Rumänien: 5. Rundbrief von Astrid König
2. August 2010 von astrid.koenigAls ich eines Morgens beim Blick aus dem Fenster die ersten Dixi-Klos gegenüber der Kirche aufgestellt sah, wusste ich, jetzt geht es los, das große Ereignis, das Ereignis, an dem Csikszereda zum Weltort werden würde:
die große Pfingst-Wallfahrt / Pünkösdi búcsú auf dem Schomlenberg/ Csík Somlyó.
Auf meinem Weg zur Arbeit beobachtete ich die ersten Anzeichen auf der großen Szék utca, die Straße, die zu Csíksomlyó, zur Hauptkirche und zu meiner Wohnung führte; jeder Anwohner baute in seiner Einfahrt seinen eigenen Kürtös Kalács Stand auf, eine Spezialität hier. Die ersten Souvenirstände gab es auch schon, obwohl ich bei blinkenden Jesuskreuzen eher den Kopf schüttelte, mich aber trotzdem freute, dass es jetzt los ging!
Um das ganze Ereignis besser verstehen zu können, möchte ich zuerst einmal ein klein wenig die Geschichte und einige Hintergründe erklären.
Die Wallfahrt dreht sich vor allem um die Marienstatue in der Kegytemplom, in der Kirche gegenüber dem Hotel, in dem ich wohne. Über sie gibt es viele Legenden, die populärste ist, dass die Statue den Széklern zum Schutz gegen die Osmanen gegeben wurde. Und als die Statue in Schomlenberg ankam, ließ sie sich nicht mehr vom Fleck bewegen, so dass man wusste, dass dies ein heiliger Platz ist. Außerdem wird es als Wunder angesehen, dass die Statue die Jahrhunderte der kriegerischen Auseinandersetzungen wohlbehalten überstand, worauf ihr, mit weiteren Legenden, eine Heilkraft zugesprochen wird.
Seit dem späten Mittelalter ist es erwiesen, dass die Menschen hierher pilgerten, zunächst nur, um der Heiligen Maria vor dieser Statue zu huldigen, später wird auch der Sieg der katholischen Székler über reformierende Horden gefeiert, also dass sie ihren Glauben erfolgreich verteidigt haben.
1948 gab es die letzte organisierte Wallfahrt, denn seit 49 wurden die ungarischen Pilger massiv von den rumänischen Behörden daran gehindert, an der Wallfahrt teilzunehmen. Entweder wurden einfach keine Zugtickets mehr ausgestellt oder es wurden Ausnahmegenehmigungen verlangt. Die Pilger zu Fuß sollen sogar verprügelt worden sein, um sie am Weitergehen zu hindern. So kamen während des Kommunismus nur die wirklich überzeugt religiösen Csangos (eine Minderheit aus dem Gyímes-Ta)l hier aus der Nähe. Zu Zeiten des Sozialismus war in Rumänien ja nicht nur Religiosität ein Diskriminierungsgrund, sondern auch die Zugehörigkeit zur ungarischen Minderheit.
1990 war somit die erste vollständige, öffentliche und freie Wallfahrt nach der Zeit des Sozialismus. Nun stellte sich aber heraus, dass an die früheren Wallfahrten nicht mehr hundertprozentig angeknüpft werden konnte, da nach unterschiedlicher oder fehlender Erinnerung des Ablaufs der gesamten Prozession eine fast völlige Umdeutung der Wallfahrt stattfand. So wurden nicht nur die religiösen Aspekte umgestaltet, sondern die Wallfahrten nach 1990 verfügten über ein ganz neues Show-Element. Denn nun konnte sich das Kollektiv der katholischen Ungarn durch die Medien in ganz Rumänien, ja in der ganzen Welt präsentieren und sowohl das katholische als auch ungarische Identitätsbewusstsein stärken.
Am Freitagabend kam Benedikt, der Freiwillige aus Budapest, mit dem ich auch in Bukarest gewesen war, und gemeinsam schauten wir uns das Treiben an.

Samstag war der eigentlich große Tag, aber schon am Freitagabend war die Kirche proppenvoll. Mich faszinierten die Gesänge der Gläubigen, obwohl es keine Messe gab. Wir stellten uns in die Schlange zur Marienstatue. Interessiert guckten wir der Prozession zu: alles was nicht Niet- und nagelfest war, rieben die Gläubigen an den Füßen der Statue, von Taschentüchern, Zweigen, sogar bis ganzen Rucksäcken. Danach wurde noch lange gebetet. Mich überraschte noch, dass das, was ich anfangs als Kleiderhaufen angesehen hatte, sich als Menschen entpuppte, die seelenruhig auf dem Kirchenboden schliefen. Auch dadurch erhoffen sich die Menschen ein Seelenheil. Mich hat dieser erste Eindruck von dem vollkommen anderen, wesentlich intensiver gelebten Glauben schon sehr beeindruckt, und so bekam ich schon einen Vorgeschmack auf den nächsten Tag.
Wir wachten am Samstagmorgen schon ziemlich früh auf, waren aber überrascht, wie voll es schon auf der Straße war und beeilten uns raus zu kommen, um ja nichts zu verpassen! Unübersehbar die 1000 Fahnen, die jede noch so kleine Pilgergruppe mit sich trug. Fahnen, von dem jeweiligen Schutzeiligen der Kirchengemeinde, christliche Symbole, Sprüche mit Jahreszahlen, Schilder, mit dem Namen der Gem
einde und immer stolz und fast omnipräsent: die ungarische Trikolore.
Einen geordneten Ablauf gab es nicht. Jeder lief selber nach Belieben den Schomlenberg hinauf. Die Kirche war eh überfüllt. Gut, dass Benedikt und ich am Abend vorher da waren. Zunächst beobachteten wir das Treiben vor der Kirche und schlossen uns dann dem stetigen Fluss nach oben an. Früher war es ein Teil der Prozession und der Wallfahrt, dass man den Berg hoch und runter pilgerte. Nach
1990 wurde aus Platzmangel die heilige Messe auf den Berg verlegt, weil ja nun jedes Jahr hunderttausende von Menschen kamen.
Auf dem Berg war schon ordentlich was los, obwohl die Messe erst in anderthalb Stunden beginnen sollte. Wir suchten uns einen kleinen Platz zwischen Menschen und Fahnen und beobachteten das gesamte Treiben, die unterschiedlichen Prozessionen und all die verschiedenen Gruppen.
Und dann begann die große Freilichtmesse. Es war eine sehr lockere Stimmung. Kinder spielten noch, man saß gemütlich auf dem Boden. Ansonsten war es eine normale Messe im XXL Format. Zum Schluss wurde noch die ungarische Nationalhymne gesungen, um nochmals zu zeigen, dass der religiöse Aspekt für viele zwar noch wichtig, aber nicht mehr der einzige ist. Inzwischen kommen auch nicht mehr ausschließlich Katholiken, sondern die Wallfahrt ist für Ungarn aus aller Welt ein Zeichen ihres Ungarntums und dass die ungarischen
Minderheiten in den Nachbar-ländern nicht vergessen sind. Nach der Messe machten sich die Ersten wieder auf den Weg nach Hause. Das Hauptereignis war auch vorbei. Doch das Fest ging noch weiter. Allerdings verwandelte sich die Wallfahrt dann doch eher in einen Jahrmarkt, mit den ganzen Speise- und Verkaufsständen, was den religiösen Aspekt nun fast ganz verschwinden ließ.
Am Sonntagmorgen war die Kirche nochmals proppenvoll, sodass die Hälfte der Gläubigen draußen vor der Kirche teilnahm. Damit war der eigentliche große Rummel vorüber und die Wallfahrt vorbei.
Eins musste ich hier auch lernen: man hat große Ideen, aber es kommt anders, wenn man sie umsetzt. Keine zu großen Erwartungen hegen!
Eines Tages erzählte mir meine Chefin, sie sei an einem Musikladen vorbeigegangen und würde für uns gerne einige Instrumente kaufen, wie z.B. Trommeln oder Rasseln. Da kam mir die Idee, dass wir
Rasseln selber aus Pappmaché bauen können. Also kaufte ich Kleister, wir sammelten Zeitungen, Luftballons und Klopapier-rollen. Ich wusste noch, wie viel Spaß ich als Kind hatte, mit Kleister rumzumatschen und dachte mir das Gleiche von den Behinderten. Doch ich wurde etwas enttäuscht, da sie sich nur mit äußerster Vorsicht an den Kleister wagten, vielleicht nur die
Fingerspitzen eintauchten, während ich dagegen komplett im Kleister versank. Sie hatten einen Riesenrespekt vor dem klebrigen Zeug, obwohl sie sonst Alles als erste ausprobieren. Da fand ich doch schade, dass sie nicht den gleichen Spaß hatten, wie ich.
Wenigstens waren alle wieder munter dabei, die fertigen Rasseln mit Fingerfarbe anzumalen, wobei Keiner ein Problem hatte, wie ein buntes Huhn auszusehen. Letztendlich sind die Rasseln fertig und schön geworden.
Durch das schöne Wetter begünstigt, machten wir nach der Arbeit weitere schöne Ausflüge, z.B. zu der Salzmine in Parajd.
Ich hatte eher an eine Art Museumsbesuch gedacht und war überrascht, als ich einen großen “Freizeit-Park” unter Tage vorfand. Riesige Hallen, wo ausreichend Schaukeln, Rutschen und andere Spielmöglichkeiten für Kinder aufgebaut waren, sowie ein Internetcafé, eine Kirche, ein Café und ein Restaurant. Wir spielten Mensch ärgere dich nicht, Federball oder Tischtennis. Im Nachhinein war es auch für die Behinderten wesentlich sinnvoller, ausreichend Platz zum Spielen zu haben, als sich in einem Museum zu langweilen. Für den heißen Sommertag war es außerdem noch sehr praktisch, den Tag in der angenehmen Kühle zu genießen.
Im Anschluss sind wir noch in ein Heilbad gegangen, das, wie das Tote Meer, einen sehr hohen Salzgehalt hatte und beliebt bei Kranken ist. Es ist total lustig, sich in diesem Wasser treiben zu lassen, und praktisch für die Behinderten, die so nicht untergehen konnten, obwohl sie nicht schwimmen können. So hat es uns und den Behinderten sehr viel Spaß gemacht!
Die viele kleineren Ausflüge, die wir noch gemacht haben, waren sehr schön, aber auch notwendig, weil unser großer Ausflug ans Schwarze Meer wegen Geldmangels ausfallen musste. In den letzten Wochen war es anstrengender als sonst, zur Arbeit zu gehen. Nach dem Ausfall dieses Urlaubs und vielleicht auch als Auswirkung des wochenlangen Regens ließ bei meinen Kolleginnen und mir allmählich die Energie nach. So lief am Schluss Alles in etwas ruhigeren Bahnen ab und wir freuten uns alle auf die Sommerferien.
In der letzten Woche bekam ich noch ein Angebot, in der ersten Ferienwoche auf eine andere Freizeit der Caritas ans Schwarze Meer zu fahren. Spontan sagte ich ja; die Mentalität allmählich kennend, erwartete ich nicht allzu schnell nähere Informationen, obwohl es angeblich in weniger als einer Woche losgehen sollte. So erhielt meine Chefin erst am Freitag die ernüchternde Info, dass der Ausflug verschoben wurde und ich somit nicht teilnehmen könne. Irgendwie hatte ich es schon erwartet, dass mit diesem ausgezeichneten Angebot etwas nicht stimmen konnte. Ich nahm es leicht; wenn ich Eines hier gelernt hatte, so war es spontan und flexibel zu sein. Nur meine Chefin meinte mit zum Himmel gerichteten Augen zu mir: „Dieses Land ist verrückt, Astrid. Rumänien!“ Besser hätte ich es nicht sagen können, und von ihr fand ich es noch besser.



