ist nicht wie in Deutschland so etwas wie Disco Fox oder ähnlich, sondern – ich beschreibe es mal so und hoffe, dass ihr es versteht: Rumgewackel von einem Fuß zum anderen, die Arme dabei sehr wichtig, so wellenförmig gleichzeitig zur Seite und im Bogen erst nach unten und dann nach oben. Sehr lustig! Aber es gibt auch einen anderen Standardtanz: Leider habe ich den Schritt nicht so ganz verstanden. Also den Grundschritt schon, aber ich bin an der Praxis kläglich gescheitert. Man dreht sich wahnsinnig schnell und die Tänzer entwickeln in ihrem Drehen so eine Eigendynamik, dass alle ständig aneinander stoßen – aber wahnsinnige Freude dabei haben.

Und es gab noch einen Tanz, bei dem man sich in einen beliebig großen Kreis stellte, sich zu Beginn an den Händen nahm und dann lief man ganz schnell im Kreis. Natürlich lief man nicht nur, sondern machte auch etwas Bestimmtes mit den Füßen, das ich allerdings nicht erklären kann. Jedenfalls machte das sehr viel Spaß, und ich fühlte mich fast irgendwie fliegend. Wenn der Platz dann immer enger wurde, legte man die Arme um die Schultern der Nachbarn und musste dann noch mehr darauf achten, niemandem auf die Füße zu treten. Das war eine ausgelassene Stimmung!

Alle, die gerade keinen Tanzpartner hatten, standen am Rand und schauten fröhlich zu. Aber mit der Zeit wurde es sehr, sehr heiß. Schließlich hatten die meisten noch ihre Winterjacke an, doch das änderte sich bald. Der Schweiß lief und lief bei einigen nur so runter, trotz des Ausziehens.

Neben eher klassischen Liedern, lief aber auch techno-artige Musik. Auch hier tanzten wieder alle mit – Omas und Opas und Kinder. Es machte einen tierischen Spaß, und ich fühlte mich so richtig integriert, obwohl ich ja niemanden richtig kannte. Die meisten Männer vor allem rochen aber zu diesem Zeitpunkt schon nach Horilka. Leider wurde das Tanzen dann wieder unterbrochen, weil die nächste Speise bereit stand. Ich komme da auch jetzt noch nicht drüber weg, dass es einfach so viel Essen gab und man mittlerweile schon fast sechs Stunden am Essen war.

Doch dann durfte das Tanzen fröhlich weitergehen. Mit der Menge an Horilka, den die Männer so in sich hatten, fielen die Hemmungen auch mehr und mehr. Es kam schon zu kleinen Eifersuchtsszenen, wer jetzt mit mir tanzen oder an die frische Luft gehen durfte. Auf der einen Seite zwar sehr schmeichelhaft, aber auf der anderen Seite eher lästig. Zudem konnte irgendwann einer die Finger nicht mehr von meiner Taille lassen, was mich echt tierisch nervte. Ständig landeten die Finger wieder dort, ich entfernte sie freundlich, aber bestimmt, es folgte die Frage „Magst du das nicht?“, „Nein, ich mag das nicht“ lautete meine Antwort und die Finger kamen schon wieder. Deshalb entschloss ich mich dann dazu, das fröhliche Tanzen abzubrechen und mich einfach wieder hinzusetzen.

Die nächste Speise kam auch bald. Danach ging ich wieder tanzen und siehe da, es funktioniert also doch wieder ohne antatschen. Dann gab es noch Kaffee gegen halb vier. Danach wollten Liljas Oma und Mama dann nach Hause. Leider, dachte ich in dem Moment nur, denn ich war überhaupt nicht müde, aber man soll ja auch immer dann aufhören, wenn es gerade am schönsten ist. Ich bedankte mich ganz herzlich bei dem Brautpaar und der Mama der Braut und wir gingen nach Hause.

Am nächsten Morgen dann wieder um halb zehn Frühstück, kurzer Spaziergang und dann ging es auch schon wieder zum Bus. An der Bushaltestelle standen recht viele Leute und gegenüber von dieser befindet sich der Dorfladen, wo viele junge Männer schon wieder standen und Bier tranken. Wieder wurde ich sehr herzlich verabschiedet mit der Bitte, bald wieder zu kommen.

Gestern erzählte ich dies alles auch Lesja, die auch sehr gespannt zuhörte und mir sagte, dass es in jedem Dorf noch einmal ganz andere Traditionen gäbe. Deshalb würde auch sie niemals nein sagen, wenn sie zu einer Hochzeit auf einem Dorf eingeladen wird.

Je näher das Dorf jedoch an einer Stadt läge, desto weniger Tradition sei noch erkennbar.

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