Rumänien: 4. Rundbrief von Astrid König

20. Mai 2010 von astrid.koenig

Man wünscht sich immer das, was man nicht hat. Als der Winter anfing, habe ich mir einen schönen Winter mit viel Schnee gewünscht, weil ich das zu Hause immer vermisse. Als es dann Anfang März dann noch mal schneite, verwünschte ich es, weil mich davor schon die ersten Frühlingstage angelacht hatten. Doch nachdem es zum Beginn des Zwischenseminars noch mal kurz geschneit hatte, schaffte es der Frühling nun den Durchbruch und seither strahlten Himmel und Sonne um die Wette. Bei diesen schönen Tagen habe ich erst richtig gemerkt, wie meine Stimmung durch den langen Winter doch niedergedrückt worden war. Somit schaffte es nicht nur das Seminar, meine Energie und Motivation zu erneuern, sondern auch die strahlende Sonne; lag ich doch an den warmen Tagen draußen auf der Wiese und ließ mich bräunen. (Naja, etwas)

Es ist für mich immer schwer, von Erlebnissen zu erzählen, die man einfach nicht beschreiben kann, weil man sie einfach selber erleben muss. So kann ich nur kurz sagen, dass wir auf dem Seminar unser letztes halbes Jahr reflektiert haben, unsere Arbeit, unser Leben hier und unsere persönliche Entwicklung, aber auch schon in die Zukunft blickten, wie der Abschied werden wird und was wir in Zukunft machen. Es klingt beim einfachen Durchlesen langweilig, war aber genau das Gegenteil. Endlose Gespräche auf Deutsch, Freiwillige, die genau dieselben Erfahrungen machen, mit anderen Augen ihren Dienst betrachten und alles genau hinterfragen, sodass jeder über Vieles im Wesentlichen nachdenken musste. Und dabei ist dieser Prozess noch wahrlich nicht abgeschlossen. Ich brauchte auch nach dem Seminar noch einige Tage für mich, um mich wieder an den Alltag zu gewöhnen.

Ich habe noch mal einen ganz neuen Blick für mein Gastgeberland Rumänien gewonnen, aber auch generell auf meinen Dienst hier. Als ich mal wieder Besuchern die Stadt zeigte, habe ich Vieles wieder mit anderen Augen gesehen. Alles ist so selbstverständlich geworden. In meinen Augen ist alles normal. Doch jetzt, wo ich mal wieder Fremden alles gezeigt habe, merke ich wieder, wie schön es hier ist und was man im Alltag alles übersieht. Das machen die Menschen aus, die wieder in großen Scharen durch die Straßen laufen, das bunte Treiben auf dem Handwerkermarkt und vor allem der Blick von oben, von einem Berg ein kleines Stückchen außerhalb der Stadt. Man fühlt sich hier schon wie an einem einsamen Ort, und die Stadt erstreckt sich vor deinen Augen, im Hintergrund die Berge und eine angenehme Stille, vielleicht bellte nur ein Hund.

Csikszereda von oben

Ich hatte aber keine Probleme, wieder zur Arbeit zu gehen. Na gut, das war auch nur eine Woche, bis meine Chefin verkündete, dass wir eine Woche Osterferien haben. Spontan bin ich mit einem Freund aus Budapest nach Bukarest gefahren.

Der erste Eindruck von Bukarest war leider nicht so gut, weil wir zunächst mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nicht so ganz zurechtkamen und es für Fremde kaum Pläne zum Orientieren gab. Etwas müde vom vielen Umherirren, auch weil wir die Nacht mehr schlecht als recht im Zug geschlafen hatten, fanden wir endlich das Youth Hostel, wo wir uns tags zuvor angemeldet hatten. Die nächste Überraschung erwartete uns, als der junge Mann an der Rezeption uns mitteilte, dass es keine freien Betten mehr gebe. Da hätte sein Chef bei unserer Bestätigung wohl einen Fehler gemacht. Lustigerweise war ich gar nicht so geschockt; ich war ziemlich zuversichtlich, dass wir noch irgendwo ein Bett bekommen würden, obwohl es Ostern war und Bukarest doch ziemlich voll war. Und richtig, der wirklich nette Mann hat für uns in anderen Hostels nach freien Betten gesucht – und welche gefunden und bezahlte uns dann sogar noch die Taxifahrt dorthin. Hoffnungsvoll, endlich unser Ziel erreicht zu haben, kamen wir im Hostel an. Der nächste Schock „Wie, ein anderes Hostel soll vor einigen Minuten hier angerufen haben? Davon weiß ich nichts. Zwei Betten?“ Das durfte doch jetzt nicht wahr sein, dass wir wieder kein Bett bekamen! Aber zum Glück mussten wir kein weiteres Mal umziehen. Wie auch immer das gedreht wurde, wir konnten bleiben und mussten noch nicht einmal so wie andere Gäste auf dem Flur schlafen.

Ich fand Bukarest schon toll, diese Mischung zwischen alt und neu, verrottet und restauriert, schöner Altstadt und kommunistischem Erbe. Dabei hatten wir aber noch eine relativ ruhige Zeit der Nebensaison erwischt, die Stadt noch vor dem Ansturm der Sommerurlauber zu besichtigen. Die Parks waren voll mit Einheimischen, die die ersten Sonnenstrahlen genossen, von den vielen Bettlern, die in meinem Reiseführer beschrieben wurden, haben wir so gut wie nichts gesehen. Aber drei Tage haben dann doch gereicht, die Stadt touristisch zu entdecken.

Ich vor dem "Haus des Volkes"

Meinem Deutschklub habe ich an Ostern den deutschen Brauch nähergebracht, Eier zu suchen. Der Brauch hier wird „locsolás“ genannt, wobei am Ostermontag die Mädchen mit etwas Parfum bespritzt werden, wie die Blumen, die etwas Wasser brauchen, um besser zu wachsen. Ich hatte mich auf diese Erfahrung gefreut, bis ich eines Besseren belehrt wurde. Eine Kursteilnehmerin erzählte, dass sich ihre 12-jährige Tochter auch auf das Ereignis gefreut hatte. Es stehen dann nämlich einige Jungs vor der Tür. Aber für sie sei dieser Brauch einfach nicht mehr schön, weil die Besucher für ihr Bespritzen auch Geld verlangen, und das nicht wenig. Bei 5 bis 10 Lei für jeden der etwa 10 Jungs wird man für diesen Spaß ganz schön viel Geld los.

Eine Stunde hatten wir dann das Thema „Deutsche Küche“, und wir haben Reibekuchen mit Apfelmus gemacht. Eine sehr schöne chaotische Stunde. Ich hatte eigentlich vorher mit Andi eingekauft und wir glaubten, an alles gedacht zu haben. Im Enddefekt hatten wir aber zu wenig Salz und mussten auch noch Mehl nachkaufen. Ansonsten habe ich das Kochen auf gut Glück und mit Unterstützung der anwesenden Hausfrauen als „Chefköchin“ überwacht. Man muss aber dazu sagen, dass die Männer auch sehr gut bei der Sache waren.

Das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Okay, man musste etwas nachsalzen, und es waren etwas zu viele Zwiebeln drin. Aber trotzdem fanden alle die Reibekuchen lecker, auch die Kombination Salz mit Zucker, sprich herzhafte Reibekuchen mit süßem Apfelmus, fand großen Anklang, etwas ungewohnt, aber interessant.

Die leckeren Reibekuchen werden gegessen

Leider ist mein Deutschklub letzte Woche zu Ende gegangen. Wir hatten von Anfang an gesagt, wir bieten den Kurs nur bis zum Sommer an, weil dann das Interesse nachlässt und man lieber raus geht und dort das Wetter genießt. Andi und ich bereiteten eine PowerPoint Präsentation vor, um noch mal alle wichtigen Themen und Punkte des Kurses in Erinnerung zu rufen. Außerdem hatten wir für Jeden eine Mappe vorbereitet, in der noch mal alle Themen zum Nachschlagen aufgelistet waren. Als Erinnerung an das Thema „Deutsche Musik“ steuerte ich noch eine Musik-CD bei. Es war eine schöne letzte Stunde, aber auch schade, dass es vorbei war. Ich habe diese Woche doch ziemlich vermisst, die Mittwochsstunde vorzubereiten.

Eines Tages hat mich meine, wie ich vorher dachte, besonnene Freundin überrascht. Als wir gemeinsam in einer Kneipe saßen, verteilte ihr Freund Zettel zum unterschreiben. Ziel der Aktion war es, 2.000 Unterschriften zu sammeln, damit eine Straße in Csíkszereda umbenannt wird, die derzeit nach einem rumänischen Schriftsteller, Mihai Emanescu, benannt ist und der, wie mir erklärt wurde „die Ungarn nicht besonders mochte“. Im ersten Augenblick fand ich es etwas übertrieben, wegen eines Straßennamens eine so große Aktion zu machen. Aber man muss doch die Situation der Ungarn hier verstehen. Mir war schon klar, dass die Gegend hier, das Szeklerland, eine Welt für sich ist. So komme ich mir auf Reisen doch immer so vor, als ob ich in einem fremden Land sei, sobald ich Rumänisch höre. Nach meinem Eindruck war das Zusammenleben der Rumänen und Ungarn hier immer ruhig; jeder lebt sein Leben hier, und solange man sich gegenseitig in Ruhe lässt, ist jeder zufrieden. Auch meine Freundin erklärte mir, dass sie nicht viel mit Rumänen zu tun hätte, weil diese eine andere Mentalität hätten und sie sich mit Ungarn einfach besser verstehe. Außerdem erklärte sie mir, dass der rumänische Staat sich bemüht habe, rumänisch sprechende Leute hierher umzusiedeln, und ihre Befürchtung ist, dass „wir eines Tages kein Ungarisch mehr sprechen können“. „Wir möchten unter uns bleiben“. Das ist das Szeklerland und Csíkszereda liegt im Herzen davon. Und somit bekommt ein popeliger Straßenname eine große Bedeutung.

Ja, die Rechten haben in Ungarn die Wahl gewonnen, die, welche die Idee der doppelten Staatsangehörigkeit haben. Als ich meine Freundin darauf ansprach, bekam sie leuchtende Augen. „Ja, das wäre sehr schön. Endlich im Ausland mit Recht sagen zu können, dass ich Ungarin bin und nicht Rumänin, denn die Menschen in den anderen Ländern haben ein schlechtes Bild von den Rumänen, nicht so von den Ungarn. Ich möchte nicht als Rumänin gelten, nur weil ich einen rumänischen Pass habe. Ich bin Ungarin.“ Genau das Gleiche sagte mir meine Kollegin auf der Arbeit, die Rumänen gelten als „Diebe“, aber wir sind Ungarn und von denen hat man ein anderes Bild im Ausland. Das steht natürlich alles noch in den Sternen, nichtsdestotrotz diskutierten meine Freunde gleich, ob sie dann ihren rumänischen Pass abgeben, wenn sie die doppelte Staatsbürgerschaft haben…

Mein Deutschklub regte sich darüber auf, dass der rumänische Staat ihnen vorwerfe, dass die Ungarn kein Rumänisch lernen wollen. Mir erklärten sie es so: Rumänischunterricht gibt es fünfmal die Woche, doch da wird über Literatur gesprochen und man analysiert Texte. Aber am Ende könnten ihre Kinder damit in der Metzgerei keine Wurst kaufen, wenn die Verkäuferin gerade Rumänin sei. Ich für meinen Teil kann dazu sagen, dass für mich hier „Ungarn“ ist. Wenn die Leute merken, dass Ungarisch nicht meine Muttersprache ist und mit Rumänisch anfangen wollen, muss ich immer erklären, dass ich noch weniger Rumänisch kann (oder so gut wie gar nicht) damit sie weiter auf Ungarisch nur etwas langsamer sprechen. Ansonsten finde ich die Zweisprachigkeit insofern praktisch, weil man die Schilder an den Häusern besser auf Rumänisch entziffern kann, als sich die elend langen, komplizierten ungarischen Wörter durchzulesen.

Nun, wenn ich reise stört es mich schon etwas, kein Rumänisch zu sprechen. Aber bislang konnte ich mich immer sehr gut mit Englisch durchschlagen, und ein Ticket kann ich auch auf Rumänisch kaufen (un bilet a Miercurea Ciuc).

Auf der Arbeit geht es bunt wie immer zu.

Wir basteln eine Collage

Vor allem ist es ein Segen, endlich wieder rausgehen zu können, in den Park, wo die Behinderten sich austoben können, wie sie wollen, und wo meine Kollegen und ich auch mal einfach auf der Bank lümmeln können :-)

Auf der Bank

Sehr schön war auch unser Ausflug nach Gyergószentmiklós, wo wir im Rahmen eines „Ökomarathons“ eine Schnitzeljagd durch den Wald machten, Thema „Fák és madárak napja“ (der Tag der Bäume und Vögel). Okay, eigentlich haben wir nur die Nummern gesucht, die an Bäume geheftet waren, aber es war wunderschön durch die Natur zu wandern, superschönes Wetter und genau das Richtige für die Behinderten.

Wir wandern

Am Schluss der Wanderung

Ich genieße hier immer noch jeden Tag, jetzt vielleicht sogar noch mehr und intensiver. Wenn ich mir überlege, dass ich in 4 Monaten wieder zu Hause bin, kann ich es mir noch nicht so richtig vorstellen. Einerseits freue ich mich riesig auf die Rückkehr, andererseits könnte ich jetzt noch nicht zurückfahren, weil hier inzwischen einfach mein zu Hause ist und ich außerdem die verbleibende Zeit noch so intensiv wie möglich nutzen möchte. Ich habe eh noch viel zu viel vor, was ich nicht alles hinbekommen werde.

Und der Abschied? Viele Ideen, viele Überlegungen, aber ich weiß, dass es ganz anders kommen wird, als ich es mir jetzt vorstelle. Und eigentlich möchte ich noch nicht darüber nachdenken, denn es ist noch zu früh und wird doch viel zu schnell kommen!

Ganz liebe Grüße aus Rumänien!

Eure Astrid

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