Bolivien: 1.Rundbrief von Janina Römer

14. Januar 2012 von janina.roemer

Hallo liebe Leser,

ich bin jetzt seit über zwei Monaten in meinem Projekt und ich dachte mir, so langsam ist es Zeit für meinen ersten Bericht. Da ich in meinem ersten Monat ein paar kleine Schwierigkeiten mit der Wohnsituation hatte, bin ich schon zwei Wochen vor Arbeitsbeginn in mein Projekt gezogen und dann jeden Morgen mit dem Minibus von El Alto runter nach La Paz gefahren. Da ich am Anfang wirklich kaum fünf Wörter spanisch konnte, hat mich das Ganze die ersten Male doch ziemlich ins Schwitzen gebracht, aber ich hab relativ schnell herausgefunden, mit welchen Minibussen ich fahren kann, und mit welchen ich einfach mal irgendwo stehe, wo ich definitiv nicht hin muss.

 

Die Schüler meiner Klasse

Die Schüler meiner Klasse

Aber ich glaube, auch das gehört dazu, einfach mal irgendwo zu stehen und keine Ahnung zu haben, wo man gerade ist. Aus Fehlern lernt man ja bekanntlich und nachdem ich zweimal rund zwei Stunden durch El Alto gefahren bin, weil ich ja erst wieder zurückfahren musste, um dann in den richtigen Minibus zu steigen, passiert mir das, glaube ich, jetzt nicht mehr. Da ich in La Paz immer bedauert wurde, dass ich in El Alto wohne, und mir mit Entsetzen gesagt wurde, dass ich mich nicht alleine auf die Straße trauen darf, hatte ich am Anfang doch einen gewissen Respekt und hab mich des öfteren verfolgt gefühlt. Nachdem ich gemerkt habe, dass mir nicht jeder irgendetwas Böses will, kann ich mich jetzt doch recht sicher bewegen.

Natürlich muss ich aufpassen. Vor allem in der Ceja, das ist die Hauptstraße an die sich die Autopista, die Straße runter nach La Paz anschließt. Da herrscht immer eine Menge Trubel, und wenn man da nicht aufpasst, ist schnell etwas geklaut. Ich blieb bis jetzt allerdings verschont. Und natürlich bewege ich mich nachts nicht alleine durch die Ceja, so sicher fühle ich mich dann doch nicht. Aber im großen und ganzen kann ich sagen, dass ich El Alto mag. Ich finde es schade, dass es sehr oft wie ein Schandfleck dargestellt wird.

Natürlich ist es nicht sonderlich schön anzusehen, aber ich habe schon eine Menge netter Leute getroffen. Nicht nur an meiner Schule sondern auch im Minibus. Oft werde ich nur neugierig gemustert , aber die, die sehr neugierig sind sprechen mich auch schon mal an, und dann fängt das große Staunen an, wenn sie hören, dass ich erst 20 bin und ohne meine Familie über ein Jahr in Bolivien wohne. Ein paar mal hatte ich auch keine Ahnung, wo ich aussteigen musste, und hab jemanden gefragt. Das bekommt dann meistens jeder im Bus mit und dann will mir auch immer jeder sagen, wann ich aussteigen muss. Aber es wurde sich auch schon köstlich über mich amüsiert, als ich einmal nicht auf den Schreier im Bus reagiert habe, wurde ich lachend von dem Mann neben mir angestupst, der mich darauf aufmerksam machte, dass ich bezahlen muss. Solche Sachen passieren immer mal wieder, aber meistens sind die Leute sehr freundlich und helfen einem gerne weiter.

Auch die Schwestern, mit denen ich wohne, sind sehr nett. Es sind insgesamt vier, wobei ich aber eigentlich nur mit zweien mehr zu tun habe, Hermana Elena, sie ist sozusagen für mich verantwortlich, und Hermana Paola, mit ihr verstehe ich mich richtig gut. Manchmal schauen wir zusammen einen Film oder reden ein bisschen. Sie ist immer ganz interessiert an Deutschland und der Sprache. Oder wir hören zusammen Musik, die sie gerne hört, zum Beispiel Phil Collins und Elton John. Da ist sie nicht mehr zu halten. Bei Hermana Elena habe ich gemerkt, dass ich doch nicht mehr ganz so unabhängig bin wie in Deutschland, da sie sich immer tierische Sorgen macht, wenn ich zu spät nach Hause komme. Oder wenn sie nicht will, dass ich bei männlichen Freiwilligen übernachte, und ich um Erlaubnis fragen muss, wenn ich Fernsehen schauen will. Ich muss gestehen, das ist manchmal nicht ganz so einfach. Aber mittlerweile ist es auch nicht mehr ganz so schlimm wie am Anfang, da ich mich ein bisschen auskenne und ihr immer Bescheid sage, wo ich bin und mit wem.

Ich wohne mit den Hermanas direkt in der Schule. Unser Haus ist ein Teil des ganzen Gebäudekomplexes. Ich habe unten ein eigenes Zimmer mit Bad und die Hermanas wohnen oben drüber. Es gibt eine Küche, in der ich auch alles benutzen darf und mir manchmal auch selbst etwas mache, da ich die Reis- und Hühnchenleidenschaft nicht ganz so inbrünstig teile. Ich bin also quasi immer an meinem Arbeitsplatz. Ich gehe oben zur Tür raus und bin in der Schule.
Ich arbeite in der ersten Klasse mit einer Lehrerin zusammen. Die erste Zeit hab ich eigentlich nur zugeschaut, da ich schon mit dem Vorlesen der Anwesenheitsliste überfordert war, da ich die Namen nicht aussprechen konnte.

In der Schule

So haben die Kleinen sich natürlich köstlich amüsiert, wenn ich mal wieder vergessen habe, dass man das h nicht ausspricht und die englischen Namen natürlich nicht englisch ausspricht. Insgesamt sind es 39 in der Klasse und ich wurde sehr schnell von ihnen aufgenommen. Es wurden Bilder von mir gemalt und sie haben mir Süßigkeiten geschenkt. Und wenn ich mittags zu ihnen gehe, höre ich meinen Namen schon aus 20 Meter Entfernung. Manchmal verstehen sie allerdings nicht, dass ich nur zwei Arme habe, und an die zwei Arme können sich leider keine 39 Kinder hängen. Aber dann hebe ich meine Arme meistens hoch um sie zu ärgern, dann kommen sie nämlich nicht mehr dran. Ich habe die kleinen schon richtig ins Herz geschlossen und mittlerweile kann ich auch schon Hausaufgaben kontrollieren und manche Sachen erklären.

Zwei Mal war ich auch schon nachmittags alleine in der Klasse, und auch das hat einigermaßen gut geklappt. Der Großteil hatte nachher sogar die Aufgabe im Heft, muss ich stolzerweise sagen. Und bei den Festivitäten, die es hier doch öfter gibt, helfe ich natürlich auch immer gerne: Dekorieren, basteln, und natürlich das mitgebrachte Essen essen. Auch von den anderen Lehrern wurde ich gut aufgenommen. Ich werde immer gegrüßt und viele kennen sogar meinen Namen. Und mit Donja, sie ist die Frau für alles quasi (zum Beispiel Tür öffnen und schließen, Räume putzen), halte ich mittags des öfteren ein Schwätzchen, wenn ich auf der Bank vor ihrer Tienda sitze.

Aber auch nach über zwei Monaten an der Schule werde ich manchmal immer noch schüchtern gemustert und es wird dann eifrig getuschelt, aber das macht mir nichts aus. Manchmal sag ich dann „Hola!“, aber da erschrecken sie sich meistens, also gehe ich einfach weiter. Das einzige, was mich ein bisschen stört, ist, dass ich oft mit „Profe“ angeredet werde, selbst von anderen Lehrern. Dabei bin ich genauso weit weg vom Lehrersein wie die Kids in meiner Klasse. Bei denen hab ich es allerdings geschafft, dass sie mich einfach nur Janina nennen. Aber die Mütter nennen mich grundsätzlich „Profe“ und treten mir mit großem Respekt gegenüber, was mich sehr überraschte, da ich eher glaubte, dass manche vielleicht etwas skeptisch sind, wenn sie hören, dass ich helfe, ihre Kinder zu unterrichten. Aber ich habe die meisten jetzt schon öfter getroffen und sie sind immer alle sehr nett zu mir und letztens sollte ich sogar meine Meinung zu einem der Kinder sagen. Kommt eine Mutter zu mir und fragt, wie ihre Tochter im Unterricht ist. Da war ich schon etwas überrascht, aber froh, dass es ein Mädchen war, das immer seine Aufgaben macht und sich auch selten mit anderen Klassenkameraden streitet. So musste ich nichts Schlechtes sagen, was mir sehr unangenehm gewesen wäre. Das macht dann vielleicht doch besser die Lehrerin.

Bis zum 23. November ist noch normaler Unterricht, danach haben die, die keine Probleme haben, schon Ferien und mit den anderen arbeiten wir dann noch in Kleingruppen bis zum 8. Dezember. Dann wird ganz viel Lesen und Schreiben geübt oder Addieren, bei denen die Probleme in Mathe haben. Am 10. Dezember gibt es Zeugnisse und dann sind erst mal Ferien bis Mitte Februar. Ich muss sagen, ich hatte wirklich so meine Bedenken, als ich hörte, dass ich mit den Kleinen arbeiten soll, da ich in Deutschland noch nicht so viel mit kleinen Kindern zu tun hatte. Aber es macht wirklich Spaß und da ich so gut aufgenommen wurde, habe ich sowieso schon alle total lieb gewonnen und fühle mich wirklich wohl in der Klasse. Ich bin gespannt was die nächsten zehn Monate noch so bringen und freue mich schon sehr darauf.

Bis bald,

Janina

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