Rumänien: 3.Rundbrief von Astrid König
17. April 2010 von astrid.koenigHalbzeit ist rum!
Ich kann mir nicht vorstellen, schon ein halbes Jahr hier gewesen zu sein, es ist so viel passiert, aber in einem halben Jahr zu Hause zu sein, ist auch noch unvorstellbar.
Tatsache ist, ich habe mich hier vollständig eingewöhnt…
…und endlich kam der Schnee…
Das dachte ich jedenfalls als Mitte Dezember dann doch endlich Schnee fiel. Vom „Kältepol Rumäniens“ kann man das doch erwarten, dachte ich. Wurde ich doch schon vorher von vielen über den überaus kalten Winter in Rumänien aufgeklärt – und natürlich von November bis März Schnee!
Zunächst fing die Weihnachtszeit aber ohne Schnee an. Es kam trotzdem Weihnachtsstimmung auf bei Adventskranz, Weihnachtsbaum und weihnachtlicher Beleuchtung, die es hier in den Straßen Rumäniens wirklich gibt, falls jemand andere Vorurteile hat. Die Vorweihnachtszeit war auf jeden Fall besinnlich. Morgens kam der Adventskranz auf den Tisch, es wurden Geschenke gebastelt, wir hörten Weihnachtslieder oder machten kleine Ausflüge zu Weihnachtsfeiern. Eigentlich so, wie ich es auch in Deutschland gewöhnt war. Es war viel zu tun, so dass ich nicht so viel an die Dinge denken konnte, die ich doch jetzt während dieser Zeit vermisst habe.

Weihnachtsfeier in Udvarhely
Vor Beginn der Ferien feierten wir zum Abschluss noch eine Weihnachtsfeier auf der Arbeit. Das Behindertenzentrum war proppenvoll. Alle waren da mit Eltern und Geschwistern. Ein sehr chaotisches, aber gemütliches Fest mit Baum schmücken und Gebäck essen.

Der Weihnachtsbaum ist geschmückt
Ein weiterer weihnachtlicher Höhepunkt war mein Besuch in Budapest bei anderen deutschen Freiwilligen.
Wir haben eine kleine Weihnachtsfeier in einem ungarischen Krankenhaus in Vác organisiert. Für jedes Zimmer eine kleine musikalische Vorstellung, ich habe mit der Gitarre begleitet. Soweit ansprechbar haben sich alle riesig gefreut, und wir mussten Zugaben geben. Ich habe im neuen Jahr eine Rückmeldung bekommen, dass diese kleine Idee eine große Resonanz bekommen hat. Eine sehr intensive Erfahrung, mit was für Kleinigkeiten man Menschen erfreuen kann!

Wir singen deutsche und ungarische Weihnachtslieder
Weihnachten selber habe ich bei anderen deutschen Freiwilligen in Sibiu/Hermannstadt gefeiert. Abends waren wir zunächst in einer deutschen Messe der evangelischen Kirche. Auf jeden Fall ein Höhepunkt des Abends! Es hat die richtige feierliche Stimmung gebracht, mit einer kleinen Anekdote während des Krippenspiels: als Josef, nach der Geschenke-Übergabe der Heiligen Drei Könige, meinte: „Ich wusste gar nicht, dass die im Osten so viel Geld haben!“.
Gemütliches gemeinsames Essen und eine lustige Bescherung, ohne natürlich die Weihnachtslieder zu vergessen – das war mein Weihnachten.
Und schon am 2. Weihnachtstag bekam ich Besuch von meiner Mutter. Wir haben uns ein Auto gemietet und eine Rundreise durch Siebenbürgen gemacht. Auch wenn ich Einiges schon kannte, hatte ich diesmal wieder einen neuen Blickwinkel. Bei Kleinigkeiten merkte ich schon, dass ich mich doch schon gut eingelebt hatte. Wenn meine Mutter z.B. meinte: „Ach, hier kräht noch ein Hahn in der Stadt!“, etwas das mir irgendwann schon gar nicht mehr aufgefallen ist. Ich habe auf jeden Fall neue, andere Seiten vom Land kennen gelernt. Die größeren Städte kannte ich schon, aber mit dem Auto kamen wir auch in Dörfer, wo wirklich nur der Hahn krähte. Besonders angetan waren wir von den zahlreichen Kirchenburgen, die die Siebenbürger Sachsen zur Verteidigung gegen die Osmanen errichtetet haben. Mein persönlicher Höhepunkt war der Besuch der Kirchenburg in Alzen, wo wir mit einer Siebenbürger Sächsin ins Gespräch kamen, die uns nicht nur die Geschichte des Ortes näherbrachte, sondern auch ihre persönliche. Auf jeden Fall empfehlenswert, die persönliche Sicht der Deutschen in Rumänen so kennenzulernen!
Zum Schluss der Reise kann ich auch noch sagen: So schlecht sind die Straßen in Rumänien nun auch wieder nicht!

- Eine Kirchenburg
Und dann kam schon das neue Jahr mit viel frischer Energie. Ich hatte schon vor den Weihnachtsferien gemerkt, dass ich mal Urlaub und ein bisschen Abstand von der Arbeit brauchte. Umso mehr konnte ich im neuen Jahr durchstarten. Was ich auch an meinen Kollegen merkte, dass die Motivation gestiegen war.
Ich gehe auf jeden Fall immer noch gerne zur Arbeit, zumal wenn ich schon von draußen die „Astriiiiiiiid“ –Schreie höre; die Behinderten sind mir einfach ans Herz gewachsen.

Wir tanzen

Levente belagert mich
Obwohl mir die Arbeit Spaß macht, ist sie auch anstrengend; im Moment haben wir 14 Behinderte und wenn alle da sind, ist der Raum voll, und ganz ohne Chaos geht es nicht vonstatten. Es ist dann einfach schade, dass man sich nicht um alle Behinderten gleich kümmern kann. Diejenigen, die ihre Aufgaben selber erledigen können, arbeiten alleine, während man sich um die Unruhigeren einfach kümmern muss. Geld für eine 5. Betreuerin fehlt natürlich.
Farsang (Karneval) wird hier auch gefeiert, aber etwas kleiner und unauffälliger, als beim rheinischen Karneval. Da ich eh kein Karnevals-Jeck bin, hat es mich nicht gestört, außer vielleicht, dass ich am Rosenmontag und Veilchendienstag gearbeitet habe.
Für Farsang haben wir eine Woche ein kleines Programm mit den Behinderten eingeübt. Abwechselnd tanzen und ein kleines Gedicht aufsagen, die Eltern waren hellauf begeistert.

Levente und Razvan an Farsang: Das Foto ist nicht gestellt!
Und nun komme ich auf meinen Deutschklub zu sprechen, den ich neuerdings leite:
Meine Vorstellung war, jede Woche mit fünf Leuten ein bisschen Deutsch zu reden. Mehr Leute kommen ja eh nicht. Meine Planung? Ach das wird schon, ich erzähle schon irgendetwas.
Eine Woche vorher habe ich noch mal mit Ildiko, die das Organisatorische dafür geplant hat, gesprochen. Alles klar, der Deutschklub stand in der Zeitung, am Freitag konnte es losgehen. Ich bekam noch Unterstützung von Andi, die sehr gut deutsch kann und mit der ich mich wunderbar verstehe.
Zwei Tage vorher traf ich mich dann mit Andi, ein klitzekleines bisschen musste man ja schon planen. Das erste, was sie mir sagte „Es haben 25 Leute angerufen“. Wow, da war ich doch etwas überrascht, dass so ein großes Interesse bestand! Andi hatte auch gleich schon etwas mehr geplant; die Höchstgrenze für den Klub waren 10 Leute, damit auch jeder mal zum sprechen kam und ein gutes Gespräch aufkommen konnte. So hatte sie noch einen Deutschlehrer aufgetrieben, der bereit war, bei diesem Deutschklub mitzumachen. Wir dachten uns, wenn am Freitag ungefähr 20 Leute kommen sollten, wird der Klub aufgeteilt. Bela, der Lehrer, macht eine Stunde und Andi und ich die andere. Es kamen dann auch wirklich 20 Leute, so dass wir jetzt zwei Klubs haben. Ich war am Schluss auch ganz froh, dass wir zwei hatten, weil Bela doch etwas zu stark Lehrer ist und ich jetzt mit Andi unsere Kreativität ausleben kann.
Es war einfach toll, dass der Klub auf so großes Interesse gestoßen war. Eigentlich ist Deutsch als Fremdsprache rückläufig, weil Englisch viel mehr präsent ist. Schon deswegen war ich so überrascht, wie viele gesagt haben, “Mensch, endlich mal ein Kurs, wo wir unsere Kenntnisse anwenden können, ich habe schon alles vergessen”. Viele haben schon in Deutschland, Österreich oder der Schweiz gearbeitet, oder sie wollen wegen Tokyo Hotel unbedingt Deutsch können (jetzt nicht mein Favorit). Das Rieseninteresse bestätigt auch meine Erfahrung, dass man in Siebenbürgen nicht unbedingt Ungarisch oder Rumänisch können muss, um mit den Leuten zu reden.
Es macht mir einen Riesenspaß, für die Stunde zu planen. Die Teilnehmer sind sehr offen und können doch recht gut Deutsch. Und es ist sehr lustig, sich über ungarische oder deutsche Besonderheiten zu unterhalten. Auch wenn es jetzt doch einige Planung mehr benötigt, als ich zunächst gedacht hatte, war es auf jeden Fall eine super Idee.
Nun hoffe ich, dass es demnächst wirklich Frühling wird und wir wieder häufiger raus können. Ich habe den Winter nun wirklich satt. Dafür freue ich mich schon auf nächste Woche, wenn es zum Zwischenseminar nach Schäßburg geht…
Also ganz liebe Grüße nach Deutschland aus Rumänien!
Eure Astrid

Meine Arbeitsstelle