Bolivien: 1. Rundbrief von Christian Hagel
17. Januar 2012 von christian.hagel(geschrieben am 09. November 2011)
Lieber Solidaritätskreis, liebe Freunde, liebe Verwandte, ganz allgemein: Liebe Leser!
Nun sind drei Monate in Bolivien vorbei, davon zwei in meinem Projekt, und ich soll hier zusammenfassen, „wie es hier so ist“. Sowieso meine Lieblingsfrage. Aber was soll’s, ich werde mich jetzt mal daran begeben, diese doch ziemlich vage Frage zu beantworten.
Erst einmal die Fakten: Ich lebe in El Alto, direkt neben bzw. über La Paz, zusammen mit Steffen, meinem Mitfreiwilligen vom Kindermissionswerk Aachen, im Freiwilligenhaus der Fundación Palliri. Das Haus ist wirklich toll, und man hat alles, was man zum Leben braucht. Meine Arbeit besteht größtenteils und meistens darin, in einem der beiden zur Fundación gehörenden Bildungszentren den Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen, mit ihnen Sport zu machen, Computerkurse zu geben oder oft auch einfach nur mit ihnen darüber zu reden, was man so am Wochenende gemacht hat, welche Musik man hört und ob es in Deutschland eigentlich auch fast jeden Tag Demonstrationen gibt, die die halbe Regierungsstadt (nein, La Paz ist nicht die Hauptstadt von Bolivien) lahmlegen. In den ersten Tagen war es noch relativ schwierig, da ich die Kinder und Jugendlichen, die übrigens in meiner Gruppe zwischen 14 und 18 Jahre alt sind, nicht kannte und auch mein Spanisch noch nicht wirklich gut war. Es hat vielleicht eine Woche gedauert, und ich habe mich richtig wohl gefühlt. Sowohl mein Spanisch als auch die Beziehung zu den Kindern hat sich deutlich gebessert. Mittlerweile kenne ich die meisten Namen, weiß, wie alt sie sind, welche Musik sie mögen, wo sie schon überall waren, und dass der kleine Bruder gestern wohl ziemlich genervt hat.
Doch als meine alltägliche Arbeit kann ich das nicht wirklich bezeichnen, immer wieder wird hier und da gerade meine Hilfe benötigt, und so erfahre ich meistens erst morgens, dass ich den Rest des Tages zum Beispiel mit meiner Chefin Isa „unten“ in La Paz verbringen werde. Flexibilität wird hier definitiv großgeschrieben.
Apropos Flexibilität: Es kann, egal was man vorhat, immer etwas dazwischen kommen. Das tut es in Deutschland manchmal, hier ist es – den Eindruck habe ich – der Normalfall. Und wenn man nur geplant hat, mit einem der vielen Minibusse für umgerechnet 20 Cent nach La Paz zu fahren, um Besorgungen zu machen: Man darf einfach nicht frustriert sein und muss sich schnell einen Plan B ausdenken, wenn Bloqueos (Demonstrationen) oder Feiertage mal wieder alle Vorhaben zunichtemachen. Am Anfang nervt so etwas noch, nach einer Weile gewöhnt man sich daran und regt sich nicht mehr auf, sondern nimmt es hin, macht halt etwas anderes und lernt letzten Endes die gelernte Flexibilität zu schätzen.
Auf der einen Seite herrscht hier, wie bereits angeschnitten, eine schon ziemlich andere Mentalität als in Europa. Auf der anderen Seite sind viele Dinge erstaunlich ähnlich, besonders in La Paz. Es gibt Kinos, in denen die neuesten Hollywoodblockbuster laufen, Fast Food-Ketten, Starbucks-ähnliche Cafés, Diskotheken, und neben südamerikanischem Reggaeton und Cumbia die (mehr oder weniger) aktuellen MTV-Charts. Und auch das Essen kann, wenn man will, sehr europäisch bzw. international sein. Natürlich gibt es zum Mittagessen im Projekt oder bei bolivianischen Familien das normale bolivianische Essen, vor allem Reis und Kartoffeln, manchmal auch Nudeln, übrigens immer ohne Soße, zusammen mit Fleisch und einem fast übersehbaren, winzigen Häufchen Salat, auch ohne Soße. Man gewöhnt sich dran. Wenn man selbst kocht oder in La Paz essen geht, kann man aber wirklich alles essen, worauf man gerade Lust hat, von japanisch über mexikanisch und italienisch bis deutsch.
Noch etwas zum bolivianischen Essen: Es gibt traditionelle Gerichte hier, die ich liebe! Und auch Reis mit Kartoffeln und Fleisch kann, man glaubt es kaum, ziemlich gut schmecken.
Fast alles ist hier wesentlich billiger als in Deutschland, besonders, ich bin schon wieder bei dem Thema, das Essen – man kann für drei Euro ordentlich essen gehen. Auch Busfahren ist, wie schon erwähnt, extrem billig.
Zum Schluss noch etwas zur politischen Situation in Bolivien, da viele mich gefragt haben, „was denn da los ist“: Es gibt keine wirklichen nationalen Unruhen, wie es in deutschen Nachrichten vielleicht dargestellt wurde. Dennoch ist etwas in Bolivien los, was ich hier kurz erörtern möchte.
Evo Morales ist der erste indigene Präsident Boliviens, der 2009 mit einer großen Mehrheit der Stimmen wiedergewählt wurde. Er setzt sich für die Rechte der indigenen Bevölkerung ein, fördert den Umweltschutz und versucht, wirtschaftlichen Aufschwung herbeizuführen, jedoch mit einem keineswegs europäisch orientierten Demokratieverständnis. Was nicht heißt, dass es keine Demokratie ist! Hier wird das Wort nun mal anders interpretiert. Jegliche politische Opposition wird, so gut es geht, mundtot gemacht, und auch Gewaltenteilung wird nur theoretisch praktiziert.
Der Präsident ist sehr beliebt in der Bevölkerung, zumindest hier im Hochland, was man an den vielen „EVO SI“-Graffitis, die man überall sieht, deutlich merkt.
Vor einigen Wochen aber trat Evo (Nachnamen werden hier generell nur selten benutzt) für eine Straße quer durch den Nationalpark TIPNIS ein. Vor allem die indigene Bevölkerung fühlte sich in ihren Rechten verletzt, Evo wurde als Verräter bezeichnet. Nach einem wochenlangen Protestmarsch durch halb Bolivien, bei dem (angeblich, ganz klar ist das nicht) eine ältere Frau und ein Baby gestorben sind, protestierten tausende Menschen in La Paz gegen den Bau der Straße. Unklar ist, inwiefern die USA ihre Hände im Spiel haben. Es wäre durchaus im Interesse der Vereinigten Staaten, den Bau einer Straße, die vor allem Brasilien ökonomisch einen großen Schritt voran bringen würde, zu verhindern. Mittlerweile scheint das Vorhaben vom Tisch zu sein, Evo persönlich hat den Nationalpark TIPNIS als „unverletzlich“ bezeichnet. Sicher ist jedoch noch nichts.
Soweit von mir, wer mehr wissen möchte, kann sich gerne meinen Blog unter 400dias.tumblr.com ansehen oder mir eine Email schreiben.
Viele Grüße nach Deutschland!
Christian

