Kerstin Becker, Burkina Faso Juni2009
5. März 2010 von kerstin.beckerColline de la Rencontre – EMMAÜS
Wie fast jeden Abend mache ich mich auch heute wieder kurz vor Sonnenuntergang auf den Weg zur Kapelle, um die Blumen dort zu gießen. Auf dem Weg dorthin komme ich an der Küche der Jungs vorbei. In ruhigem dumpfen Ton höre ich das rhythmische stampfen von einem unserer Jungen, der gerade Tô vorbereitet. Daneben spielen die beiden kleinen Kinder von Gabriel auf dem Boden und als sie mich sehen, springen sie auf und kommen mir rufend entgegen gelaufen. Gens-de-Dieu 3 Jahre und Reîne 1 Jahr alt. Sie sprechen kein französisch, aber ich habe schon lange gelernt, dass man sich auch gut ohne die Sprache verstehen kann. Die beiden bleiben einige Meter vor mir stehen und geben mir immer noch etwas schüchtern aber mit einem freundlichen Lächeln die Hand. Ich erinnere mich an unsere erste Begegnung, als sie anfingen zu weinen, weil sie noch nie eine Weiße gesehen hatten und folglich Angst hatten. Ein paar Schritte weiter erreiche ich dann die Kapelle. Seit einigen Wochen versuche ich das Blumenbeet rundherum wieder neu anzulegen. Durch die lange Trockenzeit sahen die Pflanzen ziemlich erbärmlich aus, doch nach ein paar Wochen regelmäßigem gießen und auflockern der Erde, fangen sie nun wieder an zu blühen. Ich öffne den Wasserhahn und beginne meine Tour mit dem Schlauch. Dabei entdecke ich, dass einer der neugepflanzten Bananenbäume gerade ein neues großes Blatt geöffnet hat und direkt daneben klettert eine Rangpflanze die Mauer der Kapelle hoch. Sie hat viele große rote Blüten, so ähnlich wie Pfingstrosen, die vor der weißen Mauer hervor strahlen. Und während ich so weiter Meter für Meter begieße, lasse ich meine Gedanken ein wenig in den letzten Wochen schweifen…
Es ist nun schon 2 Monate her, dass meine Eltern hier waren und somit auch schon 2 Monate her, dass unsere Jungs wieder zurück in ihre Familien gefahren sind. Die meisten von ihnen werden nun sicherlich in den kommenden Monaten jeden Tag auf dem Feld stehen, um Hirse, Mais, Baumwolle, Erdnüsse usw. anzubauen. Seit 2 Monaten ist es nun also etwas ruhiger auf dem Colline. Es sind zwar immer noch ein paar Jungs zusätzlich zu den Arbeitern da, die bei den laufenden Arbeiten helfen und sich somit ein wenig Taschengeld verdienen. Dennoch ist der Tagesablauf nun etwas lockerer und lässt sich individueller gestalten. Dies habe ich genutzt, um ein mal einen Einblick in eine neue Arbeit zu bekommen. Abbé Bernard, ein Priester aus dem Seminar in Tionkuy, der auch gleichzeitig Deutschlehrer ist, hatte mich schon mehrere Male gefragt, ob ich nicht mal mit ihm in den Unterricht kommen möchte. Dieses Angebot habe ich nun endlich wahrgenommen und somit zwei Tage der Woche in der katholischen Privatschule St. Gabriel in Dedougou verbracht. Jeden Dienstagmorgen habe ich mich gegen 8 Uhr mit dem Fahrrad die 10 km durch den Busch auf den Weg gemacht. Sowohl dienstags als auch mittwochs standen 3 Stunden Deutschunterricht in der 11. und 12. Klasse an, in denen Texte gelesen, Grammatik gepaukt und immer wieder gerne über das Leben in Deutschland diskutiert wurde. Und wo ich nun so darüber nachdenke, merke ich wieder wie viel Spaß mir das gemacht hat…
Nachdem nun auch die hinterste Pflanze begossen wurde, schließe ich wieder den Wasserhahn und steige noch einmal hoch auf den Dachrundgang. Die 5 neugestrichenen Rundbögen strahlen im rötlichen Licht der untergehenden Sonne schneeweiß. Die Arbeit der letzten Wochen hat sich wirklich gelohnt. Gleichzeitig war es auch einfach eine witzige Aktion, als Michel und ich 2 Tage lang das Dach mit Schlauch und Besen geschrubbt haben. Bei 40 Grad auf einem Dach in praller Sonne tut eine Abkühlung dann schon mal gut. Nachdem ich einige Stunden in gebückter Haltung dort oben zum Streichen verbrachte musste ich jedoch feststellen, dass meine Haut sich wohl nie vollkommen an die starke Sonne hier gewöhnen wird. Die ganze folgende Nacht spürte ich meinen zweiten afrikanischen Sonnenbrand. Somit verbrachte ich also einige Tage auf dem Dach der Kapelle und bin ganz zufrieden mit dem Ergebnis. Mit einer Hand fahre ich nun Bogen für Bogen über die glatte Oberfläche des Daches. Bei dem mittleren bleibe ich stehen und schaue durch die Öffnung ins Innere der Kapelle hinab. Der Rahmen des großen Fensters ist aufgerichtet, doch es fehlen immer noch die Glasstücke darin. An der rechten Wand sehe ich die Markierungen für mehrere kleine bunte Fenster, die ich dort vor einigen Tagen mit Pascal an die Wand gezeichnet habe. Ja, es gibt noch einiges zu tun, doch mit großer Freude denke ich schon an jenen Tag, an dem sie gefüllt sein wird von fröhlichen Menschen in ihren bunten Kleidern und gesungen und getanzt wird, zur Einweihung unserer Kapelle…
Ungefähr ein Jahr nach meinem Abitur bin ich nun also wieder in der Schule gelandet. Doch dieses Mal sozusagen auf der „anderen“ Seite, nicht mehr als Schülerin, sondern als Lehrerin. Und die Tatsache, dass ich diese neue Aufgabe wirklich mag, hat mehrere Gründe. Wenn ich mit Abbé Bernard morgens in St. Gabriel ankomme winkt der Direktor Frère Maurice uns aus seinem Büro zu und sobald das Auto steht kommt der jüngste Schüler aus der 11. Klasse uns grinsend entgegen, grüßt mit einem fröhlichen „Guten Morgen“ und trägt unsere Taschen in den Klassenraum. In einer lockeren fröhlichen Atmosphäre lesen wir beispielsweise gemeinsam kurze Erfahrungsberichte von Afrikanern, die in Deutschland studieren, wobei ich jedes Mal von neuem 100 Mal erklären kann, wie die Buchstaben „h“ und „z“ im Gegensatz zum Französischen im Deutschen betont werden. Aus „zu Hause“ machen sie beispielsweise „su Ause“ und folglich lasse ich die ganze Klasse es so lange wiederholen bis es einigermaßen passt. Das kann bei manchen dann schon mal etwas länger dauern, aber sorgt immer für genügend Spaß. Bei der deutschen Grammatik komme auch ich dann manchmal ins Stottern, wenn es beispielsweise darum geht den Unterschied zwischen „sollen“ und „müssen“ zu erklären. Im Französischen gibt es diesen Sinnunterschied nämlich nicht. Somit gehen die 3 Stunden Unterricht dienstags und mittwochs immer schnell vorbei und wie es sich laut Abbé Bernard für die Deutschen gehört, muss nach der Arbeit erst mal ein kühles Bier getrunken werden. Also geht’s ab in die nächste Bar, wo wir uns dann bis zum Mittagessen die Zeit mit den lustigsten Gesprächen vertreiben. Oft erzählt er von seinen Erlebnissen in Deutschland, wie er zum ersten Mal in einem Aufzug steigen sollte und ihm darin absolut nicht wohl war; als er vor einer automatischen Tür im Kaufhaus stand und sich fragte, wie er diese ohne Klinge wohl aufbekommen soll oder ganz entsetzt feststellen musste, dass man in Deutschland keine Siesta macht und es abends oft nur Brot zu essen gibt… Den Rest des Tages verbringe ich im Priesterseminar in Tionkuy, wo wir gemeinsam den Unterricht vorbereiten und ich dann abends auch übernachte. Wenn die Seminaristen nachmittags aus der Schule zurück sind, kommen immer einige zu mir, um einfach ein wenig zu quatschen. Auch sonntags nach der Messe oder wenn ich in Dedougou über den Markt laufe, kommen sie auf mich zu und sind stolz mich auf Deutsch zu grüßen und einige Worte zu wechseln. Ich bin auf jeden Fall froh, diese neue Aufgabe wahrgenommen zu haben. Es tut gut einfach mal den Arbeitsplatz zu wechseln, mit anderen Menschen über andere Themen zu reden, ein wenig raus zu kommen und somit nochmal neue Kontakte knüpfen zu können. Bis Mitte September sind nun Schulferien, aber für das kommende Schuljahr möchte ich schauen, dass ich diese 2 Tage in St. Gabriel in meinen Wochenplan mit einbauen kann. Es ist denke ich wichtig und gut nicht stehen zu bleiben, sondern immer wieder weiter nach neuen Wegen und Aufgaben zu suchen…
Ich steige nun die letzten Treppenstufen zum Turm hinauf. Hier wird bald die Glocke hängen und ihr Klang über den ganzen Colline schallen. Von hier oben hat man einen wunderbaren Blick über den Colline. Zwischen Bäumen und Sträuchern sehe ich in der Ferne unsere Rundhütten. Nach der langen Trockenzeit, wo kein grünes Fleckchen mehr zu sehen war, blühen jetzt seit ungefähr 2 Monaten wieder die Bäume und erscheinen von oben wie ein riesiger grüner Teppich. Ich mag es hier oben einige Minuten alleine in Stille zu verharren. Mein Blick schweift den weiten Horizont entlang, der sich wie eine gerade Linie durch mein Bild zieht. Kilometerweit nichts als grüner Busch. Stellenweise sieht man braune oder ockergelbe Flecken. Es sind Felder, auf denen Mais oder Hirse angebaut werden. Ockerbraune Erde, grüner Busch und schwarze Haut, das sind die Farben von Burkina und dazu immer wieder der dumpfe Ton des monotonen Stampfens von Hirse…
Nur noch einige Tage und dann werde ich wieder in Deutschland sein. Ich zähle wirklich die Tage und bin jeden Abend froh, wieder ein Kreuzchen in meinem Kalender machen zu dürfen. Auf meinem Schreibtisch liegt schon eine Liste mit Dingen, die ich in der Zeit unbedingt mal wieder machen möchte; Sachen, die ich gerne wieder essen möchte und das wichtigste: Familie, Freunde, Menschen, die ich so gerne wieder sehen möchte. All das lässt mich glücklich vor mich hin grinsen. Aber gleichzeitig ist es auch irgendwie ein komisches Gefühl. Nach 10 Monaten komme ich nun also wieder „nach Hause“. 10 Monate, die anfangs nicht einfach waren, von denen ich jedoch keinen Tag missen möchte. Eine Zeit in der der Colline für mich eine Familie und ein Zuhause geworden ist, in der ich vieles neu kennen- und erlernen musste. Angefangen von der Sprache, über Essensmanieren, Kleidungsstil, Verhaltensregeln bis hin zu mir selbst. 10 Monate, in denen ich die Welt von einem versteckten Platz im afrikanischen Busch betrachtet habe, während sich die Welt auch in Deutschland weiter drehte. Wie wird es also sein, jetzt wieder zurück in Deutschland zu sein? Eine Frage, die in dieser Situation denke ich ganz normal ist. Dennoch ist es interessant einmal darüber nachzudenken, woher diese Frage kommt bzw. warum sie überhaupt entsteht. Was sind schon 10 Monate verglichen mit einem ganzen Leben. Aber in wie weit können solche 10 Monate in einem völlig anderen Lebensfeld dich und dein Leben prägen? Wie viel Kultur nimmt man in dieser Zeit an und was bleibt von all dem, wenn man wieder zurück in dem „alten“ Leben ist? Mein Leben hat nun irgendwie zwei Schauplätze, meine Heimat in Deutschland und ein Teil ist hier in Burkina. Sowohl an dem einen als auch an dem anderen Ort gibt es Plätze die mir ein Zuhause bieten und vertraute Menschen, die mir am Herzen liegen. Weit strecke ich die Arme auseinander, um diese beiden fernen Länder miteinander verbinden und vereinen zu können und voller Vorfreude denke ich nun an die vielen Begegnungen in Deutschland…
Um mich herum wird es nun etwas dämmerig. Die Sonne hat sich zu einem großen Roten Ball verändert und schwebt nur noch ein paar Zentimeter über dem Horizont. Innerhalb der nächsten 10 min wird sie ganz verschwunden sein, das geht hier wirklich schnell. Also steige ich herab und mache mich langsam wieder auf den Weg zu meiner Hütte, wo ich nun einmal mehr ein kleines Kreuzchen im Kalender machen kann.
„Menschen gibt’s, die wenig haben und es restlos hingeben.
Sie sind diejenigen, die an das Leben und des Lebens Fülle glauben, und ihre Truhe wird niemals leer.
Durch solcher Menschen Hand spricht Gott, und aus ihren Augen lächelt Er auf die Welt.“ (Der Prophet – Khalil Gibran)
Es ist nun fast ein Jahr her, dass ich mein vertrautes Zuhause verließ und mich für einen Freiwilligendienst in ein fernes Land im Westen Afrikas aufmachte. Seit dem haben mich viele interessierte Emails und aufmunternde Worte von euch erreicht, die mir in manchen einsamen Stunden und schwierigen Situation immer wieder Mut und Zuversicht gegeben haben. Nicht vergessen möchte ich auch die zahlreichen großzügigen Spenden, durch die ich meinen Freiwilligendienst hier in Burkina realisieren konnte. All dies hat mir gezeigt, wie sehr ich doch trotz der weiten Entfernung und teilweise großen kulturellen Unterschiede immer noch mit meiner Heimat verbunden bleibe.
In einigen Tagen werde ich nun also auf „Heimaturlaub“ nach Deutschland zurück kommen und freue mich sehr viele von euch wieder sehen zu können. Diese Gelegenheit möchte ich dann auch nutzen, um euch allen ein großes DANKE zu sagen für jede Art von Unterstützung, mit der ihr mich in den letzten Monaten begleitet habt.
Ich lade also alle Interessierten ganz herzlich zu einem
Infonachmittag am Samstag, den 11.6.2009 ab 16.00 Uhr
in der Grundschule Preist ein.
Dort wird sich die Möglichkeit bieten durch Bilder und Erzählungen ein wenig mehr von meinem Freiwilligendienst und dem Leben in Burkina Faso zu erfahren. Eine Gelegenheit für die, die den Colline schon länger kennen, um einmal konkreter über die aktuelle Situation zu diskutieren. Eine Gelegenheit für all die, die erleben und verstehen wollen, was mich dazu treibt ein Teil meines Lebens hier im afrikanischen Busch zu verbringen. Und für diejenigen, die einfach nur mal kleinen Einblick in „das afrikanische Leben“ haben wollen, eine Gelegenheit sich davon faszinieren zu lassen.
Somit komme ich nun zum Ende meines Rundbriefes und freue mich euch dort bald wieder zu sehen.
N-tara, Doni (Tschüss, bis bald)
Kerstin