Ukraine: 4. Rundbrief von Judith Reichert

29. Januar 2010 von judith.reichert

Liebe Solidaritätskreismitglieder,
liebe Freunde, Verwandte, Bekannte,
liebe Zurückgebliebene,

Tadaaa! Es ist wieder einmal so weit, weitere Monate voller Eindrücke, Höhen und kleinen Tiefen sind vorbei, von denen ich euch nun berichte. Hoffentlich bringt es euch das Leben in der Ukraine und die Ukrainer – auf jeden Fall die, mit denen ich viel Zeit verbringen darf- etwas näher.

 

 So, nun aber genug der einleitenden Worte, los geht die Reise… Ah nein- halt! Zwei Bemerkungen möchte ich doch noch anbringen:

1.

2. DANKE für die vielen Rückmeldungen eurerseits!!!

Unter 1. stand ursprünglich Mal: „Keine Sorge, er ist nicht wieder so lang geworden“ aber das wäre eine Lüge…Es tut mir so Leid! Wie schnell die Zeit doch vergeht… Und ooops, plötzlich bin ich drei Monate hier. Hilfe, stopp, das geht mir alles viel zu schnell! Neben dieser erschreckenden Erkenntnis, bedeuten drei Monate in der Ukraine auch, dass ich einmal Ausreisen musste.
Zu diesem Zweck also hatte ich geplant, mich auf den Weg zu machen. Mein „Plan“ sah wie folgt aus: Ich nehme den Bus nach Lviv – so weit, so gut. Dann komm ich irgendwie zur Grenze, gehe über die Grenze, wieder zurück und fahre dann irgendwie wieder nach Lviv und verbringe da mein Wochenende… (Ich werde zu ukrainisch: sehr unpünktlich, sehr chaotisch, darum aber umso spontaner.)
Dieser Plan schien Roman doch nicht so ganz sicher zu sein – warum nur? – er telefoniert einmal kurz und ich habe eine kostenlose Unterkunft total zentral in Lviv bei den Maltesern, werde von einem der Lviver Malteser am Busbahnhof abgeholt, zur Grenze gefahren und von der Grenze wieder zurück und auch bei meiner Abreise wieder zum Busbahnhof. Ok, dann halt so, auch gut, vielmehr SUPER!!! Ausreisen, nein, das ist nichts für mich! Zur Grenze habe ich nichts mitgenommen außer meinem Pass und einem schlauen Buch zum Ukrainisch sprechen. Das Ausreisen an sich war nicht schlimm, denn als Europäer kommt man schnell nach Polen, trotzdem war die ukrainische Frau an der Passkontrolle total unfreundlich und hat mir viele Fragen gestellt (Was ich denn so lange in der Ukraine gemacht habe? Was ich bei den Maltesern mache? Was die Malteser generell machen? Und viele weitere Fragen). Dann also ging ich über die Grenze und sofort wieder zurück. Die blöde, gemeine, unfreundliche Frau hatte in den paar Minuten ihren Sitz geändert und stellte mir prompt schon wieder viele Fragen (Wohin ich wolle, Antwort: nach Lviv; Aber warum ich nach Lviv wolle, schließlich würde ich doch in Ivano-Frankivsk wohnen und so weiter) Und die Beantwortung dieser Fragen ist echt nicht lustig, wenn man sowieso irgendwie angespannt ist, das Ukrainische nicht richtig gut beherrscht und das Gegenüber so gemein ist. Jedenfalls war ich danach einfach nur fix und alle, fühlte mich schlecht und eingeschüchtert. Auch Roman erzählte ich beim versprochenen „Alles hat gut geklappt, du musst dir keine Sorgen machen“ – Telefonat, dass ich das nie wieder machen wolle, das sei mir zu unheimlich und schrecklich, woraufhin er nur lachen konnte.

Aber danach hatte ich echt schöne Tage in Lviv, in denen ich echt ständig Deutsche traf. Lviv ist eine ganz herrliche Stadt, wirklich sehr schön, ich möchte auf jeden Fall wieder hin fahren und empfehle auch euch die Reise dorthin.

Die Schweinegrippe – die „neue Grippe“ oder wie auch immer man sie nennen möchte… Vielleicht hat es der eine oder die andere schon in den deutschen Medien gesehen oder gehört. Jedenfalls hat hier die Schweinegrippe voll zugeschlagen – oder jedenfalls hieß es mal so… Es ist Montagmorgen, wie immer gehe ich zur Arbeit, ich gehe durch die Stadt und sehe fast ausschließlich Menschen mit Atemschutzmaske. Ich grinse und lache wirklich herzhaft als ich im Büro ankomme und erzähle, dass ich so etwas noch nie gesehen habe. Die Reaktion darauf fällt sehr unterschiedlich aus. Während mein Chef munter Witze über diese Grippe reißt, reagieren meine Kolleginnen mit der dramatischen Frage: „Willst du so eine Maske tragen oder sterben?“. Oooops Judith, du hättest vielleicht doch nicht so sehr darüber grinsen sollen…Aber naja, zu spät! Zu meiner Verteidigung kann ich allerdings anbringen, dass ich wirklich nicht wusste, dass die Menschen wegen der Schweinegrippe Atemschutzmasken tragen und auch wirklich nichts von den sehr hohen Zahlen der Erkrankten und vor allem auch von den Todesopfern. Schulen und Unis wurden für drei Wochen gesperrt, Massenveranstaltungen abgesagt. Eine wirklich unheimliche Stimmung herrschte in der Stadt, die eigentlich seit Beginn der Schul- und Studienzeit so schön bunt und vor allem schön voll war. Aber nichts, fast keine Menschen auf der Straße. Die meisten Studenten hatten die Stadt verlassen. Trostlos, eisig kalt, gespenstisch präsentierte sich die Stadt in diesen Wochen. Wirklich nur vereinzelte trostlose Gestalten in der Stadt – natürlich mit Atemmaske. Andererseits ließ die Tatsache, dass alle Grippemittel und Atemschutzmasken ausverkauft waren, mich und auch viele Ukrainer kalt, denn schließlich ist der beste Schutz gegen die Grippe: VIEL Horilka trinken, Knoblauch und Zwiebeln essen… Da muss man dann auch nicht darauf achten, den empfohlenen Sicherheitsabstand zu anderen Menschen zu beachten, sondern ist eher dankbar für Abstand. Mein herzhaftes Lachen verging mir wirklich. Immerhin vier E-Mails von der deutschen Botschaft mit Informationen, Verhaltendempfehlungen und der fett gedruckten Nachricht, die ungefähr so lautete:  Eine Versorgung der in der Ukraine lebenden Deutschen ist nicht möglich!

Das war alles schon sehr unheimlich…und siehe da: Ich hatte zwar keine Angst zu sterben – und halte auch nichts von Panikmache, aber ich wusste echt nicht, was ich machen würde, wenn ich tatsächlich die Schweinegrippe bekomme, denn die Vorsorge oder auch nur die Versorgung der Krankenhäuser gab es einfach nicht. Aber ich wurde verschont. Und trotzdem bekam ich einen sehr mysteriösen Husten und etwas Fieber und verbrachte erst mal drei Tage zuhause. Das war vielleicht langweilig! Aber diese kleine Verkühlung hatte auch wirklich positive Seiten, denn Lesja, Ira und vor allem Roman kümmerten sich sehr nett um mich. Brachten Medizin, Schokolade und Zitronen vorbei. Roman kam jeden Tag kurz vorbei und rief mich auch oft an. Und der wirklich allerbeste Nebeneffekt meiner „Krankheit“ war, dass ich verdammt glücklich war, wieder ins Büro gehen zu dürfen und soooo froh, die Malteser wieder zu sehen! Und sie waren auch erfreut, mich wieder im Büro zu sehen. Das war auch ganz nett. Doch meine innere Glückseligkeit, die Freude, wieder ins Büro gehen zu können, härtete mich sowieso gegen alle widrigen äußeren Umstände ab, und die Freude der anderen war „nur“ das i- Tüpfelchen. Schon irgendwie komisch… Sehr viele Malteser wussten irgendwoher, dass ich krank war und erkundigten sich bei mir, ob es mir wieder besser geht. Echt sehr, sehr lieb!!!

Diesen neuen Schwung hab ich aber auch wirklich gebraucht.

Eine Hochzeit, die ist lustig, eine Hochzeit, die ist schön…

Deshalb sollte man auch so viele wie möglich besuchen und ich war echt entzückt darüber, dass ich schon wieder eine mitfeiern konnte, obwohl die erste erst zwei Wochen vorüber war. Doch leider, leider war sie nicht mehr ganz so spannend, aber trotzdem nicht weniger schön. Oh je, ich weiß gar nicht, wann und wie ich anfangen soll…
Erster Schritt zu den Vorbereitungen zur Hochzeit: Judith muss eine Art Geschenk kaufen. Ich wollte Geld schenken, weil ich das Paar eigentlich nicht kannte, aber schon etwas schenken wollte. Dazu aber dann wenigstens eine Karte. Das wiederum gestaltete sich schwierig, denn die meisten Karten, die ich in der Hand hatte, waren mit vorgedrucktem Text. O.K. die Wörter für „Hochzeit“ und „ich gratuliere“ kann ich schon, aber ansonsten waren mir die aufgedruckten Wörter meist gänzlich unbekannt. Und so dauerte es lange, bis ich eine Karte fand, mit deren Aussehen und Text ich mich abfinden konnte. Alle, die mich auch nur etwas besser kennen, wissen, dass ich echt nicht in der Lage bin, das Haus pünktlich zu verlassen und sowieso immer zu spät dran bin. Deshalb war mein „Zeitplan“ total durcheinander, ich hetzte mich wahnsinnig ab, war natürlich viel zu spät an einem verabredeten Ort und entschuldigte mich lange, weil mich ein schlechtes Gewissen plagte. Reaktion darauf „das ist doch gar kein Problem…“. Was lerne ich daraus? Ich bin trotz allem immer noch zu „deutsch“. Zuerst also Kirche und danach zunächst zum Elternhaus des Bräutigams. Dort fing das Essen und Trinken schon an. Als Deutsche und Vegetarier mal wieder Sonderstatus. Schon Versuche, korrektes Ukrainisch zu sprechen, werden „belohnt“ und spätestens dann, wenn man Horilka mittrinkt, scheint man alle Herzen zu gewinnen. Von dort ging es dann in ein rustikales, landestypisches Lokal etwas außerhalb der Stadt, wo es mir richtig gut gefiel. Obwohl die Feier schon etwas moderner war, weil eben in einem Lokal gefeiert wurde, wurden die Traditionen (selbstverständlich) nicht vergessen. Es gab die selben Speisen, die Tische waren genauso überladen, es waren viele, viele Gäste da, wieder spielte eine Kapelle, wieder mussten sich Braut und Bräutigam ständig küssen, wieder wurde unglaublich viel getrunken, wieder wurde fleißig gesungen und getanzt, wieder die Geschenke-Schlange mit dem Bogen aus Blumen und Ästen von Sträuchern, wieder der ukrainische Hochzeitstanz… Und trotzdem, es war moderner. Und dies ist anhand verschiedener Kleinigkeiten auszumachen: Das Essen war nicht selbst gemacht, also nicht von den weiblichen Gästen, sondern in der Küche des Restaurants zubereitet. Es gab ein Mikrophon, das eine Dame ständig bei sich trug und die für meinen Geschmack auch viel zu oft davon Gebrauch machte. Die engagierte Band machte auch Spiele mit dem Brautpaar, wie man es von einer deutschen Hochzeit kennt. Spiele bei denen z.B. Braut und Bräutigam jeweils Ja- und Nein-Karten haben und mit diesen verschiedene Fragen beantworten, lustige Texte generell über das Eheleben. Kellner kümmerten sich um leere Flaschen und tauschten diese aus. Die Feier fand einfach nicht in einem Zelt im Dorf statt. Ging man auf die Damentoilette, die erstens sowieso schon mal ein gefliester Raum mit Spiegel, Waschbecken, Seifenspender, „Lufttrockner“ und „richtiger“ Toilette war, grinsten einen verschiedene männliche Schauspieler an. Es war ständig warm. Aber es soll wirklich keine Bewertung sein, welche Feier mir besser gefiel, beide waren wirklich toll und faszinierten mich. Jetzt schreib ich schon so, als ob damit meine Erzählungen über die Hochzeit beendet wären, aber nein, es kommt noch etwas. Denn schließlich war ich diesmal bis zum Schluss da, was bedeutet, dass ich wieder eine neue Tradition kennen gelernt habe. Sie findet ganz am Ende der Hochzeitsfeier statt: Dieses Ritual, das ich jetzt beschreibe ist scheinbar sehr wichtig, denn wirklich jeder schaute gespannt dabei zu. Jemand zieht der Braut ihren Schleier aus und dann setzt sie sich auf den Schoß ihres Angetrauten. Die Schwiegermutter möchte ihr nun ein weißes Kopftuch anziehen (so wie ich es beim Kuhmelken trug oder die Babujsjas es auch immer tragen). Das allerdings wird eine kleine Prozedur: beim ersten und beim zweiten Versuch reißt die Braut es wieder von ihrem Kopf, noch bevor es zugebunden ist. Vor dem dritten Versuch bekommt sie Geld in ihre Haare gebunden und erst danach lässt die Braut sich das Kopftuch von ihrer Schwiegermutter aufsetzen. Dann bekommt sie noch ein farbiges Tuch überreicht: jede Region/jedes Dorf hat da ein ganz spezielles Tuch. Danach steht sie auf, nimmt ihren Schleier und tanzt mit jeder unverheirateten Frau im Raum. Dabei hält sie ihren Schleier über die Unverheiratete. Danach tanzt sie mit jedem unverheirateten Mann, um sich von jedem einzelnen zu verabschieden. All das nimmt ziemlich viel Zeit in Anspruch, aber trotzdem schauen alle von Anfang bis Ende gespannt zu. Wie bei uns wird dann noch der Brautstrauß geworfen. Obwohl er tatsächlich fast vor mir landete, bewegte ich mich keinen Zentimeter darauf zu. (Man soll das Schicksal ja nicht herausfordern…) Ich wurde stattdessen “volle Lotte” von der Frau neben mir angerempelt, die auf den Strauß loshechtete. (Die muss echt verzweifelt sein…) Mit dem Bräutigam wurde auch etwas gemacht, aber zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich es nicht mehr so genau weiß… Zu ihm wurde, glaub ich, nur etwas gesagt, also für mich nicht so spannend. Ich entschuldige mich vielmals, aber ich bekomm es nicht mehr auf die Reihe. Allerdings kann ich mich noch sehr gut daran erinnern, dass er ihr das Strumpfband mit den Zähnen auszog und danach einen „Strumpfband- Wurf“ durchführte. Bei weitem nicht so eindrucksvoll und auch nicht so gespannt erwartet wie der Wurf des Brautstraußes… Und dann gingen alle erst einmal raus…

Erst einmal, denn danach strömten viele wieder rein bewaffnet mit großen Gläsern, Plastiktüten, Tabletts und Tupperdosen. Innerhalb kürzester Zeit wurde dann alles Essen, das übrig war, in diesen Behältern verpackt und in die Autos verstaut. Geordnet wie Ameisen wuselten alle im Saal rum und verpackten alles fleißig… Das war auch ein Erlebnis! Echt, sooo lustig! Vor der Abfahrt nach Hause bekamen dann viele Gäste noch Kuchen mit… Auch ich durfte mich daran erfreuen. Aber dann war ich auch echt froh, nachhause zu können und fiel um sechs Uhr nur so in mein Bett.

„4 Hochzeiten und ein Todesfall…“ Das könnte ich während eines Jahres in der Ukraine schon erleben. So alberte ich mit meinem Tischnachbarn noch auf der Hochzeit rum… Es dauerte aber nicht lange, und ich stand dem Thema ernster gegenüber. Das Baby von Lilja starb nämlich. Für mich ein ziemlicher Schock, aber im Nachhinein hörte ich, dass sie schon vorher wussten, dass das Baby auf jeden Fall eine Behinderung haben würde. Und so kam es zur Welt, musste operiert werden und starb kurz darauf. Ich war traurig. Am Abend sollte eine kleine Andacht in der Wohnung irgendeines Verwandten stattfinden, zu der ich mitfuhr. Zwei Busse voll Malteser waren wir. Auch viele Verwandte und andere Bekannte von Lilja und ihrem Mann waren gekommen. Sehr, sehr viele Menschen in einer kleinen Wohnung. Man war warm angezogen, weil es draußen so kalt war, und das wurde einem in der Wohnung echt zum Verhängnis, weil es hier sooooo heiß war. Man kam also rein, ging in den nächsten Raum, der schon recht voll war mit betenden Freunden und Angehörigen. Im gleichen Raum – für mich wirklich ein Schock – lag das tote Baby in einem halb offenen Sarg. Dieser stand auf einem Tisch, rechts daneben lag eine Tüte Salz und links daneben Blumen. Wenn man in der Schlange an der Reihe war, konnte man kniend oder stehend beten, ein Kreuz küssen und danach Platz machen, damit auch andere es noch tun konnten. Ich fühlte mich überfordert und versteckte mich in der hintersten Ecke und betete stehend im Stillen ohne irgendetwas zu küssen. Dann stellte ich mich in den Gang und weil es so tierisch eng war, wurde Schulter an Schulter ein kleiner Gottesdienst gehalten. Vielleicht war es auch kein richtiger Gottesdienst, aber jedenfalls wurde gesungen, wie in der Kirche, mit Kerzen in der Hand. Ich habe allerdings niemand weinen sehen. Die Hitze, der Geruch, die Atmosphäre… alles zusammen war zu viel für mich, und ich musste fluchtartig die Wohnung verlassen, um nicht umzukippen. Nach reichlich frischer Luft fühlte ich mich zwar immer noch wackelig auf den Beinen, aber ging trotzdem wieder hinein und sah, dass auch vor dem Wohnungseingang viele, viele Leute standen. So blieb ich bei ihnen stehen. Auf der einen Seite gut, weil die Luft wesentlich besser war, aber auf der anderen Seite bekam ich dort quasi nichts mehr mit. Jedenfalls war ich schon froh, als die Andacht vorbei war. Aber dann ging mir alles etwas zu schnell, und plötzlich waren wir schon auf dem Heimweg. Die wirkliche Beerdigung erlebte ich dann nicht mehr, weil ich krank in meinem schönen Zimmerchen war.

Meine leicht unheimlichen Stimmungsschwankungen…
Während ich in Deutschland fast immer fröhlich daherkomme, kann das hier auch mal anders aussehen. Komischerweise kann es tatsächlich nur ein einziges Wort sein, das mir plötzlich Tränen in die Augen treibt. Und genauso schnell kann ich danach auch wieder lachen- meistens jedenfalls.
Also, das passiert nicht ständig oder so, mir geht es hier wirklich gut und ich fühle mich wohl. Niemand muss sich da Sorgen machen oder sonst irgendwas!!! Und außerdem bekomme ich auch die Stimmungen anderer Leute intensiver mit oder sie wirken jedenfalls mehr auf mich ein.
Nehmen wir an, ich gehe morgens ins Büro: das sind ja zunächst die ersten bekannten Menschen, die ich sehe und höre. Und wenn ich dann vernehme, wie irgendeiner wahnsinnig unfreundlich redet, ist danach auch meine Stimmung erst mal gedämpft. Da der liebe Roman mich auch schon weinen gesehen hat, findet er es ab und zu sogar lustig, die weinende Judith zu spielen. Meist ist mir das echt egal, da steh ich drüber, aber wenn meine Laune eh schon nicht so prickelnd ist, krieg ich auch von so einem „Schrott“ schon einen Klos im Hals. Jedenfalls scheine ich den Ruf einer „Heulsuse“ zu haben. Und ich reagiere auch wahnsinnig empfindlich auf Vergleiche mit anderen Freiwilligen. Das ist eigentlich ziemlich untypisch für mich, weil ich wirklich kein „Konkurrenzmensch“ bin und es mir generell Jacke wie Hose ist, ob irgendwer irgendwen aber toller findet. Aber wenn ich mir (allerdings nicht von Büroleuten) anhören muss, dass XYZ aber schon viel besser reden konnte, stört das mich plötzlich. Ich weiß, dass es so war aber ich finde, man sollte so viel Feingefühl besitzen, mir das nicht vor den Kopf zu knallen. Aber meist kriegt der Roman das echt super hin, dann doch noch irgendwas Nettes zu sagen oder mich einfach zu drücken und da sieht die Welt auch schon wieder viel besser aus. Also vielleicht ist euch das schon aufgefallen, ich halte wirklich große Stücke auf ihn. Oder der junge, verheiratete Priester Iwan, den ich auch wahnsinnig toll finde, und der auch für einen Ukrainer ziemlich feinfühlig ist, nimmt mich in den Arm oder sagt was richtig Nettes. Je besser ich allerdings reden kann, umso weniger laufen spontan Tränen über meine Wangen. Also vielleicht war es auch nur ein Ausdruck von Überforderung, viele Leute reden zu hören ohne etwas zu verstehen. Aber die Ukrainer sind auch manchmal brutal direkt. Nichts gegen Offenheit und Ehrlichkeit, aber oft denke ich, dass die Menschen in Deutschland manche Dinge einem nicht so vor den Kopf knallen würden. Und mit Roman hab ich mich auch schon Mal darüber unterhalten, dass die Ukrainer ihre Gefühle einfach so nach außen tragen. Soll heißen: wenn sie sauer auf jemanden sind, dann schreien die sich an (und zwar so richtig!!!), wenn sie schlecht gelaunt sind, bekommt das auch wirklich jeder mit (motzen, rumzicken, manchmal schreien). Und wenn sie wirklich gute Laune haben, dann bekommen das auch alle mit. Also, es würde ihnen nie in den Sinn kommen, nett zu jemandem zu sein, wenn sie es eigentlich nicht wollen oder etwa ihre schlechte Laune zu verbergen, damit andere das nicht so mitbekommen. Es hat seine positiven Seiten, denn man weiß immer, woran man ist, aber – zumindest empfinde ich das so – auch durchaus seine negativen Seiten. Aber wie gesagt, die „Büroleute“ sind meist wirklich die ersten Menschen, mit denen ich mich unterhalte, und vielleicht bin auch morgens einfach etwas empfindlich… Oder nein, doch nicht, ich kann es auch in Deutschland absolut nicht vertragen, wenn jemand noch nicht mal „hallo“ sagen kann. Wahrscheinlich nehme ich mir die Gefühlslagen der anderen einfach mehr zu Herzen, weil ich es aus Deutschland nicht gewohnt bin, dass alle ihre Gefühle so frei und offen nach außen tragen.

Seit geraumer Zeit lebt auch eine neue Freiwillige hier in Ivano- Frankivsk. Das Kennenlernen war für mich sehr schön, weil sie ganz schlimm Heimweh hatte und ich ihr voller Begeisterung erzählen konnte, dass es klar ist, Heimweh zu haben und dass das wieder vorübergehen würde, und dann würde man merken, wie toll und großartig es hier ist. Wir mögen uns mittlerweile wirklich gerne, verbringen lustige Stunden miteinander, leihen uns gegenseitig Bücher aus, unterhalten uns gerne über die Ukrainer und ihr „Anders-sein“ (ganz wertfrei) im Vergleich zu Deutschen, und es ist auch was total Anderes, sich das Erlebte und Gefühlte auf deutsch von der Seele zu reden, statt sich das Ganze irgendwie auf Ukrainisch zusammenzustammeln, zumal die Ukrainer manches davon wirklich nicht nachvollziehen können, weil sie einfach Ukrainer sind und ihre Kultur kennen. Aber es ist jetzt nicht so, dass ich nur noch Zeit mit Claudia verbringe, so heißt die neue Freiwillige nämlich, sondern ich genieße genauso die Zeit mit den Ukrainern.

Die Nikolausaktion…
Oh je, wie soll ich am besten davon erzählen?! Das ist wirklich schwer, denn es soll in einer angemessenen Art und Weise geschehen und ich möchte die Stimmung auch wirklich vermitteln… Für alle, die noch nie etwas davon gehört haben, hier eine ganz kurze Beschreibung: Dieses Jahr schrieben über 1600 Waisenkinder einen Brief an den Nikolaus, der am 19. Dezember kommt und die Geschenke bringt, so wie das Christkind bei uns an Heilig Abend. Diese Briefe kamen zu uns ins Büro, wo wir sie an Menschen verteilten, die gerne Nikolaus für ein Kind (oder mehrere Kinder) spielen wollten. Zusätzlich wurden in vielen Geschäften und Apotheken bestimmt 200 Spendendosen aufgestellt. In dem Brief an den Nikolaus wünschten sich die Kinder Geschenke, die dann von den Menschen gekauft wurden, die sich einen Brief abgeholt hatten. Danach wurden die Geschenke wieder hier im Büro abgegeben und dann ganz am Ende in den Waisenhäusern verteilt. Belebt war das Büro in dieser Zeit, sehr belebt. Ständig, wirklich ständig kamen Menschen, die sich einen Brief abholen wollten oder Geld spenden wollten. Diejenigen, die Geld im Büro spendeten, wurden nach ihrem Namen und Adresse gefragt, damit ein Dankesbrief an sie geschickt werden konnte. Viele Menschen wollten dies allerdings gar nicht. (Ich kann das etwas verstehen.) Wir gaben ihnen dann einen Prospekt über die Nikolausaktion sowie ein „Heiligenbild“ vom Nikolaus.
Das Aussuchen der Briefe sah ganz unterschiedlich aus: Man konnte sich das Waisenhaus aussuchen, die Klasse und ob man lieber ein Mädchen oder einen Jungen beschenken wollte. Während dies manchen Leuten ganz egal war, bestanden andere darauf, Erst- oder Zweitklässler zu beschenken, andere wollten auf jeden Fall ein Mädchen beschenken, wieder anderen war nur das Waisenhaus wichtig… Nachdem sie diese Wünsche geäußert hatten, wurden ihnen verschiedene Briefe vorgelegt, manche nahmen sich einfach irgendeinen aus dem Stapel, andere wiederum saßen Minuten lang vor den Briefen und lasen sich verschiedene durch, manche selig lächelnd, andere eher teilnahmslos, bevor sie sich für einen entschieden. Aus organisatorischen Gründen mussten dann noch Name, Adresse und Telefonnummer angegeben werden. Erst danach konnten sie das Büro wieder verlassen, natürlich nicht ohne Prospekt und Heiligenbild und mit einem herzlichen Dankeschön. Also echt, ständig war das Büro gefüllt, sehr schön! Zudem kamen dann noch viele Leute, die entweder Kleidung oder Süßigkeiten oder Kinderspielzeug oder sonst irgendetwas für die Waisenkinder abgaben. Die Arbeit bestand aber auch aus so banalen Dingen wie Briefe falten, Briefumschläge mit Prospekt, Heiligenbild und Brief füllen und zukleben, Poststempel auf die Briefe stempeln, die Briefe nach Straßen ordnen, diese zur Post fahren und solche Dinge. Es gab einmal eine Art Informationsbrief über die Nikolausaktion und dann noch den Dankesbrief, also alles zweimal, und bei sooo vielen Empfängern zieht sich solche Arbeit dann doch ganz schön hin. Neben den vielen Menschen, die Briefe abholten und spendeten, waren auch oft sehr, sehr viele Malteser im Büro, um zu helfen. Das war auch immer ganz nett. Gearbeitet wurde in diesen Wochen nicht nur Montag bis Freitag, sondern auch am Wochenende. Und trotzdem wurde dazwischen immer mal wieder kräftig gefeiert, seien es Namenstage oder einfach nur mal so, mit ukrainischem „Butterbrot“. (Das Wort kennt man hier auch, allerdings ist es kein Butterbrot, sondern ein mit Käse oder Wurst belegtes Butterbrot zu dem es zusätzlich Zwiebeln, Knoblauch und oft auch saure Gurken – die hier sooo viel besser schmecken!!! – zum „Knabbern“ dazu.) Oder es wurde abends einfach mal zusammen gegessen, weil das Essen am Tag zu kurz kam oder nur gemütlich ein Bier getrunken. Also, das muss man den Ukrainern wirklich lassen, die wissen einfach, wie man den Tag schön ausklingen lässt!!!
Aber weiter geht es mit der Beschreibung der verschiedenen Arbeiten: Der Raum vor dem Büro, der sonst nur als Flur genutzt wird, wurde zum Lagerraum der ganzen Geschenke, gestapelte Tische wurden zu Regalen. Jedes Regal war quasi ein Waisenhaus und eine Namensliste von jeder Klasse klebte an den Tischen. Auf diesen Listen wurde dann immer abgehakt, wenn ein Geschenk abgegeben wurde. Und so füllten und füllten sich die Regale bis letzten Endes alle Geschenke bei uns angekommen waren. Diese wurden dann wieder schön geordnet in große Tüten verpackt, und auch das ist bei so vielen Geschenken alles sehr viel Arbeit. Eine weitere Aufgabe war, Geschenke, die etwas klein oder komisch aussahen, wieder zu öffnen und eventuell mehr hinein zu tun. Oder manchmal war auch schmutzige Kleidung im Paket, die man dann entsorgte und gegen neue austauschte. Außerdem musste ich die abgegebenen Kleider- und Schuhspenden nach neu und alt sortieren und öfter auch mal totalen Schrott aussondern. Die Spendendosen mussten aufgestellt und wieder abgeholt, das Geld musste selbstverständlich auch gezählt werden, was mir wahnsinnig viel Spaß machte… Also, wie man sieht, ist die Nikolausaktion mit wirklich viel Arbeit verbunden, was nicht so schlimm ist, denn schließlich weiß man, wofür man das Ganze tut…

Und da wären wir dann auch beim Austeilen der Geschenke. Man nehme einen Minibus der Malteser, besetze ihn mit bestimmt doppelt so viele Malteser als erlaubt, hänge einen Anhänger an den Bus und belade diesen mit Geschenken – Säcken und Obsttüten mit viel leckerem, frischen Obst, drehe das Radio laut auf und schon geht es los!!! Allein die Fahrten zu den verschiedenen Internaten waren total lustig – auf der Hinfahrt freudige Erwartung, auf der Rückfahrt fröhliche Ausgelassenheit – zusammengequetscht im Minibus sitzend mit lauter Musik und grölenden Insassen. Und auch die herrlichen Winterlandschaften, die man während der Fahrt bewundern konnte, waren ein Traum. Aufgrund der eisigen Temperaturen froren die Scheiben von innen zu (also eigentlich wären sie nur beschlagen gewesen, aber das fror dann sofort), was eigentlich niemanden störte – außer vielleicht Roman, der fuhr und nicht mehr wirklich in die Seitenspiegel gucken konnte. Sehnsüchtig werden wir an jedem Internat erwartet, am Fenster sieht man viele Kinder, die freundlich winken und deren Augen immer größer werden. Alle Waisenkinder versammelten sich dann immer in einem großen Raum und warteten darauf, dass wir mit unseren Vorbereitungen fertig wurden. Meist sind zwei oder gar alle drei Busse parallel unterwegs, fast jede Gruppe der Malteser Jugend hat eine Art Theaterspiel vorbereitet mit Engeln, Teufeln, dem Heiligen Nikolaus, guten und bösen Kindern… Da es kindgerecht geschrieben ist, verstand ich sogar den ganzen Text. Nach dem Theaterstück der Malteser traten auch die Kinder mit Tänzen, Liedern und Gedichten auf. Da ging mir echt immer das Herz auf. Und noch schöner war es, mit anzusehen, wie die Kinder immer nervöser wurden und ganz gespannt auf ihr Geschenk warteten und manchmal total überwältigt waren, weil ihr Geschenk so groß war. Diese Freude kann man gar nicht richtig in Worte fassen, einfach nur überwältigend, es flossen viele, viele Freudentränen – nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei den Helfern… Als die Bescherung vorbei war, sind wir immer noch durch die Klassen gegangen, haben uns mit den Kindern unterhalten und sie zeigten ihre Geschenke und – nicht zuletzt auch durch ihre funkelnden Augen – ihre Freude daran. Wer jetzt gerne andere Berichte über die Nikolausaktion lesen möchte, kann das auf der Internetseite der Malteser gerne tun. “http://www.malteser.if.ua/”
Mein persönliches Fazit: Also, natürlich war die ganze Aktion wahnsinnig toll und ich bin sehr, sehr froh, dass ich das Ganze miterleben durfte, aber… …ich hatte auch den Eindruck, dass man einigen Maltesern auch sehr anmerkt, dass sie das alljährlich machen. Soll heißen, es ist quasi wie Alltag geworden (Ich weiß, so stimmt das nicht ganz, denn es sind ja immer nur so ca. zwei Monate im Jahr). Das wiederum soll heißen, dass ich absolut Null Verständnis dafür habe, wenn meinetwegen eine Frau, die ein Geschenk für ein Kind gemacht hat und sich wahnsinnig freut und total selig ist, wenn sie ihr Geschenk im Büro abgibt, das sie in einer schönen, nicht geschlossenen Tüte verpackt hat. Und nimmt ein Malteser das mit viel Liebe verpackte Geschenk, klebt es mit einem hässlichen, braunen, breiten Klebeband vor ihrer Nase zu und drückt es zusammen, um es dann auf das Regal zu schmeißen. Auch wenn es nötig und absolut sinnvoll ist, das ein oder andere Geschenk zu öffnen und noch mal drüberzuschauen, und wenn auch Einige daran dachten, dabei die Tür zu schließen, damit es wenigstens nicht jeder sehen kann, kamen andere währenddessen ständig reingeströmt und ließen die Tür offen stehen… Wenn das jetzt auch eher Kleinigkeiten sind, ist mir das während den Wochen ein paar Mal sauer aufgestoßen. Aber das ist wohl auch eine Typfrage und soll nicht davon ablenken, dass es eine wahnsinnig gute Aktion und spannende Wochen waren.

Das Ende der Nikolausaktion
Wie sollte sie anders enden, als mit einem Fest?! (Also genau genommen endet sie mit einem Gottesdienst, aber erst eine Woche später, an den sich aber auch wieder ein Fest anschloss, wie ich hörte…) Ich weiß nicht genau, ob es daran liegt, dass meine Arbeitskollegin am 20.12. Geburtstag hat, aber jedenfalls gibt es immer am 20.12. eine große Feier, aber keine „richtige“ Geburtstagsfeier, sondern eher eine Feier zur Nikolausaktion. Ist ja auch eigentlich gar nicht so besonders wichtig. Jedenfalls vollendete ich am 20. Dezember mein zwanzigstes Lebensjahr, und so wusste ich auf jeden Fall schon mal, dass ich meinen Geburtstag nicht alleine, sondern eher mit vielen bekannten Gesichtern verleben werde. Nach einem recht bescheidenen Start in den Tag (Die Heizung in meinem Zimmer war in der Nacht ausgefallen und ich fror morgens ganz schrecklich …) und dem schrecklichen Gefühl, dass mir an diesem kritischen Tag oft die Tränen laufen würden, verbrachte ich den halben Tag im Büro. Erstaunlicherweise habe ich mich recht schnell wieder gefangen, und der Stress des Morgens verflog zum Glück und mit ihm auch das Gefühl, ständig weinen zu müssen. Ich weiß nicht genau woher sie es wussten, denn ich habe es nicht groß rausposaunt, aber viele Malteser wussten, dass ich Geburtstag habe und so durfte ich viele gute Wünsche und kleine Geschenke entgegennehmen. Nach der „Arbeit“ fuhr ich nachhause, half Lesja und anderen fleißigen Helfern beim Kochen, und das hat sehr viel Spaß gemacht. Die Feier an sich war auch wirklich schön. Die Ukrainer mögen es sehr, aufzustehen und richtige Toasts auszusprechen, und so durfte ich mir nette Dinge über mich anhören und wieder viele, viele Wünsche. Von den Maltesern bekam ich Ohrringe – welch ein passendes Geschenk für mich! – und dazu eine supernette Rede von Iwan, deren wichtigste Aussage lautete, dass mich alle trotz Kulturunterschied und Sprachproblemen echt gern haben. Das war wirklich nett, zumal ich mich während der Nikolausaktion etwas mit Roman in die Haare gekriegt hatte und mancher Andere recht direkt mit mir war und ich mir deshalb nicht besonders geliebt vorkam… Ja, ja, so war das…Jedenfalls war es ein sehr schöner Abend, aber ich war dem Alkohol wohl etwas zu sehr zugetan…
Nach meiner Hals über Kopf-Aktion „Und ich fahr doch nachhause“ musste ich mich am darauf folgenden Tag auch schon auf den Weg machen. Doch natürlich konnte ich nicht fahren, ohne vorher einen Reisesegen zu bekommen und mit den anderen im Büro einen Horilka zu trinken.

Weihnachten…
Ich erzähle jetzt nicht lang und breit, wie Weihnachten bei mir zuhause gefeiert wird und wie ich die wenigen Tage in Deutschland verbracht habe, sondern möchte nur kurz erzählen, wie sich das Ankommen und wieder Abreisen und das erneute Ankommen so anfühlt…

Das Ankommen:
Als ich in Dortmund lande, laufen mir Tränen über die Wangen. Ich bin nicht nur froh, sondern auch irgendwie traurig. Erlebe einen wirklichen Kulturschock, alles ist anders… Freue mich zwar wahnsinnig, Familie und Freunde wiederzusehen, aber gerade der erste Tag ist einfach nur unwirklich. Ich fühle mich zwischen den Welten. Zudem bringt die Zeit in gewohnter Umgebung nicht nur total positive Gefühle mit sich, sondern auch allerhand komische, denn wie sagte ein weiser (alter, nein, jung gebliebener) Mann: “Ich erlebe die Welt und zuhause bleibt alles beim Alten.” Da tun doch Geschichten aus anderen Ländern und dem Studentenleben wahnsinnig gut… Jedenfalls begleiteten mich die Ukraine und die Malteser in diesen Tagen, denn ich träumte jede Nacht von ihnen.

Das Abreisen:
Nach wunder-, wunderschönen sechs Tagen in Deutschland, der Freude über das Wiedersehen, war ich auch froh, wieder in die Ukraine zu reisen. Diesmal wusste ich ja wirklich, wie es dort aussieht, wie die Malteser so sind, und ohne die Ungewissheit lässt es sich doch schon viel besser wegfahren. Als ich während den Tagen in Deutschland gefragt wurde, wann ich wieder zurückfliege, antworte ich nicht selten „am Montag fahr ich wieder nach Hause“. (Oh Schreck! Ich bin wohl echt gerne in der Ukraine!) Am Flughafen laufen wieder Tränen über meine Wangen, ich bin nicht nur traurig, sondern auch glücklich.

Das Ankommen:
Es liegt Schnee, der Weg ist rutschig, es ist kalt, der Flughafen ziemlich klein und alt – ja, ich bin in Lviv. Viele, viele Menschen, die die Visumszettel ausfüllen müssen, 4 Beamte, die sich um die Masse an Menschen kümmern, kein Gepäckband… Ja, ich bin in der Ukraine. Ich werde schon erwartet und in die Stadt gefahren. Spätestens als der Fahrer eines von rechts kommenden Autos uns fast in die Seite fährt, kann ich mit einem breiten Grinsen sagen: Ich bin in der Ukraine. Im Dunkeln werden relativ kleine Tannenbäume, Äste und Kränze an den Straßenbahngleisen verkauft…Hurra, ich bin in der Ukraine. Wir kaufen ein Zugticket und fahren ins Malteserbüro, wo gerade Geburtstag gefeiert wird: es gibt leckeres, typisches ukrainisches Essen und Trinken, der Umgang miteinander, die Trinksprüche, alles lässt mich denken „Hurra, ich bin wieder hier!“.

Zwischen den Jahren und die ersten Tage des neuen Jahres
Nach nur 1,5 Arbeitstagen im Büro, war erst mal wieder Urlaub angesagt, weil das Büro aufgrund der vielen Feiertage, die nun kommen würden, geschlossen hatte. Zum Jahresabschluss gab es einen kleinen, lustigen Umtrunk und dann wünschten sich schon alle ein frohes neues Jahr. Ich feierte mit Claudia und spontan noch 5 weiteren Maltesern in den Bergen – leider ohne Schnee, aber trotzdem echt schön. Wobei ich hier an dieser Stelle einmal anmerken muss, dass sich der Musikgeschmack von Ukrainern und Deutschen doch stark unterscheidet… Naja, die ersten Tage im neuen Jahr sind sehr, sehr schnell vergangen. Bis zum 5. Januar habe ich erst mal schön viel gefaulenzt und verließ mein Zimmer nur, um etwas einzukaufen oder spazieren zu gehen, damit ich die Weihnachtsbeleuchtung an den Häusern bewundern konnte. Einmal war ich Schlittschuhlaufen, denn es gibt hier auch eine Eislaufhalle. Der größte Unterschied zur Trierer Eislaufhalle besteht wohl darin, dass man nur für eine Stunde auf dem Eis bleiben darf. Danach müssen alle raus, Schuhe wieder abgeben und vor der Tür wartet die nächste Menschenmenge, um sich genau eine Stunde auf dem Eis vergnügen zu können.

Ich war auch bei zwei Doktoren, aber davon erzähl ich beim nächsten Mal
Das Kranksein war nicht so besonders toll (oh Wunder!), weil es wirklich wehgetan hat. Und wo will man am liebsten sein, wenn man krank ist und es einem wirklich nicht gut geht? – Na klar, zuhause!!! Das war also eher ungünstig… aber die Medizin half Gott sei Dank schnell,!!! Und dann war er auch schon da, der 6. Januar, sprich also mein zweiter Heiliger Abend.

Weihnachten, Klappe, die Zweite
Schon um ein Uhr machte ich mich auf den Weg zu Olja, damit ich ihrer Mama beim Zubereiten der Speisen zugucken und auch etwas helfen konnte. Und gleich falle ich der Tatsache, dass Ukrainer ihre Gefühle nicht verstecken, zum Opfer. Oljas jüngere Schwester war fast den ganzen Vormittag alleine und musste zuhause alles putzen. Doch dies war wohl nicht so ganz freiwillig, und so konnte ich mir anhören, wie sich die Olja, ihre Schwester und ihre Mama gegenseitig anzickten und LAUT miteinander sprachen. Ich versuchte, mir das Ganze nicht zu sehr zu Herzen zu nehmen, und redete mir in Gedanken gut zu „Heute ist ein schöner Tag! Es ist Heilig Abend! Jeder streitet sich schon mal! Das wird schon noch!“ Dabei freute ich mich an meinem absolut nicht vorhandenen Talent, gewisse Aufgaben beim Kochen zu erledigen. In der Ukraine werden die Traditionen ja generell noch mehr gepflegt, als in Deutschland. Und so gibt es auch beim Essen am Heiligen Abend 12 traditionelle Speisen, die ohne Fett zubereitet werden. Bis zum Abend wird übrigens streng gefastet. Zu meiner großen Freude gibt es an diesem Tag kein Fleisch, sondern nur Fisch in zwei verschiedenen Zubereitungsarten: “Wareniki“ einmal gefüllt mit Kartoffeln und einmal mit Kohl (also so saurem Kohlsalat), so was wie Wackelpudding (mmmmhhhh, lecker in tollen Sorten), Möhrensalat (aber so ein bisschen sauer und scharf) zudem noch Rote-Beete-Salat (auch sehr lecker mit Fisch drin), so eine Art Suppe mit Pilzen drin, dann noch etwas Süßes, das ein bisschen aussieht wie Doughnuts und wie „Mäuschen“ an Fastnacht schmeckt – auch sehr lecker- , diese typisch ukrainischen Krautwickel, deren Name mir gerade nicht einfällt, dann noch eine Speise, die ich vergessen habe und dann noch – ganz wichtig, denn diese Speise muss man zuerst essen: komische aufgequollene Körner (die es auch oft in der Armenküche gibt), aber kombiniert mit Mohn und Walnüssen… also, nein danke, das ist überhaupt gar nicht mein Fall.

Doch bevor gegessen wurde, haben wir uns erst einmal hingekniet und gebetet. Beim Essen ging es recht hektisch zu, weil die im Anschluss an ihr Essen zuhause immer noch zum Opa fahren, um dort wieder dasselbe zu essen und zu beten und den Abend mit dem Rest der Familie zu verbringen.
Nach einigem Warten auf ein Taxi, das bei den Ukrainerinnen dann wieder großen Unmut auslöste, kamen wir aber sicher beim Opa an. Wieder wurde vor dem Essen auf dem Boden kniend gebetet, und als sich das Essen dann so langsam dem Ende zuneigte, krochen alle Kinder unter den Tisch, um dort zu quaken wie ein Frosch. Das brachte Spaß und den Kindern Mandarinen und etwas Geld.
Ein schöner, gemütlicher Abend, an dem ich noch einen Haufen neuer Menschen kennen lernen, mich nett unterhalten und viel essen und trinken durfte.
Und dann fuhr ich auch schon wieder mit dem Taxi nachhause.

Mein Fazit: Natürlich ist es schön, dass die Traditionen in der Ukraine noch so gepflegt werden, und es ist auch schön und spannend, dies alles einmal mitzuerleben, aber das Wichtigste an Weihnachten ist und bleibt doch, dass man mit der Familie und anderen lieben Menschen feiert – und selbstverständlich die Geburt Jesu an sich! Sehr positiv in der Ukraine finde ich allerdings, dass der Nikolaus die Geschenke schon brachte und somit Geschenke am Heiligen Abend keine Rolle spielen.

Und weiter geht das Feiern
Naja, was soll man mit so viel Freizeit auch sonst nur machen? Nachdem ich erst einmal viel geschlafen hatte, verbrachte ich den ersten Feiertag lesend in meinem Zimmer, bis ich einen Anruf erhielt und den Rest des Tages in netter Gesellschaft verbrachte. So gegen 00:00 Uhr riefen mich drei Malteser Jugendliche (m) an und fragten mich, was ich so treiben würde. Zufällig ergab es sich, dass mein anderer Besuch vor wenigen Minuten das „Haus“ verlassen hatte und so wieder Platz für neue Gäste war, die mir dann schöne Weihnachtslieder vorsangen und dabei auch eine Menge Alkohol tranken. Und weil diese nette Runde so lange dauerte, durften sie auch auf Couch und Teppich schlafen (Aber psst, das ist ein Geheimnis, das darf keiner wissen!). Die dort gehörten und fleißig geübten Weihnachtslieder sollten mir dann am nächsten Nachmittag weiterhelfen, denn dann startete das alljährliche Malteser „Sternsingen“. Ich nenne es Sternsingen, weil man viele Menschen besucht und dort singt und weil es vom Datum her einfach gut passt. Doch es wird kein Geld gesammelt, kein Haus gesegnet, und man ist auch nicht verkleidet als Könige. Also nur, damit ihr keine falsche Vorstellung davon bekommt.
Nachmittags trafen wir uns bei Roman in der schönen Wohnung, um dort erst mal zu essen und so langsam aber sicher mit dem Trinken anzufangen… Jeder, der hereinkam, fragte „Darf ich ein Weihnachtslied singen?“ Die rhetorische Frage zauberte ein Lächeln auf die Gesichter aller Anwesenden. Und nachdem der neue Gast ungefähr die erste Zeile des von ihm gewünschten Liedes allein gesungen hatte, stimmten alle mit ein (das ist so toll!!!). Wenn das Lied dann vorbei war, sagte der neue Gast einen Spruch auf (oft waren es Glückwunsche oder Wünsche, manchmal auch was ganz anderes „ich bin ein kleiner Ukrainer…“ und da verließen mich die Vokabeln…). Danach sagte er/ sie ganz feierlich und voller Freude „Christus ist geboren!“ und alle antworteten mit „Lasst uns ihn preisen!“. Allein das Treffen bei Roman mit allem Drum und Dran war schon sehr herrlich, aber es sollte noch besser kommen…
Nach über zwei Stunden bei Roman, machten wir uns langsam auf den Weg, andere Malteser zu besuchen. Drei volle – unerlaubt volle – Malteserbusse machten sich also auf den Weg. Ich für meinen Teil saß im größten Malteserbus, in welchen hinten eine Biergarnitur reinpasst. Und das meine ich jetzt nicht nur theoretisch, sondern da stand wirklich eine drin, umgeben von den ganzen Jugendlichen und Roman. Das war sooooooo lustig!!! Wenn Kurven gefahren wurden, wackelten Tisch und Bänke, eine Bank schien das Gewicht der vielen auf ihr Sitzenden nicht ganz tragen zu können, und ein kleines Stück brach ab und ein Ständer sprang immer wieder raus, sodass zwischendurch auch gestanden werden musste… Echt, der absolute Oberhammer, unvorstellbar unfassbar lustig!!!
Und so lief immer laute Musik, die mitgegrölt wurde oder Weihnachtslieder wurden gesungen… einfach nur cool! Und so fuhren wir zu verschiedenen Leuten, sangen unglaublich viele Lieder – ich durfte, nein musste, immer „Stille Nacht, heilige Nacht“ singen, wobei es das Lied hier auch gibt, also fast gleiche Melodie und Text auf Ukrainisch, sodass die Malteser immer noch schön die Melodie mitsummten. Und nach der ersten Strophe auf Deutsch erklang dieselbe auf Ukrainisch.
Meist wurde fleißig, sehr, sehr fleißig getrunken, hin und wieder gab es auch Essen (Roman kam dann immer sehr fürsorglich zu mir und riet mir, viel zu essen.) Und weiter ging die Fahrt und weiter und weiter. Sehr lustig war dann auch, dass manche Besuchten gerne noch eine Flasche Horilka oder anderen Alkohol mitgaben und Süßigkeiten, die dann sofort hinten im größten Malteserbus geleert wurden.
Es ist echt schon fast widerlich, wie viel Alkohol an diesem Abend / dieser Nacht getrunken wurde. Aber Spaß hat es auf alle Fälle gemacht, sehr, sehr, sehr viel Spaß!!! Und was lernen wir daraus: die Ukrainer wissen einfach, wie man feiert und feiern auch, wann immer sich eine Gelegenheit bietet.

Am nächsten Mittag wurde ich wieder angerufen und gebeten, doch um 16:00 Uhr am Bahnhof zu sein. Mit einem Bus fuhren wir dann noch zu einer Malteserin nach Hause, um dort auch noch fleißig zu singen und zu essen und zu trinken. Auch das wurde ein relativ langer, gemütlicher Abend.

Aber so lustig das Ganze auch war, ich wurde so langsam richtig müde und konnte auch Alkohol nicht mehr so gut sehen, sodass ich etwas erleichtert war, als das große Feiern erst mal ein Ende hatte. Feiern ist eben nicht nur lustig, sondern auch anstrengend!!!

Der Alltag kehrt wieder ein
Soso, und am 11. 01. hieß es dann wieder arbeiten. Dazu fällt mir eigentlich nur ein, dass es sehr, sehr still ist… Vor allem nach der Nikolausaktion und den ganzen Feiertagen fällt mir das besonders auf.
Mit dem Übersetzen der Internetseite war ich schon fertig, als die Nikolausaktion los ging, was sehr perfekt war, weil ich mich dann mit großem Vergnügen in alle Aufgaben rund um die Nikolausaktion stürzen konnte. Aber jetzt ist diese Arbeit nun einmal leider vorbei und nur zwei Texte über die diesjährige Nikolausaktion sind noch zu übersetzen. Also muss ich mir jetzt wohl eine neue Arbeit suchen, eine wohl nicht ganz leichte Aufgabe. Ich kann nur hoffen, recht schnell eine sinnvolle Beschäftigung zu finden.
Selbstverständlich bringe ich immer noch das Essen zu der alten Frau und jeden Donnerstag, wenn nicht gerade ein Feiertag ist, helfe ich beim Kochkurs in einem Waisenhaus Das ist ja schon mal ganz nett.

Das Ende des Briefes klingt irgendwie traurig, das möchte ich nicht, denn mir geht’s echt gut, deshalb erzähl ich jetzt doch noch was Anderes:

Gestern (13.01.)war ich schwimmen, das hat Spaß gemacht! Es ist jetzt alles wieder total schön verschneit und alles glitzert!

Heute, am 14.01., wird das neue alte, ach nein, falsch, das alte neue Jahr gefeiert. Ich weiß, warum das gefeiert wird bzw. wie das zustande kommt, aber wisst ihr es auch? Denkt mal drüber nach… Jedenfalls gibt es hier den Brauch, dass Jungs andere Leute mit irgendwelchen Körnern (Samen als Zeichen von Leben, das auch im neuen Jahr weiter wachsen soll) bewerfen und viel Glück und Anderes wünschen. Und so kamen heute schon ein paar Leute und verstreuten die Körner über uns im Büro – beim ersten Mal habe ich mich sehr erschreckt!

Heute (14.01.) hat „Wasyl“ Namenstag. So hieß ein vor vier Jahren gestorbener Doktor, der wohl eine ganz tolle Persönlichkeit gewesen ist. Deshalb sind wir heute zu seinem Grab gefahren und haben gebetet, Kerzen angezündet und Weihnachtslieder vor seinem Grab gesungen. Das war vielleicht ein großer Friedhof! Und aufgrund des Schnees sah alles so wunderschön aus. Hab ich schon mal erzählt, dass in die Grabsteine Fotos von den Toten eingemeißelt sind?

Am 19.01. ist wieder ein Feiertag – Epiphanie. Weil Jesus im Fluss getauft wurde, und weil hier gleichzeitig die Taufe des Herrn gefeiert wird, geht man dann im Fluss baden. (Also, so ganz blicke ich da noch nicht durch, und vielleicht stimmt die Angabe so nicht.) Jedenfalls… bei den Temperaturen holt man sich dabei doch den Tod! Bin mal sehr gespannt… An diesem Tag werden auch Häuser gesegnet, also wie die heiligen drei Könige das in Deutschland machen.

Am Sonntag sind Wahlen, aber Gespräche über Politik halten sich in Grenzen… nur eher Witze über die Politiker, aber immerhin, das sagt ja auch was aus. Aber dazu gibt’s beim nächsten Mal mehr und auch zum Wahlkampf.

Ich finde es einfach total blöd, dass Männer, wenn sie ins Büro kommen, nur Männern die Hand geben und guten Tag wünschen. Ja, ja, die Frauen hier haben es einfach noch schwerer und werden viel stärker in die Rolle der Hausfrau und Mutter gesteckt.

Also, manchmal sind mir die Ukrainer irgendwie unheimlich:
die glauben wirklich und mit vollem Ernst, dass man vor Zigeunern Angst haben muss und ihnen nicht in die Augen schauen darf!!! Außerdem glauben die an Hexen!!!

In den letzten Wochen und Monaten konnte man das meiste Gemüse nur sauer essen, also eingelegt und nicht frisch! Und die sauren Gurken sind sooooo lecker! Mandarinen schmecken hier viel besser. Selbst jetzt haben sie immer noch keine Kerne und schmecken noch total gut!

Typisch deutsch
Ukrainer finden es ganz typisch deutsch, wenn man Vergleiche mit Deutschland zieht, nachdem sie etwas von der Ukraine erzählt haben. Die Sätze des typischen Deutschen lauten dann so „In Deutschland vor XX Jahren war das auch so“. Der Standartsatz, wenn sie Deutsche aufziehen wollen, lautet „Ja, ja, in Deutschland vor 50 Jahren war das auch so…“. Normalerweise stört mich auch das herzlich wenig, denn erstens würde ich nicht sagen, dass ich so was oft denke und zweitens: selbst wenn ich das denke, dann spreche ich es nicht aus – zumindest nicht vor ihnen. Aber heute (15.01.) bin ich auch in diese böse Falle getappt, woraufhin das „ja, ja…“ dann auch anfing. Ich wollte mich erklären, dass ich damit nicht ausdrücken wollte, dass das Leben in Deutschland jetzt viel besser ist und die Ukraine so unendlich rückständig, sondern ich ja nur sagen wollte, dass das, was sie mir gerade erzählten auch in anderen Ländern, zum Beispiel Deutschland, aber auch England, Frankreich (…) schon vorkam… Die Reaktion darauf war Lachen und „Ist ja gut, Judith, wir sind dir nicht böse“ – längere Pause  – „ist halt typisch deutsch“…
„Typisch deutsche“ Fragen lauten: Wie viel Horilka darf ich mit über die Grenze nehmen? Wie viel Stangen Zigaretten darf ich mit über die Grenze nehmen?

Ukrainer sind krass nationalstolz:
Dies fiel mir bei diesem Aufdruck auf einem T-Shirt auf, wobei es (natürlich) um Ukrainer und Russen ging: „Gott sei dank, dass ich kein Kanake bin!“ Und so was kann man an jeder Ecke kaufen, nicht nur T- Shirts, auch Buttons und Taschen.

Ukrainer sind so lustig:
Wie eben schon erwähnt, bewerfen Jungs am 14.01. andere Leute mit Samenkörnern und wünschen ihnen viel Gutes. Roman hat zwei Söhne, die den gestrigen Tag einzig und allein damit verbrachten, Familienmitglieder und andere Leute zu besuchen… Dafür schreiben er und seine Frau nämlich gerne eine Entschuldigung. Irgendwann in den letzten Monaten war „Tag der Behinderten“- Was macht Pups? (Das ist nur ein Spitzname, der sich so herleitet, dass „Pups“ so viel wie klein/süß heißt und der damit Betitelte groß und füllig ist…) Er ruft alle Behinderten an, mit denen die Malteser so zusammenarbeiten und gratuliert ihnen, während sich das ganze Büro einfach total den Ast ablacht…sehr schwarzer Humor, finde ich.

St Andreas – auch ein sehr lustiger Feiertag – an dem alle Unverheirateten durch irgendwelche komischen Zauber herausfinden, wen sie mal heiraten werden. Damit verbringen die dann den ganzen Abend. Also nur, damit ihr’s wisst, ich werde auf jeden Fall, und daran besteht absolut kein Zweifel, einen „Wasyl“ heiraten. Noch kenne ich keinen, aber das kann ja noch werden…

Roman hat mir Geschichten erzählt, die auch einfach ganz typisch ukrainisch sind und den Unterschied zu Deutschen schön demonstrieren. Ich lasse euch daran teilhaben:
Romans Papa hat eine Garage, die er vermietet. Das mit dem Mieter hat eigentlich immer ganz gut funktioniert, aber seit einigen Monaten bezahlt der die Miete nicht mehr und ist einfach wie vom Erdboden verschluckt. Jetzt weiß er nicht so genau, was er machen soll, denn das ist ja doch etwas blöd. Roman fragt mich, was ich machen würde. Meine Antwort: Zur Polizei gehen (und ganz ehrlich, hätte jemand von euch etwas anderes geantwortet?) Roman grinst und erzählt, dass in der Garage noch das Auto des Mieters steht… Also, wie sieht der vorläufige Plan aus: Schlüssel austauschen und wenn sich nichts tut, dann stellt das Auto doch einen guten Gegenwert zu der nicht bezahlten Miete dar…
Romans Papa hat nur etwas Angst davor, dass das Auto geklaut ist oder sonst irgendwas „Illegales“ läuft.

Die Malteser haben ein (Geräte)Lager, in das eines Nachts Einbrecher eindrangen. Die Polizei kam noch nachts dorthin, Roman ging am nächsten Morgen hin und unterhielt sich mit dem Wächter, also demjenigen, der dort nach dem Rechten sieht und auch die Polizei gerufen hat. Dieser meinte, dass eigentlich nichts fehlte – außer einem Zelt. Er habe gesehen, wie die Einbrecher es trugen, es aber dann fallen ließen, weil es zu schwer war. Sie suchten danach, aber fanden es nicht… Die Polizei war ja auch zwischenzeitig da… (Ich finde es einfach bemerkenswert, dass bei einem Einbruch (glücklicherweise) nichts geklaut worden ist, aber dann die Polizei klaut!!!).
Was also tun, das Zelt war weg, was würde man als Deutscher tun: Na klar, die Polizei rufen! Aber da die ja die eigentlichen Diebe sind… Roman geht dann auch zur Polizei, erzählt, was passiert ist. Reaktion: Was, unsere Polizisten sollen geklaut haben?. Aber so ganz abwegig fand dieser Polizist das Ganze wohl auch nicht und rief die Polizisten an, die in der Nacht beim Lager waren und fragte schmunzelnd, was denn da passiert sei…
Das Ende vom Lied war, dass Roman 50 UAH (weniger als 5 Euro) dafür zahlte, dass diese Polizisten ihm sein eigenes Zelt wiedergaben…

So, nun aber genug Geschichten… Jetzt hör ich wirklich auf!

Eure Judith

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