Syrien: 2. Rundbrief von Johannes Dörrenbächer
24. Februar 2010 von johannes.doerrenbacherZweiter Rundbrief aus Syrien
Hallo an alle Unterstützer, Freunde, Verwandte und Interessierte
In meinen folgenden Rundbriefen werde ich euch weiterhin duzen, ich hoffe, das stört niemanden, aber die meisten von Euch duze ich ja sowieso. Es ist einfach zu kompliziert, jedes Mal beide Formen zu schreiben, verzeiht bitte
ÜBERSICHT:
- ein Monat Damaskus
- Wieder zurück in Lattakia
- Ein Blogeintrag
EIN MONAT DAMASKUS
Ankommen
Vom 18.09 bis zum 9.10 war ich in der wunderschönen Hauptstadt Syriens. Grund meines einmonatigen Aufenthalts war ein Sprachkurs.
Die Sprache der Menschen auf der Straße klingt nicht so seltsam, wenn man mit ihnen spricht und das absolut wichtigste Argument: der Dialekt ist tausendmal einfacher als die Hochsprache.(was das mit dem klingen angeht, als Ausländer wird man wohl doch immer erkannt werden und so auch immer seltsam klingen und trotzdem: Hocharabisch klingt komisch!) Ganz große Kapitel der Grammatik fallen im Dialekt ganz einfach weg und da ich die Sprache nicht unbedingt für meinen beruflichen Werdegang lerne, sondern lediglich für dieses Jahr, reicht der Dialekt vollkommen aus. Man muss sich das so vorstellen: die Hochsprache ist so kompliziert, dass selbst die Menschen, die hier leben, oft noch einmal Worte oder Grammatik-Themen nach schlagen müssen.
Meine Sprachschule in Damaskus ist für Deutschsprachige und so kam ich in den Genuss wieder einmal ein wenig deutsch zu sprechen. Als ich mit dem Bus und dem Taxi am Bab Tuma Platz in Damaskus ankam, merkte ich allerdings schnell, dass ich gar nicht so erfreut über die neuen Deutschen war. Hatte ich mich doch in den letzten Wochen darauf eingestellt, hier in Syrien zu sein, so war dies fast wieder eine Art Schritt zurück. Man versteht die Gespräche um sich herum, und beginnt wieder sich über die verschiedenen Klischees, die so über uns Deutsche bekannt sind, zu ärgern. Aber letztendlich kann ich gar nicht genau sagen, warum ich beim ersten Anblick der deutschen Sprachschüler am liebsten wieder umgedreht wäre. Ich möchte meine Mitschüler nicht beleidigen, ich glaube, es lag weniger an ihnen als an mir, was mich ehrlich gesagt etwas beunruhigt hat. Vom Bab Tuma Platz in Damaskus wurde ich von meiner einmonatigen Gastfamilie abgeholt. Und zum ersten Mal ging es durch die engen Gassen der Altstadt. Wo man hinblickt laufen kleine Kätzchen herum, Autos quetschen sich durch die Gassen mit einem erstaunlichen Tempo, Müllmänner reinigen die Straßen (was ich so noch nirgendwo hier gesehen habe, zumindest nicht in dem Ausmaß), Sprachschüler aller Länder spazieren herum, Englisch, Italienisch, Spanisch, Französisch, Deutsch und natürlich Arabisch klingt an meine Ohren. Die Gassen sind so eng, dass die Gebäude manchmal über einem zusammen wachsen.
Ich ziehe meine große Reisetasche hinter mir her, Laptop und Rucksack sind an meinem Körper befestigt. Mir hilft ein asiatisch aussehender junger Mann und eine junge Syrerin. Sie spricht kein Englisch, er spricht perfekt englisch. Wir gehen gemeinsam in eine winzige Straße und in einen davon abgehenden Häusereingang. Mein Zuhause für einen Monat. Ich bekomme den Schlüssel für die Eingangstür, hinter der sich ein kleiner Innenhof befindet und einen Schlüssel für mein kleines, dunkles, rosafarbenes, schalldurchlässiges, geräumiges und schönes Zimmer. Man gibt mir zwei Sekunden, um meine Tasche auf zu machen, dann klopft es an der Tür. Die Familie würde mich gerne kennen lernen, heißt es. Also gehe ich über den Innenhof zu einer Treppe, die nach oben führt, zum Aufenthaltsraum, der auch als Schlafraum dient. Ich bekomme Kaffee und recht schnell bemerkt man, dass ich kein Wort verstehe und das Interesse an mir wird geringer. Tariq, der asiatisch aussehende junge Mann hingegen spricht mit mir in Englisch und ist freundlich und interessiert. Im Laufe der Zeit wurden wir zu so was Ähnlichem wie Freunde auf Zeit. Ich fand heraus, dass Tariq in Dubai geboren und aufgewachsen ist, seine Eltern aus Syrien und von den Philippinen kommen, und er auf Grund von Visumsproblemen Dubai verlassen musste und nun seit einigen Monaten in Syrien fest sitzt, in dem Land, in dem er zuvor noch nie gewesen war. Er ist trotz syrischen Passes also eigentlich ein Fremder in diesem Land und auch ein Gast der Familie, genau wie ein syrische Studentin aus Turtus und eine Engländerin, die wie ich zum Arabischlernen für einen Monat nach Damaskus gekommen ist.
Mein Alltag
Wow, ich muss mir wieder den Wecker stellen, das war die erste negative Nachricht aus Damaskus. 7:55 Uhr klingelte mein syrisches Handy und nach einer unangenehm kalten Dusche fuhr ich mit einem Minibus zum Institut. Von 9 Uhr bis 1 Uhr habe ich Sprachunterricht in Hocharabisch, ich lerne fleißig die 11 verschiedenen Personalpronomen und ihre unterschiedlichen Konjugationen. Um 11 Uhr ist Mittagspause und unser Institut baut ein künstliches Marktmonopol auf. Es ist uns verboten das Institut zu verlassen, die stark bewaffneten Sicherheitsleute auf der anderen Straßenseite hätten was dagegen, dabei waren die zu mir immer sehr freundlich. Auf diese Art sind wir also gezwungen in dem institutinternen Shop die vollkommen überteuerten Dingen zu kaufen. Um 1 Uhr endet der offizielle Unterricht, aber für mich geht der Unterricht weiter. Ich buche meinen Sprachlehrer für Privatstunden im Dialekt. Wir setzten uns in einen Park in der Nähe des Instituts und lernen bei ungemein hohen Temperaturen wie das fast regellos scheinende Konjugieren der Verben im Dialekt funktioniert. Danach habe ich frei.
Da ich die Küche meiner Gastfamilie nur bedingt nutzen konnte, ich Vegetarier bin, in Damaskus von den Speisen auf der Straße schnell Magenprobleme bekommen habe, blieben mir nicht mehr allzu viele Essensmöglichkeiten zur Verfügung, da ja auch mein Geldbeutel nicht zu sehr überstrapaziert werden sollte. Minipizza an jedem Tag war also angesagt. Manchmal wagte ich mich dann aber doch mal zu kochen oder Falafel zu kaufen. Es blieb trotzdem recht einseitig.
Macht aber nix, die restliche Freizeit in Damaskus war wundervoll. Ich liebte den Weg zu Fuß vom Institut zu meiner Gastfamilie in der Altstadt. Etwa 20 Minuten war man da in der Großstadt unterwegs. Am Regierungsgebäude vorbei, durch Häuserschluchten, an der großen Post, der Ummayaden Moschee vorbei, an einem lauten, stinkenden und unglaublich faszinierenden Markt vorbei, durch die vielen verwinkelten Gassen der Altstadt, in der ich mich mittlerweile relativ gut auskenne. All diese Eindrücke waren wundervoll. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl hier auf meinen eigenen Füßen zu stehen. Ich war in einem mir so fremden Land und kam dennoch wunderbar zurecht, ein sehr schönes Gefühl ist das. Die Abende wurden ganz unterschiedlich verbracht. Oft habe ich aber mit einem Freund aus dem Sprachkurs in einem Park gesessen und genüsslich das libanesische Bier Al Mazar getrunken.
Ausflüge
Der Sprachkurs bot nicht nur an, die Sprache zu lernen, er organisierte auch zahlreiche Ausflüge und Stadttouren durch Damaskus. Manchmal wurde ich müde durch die vielen Informationen, die man uns in den wenigen Tagen übermittelte, aber größten Teils freute ich mich über die vielen Insiderinformationen.
Ich besichtigte Palmyra, die Hauptattraktion in Syrien. Eine unglaublich gut erhaltene Säulen- und Tempelstadt in der Mitte Syriens.
Außerdem wurden Burgen besichtigt und eben, wie schon erwähnt, die Stadt und vor allem die Altstadt, die sehr viel zubieten hat, durfte begutachtet werden.
Außerdem besichtigte ich mit meinem Kumpel aus dem Sprachkurs Malula, eine alte Stadt in der noch die Sprache Jesu gesprochen wird und die dementsprechend auch streng christlich ist.
Während des Monats in Damaskus war ich also eher ein Tourist als ein Freiwilliger. Aber ich muss sagen, ich bin auch manchmal ganz gerne einfach nur ein Tourist gewesen.
WIEDER ZURÜCK IN LATTAKIA
Ankommen
Mit einigen Sorgen bin ich nach Lattakia aufgebrochen. Sorge, ob ich mir hier ein wirkliches soziales Netz aufbauen könnte, wie mein Alltag aussehen würde und wie ich klar kommen würde ganz ohne deutsche Unterstützung.
Jede Angst war umsonst.
Beim Eintreten in meine Wohnung erblicke ich ein bekanntes Gesicht: Abouna Habib sitzt auf dem Sofa und begrüßt mich. Meine Wohnung wurde in der Zeit, in der ich in Damaskus war, zu unserer Wohnung. Die Wohnung, die eigentlich für einen Pfarrer gedacht war, aber während Christoph hier war lediglich von ihm genutzt wurde, ist nun wieder in ihrer ursprünglichen Nutzung. Den Abouna kannte ich, da er für eine Sonntagsmesse einmal zu uns in die Gemeinde gekommen war.
Zunächst erklärte mir Abouna Habib die neuen Regeln in unserer Wohnung und ich war ein wenig geschockt über meine jetzt sehr eingeschränkten Freiräume. Wie ich aber später heraus fand, sind diese Regeln äußerst sinnvoll gewesen. Eine klare Ansage kann manchmal ganz gut sein und vermeidet unausgesprochene Unstimmigkeiten. So hat sich die Beziehung zu Abouna Habib zu einer freundschaftlichen entwickelt. Wir sitzen fast jeden Abend zusammen, rauchen Wasserpfeife, sehen Fernsehen, unterhalten uns, laden Freunde ein und diskutieren über viele Dinge, über die ich hier ansonsten nur schwer mit Leuten reden kann, da er eine recht weltoffene Ansicht hat. Bei dieser Freundschaft, sieht man dann auch gerne mal darüber hinweg, dass man derjenige ist, der öfter abspült und aufräumt.
Insgesamt, hat sich hier in Mar Rischa einiges geändert. (Mar Rischa ist das Studentenwohnheim, die neue noch nicht eingeweihte Kirche, mein Arbeitsort und mein Wohnort in einem.) Die etwa 70 Studenten sind aus ihren Ferien wiedergekommen und quasi jede Minute wird die Eingangstür geschlossen oder geöffnet und eine neue Person tritt ein. Es ist eindeutig mehr Leben in Mar Rischa zu erkennen.
Die neuen Regeln von Abouna Habib haben dazu geführt, dass ich nun gemeinsam mit der Hausmeisterfamilie und Abouna um Punkt 1 Uhr zu Mittag esse und so selbst dabei nie alleine bin.
Nachdem ich fast einen Monat zusammen mit Christoph in einem Zimmer gewohnt hatte und einen Monat in Damaskus in einem extrem hellhörigen Zimmer geschlafen hatte, habe ich bei meiner Ankunft hier in Lattakia mein eigenes Zimmer, das ich so einrichten kann, wie ich es möchte, wieder richtig schätzen gelernt. Dieses Zimmer ist mein kleines Reich, in das ich mich zurückziehen kann, die Tür schließen kann und nicht gestört werde. Auch dies machten die Regeln von Abouna ganz klar deutlich. Das Zimmer des jeweils anderen ist erst einmal tabu, den Rest der Wohnung teilen wir uns. Auch meine erste syrische warme Dusche habe ich noch in positiver Erinnerung. Meine aus Deutschland mitgebrachten Fotos hängen nun an der Wand, mein Badezimmer wurde neu eingerichtet und auch ansonsten habe ich Stück für Stück das Zimmer immer mehr in Besitz genommen, indem ich meinen Koffer zum ersten Mal nach zwei Monaten vollkommen leeren konnte und meine Schränke gefüllt hatte. All diese Veränderungen in meinem täglichen Leben haben zu einem ganz neuen Gefühl geführt, was ich seit meiner Ankunft in Lattakia genieße. War ich in der Zeit mit Christoph hier noch mehr ein Gast und in Damaskus mehr ein Tourist, so wurde ich jetzt jeden Tag ein wenig heimischer in der Fremde.
Froh hier zu sein
Auch Freunde habe ich hier gefunden. Sadic, zähle ich mittlerweile zu einem meiner besten Freunde. Trotz unserer Sprachprobleme, verstehen wir uns sehr gut. Wir treffen uns recht häufig und durch ihn bekomme ich noch einmal ganz besondere Einblicke in die arabische Welt, die man als Tourist so vermutlich nicht bekäme. Ich habe seine Familie kennen gelernt, sitze mit ihm fast wöchentlich in einem Teehaus und spreche über die kleinen alltäglichen Hürden im Leben, die ganz international sind. Aber nicht nur er zählt zu meinen Freunden, auch andere Leute kann ich anrufen, wann immer ich ein Problem habe (oder einfach nur so natürlich). Ein soziales Netz, dass mich stützt und auffängt, habe ich also. Ich bin sehr froh hier zu sein und genieße es jeden Tag wieder Unterschiede, Gemeinsamkeiten, Neues, Vertrautes und Beeidruckendes kennen zu lernen. Wenn mir die mittlerweile kalt gewordene Luft beim Taxifahren durch die Haare weht und ich an den für mich schon ganz normalen und doch wieder so fremden Menschen, Gebäuden und Pflanzen vorbei fahre, stelle ich immer wieder fest, dass ich nichts besseres hätte machen können, als hier her zu kommen.
Meine Arbeit
Viele Freunde und Verwandte haben mich in den vergangenen Wochen gefragt, was eigentlich momentan hier so meine Arbeit ist. Ich muss euch leider sagen, ich weiß es nicht genau. Ich bin immer noch „das Mädchen für alles“. In den ersten 3-4 Wochen nach meiner Ankunft half ich überwiegend dem Hausmeister. Jusef und ich hatten einige Renovierungsarbeiten vor uns. Wir mussten Gänge und Hallen neu streichen, verschiedene Lager aufräumen und insgesamt versuchen, ein wenig mehr Ordnung in das Gebäude zu bringen. Diese Arbeit ist so, wie es mir scheint, eine Endlosarbeit. Immer wieder findet man Ecken in diesem wirklich recht großen Gebäude, die noch ziemlich unordentlich sind. Und Ordnung muss auch gepflegt werden, so dass in selbst aufgeräumten Lagern immer wieder Arbeit anfällt.
Neben der Arbeit als Hausmeister diene ich nach wie vor in der Messe. Durch den zweiten Abouna (Abouna Habib), gibt es jetzt auch Messen hier in Mar Rischa, so dass mir zwar die tägliche Fahrt zu der 10 Minuten entfernten Kirche erspart bleibt, ich aber nun quasi alleine dafür verantwortlich bin, dass während der Messe alles funktioniert und vorher alles bereit gestellt wurde.
Außerdem bin ich für kleinere und größere Sonderaufgaben zuständig, die mir Abouna Jihad erteilt, sei es Büroarbeit (beim internationalen E-Mailverkehr mithelfen) oder die monatlichen Fahrten nach Baqto. Genau in diesem Moment befinde ich mich wieder in einem Bus zwischen Lattakia und Turtus. Die zwei bis dreistündigen Fahrten nach Baqto und wieder zurück mit dem vielen Umsteigen gehören mittlerweile zu den einfachen Aufgaben. Hatte ich zuvor noch wirklich Angst vor dem Reisen, genieße ich es momentan und warte schon darauf, dass es irgendwann langweilig wird. (wobei ich eigentlich nicht davon ausgehe, dass dieser Zustand je eintreten wird, da eigentlich bei jeder Fahrt etwas Unvorhersehbares geschieht, man lernt das Unvorhersehbare zu genießen)
In Zukunft soll ich verstärkt in der Bibliothek und im Büro arbeiten. Da wir jetzt DSL haben, wollen wir den Studenten die Möglichkeit geben, an öffentlich zugänglichen Computern zu arbeiten. Dies hieße dann natürlich, dass irgendjemand diese Computerräume beaufsichtigt, wo ich ins Spiel käme.
Ich habe mir mal wieder sehr viel Zeit gelassen, um diesen Rundbrief zu schreiben. Ich kann zu meiner Entschuldigung nur sagen, dass ich hier schlichtweg zu viel erlebe, um es in wenige Worte zu fassen, daher gebe ich mir weiterhin mehr Mühe bei meinen Blogeinträgen. Dieser Blog wird mindestens einmal die Woche mit einem neuen Artikel aktualisiert und bietet so die Möglichkeit viel intensiver an meinen Erfahrungen und Erlebnissen teilzunehmen. Daher möchte ich auch hier noch einmal die Möglichkeit nutzen und ein wenig Werbung für meinen Blog machen. Für viele ist das wöchentliche Schreiben meinerseits allerdings zuviel, andere haben kein Internet und so habe ich ganz einfach einen Artikel ausgesucht und hier hinein kopiert, den sich jetzt jeder hier in meinem Rundbrief durchlesen kann, wenn er/sie möchte. Wer Interesse hat, kann gerne noch einmal auf meinem Blog vorbeischauen, auch das Lesen eines einzelnen Artikels ist möglich (wie ich schon im letzten Rundbrief erwähnt hatte)
Ab und zu Fragen kann nicht schaden
Ich sitze gerade so was von old school hier, oder sagen wir besser web 1.0 oder sogar eigentlich ehr web 0.0. Ich schreibe nämlich gerade mit Stift und Papier diesen Artikel für euch vor. Wie es zu diesem plötzlichen Technikausfall gekommen ist, kommt jetzt gleich.
Angefangen hat es gestern. Nachdem ich von der Verabschiedung Imads, den ich bereits in Deutschland kennen gelernt habe und der jetzt für vorrausichtlich 5 Jahre nach Dubai geht, wieder kam, wartet Abouna Habib mit einer Wasserpfeife auf mich. Ich erklärte ihm, dass ich bereits eine mit Imad geraucht bzw. getrunken hätte. (hier sagt man trinken). Er war schockiert. Es ist fast zu einem Ritual geworden, dass ich mit ihm, einem Freund von ihm und meistens auch Jusef eine Wasserpfeife rauche. „chaaien“ nannte er mich. Da ich nicht wusste was das bedeutete und er die englische Übersetzung nicht kannte (ich weiß sie auch nicht), erklärte er mir auf englisch über ein paar Umwege was das Wort bedeutet. Nachdem ich es gerafft hatte, habe ich auf deutsch das Wort „Verräter“ ausgesprochen, was wohl die Übersetzung dafür sein soll. Seitdem nennt mich Abouna nur noch „Verräter, Verräter, Verräter“ immer dreimal, damit er sich das Wort besser merken kann. Abouna kann nun schon ganz viele tolle sinnvolle deutsche Worte. „Feige“ „Nieren“ und jetzt auch „Verräter“ aber das kurze Wort „gut“ bekommt er einfach nicht richtig ausgesprochen. Er macht sich also jeden Tag über die unglaublich schwere deutsche Sprache lustig. Von grammatischen Dingen erzähle ich ihm mal lieber gar nichts. Täglich will er mir weiß machen, das italienisch eine viel bessere Sprache sei. Und aus irgendeinem Grund habe ich jedes Mal das Bedürfnis ihm zu erklären, dass deutsch viel besser sei. Bescheuert eigentlich wie patriotisch man plötzlich wird, wenn man als „der Deutsche“ wahrgenommen wird. Plötzlich hat man das Gefühl, dass das Deutschsein zu einer Art Identitätssache geworden ist. Und wer dann das Deutsche angreift, der greift auch einen kleinen Teil meiner Identität an. So was habe ich in Deutschland nie empfunden.
Zum Abend zurück, das Ganze war natürlich nur ein Scherz mit dem Verräter und brav wie ich bin, habe ich mich natürlich auch wieder zu ihnen gesetzt und ein paar Nüsse geknackt und Tee getrunken.

Abouna Habib und ich in unserem Wohnzimmer
Schon vor einigen Tagen hat mich Abouna Habib eingeladen zu ihm in sein Heimatdorf zu kommen. Eigentlich war geplant von Donnerstag auf Freitag zu ihm zu fahren. An diesem Abend erfuhr ich aber, dass dies nicht ginge, da Abouna Jihad an diesen Tagen in Baqto sei und irgendjemand nun mal die Messe halten müsste. Abouna Habib schlug daher vor, am Mittwoch nach Turtus zum Priesterseminar zu fahren und in der Nähe von Turtus ist das Dorf von Abouna. Abgeklärt werden musste das natürlich noch mit Abouna Jihad. Also wurde am Abend vor der Abfahrt ausgemacht, dass ich packen solle, und wir am nächsten Morgen Abouna Jihad anrufen würden und ihn fragen würden.
Nach 4 ½ Stunden Schlaf und einer Zusage von Abouna Jihad ging es dann los in Richtung Turtus. Turtus ist ähnlich wie Lattakia eine etwas größere Stadt, eine Stunde von Lattakia entfernt und liegt ebenfalls direkt am Mittelmeer und soll den größten Hafen Syriens haben (wobei ich vom reinen Anblick sagen würde, der Hafen in Lattakia ist größer, aber gut, ist an sich auch unwichtig).
Vollkommen verpennt, machte ich mich auf das Priesterseminar beim Bischof in Turtus bereit. Ich stellte mich auf 3 Stunden Nichts-verstehen ein und hatte Angst, dass ich vielleicht vom Stuhl fallen könnte. Als wir dann ankamen, bekam ich die für mich erste Überraschung zu hören. Ich durfte nämlich gar nicht mit zu dem Treffen, was den Abounas wohl als logisch erschien. Also hatte ich 3 Stunden für mich in denen ich mir Turtus anschauen konnte.
Los ging es mit ein paar Minipizzen und einer Cola. Das führte irgendwie dazu, dass ich mich sehr an die Zeit in Damaskus erinnert fühlte, in der ich sehr oft genau mit diesem Essen und genauso verpeilt durch die Straßen gelaufen bin. Aber so wie auch in Damaskus, habe ich auch in Turtus die interessanten Stellen recht schnell gefunden (zumindest glaube ich das). Erst mal ging es ans Meer. Ein „schöner Strand“ wurde mir versprochen.


Und als ich das hier gesehen habe, muss ich wirklich auch sagen, in Zukunft will ich gar nicht mehr nach Holland ans Meer, dieser Strand ist sooo viel schöner, leider können Fotos keine Gerüche aufnehmen, aber auch die hätten dazu beigetragen, oder vielleicht der Hundehaufen, in den ich 2 Minuten später rein getreten (getreten) bin.
Da ich aber hier nicht nur rumnörgeln will, komme ich jetzt zu der Altstadt. Von der Promenade ging es in eine kleine Gasse, die ich eher zufällig nahm und so fand ich mich also in der Altstadt wieder, die sich sehr stark von der in Damaskus unterschied. Vermutlich ist die Altstadt in Damaskus auch älter, aber das für mich Entscheidende war, dass Bab Tuma in Damaskus, auch das christliche Viertel genannt wird, während in Turtus, ein klar muslimisches Viertel die Altstadt ausmachte.

der Eingang in die Altstadt
Ein Mann erwischte mich irgendwann dabei, wie ich Fotos machte und machte mir klar, dass ich mit ihm durch ein Tor gehen solle. Das habe ich mir natürlich nicht zweimal zeigen lassen und bin mit. Diese nette Kelleranlage bekam ich dann von ihm zu sehen, was es genau für Anlagen waren, habe ich irgendwie nicht verstanden. Alles was ich wusste war, dass es irgendwie unter der uralten Stadtmauer war.

der nette Mann und der Keller
Danach bin ich noch ein wenig durch das Viertel gelaufen und habe einige Fotos gemacht.

die Wohnhaus

eine Alte Kirche oder so etwas ähnliches, deren alte Mauern nun auch für die neueren Wohnhäuser dient
Nach den vielen Fotos, die ich gemacht habe, ging es ins Museum (Hier im Rundbrief sind weniger Fotos, da sonst wieder einige Postfächer platzen, wer wie gesagt möchte, kann auf www.insyrien.wordpress.com mehr Fotos sehen). Entritt 150 S.P. zum Vergleich Falafel 10 S.P. Ihr könnt euch jetzt aussuchen, ob ihr das eine extrem teuer finden wollt, oder das andere extrem günstig. Für die 150 S.P. bekam ich ein paar nette Steine zu sehen.

schön was?
Viel interessanter waren allerdings die anderen Besucher. Eine deutsche Seniorenreisegruppe und 5 bis 6 syrische, total aufgedrehte Mädchen oder junge Frauen. Die Syrerinnen, haben von allem Fotos gemacht, egal ob die Sicherheitsleute es ihnen verboten oder nicht. Ich, der ich mich immer ganz gut abschrecken lasse von großen Lederjacken und Schnurbart tragenden Sicherheitsleuten, hätte mich nie getraut an einer verbotenen Stelle Fotos zumachen. Aber gegen die überdrehten Syrerinnen, hatten die Sicherheitsleute ganz einfach keine Chance. Fotos hier Fotos da, alles anfassen, drauf setzen, anlehnen, rum albern usw. Irgendwann kamen die überdrehten Syrerinnen und die Seniorenreisegruppe zusammen. Ein tolles Schauspiel war das. Die Senioren waren ein wenig überfordert und übten sich in ihren paar Brocken Englisch. Als man es irgendwie geschafft hatte klar zumachen, dass Syrien toll ist, kamen die Syrerinnen zu mir herüber. Ich konnte nach der vorangegangen Begegnung so was von Eindruck schinden, als ich mit meinen paar Brocken Arabisch mal was gesagt bekam. Also will man ein Foto mit mir machen. Klar, kein Problem für mich, als ich aber dann auch ein Foto mit meiner Kamera machen wollte, gingen sie schnell weiter. Sie hätten einen Freund und der würde das wohl gar nicht toll finden, wenn ich ein Foto von ihnen hätte. Tja was soll man da sagen?
Zurück zum Priesterseminar, das ich mal wieder auf mir unerklärliche Art und Weise direkt gefunden habe. Zum Essen mit den etwa 25 Priestern und dem Bischof durfte ich also mit. Nach dem Essen stellte Abouna Habib mir einige andere Abounas vor. Abouna Jihad, mit dessen Auto wir gekommen sind, war samt Auto nicht mehr da. Für mich war das trotzdem irgendwie kein Grund, Fragen zu stellen. Mit einem Abouna, der mir vorgestellt wurde, und Abouna Habib stieg ich in ein Auto ein und wir fuhren los. Nach 10 Minuten fragte ich dann doch irgendwann einmal, wo wir eigentlich hinfahren würden. Es ging in das Dorf von Abouna Habib und dem Pfarrer, der das Auto fuhr. Es ging direkt von Turtus aus in die Berge, an Schafsherden vorbei, links und rechts die Olivenbäume, das Umkurven von Schlaglöchern, die hier eigentlich sehr selten sind, und irgendwann konnte man auf einem Berg das kleine Dorf erkennen.
Es handelt sich um ein besonderes Dorf. Dieses Dorf ist ein rein maronitisches Dorf und hat daher trotz seiner doch eher kleineren Größe, die größte maronitische Kirche im Gebiet Turtus und Lattakia. Über 1000 Leute passen in das neue und nicht wirklich schöne Gebäude. Die Häuser sind unglaublich dicht zusammen gebaut, Motorräder rasen durch die Gassen, Kinder spielen und jeder grüßt das vorbei fahrende Auto des Abounas.
Im Pfarrhaus angekommen, gehe ich gemeinsam mit Abouna in ein Zimmer, in dem zwei Betten stehen. Hier werden wir heute schlafen, heißt es. Jetzt, war der Zeitpunkt, in dem ich endlich verstand. Ich hatte am Abend zuvor wohl nicht richtig hingehört und plötzlich machte es auch Sinn, dass ich vorher packen sollte und es machte Sinn, dass Abouna Jihad bereits längst wieder in Lattakia war. Tja, ich hatte nicht gepackt und so war ich nur ausgerüstet mit meiner Kamera und meinen Vokabelkarten. Und genau das ist auch die Erklärung für meinen handschriftlich vorgeschriebenen Artikel. Ich musste lachen, über meine Naivität und mein Nichtnachfragen und freute mich auf eine gute Nacht im Dorf.
Dieser Tag und auch der nächste wurden für mich noch sehr interessant. Abouna Habib erzählte mir einiges über sein Dorf und seine Kindheit. Das Dorf besteht quasi nur aus zwei riesigen Familien-Klans. Jeder kennt jeden und ist eben auch irgendwie mit jedem irgendwie verwandt. Das Dorf lebte früher fast ausschließlich von den Oliven, es gibt noch zwei alte Gebäude, die heute leer stehen, in denen früher noch auf ganz alte traditionelle Art und Weise Olivenöl gemacht wurde. Heute geht es den Leuten schlechter. Seit fast vier Jahren hätten die Bäume nicht mehr getragen.
Es ging zum Onkel von Abouna Habib, wobei sich her rausstellte, dass der andere Pfarrer, der uns mitgenommen hatte in seinem Auto, der Cousin von Abouna Habib ist. Wasserpfeife, Kerne, Tee. Zum ersten Mal kam ich in die Situation, ein paar Sätze in Arabisch reden zu müssen, da der andere Abouna kein Englisch oder nur sehr wenig konnte, dafür aber Französisch, was ich wiederum gar nicht mehr kann. Nachdem man mir stolz das Haus der Familie zeigte, das unten bewohnt wurde und oben weitergebaut wurde. Das Dach ist von einem Cousin, die Mauern vom Bruder, die Skizzen vom Abouna selbst usw. Danach ging es zur näheren Familie von Abouna Habib. Auf dem Weg dorthin wurde Abouna von mehreren alten Frauen abgeknutscht. Bis auf einmal konnte ich mich davor zum Glück immer irgendwie befreien. Stattdessen hielt man meine Hand einfach gefühlte 20 Minuten in der Hand und tätschelte meinen Nacken. Auf dem Weg zu Vater und Mutter von Abouna, bekam ich kleinere Storys aus der Kindheit erzählt. Früher war es so, sagt mir Abouna, dass in jeder Straße kleine Kindergangs waren. Jede Gang hatte einen Anführer. In seiner Straße, die Palästinenserstraße genannt wurde, weil ihre Kinder immer mit Steinen geworfen haben, war er der Anführer. Es gab verschiedene Bündnisse mit anderen Straßen, manchmal arbeitete man zusammen oder bekämpfte sich gegenseitig. Insgesamt meinte er, er hätte außerhalb der Straße allerdings nichts zu sagen gehabt. Er sei aber immer derjenige gewesen, der den ersten Schritt gemacht hätte, um beim Nachbarn Zitronen zu klauen und dann seinen Untertanen befohlen hätte, den Rest für ihn zu erledigen. Es waren noch einige weitere nette Geschichten mit dabei und dann wurde mir die böse Nachbarin, die die Gang meines Mitbewohners und des zweiten Pfarrers dieser Gemeinde immer verprügelt hatte, vorgestellt.
Dann kam ich in das Familienhaus. Überraschend war für mich die Beziehung zwischen Abouna und seiner Familie. Während die Frauen auf der Straße nur darauf aus waren, den guten Abouna zu küssen, empfing die Familie ihn gerade zu kalt. Man gab uns Tee und etwas zu Essen. Außerdem wurde das jüngste Familienmitglied präsentiert: Ein 8 Monate altes Mädchen. Und dann wurde ich Zeuge einer ganz anderen Pädagogik. Man kann nicht sagen, dass es liebloser war, nein eher sogar liebevoller wurde mit dem Kind umgegangen und trotzdem hatte ich das Gefühl, dass das Kinderbekommen eine viel zweckbezogenere Sache ist als bei uns. Ich berichte hier nur von Gefühlen, da ich ja nur sehr wenig verstehe. Aber aus irgendeinem Grund hatte ich das Gefühl, dass ein Kind auf die Welt kommt, nicht wie bei uns, weil man einen Kinderwunsch hatte, sonder vielmehr, weil es eben so sein muss, damit die Familie erhalten bleibt. Ich kann es nur schwer erklären, aber es war nicht unbedingt etwas Negatives, wie dieses Kind erzogen wurde, sonder viel mehr etwas sehr Fremdes für mich.

ein Abouna mit Kind, im übrigen ist es das Kind seines Bruders
Gegen Abend führte Abouna mich dann noch zu dem Gelände der Familie. Etwa 20 Minuten zu Fuß vom Haus entfernt standen die familieneigenen uralten Olivenbäume, von denen sie eigentlich lebten.
Auf dem Feld befanden sich nicht nur die uralten Olivenbäume, die zum Teil über 100 Jahre alt sind, sondern auch Steine, Tonscherben und alte Olivenölpressen, die von Abouna als bis zu 400 Jahre alt geschätzt wurden, nur dass sich eben niemand dafür interessiert. Egal wo man hin sah, man fand überall alte Gegenstände. Abouna geht davon aus, dass früher an diesem Ort das Dorf gestanden oder ein anderen Dorf gestanden haben muss.
Nach einer unruhigen Nacht, begründet durch das wohl für 10 S.P. eingekauft Falafelsandwich, ging es mit dem Auto rasend über die Berge. Nur 15 Minuten Autofahrt und plötzlich ändert sich die gesamte Landschaft. Kein Olivenbaum ist mehr zu sehen, stattdessen ist es feucht und ein großer Fluss fließt durch das Tal. Blumen aller Art und verschiedene essbare andere Pflanzen gestalten die Landschaft. Ja, ein richtiger Wald ist plötzlich zu sehen. Unglaublich schöne Landschaften sind zu erkennen. Es gab sogar Laub auf dem Boden und plötzlich hatte ich doch noch einmal das Gefühl, dass der Herbst begonnen hat, auch wenn man in den Flüssen noch hätte schwimmen können, wenn man ein wenig hart gesotten wäre. Leider habe ich auf diesem Trip meine Kamera vergessen. Nach einem ausgiebigen Mittagessen mit Reis und Bohnen (klassische syrische Alltagskost), ging es mit dem Auto wieder zurück nach Turtus.
Noch war das mit meiner Verpeiltheit ja nicht so schlimm. Gut, ich habe mich nach meiner Zahnbürste gesehnt, die in Lattakia lag, aber am Busbahnhof wurde es dann wirklich doof, dass ich nicht gepackt hatte. Mein Pass lag nämlich auch zu Hause. Ohne Pass – kein Ticket. Tja, so standen wir dann da in Turtus. Letztendlich mussten wir mit dem Taxi die 1-stündige Fahrt antreten. Zum Vergleich: Das Busticket kostet etwa 60 S.P. das Taxi hat nur schlappe 1200 S.P. gekostet. Tja, was lernen wir daraus, beim nächsten mal vielleicht doch noch einmal Nachfragen!
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Dies war mein zweiter längst fälliger Rundbrief. Noch einmal ein großes Dankeschön, an alle die es bis hier hin mit dem Lesen durchgehalten haben. Danke auch für alle Mails, die ich aber an sich auch fast alle ziemlich schnell beantwortet habe (noch eine Entschuldigung für das lange Warten auf den Rundbrief).
Bei Fragen, Vorwürfen, Anmerkungen, Kommentaren, Korrekturen, Verbesserungsvorschlägen und Verbesserungen, alles an Jojo.Doerrenbaecher@web.de wie gehabt.
Frohes Neues Jahr wünsche ich euch allen und ich hoffe das es euch allen möglichst gut geht.
Euer Johannes