Geisterbahnfahrt durchs Massengrab Cerro Rico
31. Oktober 2010 von jonas.grossmannEigentlich wollten wir die größte Salzwüste der Welt besuchen. Doch die Stadt Potosí hielt uns fest. Zu viel hatten wir darüber gelesen, als dass wir einfach durchfahren konnten. In den Minen des Cerro Ricos (Silberberg) sollen über 8 Millionen Indios gestorben sein. 46 000 Tonnen Silber wurden hier gefördert und nach Europa oder in die USA geliefert. Angeblich genug, um damit eine Brücke aus purem Silber von Potosí bis Spanien zu bauen. Das waren die Gründe, warum wir die Minen unbedingt sehen wollten.
Dies ist kein Problem. Die Mineros zeigen gerne, wie ihre Arbeitsbedingungen sind und es ist kein Problem eine Tour zu mieten. Um für 3 Stunden die Minen sehen zu können müssen wir so viel Geld zahlen, wie ein Minenarbeiter dort im Durchschnitt am Tag verdient. Zunächst werden wir von den Organisatoren ausgerüstet: Elektrische Stirnlampe, Overall und Gummistiefel. Damit sind wir für die Minen besser gewappnet als der allergrößte Teil der Arbeiter.
Bevor es in die Minen geht treffen wir auf einen älteren Minero. Seit über 30 Jahren arbeite er bereits hier, erzählt er uns stolz. Wenn das stimmt hat er die Arbeit in den Minen doppelt so lange überlebt wie der Durchschnitt. Er präsentiert seine Hände. Sie sind mit Hornhaut überzogen. Einzelne Hautballen sehen aus wie Blasen.
Nach dieser kurzen Begegnung verschwinden wir in einem Loch im Berg. Die Realität, die wir in den nächsten drei Stunden zu sehen bekommen sind für mich nicht mehr als Schreckgespenster. Da huschen mal Arsendämpfe vorbei. Hier grusele ich mich über halb eingestürzte Decken, dann zuckt man kurz zusammen, als irgendwo im Berg Dynamit explodiert und es durch die Gänge hallt. Adrenalin durchschießt mich, als von oben kleine Steine herunter prasseln. Besser als auf jeder Kirmes! Was es bedeutet hier sein Leben lang arbeiten zu müssen und wegen den Schreckgespenstern irgendwann sterben zu müssen kann ich erst erahnen, als wir die Gelegenheit bekommen mit zwei Arbeitern zu sprechen.
Sie sitzen zusammengekauert in einer kleinen Nische und machen dort Pause. Die Wand ist provisorisch mit Bunten Bändern geschmückt, eine kleine Maria Statue, die ebenfalls geschmückt ist steht hinter ihnen. Für sie wurde extra eine Ablage in den Stein gehauen. Ein Versuch, den kargen Fels heimisch zu machen. Die beiden sitzen dort und schieben sich ein Kokablatt nach dem anderen in den Mund. Einer der beiden ist gerade einmal 18 Jahre alt und sieht aus wie Mitte 40. Er arbeitet bereits seit vier Jahren in der Mine. Er hat vermutlich also noch 10 Jahre vor sich, bevor ihn ein Gespenst für immer unter die Erde zieht. Die Augen des Jugendlichen sehen aus, wie die eines kleinen Kindes: ängstlich, schüchtern und zurückhaltend. Man sieht ihnen an, dass sie ständig Ausschau nach den Gespenstern halten, die mich so gruseln.
Der Ältere der beiden ist da gelassener. Auf der Straße würde ich ihn auf mindestens 60 schätzen, er ist Mitte 30. Ab und zu muss er husten. Dabei merkt man, wie der Husten bereits seine ganze Lunge erobert hat, so wie man das eigentlich nur von Kettenrauchern kennt. Er ist zufrieden. Immerhin müssen seine Kinder nicht in den Minen arbeiten. Er wird noch eine Weile durchhalten. Und wenn er unverhofft in der Mine stirbt wird die Genossenschaft seine Familie mit dem Nötigsten versorgen.
Nachdem wir die Mine wieder verlassen haben fühle ich mich schlecht. Zwar konnte ich die Arbeitsbedingungen der Mineros sehen, doch nachempfinden kann ich sie nicht. Immer wieder muss ich mich daran erinnern, dass ich keine Geisterbahn besucht habe, sondern ein Massengrab. Ein Berg der zum Grab wurde, um dem Berg einen Teil meines Wohlstandes ab zu ringen.
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