Ukraine: 5. Rundbrief von Judith Reichert
25. Juli 2010 von judith.reichertLieber Solidaritätskreis,
liebe Freunde, Verwandte, Bekannte,
liebe Zurückgebliebene,
Mit einem großen Schrecken stelle ich fest, dass quasi schon wieder etliche Monate vergangen sind. Hilfe!!!! Stopp!!!! Die Zeit verfliegt immer schneller!!!! Und ich will das nicht, denn gerade fühle ich mich eigentlich sehr gut. Endlich ist der Frühling da, ich freue mich über jeden grünen Fleck und die Sonne und blühende Blumen und das Vogelgezwitscher und überhaupt alles, das auch nur im Entferntesten etwas mit dem Frühling zu tun hat.
Eigentlich ist es schon fast wie Sommer, wir freuen uns hier seit einigen Tagen über 30 Grad (!!!) und es soll so schön bleiben.
Es ist Mitternacht, ich kann nicht schlafen und das aus ganz verschiedenen Gründen, neben Hitze, ständigem Niesen und etlichen Mückenstichen, ist mein Kopf auch einfach voller Gedanken und ich finde keine Ruhe. Und da das Rundbriefschreiben auch irgendwie eine „ordnende Wirkung“ auf mein Gedankenwirrwar hat, schreib ich ihn also….endlich.
Es tut mir wirklich Leid, dass ich schon so lange nichts mehr geschrieben habe, aber ständig kam etwas dazwischen und je länger man wartet, desto mehr passiert auch, und dann muss man noch mehr schreiben und das wiederum hemmt, endlich anzufangen… Aber naja, jetzt geht’s wirklich los!
Tja…schön gebräunt und vor allem erholt melde ich mich zurück aus Ivano.
„Die Stadt hat mich wieder!“ nein, eigentlich habe ich die Stadt wieder. Denn so schön das Schwarze Meer auch ist (vor allem, um wirklich zu entspannen), in Ivano wird es mir wohl immer am besten gefallen. Und so überwog auch die Vorfreude, bekannte und lieb gewonnene Gesichter wieder zu sehen, als ich in den Nachtzug nach Ivano stieg. Aaaah, ist das schön!
Gerade jetzt war eine ehemalige Freiwillige in Ivano. Das war sehr schön, lustig und spannend, aber trotz allem anstrengend und Schlaf raubend…
Aber ab jetzt versuche ich, chronologischer vorzugehen; und so fange ich nach dem kurzen Überblick ganz brav Mitte/Ende Januar an.
„Für alles gibt es ein erstes Mal“, diese Volksweisheit gibt es nicht nur in Deutschland, sondern auch hier in der Ukraine und dieses Motto bildet eine schöne Überschrift für das Erlebte in der letzten Zeit.
Um Euch schon mal einen groben Einblick von dem zu geben, was euch in diesem Rundbrief so erwarten wird, zähle ich ein paar erste Male auf…
Zum ersten Mal -
…war ich bei einem ukrainischen Zahnarzt
…verließ ich die Ukraine länger als eine Woche
…war ich in Rumänien
…traf ich einige SoFiA- Freiwillige
…war ich umgeben von einem ganzen Haufen Deutscher in Ivano selbst
…bin ich getrampt
…seit ewigen Zeiten scheint die Sonne mal wieder und wärmt auch wirklich
…feierte ich Ostern in der Ukraine
…fühlte ich mich sehr ukrainisch
…feierte ich den Frauentag
…in der Zeit habe ich das Gefühl, quasi nichts alleine gearbeitet zu haben
…seit langem nutze ich die Wochenenden wieder richtig aus
…kann ich gaaanz viele Störche beobachten
…war ich in Pulawy (Polen)
…setzten eher kritische Blicke auf Verschiedenes ein
…(und ziemlich sicher auch letzten Mal) erlebte ich Wahlkampf und Wahl in der Ukraine
…
Also, da wäre zunächst mal die Wahl in der Ukraine:
Wahlkampf war spannend anzuschauen, da es überall in der Stadt kleine Stände von eigentlich jeder Partei gab (und das sind sehr viele), die alle Zeitungen, Informationszettel und teilweise sogar Plakate verteilten. Wochen- wenn nicht sogar monatelang standen diese kleinen Stände in der Innenstadt herum. So war ich „stolze Besitzerin“ von unzähligen Julia Tymoschenko- Plakaten. Zwei davon besitze ich noch heute, weil es eine schöne Erinnerung ist, der Rest landete im Müll.
Jeden Tag überschlugen sich die Meldungen über irgendwelche Kandidaten, neue Skandale wurden enthüllt und lauter so Sachen, die es zwar auch in Deutschland gibt (etwas weniger intensiv), aber im Grunde genommen einfach nur unnötig und blöd sind.
Die Ukraine ist eigentlich ein geteiltes Land, in Ost und West. Aufgrund verschiedener Einflüsse und unterschiedlicher Geschichte unterscheiden sich die West- und Ostukrainer stark voneinander und es wird bestimmt noch Jahrzehnte dauern, bis sie sich ähnlicher werden, falls dieser Fall überhaupt irgendwann mal eintreten wird. Während der Osten sehr an Russland hängt, viele Menschen russisch sprechen und auch die Mentalität irgendwie anders ist, sprechen die meisten Westukrainer ukrainisch, sind nationalistisch und orientieren sich eher an Europa. Eigentlich logisch, dass sich genau das auch im Wahlergebnis widerspiegelt.
Hier im Westen erhielt Janukowitsch nur wenige Stimmen…und dementsprechend resigniert waren und sind die Einwohner hier auch. Julia Tymoschenko – ganz nebenbei – erfreut sich hier auch nicht bei Allen größter Beliebtheit. Viele wollten „gegen beide“ wählen, was bei der Stichwahl tatsächlich eine Option war.
Tja, aber was kann man tun? Die Wahlergebnisse wurden wohl nicht verfälscht, also kann man wenigstens froh sein, dass es demokratischer zuging.
Darum kann ich mir jetzt immer viele „Verschwörungstheorien“ anhören, und das ist irgendwie ja auch nett.
Viele Leute sind aber wirklich einfach schockiert, weil Janukowitsch schon diverse Male im Gefängnis war und einfach ein „Verbrecher“ ist – und so jemand soll die Ukraine regieren?!
In Iwano- Frankiwsk wurde Janukowitsch übrigens einmal mit einem Ei beworfen und fiel dann ganz theatralisch zu Boden, was die Leute einfach nur peinlich finden. “Dass sich so jemand überhaupt zur Wahl stellt, das ist doch einfach unvorstellbar. Stell dir mal vor, Angela Merkel hätte so was mal gemacht, die würde sich zuhause verstecken, sich schämen und nicht noch mal zur Wahl stellen. Einfach nur peinlich!“.
Die Enttäuschung ist schon groß „Die Ukrainer sind ein tolles Volk, aber die Politiker alle scheiße“.
Als der polnische Präsident und viele, viele weitere Menschen bei dem Flugzeugunglück starben, wurde hier gewitzelt, dass die Ukrainer froh wären, wenn ihr Präsident tot wäre. Also nicht falsch verstehen, die Ukrainer waren auch sehr schockiert und nahmen wirklich Anteil…
Bei www.youtube gibt es wahnsinnig viele „Janukowitsch-Verarschungs-Videos“ — lustig anzuschauen…
Tja, das ist so die Sicht aus der Westukraine…
Vor der Wahl, wurde im Büro fast täglich über die Politiker und Politik im Allgemeinen gesprochen, aber jetzt heißt es nur noch „Hast du schon das Video XY über Janukowitsch bei youtube gesehen?“ oder peinliche Auftritte von ihm werden generell kommentiert.
Pure Resignation, würde ich sagen.
Januar und Februar hielten noch viele, viele richtig kalte Tage bereit, die es irgendwie zu überleben galt. Ganz so dramatisch war’s natürlich nicht, aber auch heute läuft es mir noch kalt den Rücken runter, wenn ich an die eisigen Temperaturen denke… Spannend, so viel Schnee mitzuerleben, diesen wirklich zu genießen. Und diese trockene Kälte gefiel mir auch im Prinzip, ABER die ist relativ ungünstig, wenn man Zahnschmerzen hat und der extreme Wechsel zwischen der eisigen Kälte draußen und den beheizten Räumen oder auch das Trinken von Tee, das Essen von Suppe einem tierische Schmerzen bereitet. Also, auf zum Zahnarzt!
Alles schaute dort irgendwie veraltet aus, aber es half und das ist ja wohl das Wichtigste! Und trotzdem musste ich grinsen, als ich auf dem Zahnarztstuhl saß, dessen Rückenlehne man zwar – genau wie in Deutschland – automatisch verstellen kann (so sah es jedenfalls aus), aber der nette Zahnarzt nichts dergleichen tat. In einem normal großen Raum stand einfach eine Stellwand in der Mitte, so dass im selben Raum zwei Leute gleichzeitig behandelt werden konnten. (selbstverständlich nicht von einem, sondern 2 Ärzten) Das Wasser zum Ausspülen des Mundes kam aus einer großen Plastikflasche, die abenteuerlich unter dem Becken angebracht war… Aber wirklich, die Schmerzen verschwanden!
Bezahlt wurde der Spaß einfach vor Ort nach der Behandlung. Da es ja keine Krankenversicherung gibt, muss man das immer selber zahlen, was für mich schon irgendwie in Ordnung ist. Dies ist aber definitiv auch ein ganz entscheidender Grund, warum die Ukrainer ständig auf ihre Gesundheit achten, um ja nicht krank zu werden und zum Arzt zu müssen, denn wie um alles in der Welt soll man das bezahlen, wenn man einfach kein Geld hat?! Von einem Arzt hörte ich mal den Satz „Wenn man in der Ukraine Krebs hat, dann stirbt man daran!“.
Das sagt so ziemlich alles. Wenn jemand aus der Familie oder dem Freundeskreis wirklich schlimm krank wird und die Behandlung wahnsinnig viel Geld kostet, dann gibt jeder alles, was er geben kann – manchmal auch mehr, als er eigentlich geben könnte – und dann gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder das Geld reicht oder eben nicht.
Aber weg von den nicht vorhandenen sozialen Sicherungen und zurück zu den Schmerzen. Der allererste Arztbesuch führte mich zu einem HNO. Der arbeitet in einem Krankenhaus, und wenn ich das wirklich richtig verstanden habe, bekommt der ein festes Gehalt bezahlt, egal, wie viel er arbeitet oder auch nicht. Da der Lohn aber nicht besonders hoch ist, gibt es sehr, sehr viele Ärzte, die die Behandlung erst starten, wenn der Patient etwas Geld rausgerückt hat.
Ich allerdings traf auf einen ganz netten Arzt, (Roman hat natürlich wieder alles organisiert und stand mir zur Seite) der Kaffee und Pralinen von mir bekam. (Roman kaufte das, weil er findet, dass das nett ist.) Ich wäre niemals im Leben auf die Idee gekommen, so etwas zu kaufen und glaube, dass das schon irgendwie etwas damit zu tun hat, dass ich aus Deutschland komme und überhaupt gar keine Ahnung von diesem „Ärzte- Gehalt- Zeug“ habe. Die Versicherung macht das halt irgendwie. Aber ich bin ja auch noch jung und habe noch nie mit so einem Kram zu tun gehabt. Vielleicht eine kleine Aufmerksamkeit, wenn irgendeine Behandlung erfolgreich war, aber doch nicht bevor der seine Finger gerührt hat…
Naja, jedenfalls war das auch irgendwie lustig… Eine Entzündung in den Nasennebenhöhlen durfte ich mit lustigen losen Kräutern und Kräutermischungen behandeln… Lustig, sich ständig irgendwelches Kräuterzeug in Nasen und Ohren zu stecken… Aber auch hier kann ich nur sagen, dass es tatsächlich half!
Allerdings liefen mir echt nur die Tränen, als mir der Doktor eine Art selbst gemachtes Ohrenstäbchen (Eisen/Metall oder sonst was als „Stab“, woran er oben ganz kunstvoll Watte befestigte) mit den Worten „Das tut nicht weh!“ immer tiefer in die Nase schob…
Obwohl es jetzt schon so lange her ist, kann ich mich daran erinnern, als wäre es gestern gewesen. Die Zeit ist eine komische Sache…
Ich könnte noch ganz viele eher abschreckende Sachen über das Krankenhaus etc. erzählen, aber ich belass es mal dabei…
Tja, das Leben ging weiter und weiter… Der Februar war für mich geprägt von kleinen Erfolgen – sprachlich sowie zwischenmenschlich. Beides sehr schön, aber das Zwischenmenschliche natürlich mehr.
Das erste Mal in meinem Leben tanzte ich mit Rollstuhlfahrern und Gehbehinderten und allen anderen bei einer „Malteserparty“, was mir viel Spaß machte und dazu führte, dass ich plötzlich viel Erfolg bei Männern hatte. Allerdings fand ich das gar nicht so toll, wie sich das jetzt vielleicht anhört, sondern ich merkte, dass ich Körpernähe mit Leuten, die ich nicht gut kenne, absolut nicht mag. Warum um alles in der Welt soll ich mich von jemandem antatschen lassen, der sich noch nicht mal meinen Namen merken kann?! Warum um alles in der Welt soll ich mich darüber freuen, dass Männer ihre Finger nicht bei sich lassen können?! Bei einem Gespräch stellte sich heraus: was ich als wirklich unangenehmes „Antatschen“ empfinde, ist bei den Ukrainern normal und passiert absolut ohne Hintergedanken. Aber selbst, wenn ich das weiß, ändert das nichts daran, dass ich das nicht haben kann.
Irgendwie im System drin, aber doch irgendwie nicht… Ein komisches Gefühl… Interkulturelle Kommunikation. Doch obwohl ich das „System“ durchschaue, muss ich auch akzeptieren – und darauf bestehen, dass ich mich in dem Fall einfach nicht einfügen kann. Überhaupt hab ich mich recht viel mit der Frauenrolle in der Ukraine beschäftigt, dem Frauenbild im Allgemeinen, Erwartungen an die Frau in der Ukraine und lauter solche Dinge, weil ich da ganz offensichtlich nicht reinpasse, irgendwie auch gar nicht reinpassen will. Als ich die Frauen bei den eisigen Temperaturen in Röckchen und Stiefeln sah, bekam ich einfach nur das Bedürfnis, den dicksten, weitesten Winterpulli anzuziehen, den ich finden kann – und trotzdem bin ich manchmal so ein richtig klischeehaftes Mädchen.
Wenn ich im Büro Sätze höre wie „Judith, wisch das mal schnell auf!“, „Judith, willst du nicht mal den Boden putzen?!… mir Kaffee machen?!“ oder was weiß ich was, denke ich jedes Mal, dass die Sätze nur fallen, weil ich eben ein Mädchen bin. Und das ärgert mich, und wenn ich gerade echt keine Lust habe, mache ich das auch nicht. Nein, ich bin keine Emanze, aber so etwas finde ich unmöglich – obwohl ich weiß, dass auch das in der Ukraine normal ist. Aber eigentlich dürfte ich mich auch nicht ärgern, weil die Ukrainer das nicht erniedrigend oder abwertend meinen, sondern es einfach so gewohnt sind. Naja, ich habe ja noch Zeit zu lernen, auch das zu akzeptieren.
Obwohl ich hier keinen Karneval feierte (weil es ihn hier nicht gibt…leider), mich aber über mich selbst und mein Verhalten hier in der Ukraine ärgerte – mir einfach irgendwie selbst im Weg stand und so gar nicht Ich war – wollte ich an Aschermittwoch in die Kirche, also in eine römisch-katholische, zum Auftrieb und Neustart. Eine solche Kirche gibt’s in Ivano, allerdings wird der Gottesdienst auf Polnisch gehalten. Trotzdem war der Gottesdienst ungewohnt bekannt, ich freute mich total, eine Orgel zu hören, das Gefühl, wirklich zu wissen, was gerade gesagt wird, war auch schön… Aber selbst dort in der Kirche lässt einen das Thema kulturelle Unterschiede nicht in Ruhe: das Aschenkreuz gab’s nicht auf die Stirn, sondern mitten auf den Kopf und auch die in Polen übliche Mundkommunion erlebte ich noch einmal.
Ich lernte Borschtsch zu kochen, war mal wieder im Kinderheim, im Kino, viel an der frischen Luft und schwups, da war der Februar auch schon wieder vorbei.
Ich weiß, das hört sich jetzt nicht nach großartig vielen Erfolgen an, aber es ist auch schwerer, von diesen Erfolgen zu erzählen. Das sind tolle Gespräche, Telefonate auf Ukrainisch mit fremden Menschen, nette Worte und Gesten… Also, ich war schon wirklich sehr zufrieden und hatte Glücksmomente, aber für euch ist das wohl eher nicht so interessant, die eher „negativeren“ Dinge und Gedanken prägen wahrscheinlich auch stärker.
Der März brachte SONNE (keine wirkliche Wärme, aber immerhin SONNE), sehr schön!!!
Am 08.03. feierte ich also den Frauentag, mir wurde wirklich gratuliert, ich bekam Schokolade, Blumen… Und nachdem das letzte Geschenk dann eine Flasche Horilka war, musste der Tag „richtig“ gefeiert werden…
Und schon war es auch schon Zeit für das Zwischenseminar in Rumänien… Der letzte Tag in Ivano wurde aber ziemlich übel. Ich kaufte leckeren Käsekuchen und erklärte, dass sie ja schließlich feiern müssten, dass ich die nächsten zwei Wochen nicht da bin… Mir wurde schwarzer Humor unterstellt, aber es sollte gar kein Scherz sein. Im Nachhinein betrachtet, bin ich über mich selbst etwas entsetzt, den anderen so was zu unterstellen. Tja, irgendwie war das halt einfach nicht mein Tag…
Mitten in der Nacht also machte ich mich auf den Weg, am Bahnhof von Ivano sprachen mich zwei Männer an und fragten wo ich hin wolle, was ich in Ivano mache etc. und boten mir eine Zigarette an. Und genau das finde ich typisch ukrainisch und rührend und es ist ein Grund, warum mir die Ukrainer generell einfach wahnsinnig gut gefallen!
Also, einen Tag Zugfahrt und ich war in Bukarest… Nachdem ich dort nach der Zugfahrt nur noch selig schlief, wollte ich mir am nächsten Tag die Stadt anschauen – so dachte ich mir das jedenfalls.
Am Abend zuvor hatte ich eine Touri-Info gesehen, die ich gezielt ansteuerte. Es war geschlossen, aber vor der Tür stand ein junger Mann, der mich sofort als Touristin entlarvte, meinen enttäuschten Blick sah und mich daraufhin ansprach. Er arbeite dort, erklärte er, und fragte mich dann sofort, ob ich allein unterwegs sei und erzählte mir Horror- Geschichten aus Bukarest, sodass ich einfach nur noch panische Angst hatte und da weg wollte – so schnell wie möglich! Einfach nur schrecklich!
Naja, nach diesem Schrecken folgten erst mal ruhigere Tage…
Rumänien, jedenfalls Transsylvanien, ist echt total schön, aber auch total westlich… Ikea, Real, Praktiker, Obi, Kaufland, Douglas, ….sprangen mir förmlich ins Gesicht!
Das Seminar war unglaublich toll, spannend, interessant und einfach nur wunderbar! Der Abstand zur Ukraine (auch zum Büro) tat mir wahnsinnig gut. (Ich fing wieder an, die Büroleute und die Ukraine zu vermissen) Der Austausch mit den anderen Freiwilligen sowieso und auch die intensive Beschäftigung mit dem, was man in den letzten Monaten erlebt hat, befreit einen irgendwie. Es war einfach toll, mal wieder über Gott und die Welt zu reden, schön, von so vielen Deutschen umgeben zu sein und Veränderungen an den anderen und nicht zuletzt an sich selbst festzustellen. Außerdem war der Frühling ENDICH da, Sonne (!!!), wieder T-Shirts tragen, ohne Pulli darüber, mit nassen Haaren raus gehen…
Nach dem Seminar hatte ich noch die Gelegenheit, auch mal die eher ländliche Seite Rumäniens kennen zu lernen.
So viel zum Seminar…viel toller war die Rückfahrt!
Lustig 1: Beim Seminar waren 3 andere Freiwillige aus der Ukraine, die extra während des Dienstes nach Deutschland gefahren sind, um ein Visum zu beantragen, das sie (angeblich) bräuchten… Ok, ich habe kein Visum und so fuhr ein bisschen Angst mit, einfach nicht mehr in die Ukraine hereinzukommen.
Lustig 2: Ich wollte nicht noch mal nach Bukarest, weil das erstens sehr umständlich ist und ich zweitens auch gar nicht mehr in diese Stadt wollte (Irgendwann bekommt sie eine zweite Chance…) und vertraute ganz darauf, dass irgendwie schon alles gut werden wird und ich irgendwie schon gesund und unversehrt in Ivano ankommen werde. (Flexibilität lernt man definitiv in der Ukraine und auch der Glaube daran, dass irgendwie schon alles gut werden wird, ist für mich ukrainisch.)
Solche Sachen (Alles absolut ungeplant auf sich zukommen lassen und schauen, was draus wird) sind selbstverständlich geworden, aber trotzdem neige ich in solchen Momenten dazu, quasi aus mir herauszutreten und mich von außen zu betrachten (ganz nach dem Motto: das „alte“ Ich beobachtete das „neue“)… und zu schmunzeln.
Aber egal, weiter im Geschehen:
Mein erstes (und einziges) Zugticket führte mich nach Bacau. Mitten in der Nacht losgefahren, ganz früh am Morgen angekommen, wollte ich mal schauen, wie es weiter gehen könnte… Tadaaa, da gibt es einen Zug nach Chernivzi, war auf einer Tafel zu lesen. Ich versuchte also der Frau am Schalter zu erklären, was ich will… (Es ist soo toll, dass ich das in der Ukraine alles ohne größere Probleme regeln kann und mich total daran gewöhnt habe, dass das klappt und dann fährt man einen Tag mit dem Zug, steigt aus und fühlt sich plötzlich wieder verloren und fremd, weil man sich nicht gut verständigen kann… Das ist verrückt!) Sie verstand mich irgendwie, sagte, dass es den Zug gibt, aber dass man Tickets erst ab 8 Uhr kaufen könne. „Ok, gut, dann warte ich so lange“ – dachte ich. Um 08:30 Uhr stelle ich mich wieder in die Schlange – gleiche Frau, lediglich 2, 3 Stunden später. Ich erkläre ihr wieder, welches Ticket ich will, sie versteht mich, guckt mich an und sagt, dass ich das Ticket hätte gestern kaufen müssen… “Ok“, dachte ich, „das ist kein Weltuntergang, viele Wege führen in die Ukraine, aber warum in Gottes Namen hat sie mir das nicht schon beim ersten Mal gesagt?!“ Dann guckt sie mich an und sagt, dass ich auch den Schaffner bestechen könne mit umgerechnet 25 Euro wäre ich dabei. Ich weiß nicht, ob ich einfach lachen soll oder schreien… Bin erst Mal wieder weg vom Schalter, um in mich zu gehen und darüber nachzudenken, ob ich das jetzt wirklich machen will oder nicht… Kam dann zum Ergebnis, dass ich erst gucke, ob es nicht anders geht.
Fahre mit dem Taxi zum Busbahnhof. Der Taxifahrer war unglaublich nett, fragte alles nach für mich, erklärte mir verschiedene Möglichkeiten, in welche Städte ich fahren könne etc. Echt, total lieb, allerdings fuhren die Busse irgendwie alle ungünstig, sodass mir das nicht besonders viel half… Er schlug unter anderem vor, dass ich nach Moldawien fahren sollte, weil man von dort ganz gut über die Grenze in die Ukraine fahren könne. Aber das war mir zu suspekt. Der Taxifahrer war echt sooo lieb. Ich wollte zu Fuß zurück zum Bahnhof, weil ich von irgendeinem Geld ja noch die Zugfahrt (oder die Bestechung?!) zahlen musste – und was macht er? Fährt mich einfach umsonst zurück zum Bahnhof, ruft eine Studentin an und fragt die noch nach Möglichkeiten, schreibt mir 3 Telefonnummern auf, die ich anrufen könne, wenn ich nicht mehr weiter wüsste und wünschte mir viel Glück. Ich bin immer noch total überwältigt von der Herzlichkeit dieses Mannes!!!
Bestechen wollte ich nicht und so kaufte ich mir ganz langweilig ein Ticket nach Suceava (das liegt ganz nah an der Grenze zur Ukraine und ist wirklich nur einen Katzensprung von Chernivzi entfernt). Die rumänische Bahn ist übrigens sehr schön.
Dort angekommen gab es leider keinen günstigen Zug, also wieder zum Busbahnhof. Auch dort war leider nichts Günstiges – also schon sehr günstig, aber ungünstige Abfahrtszeiten, weil ich dann erst mitten in der Nacht an der Grenze gewesen wäre und das wollte ich nicht. Also mit dem Taxi zur Grenze (das ist nicht so unglaublich teuer).
Da wollte ich dann ganz munter über die Grenze gehen, aber Pustekuchen, es war ja Feiertag (Palmsonntag) und das ging nicht. Die netten Beamten hielten dann einfach Mal das nächste Auto an, in das ich mich dann reinsetzte und mit den Insassen über die Grenze fuhr. Irgendwie lustig! Über die Grenze zu kommen war absolut kein Problem und als ich wegen des Visums nachfragte, erzählten mir die Grenzbeamten, dass das Quatsch sei und ich keins brauche…das verstehe, wer will!
So, nun war ich in der Ukraine! Total verlassen an der Grenze… Also, wie weiter? Keine Frage, trampen. Es regnete ganz schrecklich, ich war richtig müde und musste mich dann auch noch an den Straßenrand stellen und den Daumen raushalten. Aber es dauerte keine 10 Minuten und jemand war bereit, mich mitzunehmen (ich Glückspilz). Ein ukrainischer Lkw- Fahrer, der – wie der Zufall es wollte – nach Chernivzi fuhr. Ich konnte wirklich nur total selig grinsen… Die Krönung für mich war dann, dass er mich sogar noch auf einen Kaffee einlud. In Chernivzi angekommen, fragte ich, was ich ihm geben solle. Er grinst mich an „Nichts, ist schon gut!“.
Und dann nur noch von Chernivzi nach Ivano „ i wce“ (frei übersetzt „und das war’s schon“).
Eine echt tolle Rückfahrt voller spannender Begegnungen und der Erkenntnis, dass eine Reise viel intensiver wird, wenn man eben nichts plant, sondern einfach drauf los fährt und sieht, welche Möglichkeiten sich bieten, auf wen man trifft…
In Ivano angekommen, wurde ich nicht nur wahnsinnig herzlich von einigen Maltesern, sondern auch gleich dazu noch einer Horde Deutscher – Trierer Malteser – begrüßt. Ich war sehr froh, „meine“ ukrainischen Malteser wieder zu sehen und freute mich sehr über „Wir haben dich vermisst!“ und „Schön, dass du wieder da bist!“.
Tja, also schon wieder viele Deutsche auf einmal. Die Tage mit den Maltesern waren echt klasse (ich war zusätzlich auch noch so beseelt vom Seminar), „mein“ Haus war voll, es gab lustige Abende, eigentlich auch Tage, gemeinsames Frühstück, tolle Gespräche… Eine wirklich besondere Woche, in der ich viele tolle Menschen kennenlernen durfte und mir viele, viele wahnsinnig tolle Erinnerungen schaffen konnte! Neben Ausflügen in die Umgebung, standen auch Besuche von bedürftigen Familien, Kinderheim, Psychiatrie und einer Schule auf dem Programm.
Trotz aller Begeisterung und Freude fielen mir viele „typisch deutsche“ Eigenschaften und Verhaltensweisen auf, die des Öfteren dazu führten, dass ich mich fragte „Bin ich auch so?!“… Das lass ich jetzt mal unkommentiert.
Auch der März war nun also schon wieder vorbei.
Und schon war Karfreitag… Ich wollte in die Kirche, ging auch los und betrat auch die Kirche, merkte allerdings nach wenigen Minuten, dass ich vor lauter Müdigkeit einfach nicht stehen konnte, setzte mich dann (es gibt gaaanz wenige Bänke in den hintersten Ecken der Kirche…) und nickte ständig ein. Den Rest gab mir dann, dass ich meine Beine beim Sitzen übereinanderschlug und von einer alten Frau zurechtgewiesen wurde, dass das ja unmöglich sei und ich damit aufhören solle und so war ich ganz schnell wieder aus der Kirche.
Trotz der kurzen Zeit in der Kirche merkte ich sofort, dass mir der Karfreitag in Trier um einiges besser gefällt, weil der Kontrast zu einem normalen Gottesdienst viel größer ist und viel mehr Atmosphäre geschaffen wird.
So verschlief ich also fast den ganzen Freitag, schaute mir aber immerhin die „Passion Christi“ an. Der Film stieß in Deutschland ja auf recht große Ablehnung, hier sieht man das gar nicht so, sondern findet die realistische Darstellung sogar gut, weil man sagt, dass es einfach wirklich so war und man nicht die Augen vor allem Schlimmen oder Unangenehmen verschließen dürfe. Aber hier ist das Leben an sich ja auch noch rauer als in Deutschland, der Schock für die in Deutschland lebenden also auch größer als für Ukrainer.
Ostern feierte ich bei Olja. Schon Samstagabends lässt man Osterkörbe segnen. In diesen befindet sich spezielles Osterbrot, Salz, Butter, Eier (kunstvoll bemalte und einfach gekochte Eier), Fleisch, Ingwer und lauter Lebensmittel aus dem alltäglichen Gebrauch. Man geht also zur Kirche, aber nicht rein, sondern das Ganze findet vor oder neben der Kirche statt. Dort finden sich also hunderte Menschen zusammen, der Priester kommt heraus und geht einmal im Kreis, um Körbe und Menschen zu segnen und das nicht zu zimperlich, sondern mit extrem viel Weihwasser, man gibt Geld und geht wieder nach Hause.
Schon zum Frühstück ging es mit dem Essen los: wieder ganz viele traditionelle Speisen, die allerdings sehr, sehr Fleisch-lastig waren. (Weil in der Fastenzeit ja so wenig Fleisch gegessen worden ist, freuten sich alle ganz tierisch über so viel davon. Aber nicht wirklich alle, ich nämlich nicht.)
Jedenfalls gefiel es mir sehr gut, ich hatte die Bluse an, konnte mich ganz nett unterhalten und fühlte mich ukrainisch angehaucht…
Und das dann bis Dienstag… also feiern, essen und trinken.
Dann ging der normale Alltag wieder los und weil das Wetter so schön war, verbesserte sich auch die allgemeine Grundeinstellung. Seit ewigen Zeiten fuhr ich endlich Mal wieder in der Gegend rum und schaute mir andere Städte an und fuhr Fahrrad am See. (Wurde ja auch Zeit.) Außerdem war ich im Theater, es war Malteser Ball.
Eines schönen Freitags sollten Claudia und ich bitte in eine Schule kommen und ein deutsches Volkslied singen. (Wir hatten eine Musiklehrerin kennen gelernt.) Ich dachte, dass das eine recht kurze und schmerzlose Veranstaltung werden würde, aber nein, den ganzen lieben langen Tag ging dieses „Fest der Musik“ in besagter Schule. Es war auf der einen Seite wahnsinnig interessant, weil viel gesungen wurde und auch getanzt in verschiedenen Trachten und das einfach wunderschön anzuschauen ist, aber vom vielen Sitzen tat mir am Ende auch alles weh. Claudia und ich bekamen viel Applaus und man spürte, wie so ein Ruck durch den Raum ging als gesagt wurde, dass jetzt zwei Deutsche singen werden. Nicht negativ, sondern einfach großes Interesse.
Also, der April war auch ein recht schöner Monat für mich.
Aber auch irgendwie schockierend, weil sich ein Junge beim Kochkurs mit „Heil Hitler“ verabschiedete und ich mir bei einem Bischof anhören durfte, dass man mal wieder „einen wie Hitler brauche“… Ich bin immer so schockiert, wenn jemand so ein Spruch fallen lässt, habe versucht, zu diskutieren, aber auf ukrainisch kann ich es nicht, dafür fehlen mir die Vokabeln.
Ende April startete eine Aktion bei den Maltesern „gleiche Rechte, gleiche Möglichkeiten“, die auf die Situation von (Geh)Behinderten in der Ukraine aufmerksam macht. Neben dem Problem, dass fast nichts behindertengerecht ist, man sich mit einem Rollstuhl in der Stadt fast nicht fortbewegen kann, kennen viele Behinderte auch ihre Rechte einfach nicht.
An 3 Wochenenden also fuhren wir in verschiedene große Städte in der Region und führten unser Programm vor, das darin bestand, zunächst die Barrieren zu zeigen, dann aber auch, wie man sie meistern kann, was man mit dem Rollstuhl alles machen kann, wie aktiv manche Rollstuhlfahrer sind. (Nadja, die bei den Paralympics in Vancouver war, andere, die Tischtennis spielen, Hockey spielen, tanzen…) Tolles Programm, informativ und unterhaltsam!
Ich hatte die große Ehre, bei einem ukrainischen Volkstanz mitzutanzen, in Bluse versteht sich. Das waren tolle, aber anstrengende Wochenenden, ich lernte einige Rollstuhlfahrer besser kennen, was auch schön war und unterhielt mich recht viel.
Nach dem Programm saßen wir immer noch alle zusammen, packten ein und fuhren erst dann nach Hause. Der harte Kern versammelte sich dann anschließend noch in der Matejke zum Essen, Quatschen und (vor allem) Trinken. Aah, und eins habe ich vergessen: zum Singen! Ja, es gibt wahnsinnig viele Volkslieder in der Ukraine, die mit viel Freude und Inbrunst gesungen werden – alle auswendig!!! Das ist so schön!!! Aber das stimmt mich auch immer etwas traurig, ich will auch wieder singen… Also, richtig schön singen und nicht nur irgendwie ganz stolz ukrainischen Text mitsäuseln! Echt faszinierend, wie dann am nächsten Tag wieder alle auf der Matte standen mit ganz kratzigen Stimme. Ob die wohl eher vom vielen Singen oder vom vielen Alkohol kam?
So, was noch?
Im April hatten sehr, sehr viele Malteser Geburtstag und am letzten Abend nach der Aktion gab es dann eine große, gemeinsame Feier und schon bin ich Mitten im Mai.
Polen hausten am letzten Wochenende in der Matejke, die sehr lieb zu mir waren.
Also, bis hier hin war alles ganz prima, und dann gab es einen riesen-, riesengroßen Schock, ganz kurz nach der Aktion starb eine junge Malteserin bei einem Unfall. Alle waren sehr betroffen und traurig und knabberten an diesem plötzlichen Tod. Wieder wurde die Leiche in der Wohnung aufgebahrt, wir fuhren alle zusammen hin, beteten, hielten einen Gottesdienst.
Ich kann darüber nicht viel mehr schreiben, weil ich auch ziemlich traurig war. 27 Jahre, kleine Tochter, einfach so tot.
Vielleicht war es ganz gut, dass ich danach mit vielen anderen Maltesern pilgerte. Das stand schon vorher im Programm und wurde nicht extra deshalb organisiert, aber jedenfalls war es eine sehr gute Gelegenheit, nachzudenken und danach den Kopf wieder einigermaßen frei zu haben.
60 Kilometer in zwei Tagen, am ersten Tag um die 40 km, danach nur noch 20 km. Es war interessant zu sehen, wie viele Menschen pilgerten, wie die gesamte Atmosphäre so war mit Beten, Singen und Reden oder aber Schweigen.
Ich kann die Schmerzen gar nicht in Worte fassen. Als wir nach dem Gewaltmarsch am ersten Tag ankamen und wartend stehen mussten, hätte ich echt heulen können, weil einfach alles nur noch wehgetan hat!!! Darauf schlief ich unglaublich gut, was selbstverständlich an meiner Erschöpfung lag, aber auch daran, dass ich im Heu schlief…traumhaft!
Und dann noch ein Tag, viele Rollstuhlfahrer und mehr Malteser stoßen zu uns, das Wetter war total gut und ich hätte vor Freude weinen können, als wir endlich ankamen. Aber ich fand es schon unglaublich, zumal ich oft dachte, dass ich einfach wirklich gar nicht mehr kann, aber trotzdem doch weiter gehen konnte.
Natürlich gab es auch gemeinsame Gottesdienste und Denkanstöße auf dem Weg, aber ich könnte jetzt nicht sagen, dass ich das jedes Jahr bräuchte oder dass dies meinen Glauben in irgendeiner Form gestärkt hätte… Vielleicht war ich auch einfach zu viel mit anderen Themen beschäftigt.
Leider, leider fing es dann kurz nachdem wir in Univ ankamen ganz schrecklich an zu regnen, und es regnete die ganze Nacht durch. In Univ war es sehr beeindruckend weil einfach so viele Menschen da waren und es die ganze Nacht über Gottesdienste gab, Möglichkeiten zu beichten, was quasi alle Leute wahrnahmen. (Das kann man sich als Deutscher fast nicht vorstellen). Krass fand ich auch, dass mich einige Mädels dazu bringen wollten, bei Ivan zu beichten, weil das so toll sei.
Danach war ich 3 Tage im Büro, bevor ich mit ein paar Rollstuhlfahrern und anderen Maltesern nach Polen fuhr. Pulawy, die Stadt, in der wir waren, ist total behindertengerecht – einfach unglaublich! Auch Polen ist sehr westlich orientiert, mit Kaufland, Deichmann,…etc UND sauber war es. Aber auch dort hatte das Hochwasser zugeschlagen, nicht so schlimm wie in anderen Gebieten Polens, aber viele Straßen waren unter Wasser.
Tja, und schon fuhr ich nach Odessa! Da gab es auch viele sehr lustige Begegnungen im Zug und auf der Straße. Nach dem „Eurovision Song Contest“ fragte ich eine Frau nach dem Weg, wir kamen etwas ins Gespräch und nachdem sie wusste, dass ich aus Deutschland komme, schaute sie mich mit total großen Augen an „Eure Lena, die war die Beste!“…
Ukrainer sind sehr vorwitzige Menschen, die alles wissen wollen und jeden einfach so anquatschen. So also wird man im Zug direkt von seinem Nachbar angesprochen. Ab einem gewissen Zeitpunkt merkt man einfach, dass ich eben nicht aus der Ukraine komme und sobald das raus ist, verbringt man die halbe Nacht damit zu erzählen, wie es in Deutschland ist oder eben auch nicht. Denn Viele hier denken, dass Deutschland das Gelobte Land ist, in dem alles neu ist, nur Mercedes’, BMWs und Volkswagen auf den total guten Straßen fahren… Also hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, alle Träume und Vorstellungen kaputt zu machen. (hihi…).
Nach meiner Erfahrung wird es dir in Deutschland selten bis nie passieren, dass dich wildfremde Menschen ansprechen, dir erst mal Essen und Trinken anbieten und dann aus ihrem Leben erzählen.
Geschockt war ich allerdings bei der Rückfahrt.
Ich sitze ganz normal auf meinem Platz im Zug, es dauert noch etwas bis der Zug losfährt. Dann kommen zwei Männer rein, setzen sich seelenruhig auf zwei Plätze, ziehen die Schuhe aus, fangen an zu essen, zu trinken und sich zu unterhalten. Normal halt.
Der Zug fährt los, die Schaffnerin kommt und sammelt die Fahrkarten ein. (Das macht man hier immer, am Ende bekommt man sie wieder.) Ich gebe ihr meine Fahrkarte, der Mann gegenüber von mir auch, dann geht sie zu den beiden Männern. Mit einem charmanten Lächeln im Gesicht erzählen sie, dass sie keine Karten haben und geben ihr Geld. Erst da merke ich, dass die Frau neben Fahrkarten auch viele, viele Geldscheine in der Hand hält. Ich musste mich schon ziemlich zusammenreißen, die Situation nicht mit offenem Mund und großen Augen zu beobachten, sondern nur mal rüberzuschielen. Natürlich durften die zwei ohne Beanstandung mitfahren. Irgendwie muss ich grinsen, weil ich die Situation so befremdlich finde. Ich urteile nicht über das Gesehene, ob ich das jetzt moralisch verwerflich finde oder nicht, aber denke „du bist so deutsch, Judith“.
Ich hab viel gelesen im Zug und konnte nicht richtig schlafen. Immer, wenn jemand an mir vorbeiging, sagte dieser Jemand zu mir, dass ich jetzt besser aufhören solle zu lesen, das Licht sei schlecht, das sei schlecht für die Augen. Nachdem mir dann der Fünfte (ungelogen!) genau das erzählt hatte, packte ich also das Buch in den Rucksack und versuchte, zu schlafen. Doch das Fenster ließ sich nicht richtig schließen, und so zog es ziemlich stark auf mich. Da kam ein älterer Mann vorbei, sah das und versuchte, das Fenster zu schließen, ohne dass ich auch nur einen Ton gesagt hätte. Aber auch ihm gelang es nicht und er holte sich Verstärkung von zwei jüngeren Männern, die also dann gemeinsam das Fenster schlossen, damit es nicht mehr auf mich zog.
Und als die Anne (ehemalige Freiwillige) zu Besuch war, zelteten wir total schön und wieder kam bei mir das Gefühl auf, dass ich an einem der schönsten Flecken auf der Erde leben darf!
Noch, so viel Zeit hab ich hier ja leider nicht mehr… Das ist wirklich schade, denn ich bin zur Zeit gerade einfach durch und durch glücklich hier. Jeder darf was Dummes, ja Gemeines zu mir sagen, ohne dass ich gleich traurig bin… Es wird ein bisschen wie in Deutschland und doch so anders.
Das war, glaub ich, das Wichtigste.
Die nächste Rundmail erzählt mehr von den Ukrainern als von meinen Erlebnissen.
Außerdem schick ich auch sofort am Montag mal wieder Fotos.
An den Ständen auf der Straße kann man schon seit längerem Sonnenbrillen und Hüte kaufen, und es gibt ganz viele Eisstände, und außerdem haben Kneipen und Lokale auch wieder Tische vor der Tür. Das Leben spielt sich wieder auf den Straßen ab!
Alte Männer spielen Schach auf Bänken im Park und in der Stadt, umringt von ganz vielen anderen alten Menschen, die gespannt zuschauen und mit fachsimpeln.
Letztens schaute ich „Wer wird Millionär“ und es kam folgende Frage:
„Welches ist das flächenmäßig größte Land Europas?“ (oder irgendwie so ähnlich)
Der Herr auf dem Stuhl jedenfalls war sich nicht sicher, ob die Ukraine „ganz in Europa“ liegt. Also, liebe Leute, die Ukraine liegt absolut ganz in Europa und unweit von hier in den Karpaten liegt, beziehungsweise lag der Mittelpunkt Europas. (- jetzt wohl nicht mehr, weil man irgendwelche weit auf dem Meer liegende Inseln dazu zählt und der Mittelpunkt deshalb “verrückt” ist) Also, wenn Deutschland von sich behauptet, quasi in der Mitte Europas zu liegen, dann ist das geographisch gesehen einfach falsch. Nur weil man die Ukraine politisch gesehen unter „Osteuropa“ oder „Russland- hörig“ abspeist, darf man sie nicht vom Kontinent schieben!