Ruanda: 2.Rundbrief von Simon Ney
11. März 2010 von simon.neyLiebe Freunde und Familie, liebe Mitfreiwillige und Wegbegleiter, lieber Solidaritätskreis
Es ist Januar und mittlerweile bin ich schon fast ein halbes Jahr hier. Erst mal: mir geht es wirklich sehr gut hier in Matimba! Ich habe hier einen sehr besonderen Arbeitsplatz, der eigentlich genau so ist, wie ich es möchte. Da ich in einer kleinen Gemeinde auf dem Land lebe, lerne ich wirklich das einfache Leben der Menschen hier kennen. Der Umstand, zusammen mit Priestern zu leben und so auch Einblick in ihre pastorale Arbeit zu bekommen, ermöglicht mir, dass ich in diesem Jahr Erfahrungen mache, wie ich sie so wohl nie mehr erleben werde, etwa wenn wir Menschen der Gemeinde in ihrem Zuhause besuchen und so mit ihnen in Kontakt kommen.
Doch so, wie dieser Einblick in eine, der deutschen so anderen, Kultur, die für mich so bereichernde Erfahrungen mit sich bringt, so bringt er auch seine Probleme mit sich. Lange hatte ich zu hohe Erwatungen, sah und bewertete die Dinge, trotz besseren theoretischen Wissens, lange zu eurozentrisch, was dazu führte, dass ich lange viele Probleme hatte und mich nicht richtig wohl fühlte. Ich war unzufrieden mit meiner Arbeitssituation und fühlte mich nicht richtig integriert und gerade in der Jugendarbeit ging es, aus meiner damaligen Sicht, sehr schleppend voran. Als Deutscher bin ich Initiative gewohnt. Gewohnt, dass immer etwas passiert. Ich brauchte und brauche Zeit das ruandische Leben zu verstehen.
Ich habe gemerkt, dass ich viel zu lange, die Dinge nur durch eine sehr deutsche Sicht betrachtet habe und frage mich, ob ich es überhaupt anders hätte manchen können. Mittlerweile ist mir klar geworden, wie unterschiedlich unsere Blickfelder auf ein und die selbe Realität sein können. Der einzige Weg, sich diesbezüglich einander anzunähern, ist Kommunikation. Mittlerweile haben meine Mitbewohner, die beiden Priester, Fidel und Emilien, und Damien, ein Priesteranwärter, und ich zum Glück diese gemeinsame Ebene erreicht, denn durch meine Erwartungen, die sich so gar nicht erfüllen konnten, ging es mir die ganze Zeit nicht richtig gut, aber es konnte von ihnen auch nicht richtig nachvollzogen werden, warum.
Auch wenn ich die Ursachen lange woanders gesucht habe, so habe ich letztendlich gemerkt, dass ich an mir selbst arbeiten muss. Ich denke, so kann ich in wenigen Worten meinen persönlichen Lernprozess der letzten 5 Monate zusammenfassen.
Es war daher gut, dass wir uns schon recht früh neben dem abstrakten Begriff der Jugendarbeit nach einem weiteren Aufgabenfeld umgesehen haben, in dem ich eine klarere Wochenstrukturierung habe. Anfaenglich war ich fuer 2 Monate an einer Primaryschool, doch nach den grossen Ferein setzte ich diese Arbeit nicht fort, da sich in der Gemeinde in der Zwischenzeit drei feste Lerngruppen gebildet hatten, mit denen ich jetzt zusammen Englisch lerne: Gemeindemitglieder in Matimba, die nie die Möglichkeit hatten, die Primaryschool abzuschließen, dann Nonnen einer unserer Untergemeinden und eine Mädchengruppe in einem Community-Center der selben Untergemeinde, die dort ansonsten eine handwerkliche Ausbildung erhalten, um so die Perspektive auf ein besseres Leben zu steigern, auch hier haben die Wenigsten lange die Schule besucht.
Jede meiner drei Gruppen befindet sich an einem völlig anderen Ausgangspunkt was unterschiedliche Herausforderungen mit sich bringt:
Die Mädchen im Community-Center haben ja noch nicht mal die Primary-School fertig gemacht, viele haben deshalb auch nie ansatzweise „gelernt zu lernen“ noch dazu sind sie alle unheimlich schüchtern. Einen Dialog vor der Klasse alleine vorzulesen, haben sich sehr viele von ihnen am Anfang nicht getraut. Dazu bin auch ich noch in die ein oder andere „kulturelle Falle“ getappt, so habe ich einmal etwas genervt eine Schülerin, die nicht von der Tafel abgeschrieben hat sondern stattdessen die ganze Zeit mit ihrer Nachbarin geredet hatte, angemault, dass sie abschreiben solle anstatt sich ununterbrochen mit ihrer Freundin zu unterhalten, woraufhin sie mich verstört anschaute. Ihre Nachbarin erklärte mir dann, dass sie nicht schreiben könne, und sie deshalb immer fragen würde, was ich an die Tafel schreiben würde. Tja, soweit hatte ich einfach nicht gedacht. Als sich dann auf Nachfrage herausstellte, dass dies bei einigen ein Problem sei, musste ich ein bisschen umdisponieren und habe angefangen auf bekannte Melodien eigene, einfache englische Texte zu dichten. Das mag jetzt zwar lustig klingen, gerade bei meinem musikalischen „Talent“, aber singen macht ihnen viel Spaß und man läuft auch im Kollektiv nicht Gefahr, sich alleine die Blöße zu geben. Ansonsten machen wir einfachste Alltagskonversation und sind bestimmt noch ein ganzes Stück unter dem Niveau von deutschem Grundschul-Fremdsprachen-Eingewöhnungsunterricht, obwohl die Mädchen ja altersmäßig 14 und aufwärts sind. Doch ich bin mir sicher, dass genau dieser Unterricht so seinen Sinn hat. Besser ein klein wenig Englisch verstehen, als nur da zusitzen, nichts zu verstehen und die ganze Zeit „Ja und Amen“ zu sagen. Häufig begleitet mich Damien, der neue Seminarist, der ebenfalls für ein Jahr bei uns im Pfarrhaus lebt, worüber ich sehr dankbar bin. Mit seiner Hilfe kann schnell mal bei Unklarheiten auch etwas auf Kinyarwanda erklärt werden. Er fungiert als Übersetzer zwischen mir und der Klasse, was mir das Unterrichten sehr erleichtert.
Bei meiner Gruppe in Matimba bin ich zwar immer alleine, aber hier gibt es auch keine Probleme mit Schüchternheit. Die Leute kennen mich ja auch außerhalb des Unterrichts, was dem ganzen eine sehr lockere Atmosphäre gibt. Das hat sicher auch damit zu tun, dass ich mit Hand und Fuß erkläre, gepaart mit viel Improvisation und meinen, sagen wir mal, „lückenhaften“ Kinyarwandakenntnissen. Wenn der „Lehrer“ Fehler macht und dazu stehen kann, und das wenige ihm zur Verfügung stehende Vokabular anzuwenden versucht, so tun das auch die Schüler umgekehrt auf Englisch. Und manchmal habe ich das Gefühl, dass hier einige regelrecht über sich hinauswachsen, ich bin manchmal wirklich richtig begeistert, zu welchen Leistungen sie nach so kurzer Zeit schon fähig sind, da ja auch sie sonst wenig Bildung genießen konnten.
Die Nonnen, die ich unterrichte, sind hingegen gebildet und sprechen fließend Französisch, haben also schon einmal eine Fremdsprache erlernt. Hier kann ich mit grammatischen Begriffen arbeiten und manchmal sogar Dinge auf Französisch erklären (wer hät’s gedacht?;)) Die Herausforderung liegt hier für mich darin als Abiturient und nicht als ausgebildeter Lehrer das hohe Niveau als Lehrer, oder nennen wir’s besser Erklärer, mitzuhalten. So muss ich auch öfters zu einer dicken Grammatik greifen, um zu schauen was nochmal der Unterschied zwischen „to hear“ und „to listen“ ist, wann man Present Perfect und wann Simple Past verwendet oder in welchen Fällen man „much“ oder „many“ benutzt.
Man kann meine drei Kurse also gut als absolute Anfänger (bei denen ich eigentlich mit dem ABC und Schreiben lernen beginnen muss), Anfänger (mit denen es richtig Spaß macht!) und Fortgeschrittene (bei denen ich aufgrund des schnellen Tempos selbst aufpassen muss, dass ich nicht aus der Puste komme) bezeichnen.
Neben dieser, zeitlich klar eingegrenzten Arbeit nehme ich natürlich auch am Leben der Gemeinde teil, der Arbeit der Priester. Sonntägliche unheimlich lebendige Gottesdienste, Fußballspiele in den Untergemeinden und Seminare die aber häufig zu sehr großen Teilen spirituelle Inhalte haben und in Kinyarwanda sind.
Da wir ja direkt neben der Kirche wohnen sind wir auch so ein bisschen das Zentrum der Gemeinde, häufig schauen Kinder vorbei um mich zu grüßen und dann spielen wir draußen mit Bällen, Jongliertüchern oder dem Schwungtuch. Häufig verbringe ich auch freie Zeit auf unserer Terrasse hinter dem Haus in der Nachmittagssonne und scherze mit den Menschen, was trotz Sprachproblem eigentlich ganz gut klappt.
Nach etwas mehr als 3 Monaten hier kam dann auch endlich das von der Gemeinde schon lange erwartete Auto an (es hatte, entgegen meiner Einschätzung im ersten Rundbrief, doch noch ein bisschen gedauert…), das ich fahre und das die Aktivitäten der Gemeinde unterstützen soll.
Es ist schon ein Erlebnis, 20 Kinder im Auto zu haben, oder 8 Priester auf ein Treffen zu bringen, die bei voller Lautstärke zur Musik mitsingen, während ich abseits der großen Straße fortlaufend Schlaglöchern und kleinen Kindern ausweichen muss, die auf den Weg rennen und vollkommen durchdrehen, weil sie ein Auto, noch dazu mit einem Weißen am Steuer, sehen. Auch verwunderte Kühe tauchen manchmal vor einem auf, und bei fast jeder Fahrt springen einem Hühner vors Auto, die es dann gerade noch – unter großem Gegacker- auf die andere Straßenseite schaffen.
Sobald man von der großen geteerten Straße abbiegt, um dann über Pisten, „African Roads“, in eine abgelegenere Untergemeinde zu gelangen oder eine anderen Ort zu besuchen, folgen schöne und abenteuerliche Fahrten durch die Savanne oder durch bewaldete Gebiete, genauso „wie man sich Afrika vorstellt“ oder wie das Bild Afrikas ist, das man aus dem Fernsehen kennt. So bin ich schon in waldigen Morastlandschaften im Schlamm stecken geblieben und habe Pisten passiert, die sich – nach heftigen Regengüssen – in Seen verwandelt hatten, sodass meine Reifen sich komplett im Wasser befanden.
Doch meistens fahre ich einfach durch das, für Ruanda eigentlich untypische, relativ weite Land meiner Region, das nur durch die, für Ruanda wiederum so typischen Hügel weit entfernt am Horizont eingegrenzt wird. Eine Landschaft die in der Trockenzeit staubbraun und in der Regenzeit wunderbar grün ist. Viel von diesem weiten Land wird bewirtschaftet und bepflanzt. Bananenplantagen, die lediglich von Sorghum- und Maisfeldern unterbrochen werden, bestimmen häufig das Landschaftsbild. Ansonsten sieht man auch einzelne Bäume, die der heißen Sonne, die den ganzen Tag über scheint, strotzen. Viele Kühe grasen auf den umliegenden Weiden und vereinzelt kann man ab und zu sogar mal Antilopen oder Affen sehen. Aber vor allem sieht man immer und überall viele Menschen, die das Land bestellen, freundlich winken und dem Auto hinterher schauen, bis es verschwunden ist. Denn gerade abseits der großen Straße kann so was schon etwas sehr Besonderes sein. Es ist schon ein sehr anderes, soviel ruhigeres Leben.
Dieses andere Leben war gerade am Anfang nicht immer leicht für mich zu verstehen: Viele Menschen betreiben ohne Strom und fließendes Wasser Subsistenzlandwirtschaft. Sie haben keinen Job im europäischen Sinn, sondern ackern (im wahrsten Sinn des Wortes) den ganzen Tag, um den nächsten noch zu erleben, der wiederum genauso aussieht. Ich bin froh und zugleich war ich am Anfang auch fast ein wenig erschüttert, dieses harte Leben mit zu erleben.
Denn, diese Lebensgestaltung, die wahrscheinlich die normalste Tätigkeit des Menschen und die weltweit am weitesten verbreitetste ist, ist mir, als Jemand, der aus einer westlichen Industrienation kommt, sehr unbekannt gewesen. Doch ich bin froh, hier auf dem Land, ein Leben kennen zu lernen, wie es auch noch vor wenigen Dekaden in Deutschland der Realität entsprach. Auf einmal kann ich die Erzählungen meiner Großeltern besser verstehen, die Geschichten meines Opas, der sich auch nach 60 Jahren noch an den wunderbar-süßen Geschmack eines Bonbons (eine absolute Besonderheit – damals) erinnern kann, Kindheitserinnerungen, die so besonders waren, dass er sich sein ganzes Leben daran erinnern kann und noch heute begeistert davon erzählt.
Viele Menschen hier, gerade die Kinder, können sich noch an den kleinen „Bonbons“ des Alltags erfreuen, an einem selbstgebauten Fußball aus Plastiktüten, einem Fahrradreifen, dem man, mit einem Stöckchen antreibend, stundenlang hinterherlaufen kann, einem netten Gespräch, oder auch einfach nur die nette Geste, dass man Zeit und Interesse für seinen Gegenüber entgegenbringt. Eben diese Geschehnisse und Kleinigkeiten die in unserer von Medien überfluteten Konsumgesellschaft aus dem Blickfeld und dem Bewusstsein verschwinden. Den Blick für das Wesentliche des menschlichen Wesens zu behalten ist sicher eine Sache, die wir von den Menschen hier lernen könnten. Es ist schwierig diese Gedanken und Gefühle auszudrücken, vielleicht kann man sie nur richtig nachvollziehen, wenn man mal aus allem Gewohnten draußen war und das Leben in einer völlig anderen Lebensrealität erfährt.
Sicher ist es einfacher für jemanden wie mich, der nach einem Jahr wieder zurück nach Deutschland, zurück in den technischen Fortschritt, geht, das ruandische Landleben zu romantisieren, als für die Menschen, für die es nun mal bittere Realität ist und die sich nach eben diesem Fortschritt sehnen. Auch in Ruanda setzt dieser Fortschritt ja ein, wie überall auf der Welt gibt es auch hier Trends zur Landflucht, obwohl der ehrgeizige Plan der Regierung vorsieht innerhalb der nächsten Jahre auch alle kleinen Dörfer mit Stromleitungen zu versorgen. In Kigali werden modernste Riesenbauten von Chinesen aus dem Erdboden hoch gestampft, es gibt Hamburger und Discos für die Reichen und Schönen der Hauptstadt, und und und …
Für mich war es eine sehr besondere Erfahrung, den Bau eines zweiten Hauses, das Küche und zwei weitere Räume beinhaltet, auf unserem Grundstück mitzuerleben zu dürfen und auch tatkräftig zu unterstützen. Da die Gemeinde nun mal sehr arm ist, waren wir bei dem Bau weit möglichst auf die Verwendung von Naturalien und die Unterstützung der Gemeindemitglieder angewiesen. Als erstes mussten die Backsteine für die Mauern produziert werden.
Dazu wurde unsere normale Erde umgegraben, mit Wasser durchmischt und fleißig durchschaufelt, bis eine lehmartige, relativ zähe Masse entstand.
Dieser Prozess, die richtige Konsistenz zu erreichen, wurde durch Stampfen in der Masse gefördert, was diese Arbeit zu einer unheimlich Anstrengenden macht, da man ja ununterbrochen am Schaufeln und Stampfen ist. Diese Masse wurde dann mit altem, angefaultem Gras gemischt, was dem ganzen mehr Stabilität gibt, danach wurde sie richtig portioniert und dann in einer Menschenkette von Hand zu Hand weitergegeben, bis am Ende der Schlange der Letzte den Klumpen in eine Form gegeben hat. Nach kurzem Warten wird die Form abgezogen, und fertig ist der Backstein. Alleine das Wort „Backstein“ impliziert ja ein Brennen im Ofen, doch hier „bäckt“ lediglich die Sonne. Ein paar Tage später, nach vielen Sonnenstunden (und Regengüssen, doch diese sind für diesen Prozess eher unerwünscht), konnten diese Steine dann gemauert werden.
Dazu wird dann auf die selbe Weise eine Art Mörtel produziert, der zwischen die einzelnen Steine gespeist wurde. Das war eine ziemlich lustige Aufgabe, man nahm sich eine Handvoll Speis und „batschte“ und „klatschte“ sie in die Fugen, bis man irgendwann eine halbwegs ebene Oberfläche produziert hatte. Und das Reihe um Reihe, Stein um Stein, sodass die Mauer langsam aber zielsicher wuchs. Irgendwann so hoch, dass wir ein Gerüst brauchten, was aus Baumstämmen und Schnur zusammengeknotet und in die Wand hineingesteckt wurde.
Für die Wellblech-Dachkonstruktion mussten Bäume geschlagen werden, die wir zu Fuß ungefähr 6 Kilometer zu unserem neuen Haus gemeinsam tragen mussten, was eine wirklich knochenharte Arbeit war. Nun konnten die Baumstämme oben auf dem Haus zu einem Giebel zusammennagelt werden, auf den dann wiederum das Wellblech befestigt wurde.
Mittlerweile ist das Haus fast fertig, in den nächsten Tagen verputzen wir es gemeinsam und auch die Arbeiten für die Garage neben dran haben schon begonnen.
Ich habe mich viel in meiner freien Zeit damit beschäftigt, was Glück ist. Mir wurde bewusst, was für eine privilegierte Kindheit und Jugend ich in Deutschland hatte. Wie kann ich mit meinen vergleichsweise harmlosen Problemen überhaupt unglücklich sein?
Warum war ich in Deutschland glücklich? Was macht Zufriedenheit aus? Warum fällt es mir hier schwieriger, an einen Punkt der Ausgeglichenheit und Erfüllung zu kommen? Was ist überhaupt Ausgeglichenheit und was Erfüllung?
Natürlich kann ich darauf jetzt keine klaren Antworten geben und versuche es auch gar nicht erst, ich bin ja kein Philosoph, aber ich habe auf diese komplexen Fragen für mich persönlich kleine Antworten (nicht keine, aufpassen beim Lesen;)) gefunden. Naja vielleicht ist das auch zuviel gesagt, zumindest kann ich sagen, dass es mir mittlerweile wieder besser geht.
Ich brauchte Zeit, auch zu akzeptieren wie ich, als Weißer, wahrgenommen werde und kann mittlerweile auch, glaube ich, recht gelassen damit umgehen und gehe auch wandern und joggen auch wenn ich natürlich „besonders“ bin. Aber mittlerweile kenne ich viele und die meisten Menschen Matimbas kennen mich und man grüßt sich einfach freundlich und man freut sich.
Es sind die kleinen Dinge die das Leben schön machen, sei es ein kleiner kaum wahrnehmbarer Erfolg in meinen Englischstunden oder auch eine Flasche Limo über die ich mich dann freuen kann, als sei es das tollste auf der Welt. Ist es in diesem Augenblick dann auch für mich. Was ist Luxus? Sicher würde man aus unserer, europäischen Sicht mein Leben hier, nicht als luxuriös bezeichnen. Die vielen Kleinigkeiten, die so unauffällig Teil unseres Alltags sind, so selbstverständlich, dass wir sie noch nicht mal als Luxus wahrnehmen, all das fehlt hier. Die Möglichkeit die passende Schraube beim Saturn um die Ecke zu bekommen, das 24-Stunden-geöffnete „Schnellrestaurant“ schräg gegenüber davon, die Möglichkeit wann immer und so warm man will zu duschen, Strom der den ganzen Tag aus der Steckdose kommt, ein Klo mit Wasserspülung [...]. „Na das war doch klar, was hast du denn erwartet?“ Höre ich mich selbst oder eure Stimmen sagen. Klar, das wusste ich, ich bin diesen Schritt ja auch bewusst gegangen. Ich mag mich ja auch nicht beschweren, trotzdem wird mir hier wirklich bewusst, wie man sich doch ganz schön an alle diese Annehmlichkeiten gewöhnt hat
Auf der anderen Seite führen wir im Pfarrhaus im Vergleich zu vielen Menschen Matimbas schon ein luxuriöse Leben, eine Tatsache auf die ich wohl gar nicht verzichten könnte und die trotzdem nicht immer einfach zu akzeptieren ist.
Auch die Tatsache, dass wir ein Auto besitzen, ist ja ein unerhörter Luxus, gerade aus der Sicht der Nachbargemeinden. Sicher es ist hier absolut notwendig, trotzdem ist es Luxus. Soviel wäre notwendig und es gibt es nicht. Ich glaube der Maßstab was ich hier als Luxus ansehe ist ein anderer: In Deutschland würde ich Überfluss als Luxus bezeichnen, also ein Haushalt mit zwei Autos, einen überfüllten Kühlschrank zu besitzen, oder die Möglichkeit zwischen 10 verschiedenen Schokoladensorten in Supermarktregal auswählen zu können.
Hier ist Luxus ja schon die eigenen Bedürfnisse ausreichend decken zu können. Und den Priestern geht es hier ja im Allgemeinen doch recht gut. Zu besonderen Anlässen gibt es Bier, wir haben immer genug zu essen, wir haben (meistens) Strom und jeder hat sein eigenes Zimmer. Auch das kann Luxus sein!
Mit diesem Gedanken möchte ich enden, ich hoffe ihr hattet alle ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest und ich wünsche euch, etwas verspätet, ein gutes und erfolgreiches neues Jahr!
…und das ihr alle den langen Winter ohne Depressionen überlebt
Simon.