1. rundbrief, lioba pinn, potosí-bolivien
4. Februar 2010 von lioba.pinn1.Rundbrief
Nachdem wir über einen Tag lang nur Flugzeuge, Flughäfen und Formulare ob der Schweinegrippe gesehen haben, kommen wir (meine Mitfreiwilligen und ich) am 12.08. endlich bei Dunkelheit in La Paz an.
Wir werden von Olga (unsere Ansprechpartnerin hier) und ein paar Freiwilligen abgeholt und fahren in einem etwas überladenen Microbus in unsere Herberge.
Für die nächsten vier Tage wohne ich mit den anderen, die zum Sprachkurs nach Sucre sollen, im Haus von ein paar Schwestern. Dort begegnen uns nach den Schuhputzern im Flughafen die nächsten Anzeichen dafür, dass wir jetzt fernab vom sommerlichen Deutschland sind. Besonders in der Nacht ist es ziemlich frisch und es gibt keine Heizung. Die Dusche wird trotz Anwendung aller Tricks nicht richtig warm und wenn ich Treppen hochlaufe oder tief einatmen will, merke ich doch, dass die Luft hier oben ein bisschen dünner ist. Aber die Schwestern kümmern sich sehr darum, dass es uns gut geht und der frischgebraute Kokatee hilft wirklich.
Zu unserem Lieblingsplatz wird die Dachterrasse, wo wir uns in der Sonne aufwärmen können und die Aussicht geniessen. Auf der einen Seite sieht man bis zu den schneebedeckten Berggipfeln, auf der anderen kann man das Leben in der Straße und im Nachbarhof beobachten, wo gerade alte Klapperkisten wieder fahrtüchtig gemacht werden.
Um uns noch einmal ein bisschen landeskundlich einzustimmen und Organisatorisches zu regeln, treffen wir uns morgens in Olgas Büro.
Der Weg dorthin ist nicht weit, aber voller Eindrücke. Eigentlich sollte ich vor mich auf den Boden gucken, denn hier und da zieren Löcher und andere Stolperfallen den Bürgersteig. Aber überall wird mein Blick abgelenkt. Von “chulitas” mit ihren Faltenröcken, langen geflochtenen Zöpfen, oft einen Hut auf dem Kopf und auf dem Rücken ein Kind. Von Händlern, die am Straßenrand alles mögliche, von Handarbeiten bis Süßigkeiten verkaufen; von vermummten Schuhputzern, die nur noch Augen und schwarze Hände sehen lassen und nach Arbeit rufen.
Die Straße zu überqueren ist eine echte Herausforderung, und manchmal dauert es einige Zeit, bis es alle durch das hupende und stinkende Verkehrschaos auf die andere Seite geschafft haben. Ab und an denke ich an meine Lunge, die hier nach einem Jahr bestimmt verrußt sein wird – trotz Nichtrauchersein.
Eine enge Gasse aus Verkaufsständen zwingt mich dazu den Kopf einzuziehen und eigentlich ist mir danach, wieder die Luft anzuhalten. Denn es mischen sich Gerüche von Hunden, die ihr Revier markiert haben, Menschen, die ihr Mittagessen zubereiten, zwischendrin verrottender Müll und ich kann gar nicht genau zuordnen, was noch…
Als wir an einer Gruppe Schulkinder vorbei gehen ziehen wir erstaunte Blicke auf uns. Auf Torben, unseren “2-Meter-Mann”, zeigen sie mit ihren Fingern als wäre er das 8. Weltwunder.
Den Tag darauf fahren wir zur Botschaft. Ich muss lachen, als im Microbus – wieder bis aufs äußerste besetzt- “griechischer Wein” auf spanisch läuft.
Zurück im Büro knallt es plötzlich und unsere Aufmerksamkeit gilt dem Geschehen unten auf der Straße, wo aber bloß eine “gewöhnliche” Demonstration zu Gange ist.
Freitagnachmittag nimmt uns eine Freiwillige mit auf den riesigen Markt in “El Alto”, dem höchsten Teil der Stadt. Hier gibt es alles, leider auch Diebe, werden wir gewarnt. Also stopfe ich mein Geld tief in die Socke. Erschlagen von dem Menschenchaos und all den Sachen verschwindet mein Durchblick und ich achte irgendwann nur noch darauf, nicht auch meine Gruppe zu verlieren.
Schon ist der letzte Tag gemeinsam mit allen angebrochen.
Nach einem mächtigen Gängemenü im 11. Stock eines Hotels, zu dem uns Olga eingeladen hat, schleppen wir unsere schweren Bäuche zum Bischof. Hinter einem eher demoliert aussehenden Metalltor erwarte ich eigentlich keine Prominenz. Wir treten ein und werden in einem prächtigen Raum mit edlen Stühlen und einer riesen Tafel mit dicken Torten empfangen. Ich bin fast ein bisschen eingeschüchtert als wir uns mit dem Höflichkeitstortenstück setzen. Aber als er mit uns redet – überraschenderweise auf Deutsch – spricht nicht der Oberste Bischof von La Paz, sondern ein freundlicher, welterfahrener älterer Mann, der uns sofort einlädt jederzeit vorbeizukommen, falls wir mal in der Stadt sein sollten.
Um 10 vor 6 brechen wir langsam auf, weil gleich (um 6) Messe ist. Aus der Kirche tönt schon von weitem hörbar Gesang und Gitarre. Die Kathedrale ist groß und es schallt mächtig in meinen Ohren, aber schön.
Wir warten noch ungefähr eine viertel Stunde, bis sich die Unterhaltung zwischen Bischof, anderen Priestern und Messdienern auflöst und sie einziehen.
Auch viel später trudeln immer wieder Leute ein und setzen sich ungehemmt in die erste Bank; bei uns hätte man sich wohl möglichst heimlich einen Platz im hintersten Eck gesucht.
Hier ist fast jeder anzutreffen: “Chulitas” mit ihren Kindern auf dem Rücken, Jugendliche im Trainingsanzug, von Alter und Arbeit gezeichnete Männer in Strickpullis, der Geschäftsmann im Anzug und ältere Frauen mit viel Schminke und toupierten Haaren. Trotzdem kommt es mir so vor, als würden sie sich alle kennen und zum Friedensgruß bekommen sogar wir Küsschen von den Nachbarbänken.
Draußen sprechen uns Leute an, es klingt sehr nett was sie sagen, leider kann ich sie so schlecht verstehen, also nicke ich einfach und grinse zurück.
Am nächsten Morgen muss ich mich ein bisschen sputen, meine kleine, aber dennoch chaotische Kammer aufräumen und alles in meinen Rucksack quetschen. Wir sind mal wieder spät dran und ich fühle mich mit meinen 25 kg auf dem Rücken Richtung Terminal ein bisschen wie ein gehetzter Packesel. Am Ende schaffen wir es aber doch wieder.
Nach dem Einchecken verabschieden wir uns fuer längere Zeit von den La Pazern, die erste lange “Flotafahrt”beginnt.
Ich hatte mir einen alten Bus kurz vorm Auseinanderfallen vorgestellt und bin überrascht in einen Bus mit luxuriösen, dickgepolsterten Sitzen, “Beinliege” und Fernseher zu steigen. Bloß das klappernde, selbstöffnende Fenster, durch das mittlerweile kühle Abendluft zieht, erinnert mich an Bolivien. Bis wir aus der Stadt sind braucht es dann doch noch einige Stopps. Leute steigen ein und preisen “refrescos” (Erfrischungsgetränke) und andere reisetaugliche Dinge an, aber ich habe ja noch das Lunchpaket von den Schwestern. Also schaue ich aus dem Fenster:
Auf der Straße sitzen trotz Kälte und Dunkelheit vor allem Frauen mit Kindern, Hunde suchen nach etwas fressbarem, Jugendliche vertreiben sich den Abend an Spielkonsolen und in kleinen Buden werden papas fritas und Hähnchen gebruzelt.
Zum Abschied können wir noch einmal auf das riesige Lichtermeer “La Paz” blicken, dann schlafe ich ein…
Das letzte, was ich im Tageslicht sehe, bevor wir in der Hauptstadt ankommen, sind Bewohner einer Hütte, die im Freien ihre Morgentoilette verrichten.
Noch ein bisschen schlaftrunken steige ich aus, wir werden schon von unseren Gastfamilien erwartet. Schnell ist mein Gepäck ins nächste Taxi verladen und 10 Minuten später sind wir in meinem neuen zu Hause. Vom ersten Tag an werde ich „hija“ (Tochter) und „hermana“ (Schwester) gerufen. Ich freue mich, so bedingungslos aufgenommen worden zu sein und am Alltagsleben teilnehmen zu können.
Aber nun stelle ich sie kurz vor:
Meine Gastmutter,kurz über 50, heißt Hilda, ist eine gemütliche bolivianische Mamá, Lehrerin, und kocht sehr gut und reichlich.
Mein „Vater“, Hugo, ist wie sie Lehrer, kümmert sich tagsüber um das Baby und arbeitet abends. Er erinnert mich ein bisschen an einen spanischen „conqistador“ und fordert mein Hörverständnis ziemlich mit seinem nuschligen Castillano.
Meine „große Schwester“ heisst Chivi (eigentlich Silvia), ist 24 und studiert Architektur.
Nebenbei arbeitet sie in einem Büro, tanzt Tinku und spielt sehr gut Volleyball.
Vor 10 Monaten ist Arelis Nina in die Familie gekommen. Sie wird im Oktober 1 Jahr,schläft nicht gerne und hält so die Familie auf Trap.
Das Leben hier in Sucre ist für mich ein bisschen wie Urlaub. Auch hier ist zwar Winter, aber bei 25*C lässt sich das ganz gut aushalten.
In meinem riesengroßen Zimmer steht ein mindestens doppelt so breites Bett wie zu Hause in Deutschland, davor ein Fernseher. Bloß die Berge von rosa Plüschtieren, mit denen ich das Zimmer teile, haben noch nicht ganz meine Zuneigung gefunden.
Dafür werde ich morgens von der Sonne geweckt und schaue durch mein Fenster auf die Stadt unter wolkenlosem Himmel. Nach dem nächsten Blick auf die Uhr ist es schon halb 9, um 9 beginnt meine Grammatikstunde. Während ich mich im Eiltempo fertig mache, klingelt es und das Hausmädchen Sonia steht vor der Tür. Oft bringt sie ihre kleine Tochter mit, dabei ist sie selbst kaum älter als ich. In meinem Alter haben hier einige schon ihr drittes Kind und häufig sind sie damit allein.
Nachdem ich Cracker mit „dulce de leche“ (ein klebrig-suesser Brotaufstrich) und Mate gefrühstueckt habe, flitze ich zur Schule.
Auf dem Weg muss ich manchmal die Augen zusammenkneifen, die Luft ist trocken und Staub von Baustellen weht mir ins Gesicht. Im Allgemeinen sind die Straßen gut befestigt, je weiter man Richtung Zentrum geht, desto größer und weißer werden die Bauten. Hin und wieder fehlen aber auch hier Häusern Fenster, oder Löcher in den Treppen lassen in die Tiefe blicken. Leider sind auch Mülleimer Mangelware. Während ich mich gerade frage, was ich mit meinem Überbleibsel machen soll, sehe ich, wie jemand vor mir seine eben geleerte Trinkverpackung unbeschwert fallen lässt.
Die Schule ist eines dieser weißen Kolonialstilgebäude mit Innenhof und sogar Café, so dass der Gang in den Unterricht manchmal Überwindung kostet. Nach einundhalb Stunden Grammatik und einer frischgepressten Limonade gehe ich meinen 10-Minuten- Fußweg nach Hause.
Bald kommt dann auch meine Gastmutter aus der Schule und wir kochen.
Manchmal weiß ich nicht so genau, was wir gerade essen, aber es schmeckt. Zu jedem Essen gibt es „llajwa“, eine scharfe Soße aus Locoto und Tomate. Einmal hat meine Mutter winzige getrocknete Fische vom Markt mitgebracht und mich schmatzend aufgefordert, zu probieren. Tapfer habe ich sie runtergschluckt und erst später gesehen, dass sie vorher den Kopf abzupft…
An Hühnerfüße oder –kopf in der Suppe habe ich mich schon gewöhnt, wenn ich auch daran vorbei fische.
Zum nächsten Unterricht würde ich dann am liebsten den Berg herunterrollen, meine Gastmutter meint es sehr gut mit ihren Portionen.
Nach der Spanischstunde genieße ich die viele Zeit ohne Verpflichtungen und spaziere mit den anderen ein wenig durch die Stadt, oder setze mich auf die Plaza.
Hier kann man einiges beobachten, ist aber nicht ganz ungestört. Als Weißer erweckt man besonders die Aufmerksamkeit von Schuhputzjungen, Saftverkäufern und anderen, die ein bisschen an den (zahl-) reichen Touristen verdienen wollen. Die Schuhjungen sind besonders tüchtig und würden beinahe sogar Flip-Flops putzen. Oft sitzen ältere, fein rausgeputzte Männer, aber auch Frauen auf den Bänken und lassen sich während einer Unterhaltung noch schnell die Stiefel polieren. Dieses Bild macht mich immer ein bisschen wütend.
Irgendwann mache ich mich auf den Heimweg. Jetzt, wo alle Läden beleuchtet sind, fällt mir erst auf, wie viele Internetcafés abends voll besetzt sind. Ich traue meinen Augen kaum: mittlerweile sitzen hier auch die kleinen Schulkinder und spielen „Counterstrike“, was niemanden zu kümmern scheint.
Zu Hause bin ich ganz froh, diese Realitäten bei mexikanischen oder amerikanischen Telenovelas hinter mir lassen zu können.
Spätestens um 10 kann ich meine Augen nicht mehr aufhalten und gehe schlafen.
Mein Gastvater und Chivi lachen mich deswegen immer aus, sie fangen erst jetzt an zu arbeiten.
Nach einer insgesamt recht ruhigen und entspannten Woche fordert das Wochenende ein bisschen mehr Kondition.
Freitagabend ist bei uns eine „oración“ (Betstunde)zu Ehren der „Virgin de Guadalupe“. Das ganze Haus ist voll und alle drängen sich um das Heiligenbild. Es werden Rosenkränze und Vaterunser gebetet. Dann scheint der religiöse Teil beendet, wir widmen uns den „hamburgesas“, Popcorn und Getränken. Ich freue mich eigentlich schon aufs Bett, da versammeln sich alle wieder . Nach einer weiteren Stunde, in der jeder seine persönlichen Anliegen vorbringen darf, ist dann aber Schluss.
Samstags wasche ich meine Wäsche. Eigentlich keine große Sache , denke ich. Nachher bin ich schlauer: Das Wäschewaschen von Hand füllt einen ganzen Morgen und ist auch einigermaßen anstrengend, so dass ich mich danach richtig auf das üppige Mittagessen freue. Trotzdem macht es mir Spaß, ich bin geschafft, aber viel zufriedener als nach dem Knopfdruck einer Waschmaschine.
Die Jungfrau aus Guadalupe muss wirklich sehr bedeutend sein, denn heute tanzen mehr als 25 Gruppen ihretwegen Richtung Plaza; meine Schwester ist in der Tinku-Gruppe dabei. Begleitet werden sie von Blaskapellen, die stundenlang ununterbrochen das gleiche Lied spielen und dabei so laut sein müssen, dass sie die Musik vor und hinter sich übertönen.
Im Feiern scheinen mir die Bolivianer unermüdlich, denn obwohl viele mit ihren wunden Füßen kaum noch gehen können, kehren sie danach irgendwo ein, um weiter zu feiern und die Nacht zum Tag zu machen.
Sonntag kann man den 2. Teil der Parade anschauen.Während wir lässig Eis- lutschend am Straßenrand stehen, schwitzen die Tänzer in der Mittagssonne. Mittlerweile kann ich schon einige der Schritte erkennen und vergewissere mich bei Chivi, die – immer noch nicht müde- eifrig mitmacht.
Später erfahre ich, dass dieses Wochenende nur der Auftakt, sozusagen Probe für den Höhepunkt am nächsten Samstag war. Dafür kann man sogar ein Stück Bürgersteig oder einen Tribünenplatz buchen. Alle Gruppen werden in ihren traditionellen Kostümen (teilweise ueber 8 kg schwer)zur Plaza ziehen. Das ist wirklich beeindruckend, so hatte ich mir eher Karneval vorgestellt.
Am Dienstag ist aber erstmal Geburtstag der Virgin und wieder ein riesen Menschenauflauf auf der Plaza. Nach der Messe beginnt die Prozession durch die Stadt, vorneweg die Ikone der Heiligen. Dazu posaunt wieder die Kapelle, Raketen und Böller knallen. Mit Decken, Silber, Blumen, Plüschtieren und allen möglichen Reichtümern behangene Autos fahren hupend hinterher.
Andere nutzen das Publikum, um Kunden für ihre Versicherung zu werben und lassen als Kontrastprogramm die neusten Diskohits laufen. Ein perfektes Chaos und ich mittendrin!
Feierlich wie sie begonnen hat, geht diese Woche zu Ende und schneller als ich glaube ist meine Zeit hier schon wieder vorbei.
Am Abend vor meiner Abreise treffen wir uns nochmal alle zum Gottesdienst. So spät bin ich noch nie gekommen und eigentlich hätten wir auch ohne Stress mindestens eine halbe Stunde früher da sein können. So ganz kann selbst ich als Zuspätkommer die Sache mit den Bolivianern und der Zeit nicht verstehen.
Morgens besuche ich noch schnell die Schule meiner Gastmutter. Heute wird hier „día del estudiante“ gefeiert, Tag des Schülers. Ehe ich mich versehe, bin ich von einer Schar Kinder umzingelt und kann mich kaum befreien, alle wollen einen Rockzipfel von der „gringa“ erwischen. Aber ich muss mich noch umziehen, denn mit meiner Gastmutter soll ichTinku tanzen, obwohl wir es beide nicht recht können. Zwischendrin erzählt sie mir von ihren Schülern: „Der hat keine Eltern mehr.“ „Sie wohnt bei ihrer Tante, weil ihre Mutter sie und ihre 9 Geschwister nicht versorgen kann, der Vater hat sich aus dem Staub gemacht.“ „Der Junge dahinten ist den ganzen Tag allein, seine Mutter arbeitet von morgens bis abends und sein Vater in Cochabamba.“
Doch heute ist ein fröhlicher Tag. Einige Lehrer tanzen –so wie wir- , andere spielen Theater oder lassen sich sonstwas für die Kinder einfallen.
Zu Hause muss ich dann wieder einmal ganz schnell packen und noch das Ticket fuer die „Flota“ besorgen. Heute abend werde ich in meinem Projekt erwartet.
Ein bisschen traurig bin ich schon, ich hatte mich sehr an meine Familie gewöhnt und bin gerade soweit, dass ich mich nicht mehr ständig in der Stadt verlaufe. Aber schliesslich ist ja Potosí mein eigentliches Ziel und ich freue mich auf die Arbeit.
Mit diesmal nicht nur neuen Eindrücken, sondern auch besseren Sprachkenntnissen sitze ich also wieder im Bus.
3 Stunden später bin ich in Potosí, der höchsten Stadt der Welt, und endlich da angekommen, wo ich den größten Teil des Jahres verbringen werde. Bloß einen kleinen Umweg muss ich noch einbauen, weil ich meinem Gepäck hinterher muss. Das hatte ich aus lauter Freude über die netten Leute im Bus vergessen.
Zusammen mit Corinna, einer Freiwilligen aus dem Schwarzwald, wohne ich in einer Wohnung unter der Schule. Das ist einerseits sehr praktisch, da man vom Frühstück aufsteht und sozusagen direkt am Arbeitsplatz ist, andererseits muss man sich daran gewöhnen, dass um 7 Uhr das Stühlerücken beginnt und ständig in Gesellschaft von Schülerinnen ist, die am Küchenfenster vorbeilaufen. Ruhig wäre es allerdings wohl auch anderorts nicht, denn man hört die hupenden Autos und Musikvereine auch aus 5 Blocks Entfernung und die spielen ungelogen mindestens ein Mal pro Tag irgendwo.
Bolivien ist einfach laut, aber uns geht es wirklich gut, wir haben eine Küche, sogar einen Fernseher, den wir benutzen dürfen, und eine warme Dusche. Die ist bei den Temperaturen hier oben besonders willkommen, zumal die Häuser keine Heizung haben und die teils löchrigen Fenster nicht so sehr isolieren.
Am zweiten Abend werden wir vom Kollegium zu einem Begrüßungsessen eingeladen. Mich wundert und freut zugleich, dass sich so viele bei uns bedanken, dass wir gekommen sind und wir haben gleich schon wieder 3 neue Essenseinladungen. Dabei finde ich, ich muss mich bei ihnen für die so herzliche Aufnahme und Hilfsbereitschaft bekdanken.
Mit den Direktoren (es gibt 3 für jede Stufe eine/n) überlegen wir am nächsten Tag, welche Aufgaben wir übernehmen können. Und wenn nicht gerade „día del estudiante“ oder „día del árbol“, etc. gefeiert wird, sieht meine Arbeitswoche jetzt so aus:
Montag, Dienstag und Donnerstag schließe ich um 9 Uhr die Bibliothek und Computerraum auf und pendel dann bis 12 hin und her. Morgens kommen hier die Großen, um Hausaufgaben für ihren Unterricht am Nachmittag vorzubereiten.
Mittwochs und Freitags fängt um 8.30 meine Deutschstunde mit den freiwilligen Schülerinnen aus der Oberstufe an, danach bin ich wieder in der Bibliothek. Es ist das erste Mal, dass Deutsch angeboten werden kann, deswegen gibt es noch keine Bücher, mit denen wir arbeiten könnten. Durch meine Schülerinnen wird mir bewusst, wie schwer und kompliziert doch eigentlich die deutsche Sprache ist und oft ist allein die Aussprache eine echte Herausforderung, aber es macht Spass.
Mittags gehe ich mit Corinna zu den Schwestern essen. Sie sind zu dritt und jede kocht 2 Tage, bleibt der Samstag für uns.
Nach dem Spülen und ein paar Minuten ruhen, erwarten mich montags, mittwochs und freitags meine Englischschüler aus der 5. Klasse vorm Schultor. Ich freue mich meistens auf den wilden Haufen, aber manchmal ist das Lernen mit ihnen wirklich schwierig. Es ist jedes Mal eine Überraschung, wer kommt, oder wann sie kommen, ab und zu bringt die ein oder andere noch ein kleines Geschwisterchen oder eine Freundin mit. Voran kommt man da nicht so sehr, zumal man sich nicht darauf verlassen kann, dass das, was man schon zum dritten Mal wiederholt, in der nächsten Woche gekonnt ist. Mittlerweile freue ich mich jedoch einfach über die , die da sind, schliesslich kommen sie freiwillig. Ein Freund hat mir erklärt, dass Englisch für sie wirklich schwer ist, weil man nichts so spricht, wie man es schreibt. Außerdem können sich viele Kinder nicht so aufs Lernen konzentrieren, weil sie zu Hause mit ganz anderen Probleme kämpfen, die ständig in ihrerm Kopf sind. Das sie im Haushalt ihren Müttern helfen und auf ihre Geschwister aufpassen ist normal, dazu kommt aber nicht selten, dass jemand aus der Familie gestorben ist oder sehr krank, sich aber keinen Arztbesuch leisten kann. Einige Männer trinken, um zu vergessen und schlagen dann ihre Frauen. Sehr viele Familien haben in irgendeiner Weise mit Bergbau zu tun. Machmal kommt es mir so vor, als würde der „cerro“ die Stadt unter sich einschließen und niemanden heraus lassen. Kaum zu glauben, dass Potosí einst die reichste Stadt der Welt war. Die meisten Straßen sind eher enge Gassen, zum Schutz gegen die Kälte, die Farbe an den Häusern verblichen oder abgeblättert. Viele Jugendliche sagen, dass sie nach der Schule wegziehen wollen, denn in Potosí gäbe es keine Zukunft. Wenn ich erzähle, dass ich hier arbeite, bedauern mich die Bolivianer, über die Stadt und ihre Bewohner sagen sie: Kalt, arm, hässlich. Es stimmt, dass die Autos älter und kaputter sind, die Menschen sehen weniger europäisch aus, Armut und Tod gehören hier vielleicht mehr zum Alltag als anderswo.
Trotz allem gefällt es mir hier sehr gut. Die Stadt ist groß genug, um alles zu bekommen, aber gemütlich und ich finde sie hat etwas sympathisches, ehrliches. Ich bin schon vielen offenen, hilfsbereiten Menschen begegnet. An dem zahnlosen oder braunen Grinsen und den verschmullten Kleidern erkennt man oft schon, aus welchen Verhältnissen diejenigen kommen, besonders bei den jüngeren Schülerinnen. Aber mich wundert jedes Mal, mit welcher Selbstverständlichkeit die meisten von ihrem Schicksal erzählen. Wüsste ich es nicht besser, würde ich ihnen von all dem nichts anmerken, mir scheint, ich bin immer viel betroffener als sie selbst.
Ich bin froh, hier an einem Ort angekommen zu sein und zu wissen, dass ich die Gelegenheit habe, eineige Leute besser kennen zu lernen und mit ihnen das Jahr zu erleben.
So zum Beispiel „todos santos“ (Allerheiligen). Das ist hier, wie vieles andere, ein richtiges Fest. Am 1. November laden die Familien, in denen im vergangenen Jahr jemand gestorben ist, in ihr Haus ein. In einem Raum ist ein prächtiger Altar mit einem Bild des Verstorbenen, Blumen, Kerzen, und z.B. Lieblingsessen, … aufgebaut. Nachdem man für den Toten gebetet hat, wird Gebäck und Wein oder „chicha“ (sozusagen Maisviez) serviert. Da viele aber in mehreren Häusern einkehren –man ist überall willkommen, ob man die Person kannte, oder nicht- bringt man seine Tüte mit, um die „masitas“ zu sammeln. Manche sind nach dem Tag sehr voll. Einige Kinder ziehen durch die Straßen und singen in den Häusern fuer die Toten, dafür werden ihnen die Tüten gefüllt.
Am Tag darauf geht man zum Friedhof, danach wird zu einem traditionellen Essen eingeladen und es wird viel getrunken. Die weniger schöne Seite des Feiertages, denn die, die es übertrieben haben, liegen dann später häufig auf der Straße, bis sie wieder gehen können.
In der folgenden Woche gibt es dann kein Brot zu kaufen, alle leben von dem gesammelten Gebäck, dummerweise wusste ich das erst, nachdem ich am ersten Abend gleich alles aufgegessen hatte.
Einen anderen Tag hat uns ein Professor der Universität auf einen Ausflug mitgenommen. Da hat mich ein kleiner Junge gefragt, warum ich so viel esse, damit meinte er, dass ich wohl zu groß geraten sei. Später wird mir bewusst, dass der Gedanke nicht ganz unbegründet ist. Besonders hier oben, wo nicht viel wächst und die Bewohner vom Land vielleicht 2, 3 Kühe halten können, ist die Milch sehr knapp und teuer. Die, die es sich leisten können, kaufen Instant-Milch. Hier in der Stadt Potosí hat die Regenzeit endlich mit Verspätung eingesetzt, aber in anderen Teilen des Landes mangelt es an Wasser, was die Lage zusätzlich erschwert.
Um die Nahrungsmittelversorgung der Kleinkinder zu verbessern, zahlt die Regierung jetzt Boni an alle Mütter mit Babys. Im Auszahlen ist Evo (Praesident) im Moment, so kurz vor den Wahlen, sehr fleißig. Alle Schüler des „basico“(Grundschule) und „intermedio“ (Mittelstufe) an unserer Schule bekamen letzte Woche „juancito pinto“. Das ist ein Betrag von 200 Bolivianos, der an alle Schüler von öffentlichen Schulen ausgeteilt wird. Dazu muessen die Eltern oder Erziehungsberechtigten sich mit Ausweis und Kind in der riesen Schlange vor dem Sekretariat anstellen, wo an diesem Tag Soldaten als Regierungsvertreter sitzen und jedem das Geld ordnungsgemäß in die Hand drücken. Dieses soll dann für die Anschaffung von Lernmaterial oder Schulkleidung verwendet werden. Viele Lehrer sagen allerdings, dass es in der Realität oft für andere Dinge ausgegeben wird, weiter kontrollieren lässt sich das nicht.
Seit zwei Wochen hat unsere Schule, so wie viele andere Schulen in Potosí, 10 neue Computer. Auch von Evo gesponsert. In den Werbepausen des Fernsehprogramms laufen Spots, in denen gezeigt wird, wie Patienten gerade ein neues Gebiss bekommen, in einem von Evo gesponserten Zahnarztmobil, dass zu den Leuten aufs Land fährt. In den letzten 3 Wochen war er schon bestimmt dreimal in Potosí. Nur, was mir bisher niemand so richtig erklären konnte: Woher kommt das ganze Geld?
In den Medien (zumindest Potosí-regional) hat die Konkurrenz wenig Praesenz. Hier in Potosí, wo es viel Landbevölkerung und Arme gibt, scheint es, als hätte Evo die Wahl schon gewonnen. Aber, er ist auch eine Person, die polarisiert. Er hat noch 7 Mitstreiter. Mal sehen, wie das am 6. Dezember ausgeht…