Kroatien: 3. Rundbrief von Sinah Clos

17. Januar 2012 von sinahaline.clos

Lieber Solidaritätskreis, liebe Freunde und Familie, liebe Leser,

nun bin ich schon fast ein halbes Jahr in Kroatien und ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich mich nicht unsterblich in dieses Land verliebt habe.
„You may not always end up where you thought you were going. But you will always end up where you are meant to be.”  (auf Deutsch: „Du kannst nicht immer dort landen, wo du dachtest, wo du hingehen würdest. Aber du wirst immer dort landen, wo du sein solltest.“)
Ich habe in Kroatien ein Zuhause gefunden, in das ich wohl mein Leben lang immer wieder zurückkehren werde, wobei es mir momentan auch noch unmöglich erscheint, hier überhaupt wieder weg zu gehen. Ich bin mittlerweile an dem Punkt angekommen, an dem ich sage, dass mein Projekt in Kroatien das Beste ist, was mir passieren konnte. Denn während ich vor meiner Abreise immer noch an meinem Traum festhielt, nach Afrika zu gehen,  und zwar „entweder nach Afrika oder nirgendwohin“, bin ich mittlerweile überglücklich, dass ich hier bin, in Kroatien. Mir wurde vor allem klar, dass es letztendlich nicht darauf ankommt, in welches Land man geht und welche Orte man besucht, sondern dass es ganz alleine darauf ankommt, welchen Menschen man auf seinem Weg begegnet.
Aus diesem Grund möchte ich diesen dritten Rundbrief dazu nutzen, etwas über den Menschen zu erzählen, der mir hier wohl am meisten bedeutet und für mich mittlerweile schon zu meinem Alltag dazugehört wie der türkische Kaffee und die kroatische Sprache.

                                                                    Penelopa
Penelopa und ich

 Wenn ich gefragt werde, wie denn mein Projekt hier aussieht, dann rücken die Caritas, das Frauenhaus und die Schule an sich erstmal in den Hintergrund und mir kommt zuerst der Name „Penelopa“ in den Sinn. Penelopa ist, wie ich im letzten Rundbrief bereits erzählt hatte, 7 Jahre alt, besucht die erste Klasse der katholischen Grundschule und leidet an einer spastischen Tetraparese. Sie ist also körperlich behindert und sitzt im Rollstuhl. Ich bin neben der Arbeit in der Caritas und im Sicherheitshaus für Frauen von Montag bis Freitag in der katholischen Grundschule tätig, wo ich Penelopa betreue und ihr bei allem helfe, was sie nicht alleine bewältigen kann. Ich nenne Penelopa gerne „Sonnenschein“ oder „kleine Lebenskünsterlin“ und diese Titel hat sie ohne Zweifel verdient. Ich bin in meinem ganzen Leben noch keinem so lebensfrohen, aufgeweckten, lustigen und liebenswürdigen Mädchen begegnet, wie sie es ist.  Sie ist unheimlich intelligent und interessiert, lernt Texte schneller auswendig als jeder Theaterprofi und ist meine beste Kroatischlehrerin. Immer, wenn ich ein neues kroatisches Wort lerne, lernt sie es gleichzeitig auf Englisch und Deutsch und kann es sich danach besser merken als ich. Sie verbessert alle meine Grammatikfehler und ich bekomme Sätze wie „Sinah, das ist Serbisch, das kannst du nicht sagen“ zu hören. Außerdem ist sie die Einzige, die es noch nicht aufgegeben und als hoffnungslos erklärt hat, mir beizubringen, wie man das kroatische „R“ richtig ausspricht ;-) . Sie liebt es, Witze zu erzählen und redet mindestens genau so viel wie ich. Nicht nur Penelopa nennt mich jetzt schon „Schwester“, ihre ganze Familie sieht mich, wie selbstverständlich, als ein Familienmitglied und das ist ein unheimlich schönes Gefühl. So verbringe ich die Sonntage oft mit Penelopa und ihren Eltern bei den Großeltern auf dem Land und bin immer wieder begeistert von dem Dorfleben hier, wo das Motto gilt: Alles, was auf den Tisch kommt, wurde selbst gefangen, wächst im Garten oder ist hausgemacht. Generell verbringe ich auch außerhalb der Schule viel Zeit mit Penelopa und ihren Eltern, die für mich Freunde geworden sind, die ich mir hier nicht mehr wegdenken möchte. Wir gehen oft spazieren, Penelopa fährt dann ein spezielles Fahrrad und verlangt immer, dass wird stundenlange Wettrennen starten: Ich renne und sie fährt Fahrrad und ist dabei so aufgedreht und glücklich, dass ich mir nichts mehr wünsche, als dass sie eines Tages genauso problemlos laufen und rennen kann wie all die anderen Menschen um sie herum. Und das ist nicht bloß ein irrer Wunsch, sondern gar nicht so fernliegend: Penelopa könnte tatsächlich in einer Spezialklinik in München behandelt werden und es besteht eine große Chance, dass sie danach eigenständig laufen könnte. Da es sich allerdings um eine sehr kostspielige Behandlung handelt, ist es Penelopa und ihrer Familie (noch) nicht möglich, diesen Schritt zu gehen. Damit wären wir auch bei einem großen Problem in diesem Land: Kranke und behinderte Menschen werden hier finanziell kaum bis überhaupt nicht unterstützt. So wurden Penelopa bis heute lediglich ein Rollstuhl und ein paar Schuhe bezahlt und für alles andere (wie zB Kosten für Physiotherapie und andere Behandlungen) muss die Familie selbst aufkommen. Penelopa betet oft, wünscht sich, irgendwann laufen zu können, malt Bilder von rennenden Mädchen und gibt ihren Freundinnen Anweisungen, wie sie sich bewegen und tanzen sollen und schaut ihnen dabei lächelnd und verträumt zu. In solchen Momenten ist meine Kehle wie zugeschnürt und es macht mich unfassbar wütend und traurig zugleich, dass ein kleines Mädchen im Rollstuhl die Chance hätte, irgendwann eigenständig laufen zu können und es am Geld scheitern soll. Penelopa ist nicht nur meine beste Kroatischlehrerin, sie lehrt mich auch, wenn auch unbewusst, andere, viel tiefer gehende Dinge. Bevor ich meinen Freiwilligendienst anfing, war ich der Meinung, dass ich das tun werde, weil ich anderen Menschen helfen werde. Penelopa hat mich eines besseren belehrt. Klar, ich „helfe“ ihr bei allem, was sie auf Grund ihrer Behinderung nicht alleine machen kann. Aber im Prinzip hilft sie mir viel mehr. Es ist schwer zu beschreiben, inwiefern sie das tut, aber sie zeigt mir, wie lebenswert das Leben ist und wie glücklich man sein kann, auch wenn man nicht alles bekommt, was man sich noch so sehr wünscht. Wenn ich mit Penelopa zusammen bin, kann ich das eigentlich nur mit einem Spruch beschreiben:
„Kein Mensch ist perfekt, nur das Leben ist es manchmal.“

Ljubav, Život, Vjera
Wenn ich mein Leben in Kroatien in 3 Worten beschreiben sollte, wären es diese drei.
„Ljubav“ bedeutet Liebe. Die Menschen hier begegnen mir mit so einer Liebe, so einer Herzlichkeit, wie ich es vorher noch nicht erlebt habe. Ich höre so oft Sätze wie „Sinah, wir lieben dich und darfst niemals von uns weggehen“ und da ich festgestellt habe, dass Kroaten unheimlich ehrliche Menschen sind, freut mich so etwas dann umso mehr. Ich habe hier Freundschaften geschlossen, die ich mit Worten kaum beschreiben kann. Die Menschen sind unheimlich offen und vor allem sehr interessiert daran, „die Deutsche“ in der Stadt besser kennenzulernen. Denn ich bin nicht nur die einzige SoFiA-Freiwillige in Kroatien, sondern auch eine der sehr wenigen „Fremden“ in dieser Stadt. So habe ich den Heiligabend beispielsweise mit 6 Leuten verbracht, von denen ich vorher nur Einen kannte (und das auch nur flüchtig). In diesem Fall wurde ich mit den Worten „Wir wollen nicht, dass du an Heiligabend alleine in die Kirche gehst“ eingeladen. Wenn ich mal krank bin – und das bin ich hier erstaunlich oft – klingelt mein Handy mindestens 10 mal täglich und ich werde von den verschiedensten Bekannten gefragt, ob sie mir was einkaufen sollen oder ob ich denn irgendwas bräuchte, da sie wissen, dass ich alleine wohne. Liebe ist eine sehr gute Beschreibung für das, was mir hier täglich entgegengebracht wird. Und daran, dass das Lieblingsgesprächsthema hier „wir müssen Sinah an einen Kroaten verheiraten“ lautet und dass somit immer peinliche „Verkupplungsaktionen“ gestartet werden, musste ich mich eben auch irgendwie gewöhnen ;-) .

„Život“ bedeutet Leben. Das Leben hier ist anders und vor allem die Mentalität der Menschen ist anders. Die Menschen hier sind nicht nur sehr temperamentvoll, sondern auch sehr gelassen. Es ist das kroatische „nema problema“ (auf Deutsch: „Kein Problem“), was dieses Leben hier irgendwie ausmacht. Denn auch wenn es vielen Menschen finanziell schlecht geht, sieht man sehr selten jemanden, der sich davon unterkriegen lässt und nicht seine täglichen Witze reißt. Es klappt eben alles irgendwie und irgendwann und man ist dankbar für alles, was man hat, auch wenn es manchmal aus deutscher Sicht viel zu wenig ist. Man sieht das, was man hat und trauert nicht um das, was einem verloren ging oder was man eben nie bekommen hat. Es ist eben alles „kein Problem“, ganz einfach „nema problema“.

„Vjera“ bedeutet „Glaube“. Der Alltag der Menschen hier ist geprägt vom Katholizismus und so ist es nun auch meiner. Denn obwohl ich selbst nicht katholisch bin, arbeite ich in der ersten katholischen Grundschule Kroatiens und bekomme somit einen Eindruck von der katholischen Kirche. Ich besuche jeden Sonntag die Messe und bete jeden Morgen in der Schule. Die Religion und der Glaube sind in Kroatien sehr ausgeprägt und vor allem nimmt auch – im Gegensatz zu dem, was ich aus Deutschland kenne – der Großteil der Jugend daran teil. Die Jugend hier scheint sehr vernünftig zu sein und generell halten sich die Menschen sehr an ihrer Religion fest. Ich werde oft gefragt, ob es mir denn was ausmacht, dass ich in einem katholischen Land lebe und in der katholischen Schule tätig bin. Meine Antwort, dass ich zwar nicht katholisch bin und in Deutschland auch kaum die Kirche besucht habe, aber an Gott glaube und für mich jeder gläubige Mensch der Welt den gleichen Gott hat, egal welchen Namen dieser trägt, stößt hier teilweise auf Unverständnis, aber größtenteils („Gott sei Dank“) auf Verständnis und teilweise sogar so etwas wie Bewunderung.
Vor allem zur Weihnachtszeit war es für mich sehr schön, in einer katholischen Gesellschaft zu sein. Denn hier ging es nicht um die Geschenke, die man an Weihnachten verschenkt oder bekommt, sondern hauptsächlich um das Weihnachten an sich, um die Geburt Jesu Christi und das gerät in Deutschland oft etwas in Vergessenheit, wie ich finde. In der Schule war um die Weihnachtszeit also sehr viel los. Wir haben viel gesungen und gebastelt und wir haben mit der Lehrerschaft „gewichtelt“. Dies hatte den Namen „Anđeli“ (auf Deutsch: „die Engel“). Alle Lehrer und alle, die in der Schule arbeiten, zogen Ende November einen Zettel mit dem Namen eines Kollegen. Wer wessen Name zog, blieb bis kurz vor Weihnachten geheim und jeder sollte nun jeden Abend bis Weihnachten für denjenigen, dessen Name er gezogen hatte, beten. Dann waren wir also kurz vor Weihnachten bei unserem Bischof eingeladen und es wurde aufgelöst, wer für wen gebetet hatte und man schenkte sich gegenseitig etwas Kleines. Es ist ein unbeschreiblich schönes Gefühl, dass jeden Abend jemand für mich gebetet hat.       

 

 

Weihnachtsfeier im Haus des Bischofs

Reden, Essen, Lachen, Leben

Mit der Sprache, die mir anfangs eigentlich „unerlernbar“ erschien, klappt es erstaunlich gut. Ich konnte sie sehr schnell lernen und mittlerweile ist Kroatisch zur Hauptkommunikationssprache geworden. Ich weiß selbst nicht, wie ich das gemacht habe, aber ich glaube, dass es irgendwie Penelopas Verdienst ist, da ich eben nicht daran vorbeikomme, jeden Tag Kroatisch zu sprechen. Kroatien, insbesondere Dalmatien, wo ich lebe, ist sehr bekannt für seine Fischgerichte. Die Tatsache, dass ich in Deutschland vorher nie wirklich Fisch gegessen habe, verblüfft hier viele und sorgt auch immer für viel Gelächter, da ich mich immer wieder als unfähig zeige, einen Fisch richtig aufzuschneiden ;-) .  So hab ich hier eben schon Sachen gegessen, um die ich in Deutschland mit Sicherheit einen großen Bogen gemacht hätte. Zum Beispiel „musste“ ich letztens Oktopus essen, denn die Tatsache, dass der Bischof dabei neben mir saß, ließ mir des Anstands wegen keine Chance, mich davor zu drücken.
Da ich es liebe, Menschen lachen zu sehen, freut es mich immer tierisch, wenn ich jemanden zum Lachen bringe. Das geschieht hier übrigens nicht selten. Das liegt aber wohl nicht an meinen guten Witzen, denn wer mich kennt, der weiß, dass man über meine Witze eigentlich nur lachen kann, weil sie richtig schlecht sind. Es liegt viel eher an meiner Verpeiltheit, an der sich offensichtlich auch hier in Kroatien nichts geändert hat. Nur mal ein paar wenige Beispiele, warum ich hier „lebende Legende“ genannt werde: Ich habe meine Direktorin (Nonne) gefragt, ob sie denn einen Ring tragen darf, wenn sie mal heiratet. Ich mache und sage im Gottesdienst generell immer das Falsche oder muss manchmal laut lachen, weil meine Gedanken dorthin schweben, wo sie zu dem Zeitpunkt nicht sein sollten. Ich habe es geschafft, unseren Bischof des Öfteren während eines Gebets zum Lachen zu bringen und wenn ich mal Kleider trage, die nur 2 Farben enthalten, werde ich sofort gefragt, was mit mir los ist, weil ich ja eigentlich ein „Hippie“ bin. Außerdem verwechsele ich gerne Vokabeln und dann passiert es beispielsweise, dass ich anstatt „Er hat gesagt, dass ich schön singe“, „Er hat gesagt, dass ich schön pinkele“ sage. ;-) Ich sorge also – gewollt und ungewollt – oft für Unterhaltung und wenn ich mal 2 Minuten schweige, denken eben alle, ich sei krank oder es wäre was passiert.
Ich bedanke mich für eure Unterstützung.
Danke an jeden, der sich die Zeit genommen hat, diesen Rundbrief zu lesen und an alle, die mir auf meinen letzten Rundbrief geantwortet haben. Ich wünsche jedem von euch, wenn auch etwas verspätet, ein glückliches Jahr 2012 und vor allem wünsche ich euch, dass ihr immer einen Ort habt, den ihr „Zuhause“ nennen könnt, weil ich glaube, das ist das Wichtigste.
Freunde...
home, sweet home...

Penelopa und ichHerzliche Grüße und eine Umarmung aus Kroatien,

eure Sinah

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