Ruanda: 3.Rundbrief von Simon Ney
17. April 2010 von simon.neyLieber Freunde und Familie, liebe Mitfreiwillige und Wegbegleiter, lieber Solidaritätskreis,
Ende Januar stand für mich eine große Reise an, und zwar zum Zwischenseminar nach Tansania.
Mit dem Bus von Kigali nach Dar Es Salaam
Mit Franzi , einer Freiwilligen, die in Kigali arbeitet, fuhr ich mit einem Reisebus nach Dar Es Salaam, einer Stadt an der Küste des indischen Ozeans. Denn, da wir wegen des Seminars sowieso in die Kante mussten, haben wir gerne auch noch ein paar Tage Urlaub drangehängt.
Los ging es morgens um 5 Uhr in Kigali, am Nachmittag des darauf folgenden Tages kamen wir in der tansanischen Großstadt an.
Dazwischen lagen 35 holprige, anstrengende und abenteuerliche Stunden Busfahrt quer durch Tansania, von Westen nach Osten, 1500 Kilometer.
Kurz nach den ersten Sonnenstrahlen verließen wir schon die Landesgrenze unseres kleinen liebgewonnen Landes und waren nach einigen Grenzformalitäten (Visa…) gespannt, was uns nun erwarten würde. Kaum hatte der Bus nach diesem Zwischenstopp seinen stotternden Motor wieder angeschmissen und die Fahrt nun auf der linken Seite fortgesetzt, trat der tansanische Fahrer ordentlich aufs Gas, während er zuvor in Ruanda pingelig genau auf die Einhaltung des Geschwindigkeitslimits von 60km/h (gähn…) geachtet hatte. Hier zeigte sich zum ersten Mal, was wir die nächsten Tage immer wieder feststellen: Tansania ist schon sehr anders und vor allem ist alles irgendwie ein bisschen lockerer. Unser übervoller Bus wurde auf unserer Reise über tansanischen Straßen von der Polizei nicht häufiger angehalten, als dass man es nicht an einer Hand hätte abzählen können, und dann reichten ein paar Scheinchen und weiter ging es. In Ruanda so undenkbar.
Dafür gibt’s in Tansania andere Probleme: Schon kurz hinter der Grenze stiegen ein paar mit AKs bewaffnete Typen zu, die für die Security im Bus verantwortlich waren, da es im nächsten Teilstück der Strecke, einem flachem, bewaldeten Gebiet schon häufiger zu Überfällen auf Reisebusse gekommen sei. „This area is a bit dangerous“, erklärte uns ein Mitglied der Buscrew nur kurz recht trocken.
Mit der natürlichen Landesgrenze ändert sich dann auch schlagartig die Landschaft. Das hügelige, noch nicht weit entfernte Ruanda ist nicht mehr im Mindesten zu erahnen, bestimmt doch nun eine scheinbar unendlich weite Steppe das Landschaftsbild. Es ist gerade alles schön grün, Menschen sieht man nur selten, Häuser und kleine Siedlungen noch seltener. Wenn es in Tansania etwas im Überfluss gibt, dann ist es wohl vor allem Platz. Den ganzen Tag verbrachte ich damit rauszuschauen und mir immer wieder Wasserflaschen zu kaufen, die von Jungen an die Busfenster gehalten werden, denn je weiter wir Richtung Osten fahren, desto heißer wird es.
Irgendwann neigte sich der Tag dem Ende, wir passierten gerade eine Bergkette, die von roter Erde umgeben ist. Irgendwann nach Mitternacht Stop für wenige Stunden in Dodoma, richtig schlafen kann ich in dem Schalensitz nicht, während die Moskitos mir unermüdlich das Blut aussaugen.
Der nächste Tag beginnt genau, wie der vorherige aufgehört hat, der Sitz vibriert im Takt des Motors, wir sind wieder on the road, rasen durch die weite Landschaft, die Sonne knallt, wir sind noch immer ein ganzes Stück von Dar entfernt. Eine Felsformation erinnert an den „König der Löwen“, die Sprache die uns nun umgibt auch, „Rafiki“ der Freund, „Simba“ der Löwe, „Hakuna Matata“; there is no problem, bringt die Mentalität der Tansanier einfach auf den Punkt.
Später, am Nachmittag, kündigen sich schließlich die Vororte Dars an, die Straße wird mehrspurig, der Verkehr dichter und schließlich stiegen wir am großen Busbahnhof der Millionenstadt aus, der noch ein ganzes Stück vom Stadtzentrum entfernt liegt. Von dort ließen wir uns mit einem Taxi an ein „günstiges“ Hotel im Stadtzentrum bringen. Zumindest hatten wir das dem Fahrer als Ziel genannt.
Dar Es Salaam
Es folgte dann eine unglaublich schöne Zeit in der wir immer wieder von der Freundlichkeit und dem Multikultimix ihrer Bewohner überrascht wurden. Da wenig Planung im Vorfeld, konnten wir eine uns völlig unbekannte Stadt entdecken – in der doch auch irgendwie etwas Vertrautes lag. Denn mit unbekannten Situationen konfrontiert zu werden und dann mit ihnen fertig werden, darin hatten wir schon aus unserer Zeit in Ruanda viel Übung. Ich hatte den Eindruck, dass so ein Auslandsjahr einem die „Angst“ nimmt, vor der Fremde, dem Unbekannten, alles was man nicht direkt versteht oder vielleicht auch nie richtig verstehen wird. In gewisser Weise „kennt“ man ja aus seinem Alltag „das Unbekannte“, und kann daher auch nun gelassener damit umgehen, zumal man sich auch der Hilfe der freundlichen und hilfsbereiten ostafrikanischen Menschen sicher sein kann.
So offen und nett wie uns fremde Menschen in Tansania gegenübertraten, waren wir das aber auch aus Ruanda nicht gewöhnt. Da mussten auch wir uns erst umstellen, wie etwa in diesem Dialog, kurz nach dem Einchecken auf einem ersten Rundgang durchs Viertel. Von der anderen Straßenseite ein Ruf hinüber zu uns:
„Where are you going my friends?“
Aus ruandischer Sicht klar – Ein Taxifahrer, der seine Dienste anbieten möchte.
Daher die höfliche aber entschiedenen Antwort: „Thank you, we don’t need a taxi“
Überraschung auf der anderen Straßenseite: „ah, no….I’m not a taxidriver!, I just want to help you, you seem to be lost!“
Überraschung auch bei uns, so was hatten wir nicht erwartet, und so ließen wir uns erklären, mit welchem Bus man ans Meer kommt.
Im Bus kamen wir direkt wieder in ein Gespräch mit einem weiteren netten jungen Mann. Ben, wie er sich uns vorstellte, erklärte, dass man an der Küste mit einer Fähre auf eine kleine schöne und relativ ruhige Insel fahren kann. Erstaunlich, da sie nur einen Steinwurf von Dar entfernt liegt, die Fähre fährt im 10 Minuten-Takt. Er würde dort wohnen, wir könnten grade mit ihm rüber fahren. Und schon hatte er auch für uns zwei Tickets gelöst und uns die Überfahrt ausgegeben. Sowas war uns auch noch nicht passiert!
Wir fanden –auf seinen Tipp hin- einen kleinen Campingplatz, wunderschön und direkt am Strand. Abends kam Ben noch zu uns und wir unterhielten uns. Im Verlauf des Gespräches erzählte Franzi ihm, dass wir gerne eine Safari in irgendeiner Form machen wollten, woraufhin Ben meinte, dass er zufällig Tierfilmer sei und uns bei der Planung behilflich sein könne, wir könnten ihn ja einfach mal die nächsten Tage in seinem Büro besuchen!
Franzi war direkt Feuer und Flamme, ich erst mal skeptisch – Mir ging das irgendwie ein bisschen zu schnell und alles wirkte so glatt, da konnte doch irgendwas nicht stimmen!
Da konnte auch sein Wissen über HD-Kameras und Videoschnittprogramme nichts dran ändern…irgendwo musste es da doch einen Haken geben!
Wir beschlossen erst mal eine Nacht drüber zu schlafen.
Am nächsten Tag stieß noch Michael, ein weiterer Freiwilliger aus Kigali zu uns, und gemeinsam verbrachten wir ein paar sehr relaxte und erholsame Tage auf dem kleinen Campingplatz mit Bilderbuchstrand, der zum längeren Verweilen einlud. Wir mieteten ein Banda, ein kleines Hüttchen in das gerade wir drei samt Gepäck passten. Das war aber nicht schlimm, da wir die Tage eh draußen am Strand mit Lesen und Schreiben unter Kokospalmen verbrachten. Es blieb aber auch viel Zeit dafür, die Großstadt um uns rum zu erkundigen.
Auf nach Mang’ula!
Gemeinsam mit Michael hatten wir in den Tagen am Strand über unsere Begegnung mit Ben diskutiert und sind nachdem wir uns die Webseite angeschaut hatten, zu dem Schluss gekommen, dass eigentlich alles sehr seriös wirkt und wir ja eigentlich nichts falsch machen könnten, wenn wir seiner Einladung folgen würden. Bei ihm angekommen, fanden wir zusammen recht schnell einen der unseren Bedürfnissen und Kriterien (Low Budget/ Kein Auto mieten zu müssen) entsprach: Eine Wandersafari durch den Mang’ula Mountain Nationalpark!
Danach zeigte er uns noch einen seiner Filme, der wirklich sehr tolle Tieraufnahmen enthielt. Nach und nach wurde auch mir klar, dass die Sache wirklich keinen Haken hatte und wir einfach auf einen sehr netten Menschen getroffen waren, der uns vom ersten Augenblick half, als seien wir alte Freunde. Dankeschön!
Die Wandersafari durch den Regenwald in den Bergen am nächsten Tag war eine echt tolle Sache, wenn auch sehr anstrengend: 14 Kilometer Strecke durch die unberührte Natur, davon die ersten 7 steiler Aufstieg, die sich wie Kaugummi zogen. Plötzlich ein gigantischer Scheißhaufen vor uns: Elefantendung. Hier oben? Auf diesen kleinen Faden? „Doch, doch, die gibt es hier“, meinte der Guide, der es ansonsten vorzog, schweigend mit einigem Abstand hinter uns zu laufen. Nachdem er mit seiner Hand den Broken berührt hatte, meinte er, dass dieser Elefant hier, der Wärme des Haufens nach, aber schon vor mindestens 8 Stunden vorbeigezogen sei…
Das zügelte natürlich unsere Erwartungen, ein Elefant hier oben, auf diesem kleinen Pfad wäre schon etwas sehr besonderes für uns.
Doch diesbezüglich wurden wir enttäuscht. Denn auch wenn wir von oben eine absolut klasse Aussicht über das weite Land hatten, einen riesigen Wasserfall passierten, Bäche durchwateten und körperlich mehr als einmal an unserer Grenze waren, so hatten sich die Tiere doch ziemlich rar gemacht. Ein paar Affen bekamen wir zu Gesicht und einmal lag eine Viper vor uns auf dem Weg, was zusätzlich den Puls erhöhte.
Das Zwischenseminar
Bagamoyo ist heute ein kleiner, touristischer Badeort von historischer, wenn auch zweifelhafter, Bedeutung: Noch heute steht eine große Festung am Strand, an der in der Kolonialzeit, die Sklaven, die von überallher auf dem afrikanischen Kontinent hier hin marschieren mussten, ein paar Tage warten mussten (viele starben auch in den Massenzellen) und dann weiter nach Sansibar, auf den dortigen großen Sklavenmarkt verschifft wurden.
Auch begann von Bagamoyo die Missionierung des afrikanischen Kontinentes, hier befindet sich die älteste Kirche auf afrikanischem Boden. Auch andere historische Wegweiser lassen sich finden, etwa „Trough this door, Dr. David Livingstone passed“ und so weiter. Und mittendrin, unter Palmen, 300 Meter vom Strand entfernt, lag unser Tagungshaus.
Gemeinsam mit ca 30 Freiwilligen aus vielen unterschiedlichen Ländern Afrikas –Sambia, Namibia, Süd-Afrika, Kenia, Tansania…- bot uns ein 4-köpfiges Team „Zeit und Raum“ zur eigenen Reflexion und dem Austausch untereinander. Daneben kam aber auch die Freizeit nicht zu kurz, jeder Tag bot auch die Gelegenheit für lange Spaziergänge oder einer „Abkühlung“ im Wasser (mir persönlich war’s echt zu warm, aber ok, das ist ein Luxusproblem;)).
Für mich sicherlich am eindrucksvollsten war es, den Arbeitsalltag von Fischern in Bagamoyo mitzuerleben. Ein paar Freiwillige die Kisuaheli sprachen, kamen am Strand mit Fischer ins Gespräch und zwei Tage später fuhren einige von uns einen Arbeitsalltag mit aufs Meer. Für beide Seiten war es interessant, mehr über das Leben des anderen zu erfahren. Der Alltag der Fischer ist sehr hart. Es muss auf die offene See gerudert werden, die Netze ausgeworfen und später wieder reingeholt werden, dazwischen in der gnadenlosen Sonne auf dem Wasser ausgeharrt. Das Fischen an sich geschieht so: Einer muss ins Wasser springen, mit einem Ende des Netzes. Das Boot dreht dann einen großen Kreis um ihn, und ist nach ca einer halben Stunde wieder an seinem Ausgangspunkt. Das Netz umschleißt nun einen großen Kreis im Wasser. Dadurch dass das Netz nun eingezogen wird, schließt sich allmählich die Schlinge. Weitere Fischer sind nun im Wasser um dort das Wasser durch Aufschlagen der Hände unruhig zuhalten, sodass die Fische, die sich in der Schlinge befinden in die Netze getrieben werden. Trotz des großen Aufwandes ist der Fang recht mickrig. Viel springt für die Fischer bei der knochenharten Arbeit nicht heraus. Wir bekommen einige exotische Fische zu sehen, unter anderem einen Kugel- und einen Tintenfisch. Von letzterem wird die Tintenblase herausgeschnitten, mit deren Inhalt wir malen konnten
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Nach der arbeitsreichen und trotzdem entspannten Woche hieß es Abscheid nehmen. Von den anderen Teilnehmern und vom Meer. Zumindest die penetrante Hitze der Ostküste werde ich nicht vermissen. Mehrmals täglich das T-Shirt wechseln und grundsätzlich nachts den Ventilator eingeschaltet lassen zu müssen, war zwar für 3 Wochen ok, aber auf Dauer ziehe ich dann doch das mildere Klima Ruandas vor.
Tja, und jetzt bin ich ja auch schon wieder eine ganze Weile hier, in Ruanda, und habe schon weit über die Hälfte meines Dienstes absolviert. Ich freue mich von euch zu hören und werde auch schon bald wieder von mir hören lassen!
Ich hoffe es geht euch allen gut,
Simon