Ukraine: 2. Rundbrief Ukraine
15. Januar 2012 von margarethe.urbanekLiebe Familie,
Liebe Freunde,
Lieber Solidaritätskreis,
Liebe Zuhausegebliebenen,
Liebe Vergessenen,
Слава Ісусу Христу- neben Добрий день (GutenTag) und Привіт (Hallo)- mit eine der gängigsten Begrüßungsformen hier. Eine Begrüßung, die zeigt, welch eine große Rolle der Glaube hier im Alltag spielt, denn „Слава Ісусу Христу“ heißt nichts anderes als „Gelobt sei Jesus Christus“. Erwidert wird diese Begrüßung dann mit „Слава навіки“- also „Für immer Ruhm“.
In den Wochen und Monaten seit meinem letzten Rundbrief ist glücklicherweise einiges passiert und ich will mal nicht so sein, und Euch auf den neusten Stand bringen.
Die Nikolausaktion…
… unglaublich schwer, diese in Worten so zu beschreiben, dass es nicht langweilig klingt. Ich könnte sie also gar nicht erwähnen- das würde der Sache allerdings nicht gerecht werden. Ich könnte sie in Zahlen beschreiben- das wäre zu trocken. Ich könnte erklären, was wir gemacht- das würde chaotisch werden.
Ich werde einen Mix aus allem machen:
Um alles besser zu verstehen ist es vielleicht wichtig, die Bedeutung des Heiligen Nikolauses hier in der Ukraine zu kennen. Aufgrund der verschiedenen Kalender in der Ost-und Westkirche wird das Nikolausfest hier erst am 19.Dezember, nicht wie in Deutschland am 06. Dezember, gefeiert. Außerdem hat der Heilige Nikolaus und dementsprechend auch das Fest hier eine viel größere Bedeutung als bei uns. In jeder Kirche ist der Heilige Nikolaus auf der Ikonostase abgebildet. Man sieht viele Bilder, Gegenstände etc. mit dem Bild des Heiligen Nikolauses. Das was geschenkemäßig bei uns an Weihnachten ansteht, wird hier am Nikolaustag gemacht- nicht das Christkind sondern der Nikolaus bringt also die Geschenke.
Angefangen hat alles irgendwann Mitte November. Bis dahin hatte ich nur viel über die Nikolaus-Aktion gehört und war unfassbar froh, dass das alles jetzt anfangen sollte und ich alles endlich erleben kann. Dass Worte wie „unglaublich schön“, „faszinierend“, „erschöpfend“ endlich Realität werden sollten. Ich war gespannt auf die bevorstehenden ca. 1 ½ Monate.
Um die 2000 Kinder aus 17 Schulinternaten, Waisenhäusern usw. haben in diesem Jahr Briefe „an den Heiligen Nikolaus“ geschrieben. Diese Briefe kamen dann zu uns ins Büro, die Bevölkerung kam die Wunschzettel abholen, hat die Geschenke vorbereitet und wieder zu uns ins Büro gebracht, wo wir alles gesammelt und sortiert haben, um dann die Geschenke mit dem Nikolaus in die verschiedenen Einrichtungen zu fahren. Dort wurde dann immer ein kleines Theaterstück zu Ehren des Heiligen Nikolauses aufgeführt, bevor dann die Bescherung anstand.
Nachdem die Kinder dann ihre Geschenke bekommen haben sind sie in ihre Klassen/ auf ihre Zimmer gegangen um sofort alles auszupacken! Wir sind auch mit den Kindern gegangen, um zu sehen, was sie bekommen haben, wie sie sich freuen, um mit ihnen zu reden und zu spielen. Das war wirklich schön- bei und mit den Kindern. Aber bevor es zur Geschenkeübergabe kam, mussten erst einige, mehr oder weniger schöne, Arbeiten erledigt werden.
Hier ein kurzer Überblick:
Spendendosensäubern , präparieren, aufstellen; anschließend wieder einsammeln, zählen, dokumentieren, einpacken und für nächstes Jahr verstauen, Briefe falten und in Briefumschläge einsortieren, Briefumschläge nach Straßen und Hausnummern sortieren, Prospekte falten, Plakate aufkleben- in Minibussen und Straßenbahnen, Früchte abholen, sortieren; Geschenke annehmen, dokumentieren, Geschenke kontrollieren, einpacken, Geschenke in schwarze Müllsäcke verpacken- sortiert nach Schule und Klasse, schwarze Müllsäcke vom Büro ins Auto, vom Auto in die Matejke, von der Matejke ins Auto, vom Auto ins Kinderheim/ Waisenhaus/Schule tragen, Säcke dort auspacken und die Geschenke an die Kinder verteilen.
Das alles in unzähligen Arbeitsstunden, in siebentägigen Arbeitswochen, in Arbeitstagen die auch gerne mal erst um 21.00, 22.00, 23.00, 00.00, und später enden konnten. Kein Wochenende, keine freien Tage- das alles führte zur totalen Müdigkeit und zur totalen „Was-ist-heute-für-ein-Tag- Ahnungslosigkeit“
Klingt katastrophal? Stimmt, ist es aber nicht. Ganz im Gegenteil. Es hat echt Spaß gemacht alle diese Arbeiten zusammen mit anderen Jugendlichen zu machen, sich mit ihnen zu unterhalten, mit ihnen zu lachen, sie kennenzulernen und gemeinsam mit ihnen immer müder zu werden.
Oft haben wir auch nach der Arbeit noch mit allen zusammen gesessen, gegessen, geplaudert, getrunken, gelacht…
Leider, leider, leider habe ich erst viel zu spät verstanden, WARUM die viele Arbeit SO wichtig war. Natürlich wusste ich, dass wir das alles machen um die Kinder in den Waisenhäusern zu unterstützen, um sie glücklich zu machen. Aber was das wirklich bedeutet, habe ich erst auf der Rückfahrt vom ersten Waisenhaus realisiert. Aus Worten sind plötzlich Bilder geworden, Beschreibungen wurden Realität. Ja, und ich muss zugeben, auf dieser Rückfahrt sind auch meine ersten „ukrainischen Tränen“ gelaufen. Warum? Vielleicht ein kurzer Auszug aus meinem Tagebuch:
„Auf der Rückfahrt habe ich glaube ich wie versteinert dagesessen und auf die Straße gestarrt. Die Bilder aus den vergangenen Monaten sind mir durch den Kopf gegangen. Alles hat erst jetzt Sinn gemacht und das hat wehgetan. Vor allem, weil ich wusste, dass ich es nächstes Jahr nicht mehr erleben werde, obwohl ich es erst dann richtig, intensiv erleben kann, weil ich dann von Anfang an wissen würde, wie die Arbeit, die Müdigkeit, die Mühe, die Zeit belohnt werden würde.“
Ja. Es waren einfach die ersten Gedanken daran, dass das alles bald ein Ende haben wird. Dass ich diese Aktion zum ersten und zum letzten Mal SO erlebt habe. Ich habe zum ersten Mal richtig gespürt: „Scheiße Marga, das endet schneller als dir lieb ist.“
Ich habe viel gelernt in der Zeit der Nikolaus-Aktion. Sehr viel.
Ich habe gelernt,
- wie wenig Schlaf mein Körper wirklich braucht,
- was mich nervt, mit welchen Eigenschaften ich nicht zurechtkomme,
- wie ich mich beruhigen kann, wenn ich kurz vor der 180 bin
- die Leute und die Kultur besser zu verstehen
- wie verwöhnt Deutschland und seine Bevölkerung ist
- dass es die vermeintlich kleinen Gesten und Worte sind, die wirklich groß sind, die wirklich
glücklich machen
- dass strahlende Kinderaugen und ein „Danke“ glücklicher machen, als alles andere auf der Welt
Ich war unfassbar überrascht, als ich die Wunschzettel gelesen (bzw. verstanden) habe. Die Kinder haben sich Dinge wie Jacken, Handschuhe, Mütze, Winterschuhe, Buntstifte oder Schokolade gewünscht. Keine teuren Dinge, keine „unerfüllbaren“ Wünsche, sondern essentielle Sachen. Und „trotzdem“ waren die Kinder so unvorstellbar glücklich und als sie mich angeguckt haben und mir „Danke“ gesagt haben, war ich kurz sprachlos. Okay, das hat leider auch daran gelegen, dass mir die ukrainischen Wörter gefehlt haben. Aber besonders süß waren die Kinder immer dann, als ich ihnen erklärt habe, dass ich Deutsche bin und nicht so gut Ukrainisch sprechen kann. Dann durfte ich mir immer so Sätze anhören wie:
„Du kannst doch Ukrainisch!“
„Warum verstehe Ich Dich, wenn Du mich nicht verstehst?“
„Warum bist du Deutsche?“
„Kommst du nächstes Jahr wieder?“
Süß die Kinder. Besondere Aufmerksamkeit hat auch meine Brille erregt.
„Warum hast du eine Brille?“, „Weil ich ohne Brille nichts sehen kann.“ „Du kannst nicht sehen? Warum? Du musst dich operieren lassen!“
Genug der Worte, jetzt ein paar Bilder für euch, damit ihr euch ansatzweise
vorstellen könnt, was die Nikolaus-Aktion ausgemacht hat.
So endete also die Nikolaus-Aktion. Alle waren müde, erschöpft aber glücklich wegen dem guten Verlauf- auch deswegen wurde der Abschluss natürlich gebührend gefeiert. Einmal natürlich mit leckerem Bier, Schnaps und Essen in der Matejke und einmal mit einem wunderschönen Gottesdienst in der Kathedrale:
„Heute wollen wir beim Herrn für die Waisenkinder um etwas beten, was käuflich nicht zu erwerben ist, sondern nur in einem aufrichtigen Gebet zu erflehen ist – den Gottes Segen für ihr schwieriges Schicksal, wachsen in Gottes Gnade und in Gesundheit und in Familienwärme. Wir beten für alle, die sich auf irgendwelche Weise der Hilfsaktion angeschlossen haben für die für die Organisatoren, Volontäre, Spender und Wohltäter“
Insgesamt ziehe also ein super Fazit aus der Nikolaus-Aktion. Auch wenn es echt purer Stress war und ich teilweise am Rande meiner Kräfte war und die Müdigkeit mich echt auf die Probe gestellt hat, in manchen Situationen die Ruhe zu bewahren, habe ich trotzdem sehr gerne diese Erfahrungen gemacht. Und jetzt, wo ich wieder ausgeschlafen bin, es nicht mehr so viel zu tun gibt, wünsche Ich mir manchmal die Nikolaus-Aktion zurück. Zumindest das Gefühl mit den anderen zusammen was zu tun haben. Naja. Diese Aufgabe ist erst einmal erledigt und jetzt erwarten mich neue, hoffentlich genauso spannende neue Aufgaben in meiner Arbeit mit dem Malteser Hilfsdienst! Und ich freue mich darauf!
Und plötzlich ist da nur noch ein Loch,
in das man reinzufallen droht und versuchen muss, genau dies zu verhindern. Dieses Loch öffnete sich ca. zeitgleich mit dem Ende der Nikolaus-Aktion. Nach eineinhalb Monaten voller Arbeit, Stress und Müdigkeit war plötzlich einfach nur „Nichts“ da- keine Arbeit, keine Jugendlichen im Büro. Stattdessen viel Zeit, viel Langeweile und viel Alleinsein. Die Müdigkeit der letzten Wochen ist verflogen und wurde von dem Gefühl „mir fällt langsam aber sicher die Decke auf den Kopf“ ersetzt. Als selbst das Sitzen in der Kathedrale, das Spazieren um den See und das Autofahren mir nicht dabei geholfen haben, endlich wieder gut gelaunt durchs ukrainische Leben zu laufen, habe ich beschlossen: „Ich muss hier raus und wenn es nur für einen Tag ist!“
Also bin ich nach Lemberg gefahren- ohne Plan, ohne Vorstellungen, ohne Druck, aber auch ohne Orientierung. Vielleicht war es aber genau das Richtige, dass ich wirklich null Ahnung von dieser Stadt hatte. So konnte ich einfach nur gehen, nachdenken und diese wunderschöne oder wie mein Chef sagt „schönste Stadt der Welt“ auf mich wirken lassen.
Und ich muss sagen- es hat wirklich gut getan. Am nächsten Tag im Büro war ich wie ausgewechselt, ich hatte endlich mal wieder Lust ins Büro zu gehen. Ich war also wieder ein Schritt weiter entfernt von dem Loch, aber ich merke auch jetzt noch, dass es wieder näher kommt. Auch deswegen freue ich mich wahnsinnig auf diesen Monat. Denn der Januar wird der Monat des Abstandgewinnens und des Rauskommens: Erst erwartet mich ein Treffen mit (m)einer Schwester für ca. 3-4 Tage in Budapest und anschließend ein hoffentlich cooles Wiedersehen und Seminar in Rumänien mit allen Europa-Freiwilligen!
Silvester 2011/2012 hieß für mich:
Silvester in den Karpaten mit sieben anderen Jugendlichen. Samstagmittag ging’s los- Taschen, Essen, Getränke und Leute im Bus, Musik an und ab die Post. Wir alle hatten den Tapetenwechsel und die Entspannung mehr als nötig und fahren froh, dass es endlich losging. Irgendwann am frühen Abend sind wir dann angekommen- und ich muss sagen: der Ausblick war atemberaubend. Vor uns lagen der höchste und zweithöchste Berg der Karpaten, viel Schnee, die Sonne schien und das Haus war super! Wir hatten zwei Zimmer, ein kleines mit Doppelbett und ein größeres mit 3 Einzelbetten: 4 Betten, 8 Leute macht 2 Leute/ Bett- es war zwar eng, aber immerhin nicht kalt
!
Kurz vor Mitternacht lief es dann folgendermaßen ab:
Die Jungs haben den Tisch gedeckt und das Essen aufgetischt (und nebenbei ein, zwei Schnaps getrunken) und die Mädels haben sich schick gemacht. Ja, es scheint so zu sein, dass man sich hier für Silvester immer besonders schön anzieht und schminkt. Man hatte mir sogar gesagt: „Du brauchst noch ein Kleid für Silvester.“ Okay. Da ich weder so der Kleidertyp noch so der ultra-geschminkt-Typ bin, habe ich kurz mit den Jungs ein Gläschen getrunken, um mich dann mit den Mädels ins Umziehzimmer einzuschließen und zu quatschen.
Kurz vor 00.00 Uhr sind wir dann alle raus, haben am Lagerfeuer gestanden, jeder hat sich entschuldigt für etwas was er im vergangenen Jahr gemacht hat und was im leid tut (z.B.: Lügen, Lästereien,…) und dann war auch schon 00.00 Uhr und wir haben zusammen angestoßen und die Feuerwerke um uns herum genossen.
Meine Entschuldigung war übrigens ungefähr so: Ich entschuldige mich, dass ich so wenig
Ukrainisch gesprochen haben!
(übrigens auf Ukrainisch!)
[...]
In diesem Sinne: Macht es mindestens so gut wie Ich.
Die herzlichsten und liebsten Grüße nach Deutschland
Marga(rethe)
Bei Interesse am weiteren Rundbrief bitte die Freiwilligen per E-mail anschreiben



