Rumänien: 1. Rundbrief von Linda Beck
16. Januar 2012 von linda.beckSziasztok!
Und los geht es! Mit gepacktem Koffer stand ich dann plötzlich am Frankfurter Busbahnhof und verabschiedete mich von Familien und Freunden, was mir dann doch schwerer fiel als gedacht. Kaum fuhr der Bus los, fiel ich jedoch in einen Tiefschlaf, sodass ich von der Fahrt nicht viel mitbekam. Als ich aufgewacht bin, hatten wir unser Ziel auch schon erreicht: Budapest.
Ja, für mich und die anderen zwei Rumänienfreiwilligen Leah und Andreas ging es zunächst mal in Ungarns Hauptstadt, um dort Ungarisch zu lernen. Warum denn Ungarisch lernen, obwohl man doch in Rumänien Rumänisch spricht? Wir werden in einem Gebiet in Südostsiebenbürgen, dem Szeklerland, arbeiten, wo überwiegend Ungarn bzw. Szekler leben. Die Ungarn bilden mit 7,1 % der rumänischen Bevölkerung eine Minderheit in Rumänien, im Szeklerland ist Ungarisch sogar zweite Amtssprache und bis zum 1.Weltkrieg hat ganz Transsilvanien noch zu Ungarn gehört. Deswegen Ungarisch.
In Budapest hat es mir gut gefallen, die Stadt ist so schön jung und lebendig. Nach zwei Wochen Sprachkurs mit unserer lieben Frau Agoston hieß es dann jedoch schon wieder „Tschüs Budapest.“ und „Hallo Transsilvanien.“ (oder Erdely – wie die Ungarn sagen würden) und „Hallo Szekelyudvarhely!“ Allerdings hatte ich erst mal große Schwierigkeiten den richtigen Busparkplatz, von dem mein Bus nach Udvarhely abfahren sollte, zu finden. Nachdem ich eine Weile vollbepackt und total verwirrt am Busbahnhof herumgerannt bin, habe ich Gott sei Dank doch noch den richtigen Parkplatz, versteckt hinter einem Hochhaus, gefunden und kam gerade noch so pünktlich. Erleichtert und voller Vorfreude konnte die Reise losgehen. Am nächsten Morgen kam ich wie geplant in Udvarhely an und wurde von Ildiko, meiner Ansprechpartnerin, und ihrem Freund Robert am Busbahnhof abgeholt. Es war schon aufregend, das erste mal Udvarhely zu sehen, die Kleinstadt, die für die nächsten dreizehn Monate mein Zuhause sein wird. Ildiko und Robert haben mir dann auch direkt meine Wohnung gezeigt. Meine Wohnung ist echt super, für Besuch ist genug Platz. Außerdem habe ich noch eine total liebe und lustige rumänische Mitbewohnerin, Monika.
Meine ersten drei Tage habe ich jedoch gar nicht in der Wohnung verbracht. Robert und Ildiko haben mich mit aufs Dorf genommen, wo sie ein altes Haus haben, das sie renovieren wollen, um dann dort einzuziehen. Auf dem Dorf hat es mir auch richtig gut gefallen. Den Tag haben wir mit Freunden und Nachbarn im großen Garten verbracht und irgendwie waren wir immer am essen und zwar Fleisch. Morgens, mittags und abends. Es hat schon sehr gut geschmeckt, aber es war dann doch ein bisschen viel.
Zurück in Udvarhely kam dann auch schon mein erster Arbeitstag bei der Caritas. Es ist ein wenig schwer, meine Arbeit kurz zusammenzufassen, weil sie so vielseitig ist, aber ich versuche es mal. Einmal die Woche arbeite ich mit meinen Kolleginnen Melinda und Kinga mit älteren Menschen. Wir turnen, trinken Kaffee und basteln. An manchen Nachmittagen fahre ich mit Isu, Emö und Piroska zu den Schulen in den umliegenden Dörfern. Dort spielen und reden wir mit den Schulkindern. Und dann bin ich einmal die Woche noch im Krankenhaus, wo wir mit der Caritas ein Bibliotheksprojekt haben; wir verleihen Bücher an die Patienten. Zudem gibt es noch ein anderes Krankenhausprojekt; ich und andere rumänische Freiwillige spielen mit den kranken Kindern. Ich finde es echt toll, dass es hier so viele rumänische Freiwillige gibt, die sich neben Schule, Uni oder Arbeit sozial engagieren. Kürzlich hat die Caritas sogar extra eine „Önkentes Gala“, einen Freiwilligenball, veranstaltet. Die restliche Zeit bin ich im Caritasbüro, wo meine Kollegen eigentlich immer irgendeine Beschäftigung für mich finden. Bald soll ich zusammen mit einem rumänischen Freiwilligen eine Grundschulklasse spielerisch in Deutsch unterrichten. Ich freue mich darauf, bald für etwas selber voll verantwortlich zu sein. So, jetzt habt ihr einen kleinen Eindruck von dem, was ich hier so mache.
Bei der Caritas fühle ich mich einfach total wohl. Meine Kollegen sind alle relativ jung und so hilfsbereit und fürsorglich. Als zu Beginn mein Herd noch nicht angeschlossen war, haben meine Kollegen sich große Sorgen gemacht, dass ich nichts Warmes zu essen bekomme. Deshalb hat mir Zsusza Suppen mit auf die Arbeit gebracht, die ich mir dann bei der Nachbarin warm machen konnte. Und wenn Lujzie der Meinung ist, dass es in Jeansjacke doch viel zu kalt für mich ist, gibt sie keine Ruhe, bis ich nicht ihre Jacke auch noch angezogen habe.
Ich muss nur sagen, ich vergesse immer, dass ich in Rumänien bin. Alles um mich herum ist so ungarisch. In Udvarhely spricht wirklich jeder konsequent nur Ungarisch und es gibt traditionelles ungarisches Essen, Zeitungen auf Ungarisch, ungarisches Radio und ungarische Straßenschilder. Nur die Polizisten sind Rumänen. Stoße ich dann doch mal auf Rumänisch, bin ich immer wieder etwas überrascht. Und es ist auch manchmal echt frustrierend, weil ich mich mit dem Ungarischlernen so abrackere, und dann fährt man in die nächste Stadt und man kann sich mit keinem mehr verständigen, weil ich die Landessprache überhaupt nicht kenne. Die Kommunikation zwischen Rumänen und Ungarn ist auch leider etwas schwierig. Die Ungarn, die ich getroffen habe, bedauern sehr, dass sie hier als Minderheit leben müssen und nicht mehr zu Ungarn gehören. Aber genauso kann ich den Rumänen verstehen, den ich in Vasarhely getroffen habe, und der sich ärgert, dass er, wenn er ein Brot auf Rumänisch bestellt, keins bekommt. Das Thema ist ein bisschen schwierig und ich habe mir noch keine wirkliche Meinung dazu gebildet.
Die Wochenenden nutze ich oft für Ausflüge. Ich habe mir schon ein paar Städte angeschaut und war im Salzwassersee schwimmen. Und wie bewegt man sich in Rumänien am schnellsten und günstigsten fort? Trampen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, Leah und ich haben zwei Stunden am Straßenrand gestanden, um nach Sighisoara mitgenommen zu werden und um am Ende dann doch den Zug zu nehmen, klappt es jetzt echt super. Momentan bin ich dabei alle Verkehrsmittel auszutesten, ein alter Klapperdacia, ein dicker Jeep und ein Lastwagen, war alles schon dabei. Jetzt fehlt nur noch die Pferdekutsche. Besonders Spaß macht es, mit Lastwagen mitzufahren. Das sind nämlich fast immer Rumänen-Rumänen, also keine Ungarn-Rumänen, und die hören so coole rumänische Balkanmusik. Und mit Balkanmusik langsam durch Transsilvanien tuckern ist einfach schön. Trampen ist hier ganz normal und Leute allen Alters nutzen diese Möglichkeit. Aber allein trampen werde ich nicht, da hätte ich schon Angst.
Und ich habe ein neues Hobby gefunden. Ungarische bzw. Szeklervolkstänze. Ja, letzte Woche ging es zum ersten Mal zum Szeklervolkstanzkurs. Es war wohl kaum zu übersehen, dass ich zum ersten Mal dort bin. Schon rein äußerlich tanze ich aus der Reihe. Während alle Frauen lange traditionelle Röcke und Tanzschuhe trugen, tanzte ich mit Jeans und Stiefeln. Zum Glück hatte meine Kollegin Beata, die mich mitgenommen hatte, noch ein Stofftaschentuch für mich übrig. Das Stofftaschentuch ist nämlich unentbehrlich für die Volkstänze. Ja, und dann fing auch schon die Szeklerband zu spielen an und los ging es. Die Männer haben sich in einem Kreis aufgestellt und die Frau ist nun von Tanzpartner zu Tanzpartner gewandert. Natürlich habe ich erst mal nichts von dem verstanden, was das Tanzlehrerpärchen erklärt hat. Na ja, irgendwie drehen halt, habe ich mir gedacht. Das irgendwie Drehen war dann wohl doch nicht so ganz richtig und meine Tanzpartner gaben mir lauter gutgemeinte Ratschläge, die ich jedoch leider nicht verstanden habe. „Német vagyok, nem ertem!“ – „Ich bin Deutsche, ich verstehe nicht!“ So habe ich jedes Mal aufs Neue versucht zu erklären, warum ich keine Ahnung von Szeklertänzen habe. Bevor ich eine Figur verstanden und verinnerlicht hatte, wurde auch schon die nächste erklärt und geübt. Warum sieht das denn bei den anderen Frauen so leicht und elegant aus? Irgendwann habe ich aufgehört, groß über die Schritte nachzudenken und habe einfach nur mein „bolra, iobra, bolra, iobra“, links, rechts, links, rechts, durchgezogen und siehe da, dann hat es doch noch geklappt. Und so habe ich am Ende sogar noch ein „ügyes“ (geschickt) und „jol volt“ (das war gut) abgesahnt. Anschließend gab es noch Gruppentänze, und die Männer konnten ihre Stampfkünste unter Beweis stellen. Ja, mitten im Tanz bricht der Mann nämlich in ein wildes Gehüpfe, Gestampfe und auf die Beine Schlagen aus. Das hört sich jetzt nicht so ästhetisch an, aber ich war nicht wenig beeindruckt, als der Tanzlehrer sein Können zeigte. Ich hatte an dem Abend auf jeden Fall einen Riesenspaß, und so schnell werden sie mich im Tanzkurs wohl nicht los.
Inzwischen sind seit meiner Ankunft in Rumänien über drei Monate vergangen. Die Zeit rast. Die Berge leuchten nicht mehr grün, sondern rot, orange und gelb. So schöne Herbstwälder wie hier habe ich in Deutschland noch nie gesehen. Alles ist so schön bunt. Ich genieße es jedes Mal, wenn ich durch diese schöne Landschaft spaziere oder auf den kleinen, mit Schlaglöchern versehenen Landstraßen fahre. Und es ist toll, dass ich alle Jahreszeiten in Rumänien miterleben kann.
Ich könnte ewig weiter erzählen, aber ich glaube es reicht jetzt erst mal. Köszönöm, danke fürs Lesen.
Liebe Grüße
Linda