Kerstin Becker, Burkina Faso 2009-09

5. März 2010 von kerstin.becker

Colline de la Rencontre

EMMAÜS

„ Almustafa, der Erwählte und Geliebte, der seinerzeit als Mittag des Lebens galt, kehrte auf die Insel zurück, wo er das Licht der Welt erblickt hatte.

Als sein Schiff den Hafen erreichte, stand er am Bug, umgeben von den Seeleuten. Und Freude über die Heimkehr erfüllte sein Herz.

Mit einer Stimme, in der das Meer nachhallte, sagte er: Seht die Insel unserer Geburt! Hier hat uns die Erde hervorgebracht. Als Lied und als Rätsel; als Lied für den Himmel und als Rätsel für die Erde. Und welche Macht zwischen Himmel und Erde könnte das Lied empor tragen und das Rätsel lösen, wenn nicht die Liebe?“

(Khalil Gibran – Die Rückkehr des Propheten)

Morgens kurz nach 9 Uhr sitze ich in Auw am Bahnhof und warte auf den Zug nach Trier. Ein paar Meter von mir entfernt steht eine Frau mittleren Alters. Mit einem Blick auf die Uhr kommt sie auf mich zu und fragt: „ Entschuldigung, kommt der Zug nach Trier heute etwa nicht?“ Etwas überrumpelt antworte ich: „Doch, ich denke doch mal schon.“ „ Aber er hat doch schon 4 Minuten Verspätung!“ entgegnet mir die Frau mir entsetzt…

4 MINUTEN VERSPÄTUNG!!! Etwas verdutzt sitze ich da und denke bei mir:

Kerstin, du bist wieder in Deutschland!

Diese und ähnliche Erlebnisse waren doch in gewisser Weise prägend für meinen Heimaturlaub. Ich könnte da noch so einige Beispiele nennen, ganz banale alltägliche Situationen, bei denen sich ein leises Schmunzeln auf meinem Gesicht breit machte: Von meinem Zimmer ins Bad, durch die Küche ins Wohnzimmer und zwischendurch noch Milch holen, all das ohne die geschlossenen Räume zu verlassen. Man schafft es echt einen ganzen Tag drinnen zu verbringen ohne die Luft oder den Himmel von draußen wahrzunehmen. In Burkina undenkbar … Nach einem ersten Spaziergang meinte mein burkinischer Besucher Ab  Symphorien: Es ist wirklich schön hier, alles ordentlich und sauber und die vielen Blumen, aber wo sind die Menschen??? Ja, man sucht die Anonymität. Jeder ist für sich in seinen 4 Wänden oder hinter den Hecken im Garten, denn der Nachbar soll bloß nicht sehen, was man auf den Grill legt … 2 Freundinnen wollten mich besuchen kommen. Sie riefen vorher an, sagten sie kommen um 18 Uhr und nur wenige Minuten nach 18 Uhr waren sie auch wirklich da …

Ich merkte, dass auch ich relativ schnell wieder die alten Gewohnheiten übernahm. Gegen manche Dinge wehrte ich mich jedoch und da musste mein Dickkopf einige Male durch die Wand laufen, da empfand ich Deutschland als sehr anstrengend. Hier ein Arzttermin, da was zu regeln, dorthin fahren, Tante Oma Freunde und Gott weiß wen alles besuchen und alles muss geplant werden. Es ging mir tierisch auf die Nerven, wenn meine Mama mich 1000Mal fragte wann ich was mache und wie ich alle Termine organisieren will. Gleichzeitig stellte ich ihre Geduld mit meiner Antwort: „Mal schauen was so kommt!“ schwer auf die Probe. Auch nachdem ich 2 Mal vor verschlossener Bürotür eines Freundes stand, blieb ich stur und rief beim 3. Mal nicht vorher an. Doch wieder stand ich vor verschlossener Tür. Etwas enttäuscht musste ich leider feststellen, dass die „afrikanische Mentalität“ in Deutschland einfach nicht funktioniert. Wo ist in Deutschland die Zeit für das Miteinander geblieben? Wir sprechen von Entwicklung, Selbstständigkeit und Selbstverwirklichung, aber merken wir überhaupt was das im umgekehrten Sinn bedeutet? Was ist aus den Werten Vertrauen, Liebe und Familie geworden, sind diese nun etwa Zeichen einer charakterlichen Schwäche? Finden solche und andere Emotionen überhaupt Platz in unserem rationalen Erfolgsdenken? Und wo ist zwischen all dem denn noch Zeit und Raum den heiligen Geist einmal in unserem Leben wirken zu lassen?

Ja, ich habe Deutschland und seine Menschen irgendwie mit anderen Augen gesehen und meine Heimat in gewisser Weise neu entdeckt. Ein Prozess, der mich auch schon in Afrika eingeholt hatte und dann in dem Monat in Deutschland konkrete intensive Formen annahm. Und trotzdem war es einfach wunderbar! Ich war wieder Zuhause, in meiner Familie. Unter den Menschen, die mich schon mehr oder weniger lange auf meinem Lebensweg begleiten und mir besonders lieb geworden sind. Viel Herzlichkeit und Interesse an meiner Arbeit wurde mir in dieser Zeit entgegengebracht.

In manchen Momenten merke ich dann jedoch auch, wie vertraut mir das afrikanische Leben geworden ist. Und es fehlte mir in Deutschland. Mir fehlten die schwarzen Gesichter, das tägliche Hände schütteln mit den Begrüßungsfloskeln. Niemand rief mehr Tubabu und winkte mir ganze aufgeregt zu, wenn ich durch die Dörfer fuhr und sogar den Klang der französischen Sprache habe ich in meinen Ohren vermisst. Im Gegensatz zu Deutschland empfinde ich das Leben in Burkina wie ein großer gemeinsamer Tanz. Der Tag geht singend an einem vorbei und die Schritte im Staub bilden den Rhythmus…

Mein Heimaturlaub war eine schöne Erfahrung und die Begegnungen haben mich in dem was ich tue bestätigt und mir Kraft und Zuversicht für die kommenden Monate hier gegeben. Für all das, die vielen netten Worte und intensive Gespräche, für die Momente in denen wir gemeinsam gelacht haben und nicht zu vergessen für die vielen großzügigen Spenden möchte ich euch allen ein riesengroßes DANKESCHÖN aussprechen. Durch eure Anteilnahme und Unterstützung verwirklicht sich ein Ziel meines Freiwilligendienstes: die Augen und Ohren der Menschen ein klein wenig weiter zu öffnen, damit ihre Gedanken einmal über die Grenzen Deutschlands hinaus gehen und sie den Geist unseres Projektes, den Hügel der Begegnung, kennen lernen können.

„Träume tragen uns zwar durchs Leben,

das wahre Glück findet man jedoch nur unter den Menschen!“

(Der Wunschbaum)

Zurück in Burkina erschlug mich dann erst einmal wieder die schwüle Hitze. Die Regenzeit hat nun ihren Höhepunkt erreicht und dem Land seine frische grüne Farbe zurückgegeben. Wie sehr sich die Natur doch in einem Monat verändern kann… Das erste, das ich jedoch wahr nahm als ich in Ouaga aus dem Flugzeug stieg war der Geruch. Die schwüle Luft, der strenge erdige Geruch vermischt mit den Abgasen der Großstadt, der mir sofort schwer in den Kopf stieg. Und sofort kamen die Erinnerungen an meine Ankunft vor einem Jahr hoch. Nicht gerade nur schöne Erinnerungen an eine schwierige Anfangszeit. Jetzt nach einigen Wochen rieche ich diesen erdrückenden Geruch nicht mehr so intensiv, ich habe mich wieder daran gewöhnt und die Erinnerungen werden zu einer letztendlich wichtigen Erfahrung, eine Zeit die in mir gearbeitet und mich geprägt hat.

Herzlich wie immer wurde ich von Herbert und Silvana am Flughafen begrüßt. Auch in den folgenden Tagen und Wochen hieß man mich immer wieder freundlich in meiner 2. Heimat willkommen. Mit einem fröhlichen „Bonne Arrivée“ gab man mir die Hand oder ich wurde auf die burkinische Art umarmt (4 Mal abwechselnd die Schläfe/Wange aneinander drücken). Die Frauen auf dem Markt meinten „Ca fait long temp“ was soviel heißt wie: wir haben dich schon ewig nicht mehr gesehen!

Und als der Generalvikar, Ab. Jaques, mich mit seinem wie immer so herzlichen Lächeln umarmte, stellte er ganz verwundert fest: „Du bist ja gar nicht dick geworden bei dem vielen guten Essen in Europa“. Es war schön und ich freute mich richtig alle wieder zu sehen.

Mit mir zusammen kamen noch 2 neue deutsche SoFiA-Freiwillige, Jana und Alexander, in Burkina an. Sie werden wie ich 13 Monaten einen Friedensdienst hier leisten. Jana, ein junges Mädel aus Trier, arbeitet in einer Schwesterngemeinschaft in Banfora, die sich um junge burkinische Mädchen kümmern, welche finanzielle bzw. ethische Probleme haben. Alexander ist mein eigentlicher Nachfolger und wird folglich für ein Jahr bei uns hier auf dem Colline mit ins Team einsteigen. Er wird seine Arbeit etwas auf den Gartenbau / Bewässerungsanlage konzentrieren.

La Colline – Was gibt es neues? Wie geht es weiter?

Sofort eine Woche nach meiner Ankunft musste ich mich schon mit dem ersten Problem rumschlagen: Eine Krankheit hatte ich in den Hasenstall eingeschlichen und dort kräftig aufgeräumt. 11 meiner jungen Hasen sind daran gestoben und 5 Neugeborene haben die erste Woche nicht überlebt. Somit hat sich mein Tierbestand nun leider wieder auf 6 alte und 10 Junge Hasen reduziert. Ich war verärgert und demotiviert. Aber gut, solche Rückschläge gibt es nun einmal und darüber jammern hilft letztendlich auch niemandem. Ich versuche also neu anzufangen und konzentriere mich auf das, was gerade ansteht: die Vorbereitung für die Trockenzeit. Es ist wieder Zeit Heu und Stroh für die Schafe und Hasen zu machen. Meinen Hühnern hingegen geht es momentan gut. Sie bilden zwar noch eine kleine Schar von 11 plus 9 Küken, aber ich spiele mit dem Gedanken den Bestand dort nun zu erweitern. Es ist und bleibt eine anspruchsvolle Aufgabe, deren Gelingen von mehreren, zum Teil eben auch unbeeinflussbaren Faktoren, abhängt, aber ich habe Gefallen daran gefunden.

Auf dem Feld haben wir vergangene Woche die ersten Säcke Mais geerntet. Somit gibt es nun 3 Mal in der Woche frisch gegrillten Mais beim Mittagessen, der einfach klasse schmeckt. Außerdem findet man auf dem Feld nun hohe Hirsestängel, die auch in einigen Wochen geerntet werden könnten. Auberginen verbessern von Zeit zu Zeit die Soße zum und die Bananenbäume tragen ihre ersten Früchte. Gleichzeitig haben wir schon angefangen kleine Pepinière von Kraut, Tomaten, Paprika und Zwiebeln anzulegen, um früh genug mit der Bewässerungsanlage anfangen zu können. In den kommenden Wochen wird sich das Mais- und Hirsefeld also wieder in die für die Trockenzeit geeignete Bewässerungsform  mit Kanälen umwandeln. Dabei hoffen wir natürlich, dass  dieses Jahr positivere Ergebnisse vorgewiesen werden können, um unsere finanzielle Situation etwas zu verbessern. Ich bin da zuversichtlich, wenn wir es schaffen aus den Erfahrungen des vergangenen Jahres die richtigen Schlüsse ziehen und diese auch in die Tat umsetzten können. Genauso wie bei der Farm gilt schließlich auch hier: Es sind die wichtigsten Faktoren für die Selbstständigkeit und finanzielle Unabhängigkeit unseres Projektes.

Anfang September sollte eigentlich das „Jahr für Gott“ mit einer neuen Gruppe Jungs beginnen, die dann bis Ostern mit uns hier leben und arbeiten. Aus verschieden personellen und materiellen Gründen können wir dieses Jahr jedoch keine Gruppe nehmen, sondern legen sozusagen ein Spezialjahr ein. Dies war keine leichte Entscheidung und anfangs konnte ich mich mit dem Gedanken auch überhaupt nicht anfreunden. Viele meiner Vorhaben für die restliche Zeit meines Freiwilligendienstes sind somit nicht mehr realisierbar, was mich daran zweifeln ließ meine Verlängerung wirklich durchzusetzen.

Nach einigen guten Gesprächen mit Herbert und langem Überlegen muss ich jedoch sagen, dass es für das Projekt die beste Entscheidung ist keine neue Gruppe aufzunehmen. Wir können momentan leider kein ausreichend stabiles Leitungsteam für die Jungs vorweisen, was sich ja auch schon im vergangenen Jahr in einigen Situationen bemerkbar machte und meiner Meinung nach ein schwerwiegender Grund für viele Unstimmigkeiten und Schwierigkeiten mit der Gruppe war. Dazu kommt unsere finanzielle Situation, die uns immer mehr in die Enge treibt und schnellstmöglich einen wahrnehmbaren Gewinn durch den Garten bzw. Farm fordert, damit wir in den nächsten Jahren nicht auf einmal vor dem Nichts stehen.

Somit haben wir beschlossen im kommenden Jahr die Arbeit speziell auf die Bewässerungsanlage und ich nenne es mal „Grundsanierung“ des Colline zu konzentrieren. Das bedeutet für mich ganz besonders die Fertigstellung der Kapelle, damit sie noch vor meiner Abreise eingeweiht werden kann. Mit einem Blick in die Zukunft stellt sich auch die Frage der Unterkünfte. Unsere Vorstellung ist es, dass eines Tages eine religiöse Gemeinschaft unser Projekt übernimmt. (Da Herbert auch nicht mehr der Jüngste ist, wird dies wohl in den kommenden Jahren der Fall sein.) Wir stehen momentan mit ein paar solchen Gemeinschaften in Kontakt und wollen in diesem Jahr dann eben auch konkreter die Suche danach angehen. Eine solche Übernahme muss natürlich lange Zeit vorbereitet werden und erfordert gewisse Gegebenheiten vor Ort. Somit haben wir vor ein paar Monaten einen Plan für ein großes Gemeinschaftshaus mit Wohnräumen und Büros entworfen, welcher nun Grundlage für Zuschuss Anfragen bei mehreren Organisationen ist. All dies ist jede Menge Papier- und Organisationkram, der viel Zeit in Anspruch nimmt. Ein Projekt auf solide Beine stellen und gleichzeitig ein Haufen Jungs betreuen ist keine leichte Aufgabe und für uns in diesem Jahr eben leider nicht möglich.

Um den Begegnungsgedanken mit und für die Jugendlichen jedoch nicht ganz fallen zu lassen, haben wir beschlossen die Jungs für 3 größere Treffen einzuladen. In den ersten beiden Wochen im Advent, 2 Wochen vor der Fastenzeit und in der Karwoche wollen wir also mit der Gruppe doch noch „ein Jahr für Gott“ leben. Diese 3 Treffen, die wir mit ihnen gemeinsam leben und erleben wollen, sollen ihnen wenigstens einen kleinen Einblick in unsere Arbeit hier geben und die Chance bieten diese für den katholischen Glauben wichtige Zeit (Advent und Fastenzeit bzw. Osterfest) intensiv in der Gemeinschaft  zu erfahren. Es ist einmal ein ganz neuer Versuch und ich bin gespannt darauf, wie sich diese Wochen gestalten werden.

In den kommenden Tagen geht nun die Schule wieder los. Dort werde ich also auch wieder 2 Mal in der Woche gemeinsam mit Ab. Bernard Deutschunterricht geben. Gleichzeitig wurde ich noch von einem Abbé gefragt, ob ich nicht öfters mal mit ihm das Fußballtraining im Priesterseminar übernehmen will.  Ich hoffe, dass auch das noch einen Platz in meinem Wochenplan finden kann. Die 2 Tage in Dedougou bzw. Tionkuy sind für mich eine interessante Abwechslung zum Hügel-Leben, wobei ich mich danach auch immer wieder auf meine Arbeit in der Farm bzw. Kapelle freue.

Damit komme ich nun auch zum Schluss meines Rundbriefes

und schicke euch allen viele herzliche Grüße

aus dem sonnigen Burkina.

Au revoir et à bientôt, Bye Bye !

Kerstin

Colline de la Rencontre

EMMAÜS

Paroisse Catholique Dedougou

B.P. 35 – Dedougou – BURKINA FASO

Email: Kersi-goes-Afrika@gmx.de

Tel: 00 226 20 52 21 74

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