Kerstin Becker, Burkina Faso Mai2009

2. März 2010 von kerstin.becker

Colline de la Rencontre – EMMAÜS

« Victoire, alléluia, chantons crions de joie, Jésus Christ est sorti du tombeau »
« Jubelt, Halleluja, singt und ruft voll Freude : Jesus Christus ist aus dem Grab gestiegen »

Auch wenn es schon ein paar Wochen her ist wünsche ich euch allen noch
Frohe Ostern, Bonne fête, San bé San bé

Die Zeit geht einfach viel zu schnell vorbei und ich komme nicht nach mit schreiben. Als ich von Ghana zurück kam waren wir schon mitten in der Fastenzeit und es begannen die letzten Wochen gemeinsam mit unseren Jungs, da das Jahr für sie nach Ostern zu Ende ist. Es blieb also nicht viel Zeit um lange rumzutrödeln, sondern es gab 1000 Sachen, die für Ostern und die Entsendung der Jungs vorbereitet werden mussten. In langen Versammlungen unter uns Animateuren diskutierten wir darüber, ob wir nun 2 oder 3 Schweine fürs Festessen der Osternacht kaufen sollen, ob 80 l Dolo (Hirsebier) nicht doch zu viel für die Entsendefeier sind und wie wir all unsere Vorhaben noch in den uns verbleibenden Tagen unterbringen können. So gingen die Tage also wieder schneller vorbei, als man manchmal wollte. Somit war der März dann auch schon bald vorbei und mit großer Ungeduld wartete ich auf den 6.April, an dem meine Eltern zum ersten Mal afrikanischen Boden betraten…

„Oh Kerstin, hier könnt ich kein ganzes Jahr leben“
So drückte meine Mama ganz ungeniert ihren ersten Eindruck aus, nachdem wir nach fast 6 Stunden mit dem Pickup über Staubpisten in erschlagender Hitze endlich am Colline ankamen. Es konnte also nur noch besser werden!
In den folgenden Tagen teilte ich nun meine kleine Rundhütte (4m Durchmesser!) mit meinen Eltern. Da unser Kühlschrank wie immer nicht funktionierte, tranken wir bei Durchschnittstemperaturen von 40 Grad warmes Wasser und zu guter Letzt war meine Dusche dann noch verstopft, sodass nur noch braunes Wasser heraus kam. Trotz all dieser Unannehmlichkeiten hielten meine Eltern sich jedoch sehr tapfer und lernten schnell, dass man hier eben eine gute Portion Geduld braucht und von Überraschungen nie sicher sein kann. Man weiß morgens eben nie, was tagsüber so alles passieren wird und man macht sich erst gar nicht die Mühe groß darüber nachzudenken. Somit genossen wir 2 abenteuerliche, unterhaltsame und ereignisreiche Wochen, in denen auf jeden Fall viel gelacht wurde.

Ostern einmal anders, und doch die eine Botschaft „Il est vivant“

Ostern stand also vor der Tür und wie es hier so üblich ist muss groß gefeiert werden. An Karfreitag brachten unsere Jungs uns das Evangelium in Form eines Theaterstückes näher. An mehreren Orten am Colline wurden die verschiedenen Szenen lebhaft dargestellt. Man hörte den Schlag in Christus Gesicht richtig klatschen, Petrus kam mit der Machete angelaufen und es hätte nicht viel gefehlt, da hätte er dem Soldaten wirklich ein Ohr abgeschlagen, Jesus trug eine echte Dornenkrone und fiel nicht nur zur Schau 3 Mal unter der schweren Last des Kreuzes zu Boden, bis er schließlich nach seinem Tod lieblos in ein Grab geschmissen wurde…

Die Osternacht verbrachten wir dann im Seminar von Tionkuy, wo wir eine lebendige Messe erlebten, bei der viel gesungen und getanzt wurde. Der Hauptzelebrant der Messe war Abbé Bernard, der gleichzeitig auch noch Deutschlehrer an der Schule in Dedougou ist und es sich nicht nehmen ließ, während der Predigt und am Ende der Messe ein paar Sätze auf deutsch für meine Eltern zu sagen. Auch nach dem Gottesdienst feierte man noch lange in die Nacht „Il est ressucité, vivant!“. Es war, als wär ein guter Freund, der 40 Tage verschwunden war auf einmal wieder zurück gekommen.
Nach der Messe wurden wir noch von den Abbés (Priestern) eingeladen, wo laut meinem Papa auch wir neu geboren wurden. Seine zweite Auferstehung bestand also darin nach über 3 Stunden Messe endlich mal ein Glas richtig kaltes Wasser und ein kühles Bier angeboten zu bekommen.

Und schon wieder ein Fest…

Am 16. April war es dann soweit: die Entsendefeier unserer Jungs! Nach nun fast 8 Monaten gemeinsamen leben, lernen, lachen, arbeiten und diskutieren ging das „Jahr für Gott“ für unsere Jungs zu Ende. Dies feierten wir gemeinsam mit ihren Familien und Freunden. Unser Bischof Msgr. Jude Bicaba feierte mit uns die Messe, gab ihnen am Ende des Gottesdienstes den Segen und sandte sie ihn ihre Dörfer aus, um von dem zu berichten, was sie hier erlebt haben.
Ich sehe einige von ihnen noch genau vor mir an dem Tag, als sie hier ankamen. Ich erinnere mich an die ersten kleinen Gespräche, die wir damals mit meinem noch holprigen Französisch geführt haben und weiß noch, wie sie das erste Mal bei der Arbeit gestreikt haben, weil sie mit dem Essen nicht zufrieden waren. Und dann standen sie auf einmal alle mit ihrem einheitlichen Hemd vor mir und sollten bald den Colline verlassen. Es war schon ein stolzes Gefühl „meine“ Jungs so dort zu sehen. Auch wenn wir besonders am Anfang des Jahres einige Schwierigkeiten hatten und es bis zum Schluss immer wieder Diskussionen gab, sind sie mir doch ans Herz gewachsen, eben wie ein Haufen kleiner Brüder. In ihren Gesichtern sah ich, dass auch sie stolz waren, dass sie etwas von den 8 Monaten hier mitnehmen und dass der „Hügel der Begegnung“ nicht einfach nur ein schöner Name ist, sondern wirklich Raum und Zeit für prägende Begegnungen bietet. Und genau das ist es auch, was mich hier immer wieder berührt und weshalb ich immer wieder voller Überzeugung sagen kann, dass ich hier keinen einzigen Tag meines Lebens verschwände, obwohl ich doch eigentlich schon längst am studieren sein könnte. Es geht nicht darum, dass ich Hühnerställe sauber mache und Hasenfutter suche oder dass wir seit Monaten erfolglos versuchen mit dem Windrad klares Wasser aus der Bohrung zu bekommen oder dass ich ab 9 Uhr abends im Dunkeln sitze, weil dann der Strom abgestellt wird oder dass ich den ganzen Tag mit Bäume begießen beschäftigt bin oder oder oder… Nein, es ist das alltägliche Miteinander, das Wahrnehmen eines Augenblickes, das sich seiner selbst bewusst sein, dass das Leben hier so wertvoll macht.

„Und eines schönen Tages spürst du genügend Kraft, Mut und Zuversicht,
um dich von den Fesseln des Zögerns und des Zweifelns zu befreien.“

Irgendwann kommt immer wieder der Moment, an dem man sich Gedanken über seine Zukunft macht. Eine Gelegenheit einmal stehen zu bleiben und inne zu halten, um sich seiner eigenen Person bewusst zu werden: Wo stehe ich jetzt, wie bin ich dort hingekommen? Was habe ich erreicht und nach was bin ich noch auf der Suche? Was tun mit dem was ich gewonnen habe und wie kann ich das finden, was ich suche?
Und dann kommt irgendwann auch der Moment Entscheidungen zu treffen. Manchmal braucht es Zeit und eine gewisse Portion Mut, solche Entscheidungen zu treffen, doch letztendlich ist man erleichtert und fühlt sich befreit. So habe auch ich nun meine Entscheidung für die Zukunft getroffen, da mein Freiwilligendienst Mitte September enden sollte.
Ich werde am 30. Juni zurück nach Deutschland kommen, jedoch nur für 4 Wochen. Danach werde ich Anfang August wieder nach Burkina zurück fliegen und meinen Freiwilligendienst bis ca. Mai 2010 verlängern!
Ich kann mir vorstellen, dass einige von euch jetzt erstaunt sein werden und es nicht nachvollziehen können. Manche wissen es sicherlich schon oder haben sich sowas schon gedacht. Warum also diese Entscheidung?
Es ist schwierig dies in ein zwei Sätzen zu formulieren. Es ist eben überwiegend ein Gefühl, eine innere Gewissheit, die mir sagt: Dein Platz ist noch hier! Zum ersten Mal kam mir dieser Gedanke Mitte Januar. Zu dieser Zeit hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass ich hier wirklich zuhause bin, dass ich einen Platz in der Gemeinschaft habe und nicht nur nehme sondern auch von mir bzw. durch meine Anwesenheit etwas geben kann. Eines Tages fragte Herbert mich dann, ob ich nicht noch ein Jahr bleiben könnte bzw. wollte. Ich antwortete nicht sofort darauf, sondern fuhr mit dieser Frage nach Ghana zum Zwischenseminar, wo ich die Gelegenheit hatte lange und intensiv darüber nachzudenken. Dabei halfen mir die Arbeitsthemen während dem Seminar sehr, da sie mir nochmal meine momentane Situation im Projekt deutlich vor Augen führten. Während ich die vergangenen Monate mit all ihren Hoch- und Tiefpunkten nochmal durchging wurde mir bewusst, wie viel ich bis jetzt für meinen Aufenthalt hier investiert hatte. Fast ein ganzes Jahr Vorbereitung mit Bewerbung, Auswahlverfahren und Seminaren, die mir die Tür zu einer neuen Lebensgemeinschaft öffneten aber gleichzeitig auch den Zugang und das Verständnis von vertrauten Personen/Freunden, die sich damit nicht anfreunden konnten, erschwerten. Ungefähr ein halbes Jahr fremd sein in einem fernen Land, in dem Sprache, Klima, Essen, Hautfarbe, Natur, Infrastruktur, und so viele andere Dinge auf einmal nicht mehr so sind, wie ich es von Geburt an kannte. Familie, Freunde und ein Zuhause, dass ich zurückgelassen habe. Lange Zeit hatte ich das Gefühl nur Zuschauer zu sein, nebenher zu laufen und ich erinnerte mich oft an die Worte, die man uns beim ersten Seminar bezüglich unseres Freiwilligendienstes immer wieder sagte: Zuerst müsst ihr lernen, um später dann einmal helfen zu können. Nun bin ich endlich an dem Punkt angekommen, wo nicht nur noch zuschaue und mitlaufe, sondern eigene Schritte gehe. Jetzt ist das Jahr mit den Jungs jedoch auch schon zu Ende, die Zeit vorbei. Aber damit kann ich mich noch nicht zufrieden geben, meine Zeit hier ist noch nicht vorbei. Ich will eine zweite Chance, eine Möglichkeit von dem was ich alles hier investiert und gelernt habe Gebrauch zu machen, eine Zufriedenstellung nach den vielen persönlichen Schwierigkeiten und Problemen des Projektes am Anfang meines Dienstes. Wenn ich jetzt gehen würde, wäre es eine verlorene Zeit gewesen.
Durch viele Gespräche und kritisches Hinterfragen wurde der Gedanke also immer klarer für mich, sodass ich am Ende des Seminares mit der Gewissheit zurückkehrte, meinen Freiwilligendienst zu verlängern. Gleichzeitig verstärkte sich aber auch der Wunsch für ein paar Wochen auf „Heimaturlaub“ nach Deutschland zurück zu kommen. Ich freue mich riesig viele von euch bald wieder zu sehen, nochmal auf einem Rasenplatz Fußball zu spielen und nach so vielen Monaten erschlagender Hitze endlich ein großes Spaghetti-Eis zu essen…

Also verabschiede ich mich diesmal mit großer Vorfreude auf meinen Besuch in Deutschland und sende euch herzliche Grüße aus Burkina

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