Indien 1. Rundbrief von Meike Jacobs

25. Januar 2012 von meike.jacobs

5 Uhr in der Frühe…

Die Stimme des Muezzin schallt durch die Lautsprecher ins Dorf und ruft zum ersten Gebet der Muslime auf. Ich lausche einen Moment seinem Gesang und schlafe wieder ein …

Liebe Familie und Freunde, liebe Leserinnen und Leser,

endlich finde ich die Zeit ueber mein Leben hier in Indien zu berichten. 4 Monate sind bereits vergangen und es folgen einige mehr. Erste Eindrücke wurden gesammelt, so manches vertraut und wieder anderes neu…

 

Cowdalli

Ich lebe in einem 10.000 Seelen Dorf namens Cowdalli im Bundesstaat Karnataka. Hier leben überwiegend Muslime und Hindus und eine Minderheit Christen. Nie zuvor habe ich eine solche Vielfalt an Religionen und Ritualen miterleben dürfen. Religion spielt in Indien eine sehr große Rolle und begegnet mir täglich. Ob es das Dorf ist, welches in verschiedene “Religionsviertel” eingeteilt ist, die Götterfiguren, die mit Blumengirlanden an der Frontscheibe der Busse angebracht sind oder die vielen verschiedenen Feiertage.

Ich könnte auch meine Wohnsituation nennen, denn ich lebe im Gästezimmer des Pfarrhauses zusammen mit Father Francis, der Köchin Bernadeth und ihrem Sohn Pradeep. Ich wurde sehr herzlich empfangen und werde seit dem ersten Tag von Bernadeth mit herrlichem indischen Essen verwöhnt. Nach kürzester Zeit wurde ich auf  “Meika” umbenannt, da sich mein Name als Zungenbrecher fuer viele Inder herrausstellte.

 

Dies ist mein 2. Besuch in Indien, doch der erste so lange und intensive…2009 bin ich zusammen mit der Indiengruppe des Auguste-Viktoria-Gymnasiums Trier für einen Monat nach Indien gekommen. Auf dieser Reise habe ich auch meine jetzige Projektstelle besucht, zu diesem Zeitpunkt noch unwissend das ich 2 Jahre später dort für eine gewisse Zeit leben werde.

 

…erster Tag in der Schule…

Mehr als 500 grosse, dunkle Augenpaare schauen mich gespannt an. Manche ägnstlich, andere freudig gespannt, wieder andere neugierig.

“1 Jahre bleibt sie bei uns?..So lange ohne ihre Familie? Ist sie etwa den Weg alleine hier her gekommen? Aber wie? Mit dem Flugzeug natürlich? Flugzeug..Wie viele Leute gehen denn in ein Flugzeug rein?”…

Mein erstes Aufgabengebiet ist die Mitarbeit in der  St. Anthony’s High School& Primary School  Doch Schule in Indien ist so ganz anders als in Deutschland…

2nd Standard, 57 kleine Jungs und Mädchen sitzen gespannt an ihren Holzbänken mit Schulranzen auf dem Boden, die manchmal größer sind als sie selbst. Die Jungs in blauen Hosen, blauweiss kariertem Hemd, Krawatte und Kniestrümpfen in den Schuhen. Die Mädchen im gleichen Stil mit Kleid über ihren Hemden. Die Kinder werden von der  1.-4. Klasse in der Sprache Tamil unterrichtet. Ab der 5. Klasse wird in Kannada, die offizielle Sprache in Karnataka unterrichtet. Hinzu kommen Hindi und Englisch.

Da stehe ich nun also in der 2. Klasse und helfe im Englischunterricht…

 

Ich kann die Kinder nicht verstehen, sie können mich nicht verstehen und trotzdem lernen wir zusammen leichte Englischvokabeln, Reime, singen und spielen. Es ist meistens sehr anstrengend die Rasselbande zu bändigen, da einige Kinder sehr viel Aufmerksamkeit brauchen und alleine die Anzahl der Kinder macht es nicht leicht. Das Niveau ist sehr unterschiedlich, einige Schüler können mit Leichtigkeit Wörter richtig auf ihre kleine Tafel übertragen. Andere haben Schwierigkeiten die für sie “fremde” englische Schrift zu schreiben.  Manchmal muss ich schmunzeln, wenn kleine Fehler auftauchen wie zum Beispiel ein spiegelverkehrt geschriebenes “S”.

Es ist wirklich manchmal sehr mühsam mit dem Lernen. Deshalb versuche ich oft zu wiederholen und die Sache spielerisch anzugehen. In der Mittagspause bekommen die Kinder ein warmes Mittagessen und stärken sich für die nächsten Stunden.

Schülerinnen der High School

 

Ansonsten bin ich viel unterwegs. Andere Dörfer besuchen, die Region kennenlernen, Vergleiche ziehen. Ich helfe Bernadeth in der Küche, wasche meine Kleidung draußen per Hand am Stein, beobachte die Affen, die in den Palmen turnen. Bernadeth kann kein Englisch sprechen und dennoch verstehen wir uns.

Sprache …

Auch mir bereitet die neue Sprache Schwierigkeiten. Ich habe mich entschieden Tamil zu lernen, obwohl ich in Karnataka lebe, da die Region hier früher einmal zu Tamil Nadu gehört hat und somit die Muttersprache vieler Kinder Tamil ist. Im Dorf können nur wirklich wenige Menschen Englisch sprechen.

Ich bin die erste Freiwillige in diesem Projekt, folglich hatte ich niemanden mit dem ich meine Eindrücke teilen konnte. Father Francis ist zwar immer für mich da, aber das hat nicht gereicht … trotz der vielen Kinder, die nur zu gerne die ganze Zeit mit mir spielen wollten, habe ich mich einsam gefühlt. Spielen hat auf die Dauer einfach nicht gereicht. Ich hätte niemals gedacht, dass Sprache und somit “verstanden werden” so wichtig für mich persönlich ist. Der Anfang war wirklich nicht leicht …

Um so schöner ist es jetzt immer mehr Menschen kennenzulernen, im Bus zufällig Bekannte wiederzutreffen, zum Essen in die Familien des Dorfs eingeladen zu werden.

Die Schüler des College zum Beispiel, welches sich  neben der High School befindet, hatten am Anfang einfach Scheu mit mir Englisch zu sprechen, da sie Angst hatten Fehler zu machen. Jetzt spiele ich Fussball mit den Jungs und quatsche mit den Mädchen über dieses und jenes …

Die Kleinen freuen  sich ,wenn ich sie etwas auf Tamil frage und denken dann gleich ich kann alles verstehen.

So langsam spricht sich rum, dass in Cowdalli “eine Weisse” wohnt.

… plötzlich ertönende Trommelmusik aus Richtung Dorfmitte. “Geh nur, das ist ein Fest der Muslime”, sagte Fr. Francis. Ich lugte über eine kleine Mauer, um besser sehen zu können. Es war bereits dunkel. Mit Blumen beschmückte Wagen, tanzende Gläubige, Musikgruppen … ein buntes Miteinander. Als die Parade schon fast vorbei zu sein schien, fährt ein Lastwagen vor und auf dessen Ladefläche die Kinder standen.

Plötzlich höre ich sie rufen: “ Meika, Meika, Meika!” … da läuft mir doch trotz warmer Temperaturen ein Schauer über den Rücken.

Mysore ist die nächste wirklich große Stadt in meiner Nähe und zudem auch der Sitz der “Diözese Mysore”, der Father Francis angehört. So kam es, dass wir beiden eigenladen wurden mit dem Bischof  Thomas Vazhapilly zu Mittag zu essen. Natürlich gab es indische Küche, doch der Bischof fragte mich nach  einiger Zeit, sehr zu meinem Erstaunen auf deutsch: “Heute keine Wurst?”

Ich bin gerne in Mysore, dort leben knapp 890.000 Menschen. Manchmal fühle ich mich fast überfordert im Großstadtdschungel. Doch erst wenn ich in der Stadt bin, merke ich wie groß der Unterschied zum Dorf ist.  Sehr auffällig ist wohl der Bildungsstand. In Cowdalli sind viele Eltern, der jetzigen Schulkinder nie zur Schule gegangen. Dementsprechend können die Eltern ihre Kinder einfach nicht so in der Schule unterstützen wie es vielleicht nötig wäre. In Mysore habe ich mit 10 jährigen Maedchen im Bus gesprochen, die sich sehr gut auf Englisch verständigen konnten. Hier in Cowdalli haben selbst 10. Klaessler starke Probleme frei Englisch zu sprechen. Es dauert wohl noch eine gewisse Zeit, bis sich das ändert.

Ich sitze ich Bus, die unglaubliche Landschaft zieht an mir vorbei. Um mich herum fröhliche, ausgelassene Menschen. Am Straßenrand steht eine Gruppe Feldarbeiterinnen mit Säcken voll gesammelter Erdnüssen. Sie geben ein Handsignal einsteigen zu wollen. Der Bus hält an. Kurze Zeit später werden die Säcke geöffnet und der ganze Bus wird reichlich mit Nüssen versorgt, samt Busfahrer und mir. Es wird gelacht und geknabbert …

Vieles ist ungewohnt. Kein dauerhafter Strom, manchmal kein fliessendes Wasser, ein anderer Umgang mit Mensch und Natur. Probleme des Landes sind sichtbar und spürbar. Ein Rundgang durchs Dorf bietet einem erschreckende Bilder. Rinnsale von dunklem Abwasser laufen neben den Häusern entlang, Berge an Müll, der scheinbar ohne Überlegung auf die Straße geworfen wird. Dazwischen  spielende Kinder, Kühe und der normale Alltag. Das Leben scheint trotz der unschönen Nebenprodukte einfach weiterzulaufen. Seltsamerweise sehe ich trotzdem Frauen, die sich ein Stück ihres Saris vor die Nase halten, wenn der Geruch zu streng wird. Doch nichts wird geändert.

Hühner hängen gerupft am Haken in der Sonne am Straßenrand. Fertig zum Verkauf. Abenteuerlicher Verkehr, bei dem sich Bus, Rikshar, Motorrad, Ochsenkarren und Fahrrad die Straße teilen. All das wäre in Deutschland undenkbar…

Indien ist tatsächlich ein Land, welches alle Sinne erreicht. Nahezu jeden Tag entdecke ich neues, schönes, spannendes, aber auch erschreckendes, unbegreifliches…

 

Viele seltsam verrückten Momente, ein aufregendes Gefuehl…

Ich hoffe das genügt fürs erste.

Verzeiht bitte mein spätes Schreiben. Es hat einfach Zeit benötigt, Gedanken zu sammeln und niederzuschreiben. Freue mich auf jede Rückmeldung und wünsche ein schönes Jahr 2012.

 

Liebste Grüße Meike

 

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