3. Rundbrief Burkina (Dez./Jan.)
14. Juni 2010 von jana.marxen3. Rundbrief aus Burkina Faso – dem Land der Aufrechten
(Dez. 09/Jan.10)
Halbzeit!!
…Soeur Céline und ich waren 4 Tage mit einem Aufklärungstrupp aus Ouaga in Dörfern unterwegs…meine Mama kam über Weihnachten zu Besuch…die Communauté hat ein neues Mitglied: Janosch, ein kleiner Hundewelpe
…Odille, Shella, Flo und ich haben knusprige Weihnachtsplätzchen gebacken…war dabei, als Margo und Angèle ihr erstes Schwesterngelübde abgelegt haben…ein 15 jähriges Mädchen fragt mich, ob Jungen auch ihre Tage bekommen…Soeur Cécile hat eine geräucherte Leguankralle gegessen…es ist Banji-Zeit und die Mangos kommen:-)…
Liebe Freunde, liebe Familie, liebe Unterstützer, liebe Interessierte,
ich hoffe, dass es euch allen gut geht, ihre schöne Feiertage hattet und alle gut ins neue Jahr gekommen seid! J Wie man hier so hört ist’s bei euch ziemlich kalt und verschneit! …Hier sind’s warme 35-40 °C, ätsch!
Ja, und nun zu diesen wieder so schnell vergangenen zwei Monaten.
Meine Arbeit hier hat sich wieder mal stark verändert. Die Aufklärungsarbeit mit Soeur Céline ist dazugekommen und außerdem gebe ich nun einmal die Woche in einem Dorf nahe Banfora Deutschunterricht an Interessierte jeden Alters.
Hier in der Communauté haben wir zwei neue Mitglieder: Janosch, ein Hundewelpe, der mittlerweile leider total verzogen ist, weil jede ihm andere Kommandos beibringt, immer auf dem Rücken pennt und unser neuer Wachhund werden soll!J Und außerdem Florence, ein Mädchen aus dem Dorf Soeur Véroniques, das hier ist um uns ein wenig in der Küche zu helfen, Französisch zu lernen und dann vielleicht zur Schule zu gehen.
Weihnachten und Silvester in Burkina Faso
Wie kann man sich Weihnachten und Silvester in Burkina vorstellen? 35 C°, kein Weihnachtsmarkt, kein Glühwein, kein Plätzchenduft… ganz schön unweihnachtlich, was?
Ja, stimmt, in gewisser Weise ist Weihnachten hier in Burkina, Foyer Sainte Monique wirklich unspektakulär.
Am 24. haben wir eigentlich den ganzen Tag geschmückt und gekocht! Die Kapelle wird so was von zugehängt mit Tüchern, Glittergirlanden, Pompons und Luftballons
: richtig schön kitschig! Die Krippe bilden wild zusammengewürfelte Krippenfiguren (darunter auch ein gelbes Gummiponny mit blauer Mähne
) und Papierschnipselmoos!
Gekocht wird Reis mit Soße, Bissap wird gemacht, Fisch frittiert, salziges Popcorn zubereitet, Obstsalat geschnibbelt, etc.
Um 21 Uhr ist die Mette, es wird getanzt und gesungen! Unter dem Altar blinkt eine rote Leuchtröhre in abwechselnden Zeitabschnitten, bunte Girlanden hängen an den Wänden und Joseph und Maria blicken unter einem spitzen Strohhaus, behangen mit Glitter, hervor! Nach der Messe essen wir bei den Brüdern und zuhause angekommen gibt es die Bescherung und danach Musik und Tanz!
Am 25. ist morgens die Messe, die noch mal stimmungsvoller ist als die Mette. Und dann besteht der restliche Tag darin Leute, die „Joyeux Noël“ wünschen kommen zu empfangen, zu bedienen, mit ihnen zu plaudern und ebenfalls Leute zu besuchen! Ganz schön anstrengend… Nachdem dann abends alles geräumt ist fällt man einfach nur noch müde ins Bett!
Also bleibt es bei unweihnachtlich und lediglich kitschig?? Nein, auf keinen Fall! Weihnachten hier habe ich trotz Küchenstress als ruhig wahrgenommen. Die kitschige Dekoration wirkt gar nicht kitschig sondern lässt einen liebevoll schmunzeln, wenn man die afrikanischen Schwestern mit Liebe an jedem Fitzel rumpiedeln sieht
Und das Miteinander, das Empfangen eines jeden als Gast zeigt doch die eigentliche Intention von Weihnachten.
Ein Beispiel: Am 25. sind Soeur Cécile, Eugénie und Marie ins Krankenhaus gefahren um dort den Kranken zu Essen zu bringen. Da war eine Frau mit Wehen, die ihr kleines Mädchen mit in den Kreissaal gebracht hatte, weil zuhause niemand war, der auf sie aufpassen konnte. Da die Hebamme sich nicht um das Kind kümmern konnte fragte sie Soeur Cécile ob sie nicht das Mädchen mit in die Communauté nehmen könnte bis die Mutter wieder auf den Beinen ist. Und sie hat das kleine Mädchen mitgebracht, sie wurde gewaschen und wir haben ihr ein Kleid zu Weihnachten geschenkt. Das Mädchen war ganz schüchtern und hat nicht viel geredet, aber als Eugénie sie wieder zu ihrer Mutter gebracht hat, hat sie es ganz stolz ihrer Mutter gezeigt
.
… und doch freue ich mich riesig auf Weihnachten ’10 in Deutschland, mit Glühwein und allem drum und dran
Ich konnte hier nur noch mal lernen worauf es wirklich ankommt, und das sind nicht die Riesengeschenke (also liebe Freunde ihr wisst Bescheid, ne?!
)!
Doch dank dem Besuch meiner Mutter hatten wir sogar einen selbst gemachten Quarkstollen aus Deutschland!
Silvester war auch ganz anders! Tagsüber haben wir wieder den ganzen Tag gekocht, sind um 18 Uhr in die Messe und danach zum Bischof essen gegangen! Da saßen dann ca. 100 Leute im Kreis zum essen und reden (hauptsächlich Priester, Nonnen und Brüder). So um 23 Uhr sind wir dann nach Hause, haben Sekt getrunken und die die wollten sind in die Kathedrale zum Lobpreis der Charismatischen Erneuerung! Das war dann schon krass: Die Kathedrale war voll bis zum letzten Platz, die Leute standen sogar draußen. Ein Priester ist mit dem Allerheiligsten durch die Kirche und die Leute haben getanzt, gejubelt und die Arme danach ausgestreckt…unbeschreiblich! Das ganze ging dann mit einer Messe um halb 3 bis 5 Uhr! Wirklich ein Silvester weit weg von Party, Alkohol und Raketen!
An Neujahr haben wir dann den ganzen Tag damit verbracht die Familien der Schwestern zu besuchen. Und überall gab es zu essen und zu trinken
!
Die Aufklärungsarbeit mit Soeur Céline
Es ist endlich soweit, Soeur Céline und ich haben die Aufklärungsarbeit begonnen! Eigentlich wollten wir schon im November/Dezember angefangen haben, doch wir brauchten die Erlaubnis der Regionaldirektion und die hat sich seeehr viel Zeit gelassen und so habe ich viele Stunden wartend dort verbracht, musste mir skeptische Bemerkungen anhören, wie: „Wie wollt ihr das denn als zwei Frauen mit dem Auto und der Technik hinbekommen?“ Letztendlich sind der zuständige Beamte und ich doch noch Freunde geworden, Céline und ich haben die Erlaubnis und nun konnte es im Januar losgehen mit den Schulen Banforas!
Mit den Mädchen hier im Foyer hatten wir ja schon unsre ersten Versuche, doch vor einer unbekannten Klasse und den Lehrern war es noch einmal etwas anderes!
Nachdem das erste Mal etwas chaotisch war lief es beim zweiten Mal schon gut und von da an immer besser! Die erste Aufklärungsstunde war in einem Collège nicht weit weg von der Communauté. Ich bin mit dem Material und Auto vorgefahren, Soeur Céline war in der Morgenmesse und wollte nachkommen für um 8 Uhr. Ja und dann: Steckdose im Klassenraum ist kaputt und für die außen war unser Kabel zu kurz! Ich also zurück die Kabeltrommel holen gefahren
Dann: Der Fernseher funktioniert nicht (es war 5 vor 8!)! Am Abend vorher hatten wir noch alles ausprobiert und jetzt ging er nicht! Ich wusste, dass wir noch einen kleineren alten Fernseher zuhause zur Verfügung hatten. Bin also wieder zurück, hab mir Fernseher, Kabel und irgendeine Fernbedienung geschnappt und bin wieder zur Schule. Dort wartete nun schon Céline und schaute ziemlich fragend drein
Kabel passte nur leider wollte die Fernbedienung nicht so recht. Wir bekamen das Bild „Spracheinstellungen“ nicht weg… Aber da Improvisation ja alles ist fing Céline einfach schon mal an, während ich noch mein bestes am Fernseher versuchte. Nach 10 Min. hatte ich’s dann und der kleine Fernseher lief! Gerettet! Inzwischen hatten sich einige Lehrer auch dem großen Fernseher angenommen und den Haupt-An- und Aus-Knopf gefunden, der natürlich auf „Aus“ geschaltet war… Musste passiert sein, als Céline und ich den schweren 50 Kilo Fernseher mit großen Verrenkungen ins Auto gehievt haben
Hier in Banfora haben wir jetzt nur mit den Mädchen der 6ème gearbeitet, d.h. ca. 11-16 Jahre alt. In Zukunft werden wir jedoch versuchen jeweils mit 6ème und 5ème sowie 4ème und 3ème zusammenzuarbeiten. Auf den Dörfern werden das dann Gruppen von bis zu 100 Mädchen sein! Hier in Banfora war das Maximum an Schülerinnen 48.
Eine Aufklärungseinheit nimmt zweimal zwei Stunden in Anspruch und wir zeigen Partien eines Filmes, die wir dann mit den Mädchen zusammenfassen und diskutieren. Außerdem gibt es ein kleines Rollenspiel und einen Teil zur Pubertät, die der Biologielehrer übernimmt. Die Lehrer sind alle sehr positiv unserer Arbeit gegenüber eingestellt und unterstützen uns wo sie können.
Auch die Mädchen sind interessiert an den Themen, die wir behandeln, doch viele sind noch zu schüchtern, um offen zu sprechen. Hinzu kommt, dass für viele das Französisch oft noch ein großes Problem darstellt! So müssen manche Dinge mehrmals erklärt werden, bevor sie verstanden sind.
Man merkt auch sehr stark, dass nur ein geringer Teil der Mädchen schon einmal über Themen wie Sexualität und Pubertät geredet hat. Beim Anblick des männlichen oder sogar weiblichen Geschlechts halten sich einige die Augen zu… Die Mädchen wissen weder warum sie ihre Tage bekommen, dass man nach einem Mal Geschlechtsverkehr schon schwanger werden kann, noch dass Jungen nicht ihre Tage bekommen! …und das alles in der Stadt, ich bin mal gespannt, wie es auf den Dörfern wird.
Doch gerade wegen diesen Herausforderungen macht mir die Aufklärungsarbeit sehr großen Spaß! Es ist toll mit den Mädchen zu arbeiten, zu sehen, wie sie langsam auftauen, wie sie Fragen stellen, die sie wirklich beschäftigen.
Und da denke ich, dass Soeur Céline und ich ein super Team sind: Céline als Burkinabé kennt die Alltagsprobleme der Mädchen, ihre Situation und kann außerdem auch mal auf Dioula nachhelfen, wenn mit Französisch gar nichts mehr geht. Und ich als „Nicht-Schwester“ kann die Mädchen verstehen, wenn es um Jungs, sich verlieben, den Wunsch nach Familie geht.
Das einzige Problem, was sich mir hier stellt, ist die Frage „Ist es wichtig/richtig den Mädchen Kondome zu erklären oder nicht?“
Soeur Céline darf als katholische Ordensschwester ja nicht so tief in das Thema eindringen
doch als ich in der ersten Stunde darauf zu sprechen kam, worauf man beim Anwenden von Kondomen achten muss hat mir die Direktorin durch ihre ständigen Einwürfe „…das hat euch eigentlich noch gar nicht zu interessieren, erst wenn ihr verheiratet seid!“ ziemlich klar gemacht, dass sie davon nichts hält!
Hier wird immer noch sehr viel auf Abstinenz bis zur Ehe gehalten und gesagt, dass Kondome nur zum Sex vor der Ehe einladen und somit genau das Gegenteil von dem bewirken, was sie eigentlich sollten. Stimmt das…?
Ich weiß es nicht. Ich weiß, dass nur wenige wissen, wie man Kondome überhaupt richtig anwendet aber ich weiß auch, dass viele Jugendliche sehr viel Sex vor der Ehe haben…
Deswegen denke ich, ist es doch wichtig zu erklären wie man Kondome anwendet, nicht Kondome verteilen, aber erklären! Doch nein, hier sind die meisten Erwachsenen der Meinung, dass es viel wichtiger ist die alten Werte, d.h. Abstinenz zu vermitteln und die Jugendlichen dahin zurückzuführen stark zu sein, sich unter Kontrolle zu haben!
So meinte ein Direktor zu mir am Telefon: „…nur das wir uns richtig verstehen: Sie werden ja nicht über Kondome und so reden, oder?!“
Mittlerweile habe ich mit den Verantwortlichen abgesprochen, dass es wenn überhaupt der Biologielehrer sein wird, der über Kondome spricht und nicht „die weiße Frau“.
Und doch bleibt mir die Anfangsfrage immer im Kopf und damit auch die Frage: „Wie kriegt Burkina Faso das riesige Bevölkerungswachstum in den Griff?“ Mit Predigen von Abstinenz? Mit Verteilen von Kondomen? Ich weiß es nicht.
Ghana: Zwischenseminar und Reise in den Mole-Park
Am 26.01. habe ich mich auf den langen Weg nach Accra in Ghana gemacht. Nach 27 Stunden Fahrt (incl. nächtlicher Panne mit 4 Std. Warten) kam ich in Accra an und bin mit einer Studentin, die ich im Bus kennen gelernt habe nach Hause. Dort habe ich geduscht und mit ihr und ihrem Mitbewohner gegessen! Die afrikanische Gastfreundschaft überwältigt mich immer wieder…!! Am 29. bin ich und noch andere Freiwillige dann mit 2,5 Stunden Verspätung in Abetifi angekommen! Das Seminar war gut und hat mir neue Anstöße für die zweite Hälfte gegeben. Jedoch habe ich auch bemerkt, dass meine eine Hälfte immer noch in Banfora bei den Schwestern war. Ich war nicht voller Leib und Seele in Abetifi…
Nach dem Seminar sind Teresa, Alex und ich mit zwei anderen Freiwilligen in den Mole-Park im Norden Ghanas gefahren und haben dort Elefanten gesehen. Die ganze Fahrt war ziemlich spontan, chaotisch und ungeplant. Und doch hat alles geklappt… irgendwie
!
Zukunft im Projekt und Résumé
Zukunft im Projekt ist im Moment gleich Aufklärung hoch 3! Ab nächster Woche fahren wir in die Dörfer und dies bis Mitte März noch zusammen mit dem Vize-Präsident vom „Solidaritätskreis Westafrika“, Götz Krieger. Da die Dörfer zum Teil 100 km von Banfora entfernt liegen und dazu noch keine geteerte Strasse hinführt, werden wir zum Grossteil auch in den Dörfern übernachten um am nächsten Tag weiterzuarbeiten.
Ansonsten schließe ich die Mädchen und die Schwestern jeden Tag mehr in mein Herz und nach meinem Ghanaaufenthalt habe ich zum ersten Mal einen Eindruck davon bekommen wie der Abschied im August werden wird… Horror! Soeur Cécile hat mich umarmt, schaut mir feste in die Augen und sagt mit einer wahnsinns Ernsthaftigkeit „Jana, du hast mir so sehr gefehlt, geh nicht noch mal so lange, das wird schlimm!“ Und mir geht es genauso…
Mittlerweile kenne ich die Schwestern ziemlich gut, kenne ihre Eigenarten, ihre typischen Blicke, ihre typischen Kommentare, ihre Art zu reden… sie sind so unterschiedlich und jede hat ihre ganz eigene Art… sie werden mir hammermäßig fehlen!! Ihr denkt jetzt bestimmt „Ach komm Jana, du bist doch noch 6 Monate da!“ Ja, bin ich aber wenn ich bedenke wie schnell die erste Hälfte vorbeigegangen, dann ist der Abschied auf einmal ganz nahe!
Doch ich freue mich auch sehr auf Deutschland! Auf meine Freunde, meine Familie, das Essen, darauf durch die Fußgängerzone zu schlendern, im Palastgarten zu sitzen, im Mondo Kaffee zu trinken, Leute zu gucken, mein Studium, … Doch noch bin ich hier und deswegen verbiete ich mir manchmal selbst daran zu denken, denn ich will jede Sekunde genießen, die ich noch hier sein darf!
Euch „DANKE“ für die vielen Weihnachts- und Neujahrswünsche und überhaupt für alles
,
Eure Jana