EXKURSION: „Muri sanga!“ [„Feel at home!“] – oder: zu Besuch in einer einfachen Familie

Vom 25. bis 27. November 2011 galt es, African Experience zu sammeln. Seit meiner Ankunft hier wollte ich immer mal raus aus der – für afrikanische Umstände – reichen Pfarrei, rein in das Leben einer armen Familie. Und an eben diesem vergangenen Wochenende hatte ich die Gelegenheit dazu. Von schmutzigem Wasser, Sorghumbier zum Frühstück und Bettwanzen erfahrt ihr HIER.

Mein Zuhause für ein Wochenende

eine Fußgängebrücke
Die Kampagne

 

 

Der Tag beginnt morgens um 9 Uhr in Nyarurema, als wir uns zu Fuß mit ein paar Jugendlichen aus dem Dorf auf den Weg in das 2 Stunden entfernte Urumuri machen. Da es in der Nacht stark geregnet hatte, war der schmale, erdene Weg sehr rutschig. Trotzdem erreichten alle heil den kleinen Ort, wo schon andere Jugendliche auf uns warteten. Sie sind gekommen, um am „Week-end des Jeunes“ der katholischen Jugend meiner Pfarrei von 15 bis 25 Jahren teilzunehmen. Während des Wochenendes werden auch einige, wie ich, in einer Gastfamilie untergebracht sein. Da mein Kinyarwanda noch nicht allzu viel Konversation zulässt, wollte Damien, der Seminarist meiner Pfarrei, mich dorthin begleiten.

 

Die Kirche Urumuris mit den Jugendlichen

 

Meine Gastfamilie wird die Familie eines anderen Seminaristen und sehr guten Freundes (der aber zurzeit studiert und somit nicht Zuhause war), bestehend aus Mama, Papa und fünf Kindern; meine Unterkunft ein kleines Lehmhaus mit drei Zimmern (einen Aufenthaltsraum und zwei Schlafsäle) sowie eine kleine Hütte, die als Küche dient und ein etwas abgelegenes Plumpsklo ohne Dach. Im Aufenthaltsraum befinden sich lediglich ein kleiner Tisch, eine kleine Bank und zwei Stühle. Das Plumpsklo hat eine natürliche Klospülung: Über einem Loch liegen ein paar Holzbalken, die Exkremente fallen durch die Spalten hindurch und werden von einem in 20m Tiefe befindlichen Wasserkanal direkt weggeschwemmt.

 

Mein kleines Zimmerchen.

Die Ausstattung: ein Bett und eine Garderobe mit einigen wenigen Kleidungsstücken.

Ein hochmodernes Plumpsklo.

Da es keinen Strom gab, mussten ab 18.30 Uhr nach Sonnenuntergang Kerzen herhalten. Zum Essen gab es eine Mischung aus Kochbananen, Kartoffeln, Bohnen, Tomaten und Zwiebeln. Gegessen wird gemeinsam von einer großen Platte (eine für die Kinder, die andere für die Erwachsenen). Während die Kinder auf dem Boden saßen, waren Bank und Stühle natürlich für die Gäste und Erwachsenen reserviert.

Das Essen: Kochbananen, Kartoffeln und Bohnen.

 

Als ich mir vor dem Schlafengehen dann noch eben meine Zähne putzen wollte, erlebe ich ein Stück wahres Afrika: braunes Wasser – zum Zähneputzen?! Ich akzeptiere und schrubbe, in der Hoffnung, dass dieses Wasser auch wirklich seine Wirkung zeigt. Vermutlich putzen sich die einfachen Menschen hier einfach nicht die Zähne und benutzen nur die so üblichen Zahnstocher. Immerhin: Mein Mund fühlt sich hinterher irgendwie frisch an. Danke, Zahnpasta!

 

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 Am nächsten Tag lugt die Sonne morgens um halb Sechs durch die Spalte zwischen Fensterladen und Holzrahmen. Ein Hahn kräht. Es ist schon warm, aber durch den Wind nicht zu heiß. Ich stehe auf und frage, ob ich duschen gehen kann. Freundlich werde ich gefragt, ob ich warmes Wasser haben will. Dieses Angebot nehme ich natürlich gerne an und warte somit die Zeit, die das Wasser über dem kleinen Feuer braucht, um warm zu werden.

Dann stellen sie mir eine Plastikschüssel mit warmem Wasser in den Aufenthaltsraum – alles klar, das ist jetzt für den Moment das Badezimmer. Ist ja auch kein Problem, durch den unebenen Lehmboden kann das Wasser in die Erde versickern. Anschließend fragt mich meine Gastmutter, ob das Wasser nicht zu heiß ist. Ist es. Also nimmt sie den gelben Plastikkanister und schüttet noch etwas kaltes Wasser darauf. Kalt, ja, aber darüber hinaus auch wieder braun. Da hätte ich doch das etwas zu heiße Wasser zum Duschen bevorzugt. Dann verlassen alle den Raum und schließen die Tür hinter sich.

Mehr oder weniger rein geduscht, aber zumindest mit Frischegefühl freue ich mich auf das Frühstück. Doch die einzige Frage lautet: „Möchtest du etwas Urwagwa (Sorghumbier)?“ Bier zum Frühstück? Nein, danke. Sie erklären mir dazu: „Du musst Urwagwa trinken, wenn dir kalt ist.“ Gut also, dass mir gerade nicht kalt ist…

Ich verlasse den Hof mit dem ältesten Sohn, der etwa in meinem Alter ist. Er spricht einigermaßen gutes Englisch und kann mir so vieles erklären. Wir machen uns auf den Weg zur Kirche und zu den anderen Jugendlichen. Heute ist „Umuganda“, ein sozialer Tag am letzten Samstag jeden Monats, an dem alle Einwohner Hand in Hand zusammen arbeiten, Reparaturen durchführen oder Dreck wegmachen. Dieses Mal wird die Küche der kleinen Kirche in Urumuri verputzt. Der Lehm wurde schon auf einem großen Haufen zusammengetragen. Jetzt muss nur noch das Wasser aus dem Tal hochgeholt werden. Jedes Kind schnappt sich einen Plastikkanister (die Größe variiert je nach Alter und Kraft). Auch ich schnappe mir einen 5-Liter-Wasserkanister (der für mein Alter mickrig erscheint) und begebe mich auf den 15 minütigen Fußmarsch ins Tal. Als ich den Kanister anschließend gefüllt wieder den Berg hoch tragen soll, merke ich, wie sehr mir ein gutes Frühstück fehlt. Doch den Menschen hier scheint das nichts auszumachen. Sie sind von Natur aus zäh und an dieses Leben gewöhnt oder angepasst. Ihre Stärke und Widerstandsfähigkeit kann wirklich nur bewundert werden.

Zurück nahe der Kirche wird das Wasser dann nach und nach auf den Lehm gekippt, wo einige Männer stehen und beides mit ihren Füßen vermengen. Um die Arbeit etwas angenehmer zu gestalten, tanzen sie auch manchmal fröhlich auf den Lehmbergen herum. Vollständig vermengt nimmt dann jeder eine Hand voll Lehmpampe und trägt sie zur Küche, wo sie an die Wand geklatscht wird. Einige andere starke Männer verstreichen dann alles zu einer glatten Fläche.

 

Mein kleiner Kanister voller Wasser.
Der Lehmberg mit seinen Tänzern.
Ein Junge, der einen Lehmhaufen zur Küche trägt.
Die Verputzer

Der älteste Sohn und ich verlassen die anderen Jugendlichen vor der Fertigstellung. Wir kehren zurück in meine Gastfamilie, die mir ihr frisch gemachtes Sorghumbier zeigen will. In der Bananenplantage treffen wir auf die Familie, die Händler, die das Bier auf dem Markt verkaufen werden, und einige mitgekommene Kinder.

Unter einem Haufen aus Bananenblättern und Gras befindet sich ein großer Holztrog, in dem das Sorghumbier ist. Durch das Gehren hat sich viel Schaum darüber gebildet. Mit Bananenblättern wird dieser Schaum auf die Seite geschoben und das Bier dann in die Plastikkanister umgefüllt. Nebenher darf natürlich jeder Mitgekommene das Bier auch probieren, auch die Kinder freuen sich schon. Der Geschmack ist schwer zu beschreiben, es ähnelt einer Mischung aus Bananen, Sorghum und Essig, also nicht besonders schmackhaft. Was man noch einigermaßen trinken bzw. essen kann, ist Imbetese, die Sorghumkörner mit dem Restalkohol, der sich auf dem Boden abgesetzt hat und bei Kindern besonders begehrt ist. Als alles Bier abgefüllt ist, machen wir uns auf den Rückweg und die Familie lädt mich dazu ein, beim nächsten Mal beim ganzen Prozess der Bierherstellung zuzusehen.

 

Das frische Sorghumbier!

Mit einem „natürlichen“ Strohhalm aus Holz wird natürlich erstmal probiert…

...auch die Kinder freuen sich über das frische Bier und besonders über Imbetese

 

 

Auf dem Rückweg kommen wir auch an einem Fluss vorbei, wo wir noch etwas Wasser schöpfen. Das Wasser ist braun und hat dieselbe Farbe wie das Wasser vom Zähneputzen und Duschen. Wäre die Frage der Herkunft auf jeden Fall schon mal geklärt. Es gibt schlichtweg keine andere Möglichkeit an Wasser zu kommen, denn einen Brunnen gibt es hier in der Nähe nicht.

Der Fluss - die Quelle für Wasser

 

Zu Mittag gibt es Kochbananen, Blätter vom Maniokbaum (eine Art Spinat), Bohnen und Tomaten und ähnelt vom Aussehen (eine gelblich-graue Pampe) und Geschmack sehr dem von gestern. Die Auswahl scheint auf dem Land also nicht groß zu variieren.

Nachmittags besuche ich dann einen Jugendlichen, der auch am Wochenende teilnimmt, Zuhause. Wie sich herausstellt, hat sein Vater zwei Frauen. Das war früher eher üblich als heute, aber existiert immer noch. Diese Form ist allerdings weder kirchlich noch staatlich geduldet. Da sein Vater religionslos ist, interessiert ihn das aber wenig. Seine Frauen teilen sich ein Feld, wohnen aber in unterschiedlichen Häusern. Mit einer Frau hat er vier, mit der anderen sieben Kinder.

Zurück auf meinem Hof frage ich die Mutter, ob ich ihr beim Kochen helfen darf. Sie zeigt mir, wie ich Kochbananen zubereite und am Ende klappte das Schälen auch richtig gut. Währenddessen gab es natürlich viele kleine und große Zuschauer, die gespannt jede Handbewegung der Weißen verfolgten.

 

Ich beim Zubereiten der Kochbanane und meine Hände danach: schwarz von der Arbeit

(Das Schwarz kommt von dem Saft der Kochbanane.)

 

Im Anschluss saßen wir dann alle noch gemütlich draußen mit den Nachbarn zusammen. Um 20.00 Uhr, als es schon lange dunkel geworden war, sind wir dann nach drinnen umgezogen, wo die Familie mir erneut Sorghumbier anbot. Wir haben viele Späße mit meinem wenigen Kinyarwanda gemacht, so dass ich jetzt auch unter anderem liebenswert die Schwiegertochter der Familie bin, weil ich den Seminaristen, der in diesem Haus aufgewachsen ist, so sehr mag. [Trotz dem teils harten Leben haben die Menschen das Scherzen also nicht verlernt bzw. es wird deswegen umso wichtiger. Manchmal stellt man Fragen, obwohl klar ist, dass deren Antwort negativ ausfallen wird, aber es beschehrt immer eine Runde Lachen; denn sie wissen sehr wohl, dass er auf dem Weg ist, ein Priester zu werden.]

Im Aufenthaltsraum der Familie
That is what bucket drinking is like in Rwanda.

Ich mit meiner Schwiegermama, die traditionell ihrer Schwiegertochter den Strohhalm hält.

 Ich befürchtete schon, dass das Bier wieder das einzige Abendessen sein würde, aber nach einer Stunde warten, gab es dann tatsächlich noch etwas Richtiges zu essen: Maniok und eine Mischung aus Bohnen und Spinat. Diesmal wurde mit den Händen gegessen. Dazu wurden vorher die Hände gewaschen. Womit? Mit Flusswasser natürlich, braun wie eh und je. Das Essen war aber trotzdem sehr lecker.

Danach verabschiedete ich mich in mein Bett. Statt Zähneputzen heute Abend lieber ein Kaugummi…

 

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Zu Beginn des heiligen Sonntages besuchten wir vor der Kirche noch einen Nachbarn. Dieser fragte mich (übrigens genau wie meine Gastfamilie den Abend zuvor) gegen Ende des Besuches, ob ich nicht sein Baby mit nach Deutschland nehmen könne. Aber ich erklärte ihm, dass es besser ist, wenn dieses kleine Wesen mit seinen Eltern aufwächst. Er verstand.

Nach dem dreistündigen Abschlussgottesdienst des Wochenendes wurden dann noch einige Spiele mit allen Kindern gemacht. Es war ein schönes Gefühl, mit allen Kindern zusammen im Kreis zu stehen. Wir haben unter anderem „Alle Vögel fliegen hoch“ gespielt, was für sehr viel Begeisterung gesorgt hat.

"Alle Vögel fliegen hoch"

 

Danach galt es aber sich von allen Jugendlichen und besonders von meiner Gastfamilie zu verabschieden. Sie sind mir mit ihrer Herzlichkeit sehr ans Herz gewachsen und somit werde ich ihrer Einladung gerne nachkommen, sie jedes Mal zu besuchen, wenn es mir in Nyarurema zu viel werden sollte oder ich einfach Lust dazu habe (vermutlich eher zweiteres). Ihre Türen werden mir immer offen stehen. Danke Schwiegermama, danke Schwiegerpapa.

Zuhause angekommen, stelle ich dann auch ihr besonderes Erinnerungsstück fest. Ein Stück aus dem Leben in der Campagne: ein Rücken, Beine und Arme voller roter Punkte. Bettwanzen. Aber diese kleine Unangenehmlichkeit ist verschwindend klein gegenüber den offenen Armen der Familie, mich an ihrem ärmlichen Leben teilhaben zu lassen.

Die Familie mit mir und Seminarist Damien (rotes T-Shirt)
Die begehrten Kühe eines jeden Ruanders
nochmals die Kinder der Familie

 

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Mittlerweile haben Sie mich schon dreimal mit offenen Armen empfangen, ohne je etwas dafür zu verlangen. Das nennt man Nächstenliebe und der Schatz eines manchmal harten, aber trotzdem schönen Lebens in Afrika.

Auch meiner Familie gefiel es: Hier beim Bananenessen...